Trump – im höheren Sinne

Flüchtige Gedanken zur US-Wahl – hingerotzt

Als Trump vor vier Jahren sein Amt angetreten hatte, da malten die Medien nahezu unisono ein Weltuntergangsszenario an die Wand, entwarfen eine quasi-faschistische Diktatur und zeichneten den US-Präsidenten als einen neuen Hitler, einen Mörder und Kopfabschneider. Tatsache hingegen ist – neben seinen innenpolitischen Erfolgen –, daß Trump der erste US-Präsident seit vielen Legislaturperioden war, der keinen Krieg führte. Sieht man von jenem Missile-Strike im April 2017 ab, bei dem sieben syrische Soldaten ums Leben kamen, ist Trumps Weste komplett weiß – die unsäglichen Drohneneinsätze („gezielte Tötungen„) ebenfalls ausgeblendet. Rekordhalter in Fragen Kriegseinsätzen – auch das zur Erinnerung – war der Friedensnobelpreisträger Barack Obama.

Was Trump außerdem von seinen Vorgängern unterscheidet, ist seine Ehrlichkeit. Ja, Sie haben richtig gelesen! Wir sind es seit Jahren gewohnt, mit Meldungen über Trumps Lügen, Erfindungen, fake news versorgt zu werden, es gibt sogar professionelle Faktenchecker, die jede seiner Äußerungen danach absuchen. Und sie haben auch recht. Ich spreche nicht von den vielen kleinen Unwahrheiten, sondern von einer gewissen Wahrhaftigkeit. Trump sagt, was ist – seiner Meinung nach.

Im höheren Sinne ist Trump der aufrichtigste Präsident, ja sogar der wohl aufrichtigste Politiker der demokratischen Hemisphäre gewesen – er hat das Konzept Wahrheit wiederbelebt. Systemische Falschheit und private Lüge stehen sich hier gegenüber. Trumps Direktheit und Zielstrebigkeit war alle Verstellung fremd. Sie kam zu einem hohen Preis: dem Verlust der Diplomatie, die an sich ein hoher Wert ist bzw. war. Sie war es, weil sie ohnehin seit Jahrzehnten im Sterben lag – man kann die heutige Politikerkaste nicht mehr mit den Diplomaten der Vorkriegszeit vergleichen. Die Etiketten sind verlottert, die Kunst der diplomatischen Rede verkümmert, Fassade ersetzt Substanz. Politiker sehen sich immer weniger im Dienst ihrer Nation – wie sollen sie auch, wenn sie der Idee der Nation abgeschworen, wenn sie ihre Völker durch Bevölkerungen auswechselt haben und mit Ersetzungsmigranten bewußt auffüllen? Trump hingegen ist ein Patriot alter Schule, seine nationale Attitüde, sein „America first“,  ist ihm abzunehmen gewesen.

Man soll das nicht als Klitterung mißverstehen. Natürlich sind seine individuellen Charakterzüge, sein extremer Narzißmus, seine intellektuelle und linguistische Beschränktheit, seine Unempfindlichkeit gegenüber Scham und vieles Unappetitliches mehr stets ein potentieller Hort von Komplikationen gewesen. Die Geschichte hat aber gezeigt, daß er im höheren Sinne – vermutlich gerade durch seine charakterlich-geistige Simplizität – nicht nur aufrichtiger, sondern oft auch klüger war als seine Vor- und Nachgänger, als seine Amtskollegen.

Die Erklärung dafür liegt in seiner eindimensionalen Strategie. Trump ist habituell ein Pokerspieler, der nur einen Zug kennt: all in. Als Präsident der mächtigsten Nation der Welt kann er stets von einem guten Blatt ausgehen, aber auch wenn er keines hat, zeigte er die unverschämte furchtlose Stamina, auf seiner Position des Alles oder Nichts zu beharren. Dabei ist er vollkommen unflexibel – diese Methode zieht sich durch sein gesamtes Leben, bereits 1987 schrieb er in The Art of the Deal: „You can’t be scared. You do your thing, you hold your ground, your stand up tall, and whatever happens, happens.” Damit hatte er sich sein Imperium aufgebaut, damit hatte er unvermeidbare Niederlagen in Siege ummünzen können.

An sich ist diese Strategie natürlich höchst gefährlich, aber eben nur dann, wenn zwei derartige Starrköpfe mit jeweils starken Karten gegenüberstehen. Trotz aller Diplomatie war diese Politik bis 1945 weit verbreitet – mit den bekannten Folgen –, verschwand von da an sukzessive und wurde nach dem Untergang des real-existierenden Sozialismus begraben. In einer Welt, in der das Lavieren und Dekonstruieren zum Paradigma erklärt wurde, in der immer Kompromisse und Konzessionen gemacht werden müssen, in der jeder sich verletzt fühlen und niemanden mehr verletzen darf, in der Reparationen über Jahrhunderte nachgeklagt werden können, in der Identitäten verschwinden und in der Stärke eine Schwäche ist, an der man zu arbeiten habe … hat ein Rowdy und Rauhbein immer die besten Karten. Nur dort, wo man das Paradigma nicht teilt – in Nordkorea etwa – kann er noch auf Granit beißen; immerhin aber erlangte er mit seiner Spielart den Respekt beim ähnlich konditionierten Erzfeind und der gegenseitige Respekt zeitigte weit größere Erfolge als jahrzehntelange unterschwellige und verlogene Aggressionen und dauernde flexible Strategiewechsel. Man wußte, was man an Trump hatte.

Gefährlicher als Trump je werden konnte, ist die zutage tretende neue Rolle der Medien. Die Entscheidung, eine Rede von nationaler Bedeutung des Präsidenten abzudrehen oder Tweets zu zensieren, sind unerhörte Präzedenzfälle. Wer abdreht, der dreht auch an! Tatsächlich war dieser Eingriff nur der ultimative Beweis dafür, daß man bereits seit langem, seit Jahrzehnten angedreht hat: die sensiblen, freiheitsliebenden Menschen unerträgliche Propaganda einer universellen und universalistischen Weltanschauung aus allen Kanälen. Die Maschine reagierte auch deshalb so wütend auf Trump, weil er sich ihren Ordnungen und Rhythmen nicht beugen wollte und bis vor kurzem auch die Mittel – Kraft seines Amtes – besaß, sie permanent zu unterlaufen.

Aber diese Mittel schwinden jetzt – das Unterbrechen der Rede des Präsidenten hat das Amt schwerer beschädigt, als er es je hätte tun können. Man hat das Marxsche Paradox aus der Büchse der Pandora entlassen: „Es ist mit solchen Reflexionsbestimmungen überhaupt ein eigenes Ding. Dieser Mensch ist z.B. nur König, weil sich andre Menschen als Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanen zu sein, weil er König ist.“ Wenn die Botschafter (Medien) den Präsidenten zum Clown erklären und nicht augenblicklich dafür bestraft werden, dann ist die Stelle des Königs eine Leerstelle geworden, die nur ein neuer starker Herrscher mühsam und unter mehr oder weniger „wohltemperierten Grausamkeiten“ wieder ausfüllen könnte – mit Biden tritt stattdessen ein halbseniler Tattergreis die Nachfolge an. Man macht den einen zum Clown, um einen wahrhaftigen Clown, maximal einen Platzhalter, an die Stelle zu hieven.

Ob dessen Wahl mit rechten Dingen zuging, sollte die Zeit zeigen – wird sie vermutlich aber nicht. Es ist nun Trumps Aufgabe, die scheinbaren Unregelmäßigkeiten nachzuweisen und aufzuarbeiten. Wichtig dabei der Nachweis, daß diese systemisch angelegt sind oder ob es sich um zu vernachlässigende Einzelbetrügereien handelt – letztere sollten sich zudem statistisch ausgleichen. Gegen die Theorie der Verschwörung spricht stark das Mengenparadox – übrigens ein Argument gegen alle derartigen Verschwörungstheorien. Ein Wahlbetrug in großem Umfang ist nur unter Teilnahme sehr vieler Beteiligter und Mitwisser möglich – deswegen ist die Wahrscheinlichkeit, daß er geheim bleibt, extrem gering … es sei denn die Mitwisser werden beseitigt, was wiederum auffallen müßte usw. Dennoch sind die Zweifel laut genug vorgetragen worden, um sie zu untersuchen und zu widerlegen. Gerade „Demokraten“ sollten ein genuines Interesse haben, in dieser vitalen Frage für die Demokratie, Klarheit zu schaffen. Die Zeichen stehen freilich schlecht – selbst wenn Trumps Unterstellungen korrekt sind (sie sind wohl nicht unehrlich, weil er davon überzeugt ist), so fehlen ihm bereits jetzt die Mittel – medial vor allem (siehe oben) –, sie überhaupt öffentlich zu machen. Der Vorwurf der Wahlfälschung wird also zum Mythos werden und als solcher Geschichte und Gegenwart der USA belasten. Er wird sich in eine lange Reihe an vergiftenden Mythen – der Kennedy-Mord und 9/11 als berühmteste Beispiele – einreihen.

6 Gedanken zu “Trump – im höheren Sinne

  1. Tarik schreibt:

    Vorab: Die von Herrn Lichtmesz gepostete oder weitergeleitete Kriegsstatistik der jeweiligen US-Präsidenten ist nicht korrekt. George Bush Sr. hatte mit dem Krieg in Bosnien-Herzegowina nur insoweit zu tun, als dass er – mit der (angesichts der Ereignisse auf dem Felde durchaus zynischen) Begründung, der Krieg möge nicht eskalieren – das Waffenembargo für die bosnische Regierung nicht aufheben ließ. Wobei diese Begründung eher von Leuten wie dem islamophoben Freimaurer Mitterand (der laut Clinton einen von Muslimen geführten Staat in Europa nicht dulden wollte – obwohl jene Muslime weitaus säkularer waren, als es sich der Herr des Champs Elysees dieser Tage einen „Islam der Aufklärung“ (am Besten wohl verkörpert durch eine dunkelhäutige Muslimin mit nonbinärer Geschlechtsidentität – so wie das von Demokraten als „Diversity-Erfolg“ gewählte Mitglied im Repräsentantenhaus (1).Natürlich ohne Kopftuch eben jene gewählte Muslimin (Mauree Turner).

    Eifrigster Verfechter eine Aufhebung des Embargos UND Luftunterstützung war – Joe Biden. Hier zu sehen in einer Rede kurz nach dem Dayton-Friedensabkommen von 1995 (es ging um die Frage nach der Beteiligung von US-Soldaten am IFOR-Einsatz), indem er das „Versagen der internationalen Gemeinschaft“ Revue passieren ließ. Eine sicherlich beachtenswerte Rede, die ich aus mehreren Gründen empfehle:

    (Hier vesteht es sich von selbst, dass Bosniaken genauso erfreut sind über Bidens Wahl wie nationalistische Serben schockiert).

    In einem Kommentar zu seidwalks Artikel „Huntington heute“, schrieb ich, dass es sich wie bei vielen Dingen um eine Frage des Blickwinkels handelt (bzgl. Huntington: „Prophezeiung“ vs. „Agenda“). Und so fällt auch die Bewertung von Trumps Politik sicherlich unter dieser Frage. Wobei die jeweiligen Trump-Befürworter eine recht illustre Truppe bilden, in der sich sowohl Netanjahu als auch Erdogan befinden. Gerade Letzterer durfte nach der Abwahl Obamas – während dessen Regierungszeit die Gezipark-Proteste und der Putschversuch fielen (beides nach türkischer Lesart vom Westen gesteuert/finanziert/unterstützt). Auch die Chronologie der Terroranschläge in der Türkei in jener Dekade ist beachtenswert (zwischen dem Sommer 2015 bis zu Trumps Vereidigung etwa 400 Opfer). Seit Trumps Vereidigung, d.h. in den vergangenen fast vier Jahren: 4 Tote insgesamt.

    Einen – ebenfalls in einem von mir bereits an anderer Stelle erwähnten – Umstand sollte man nicht unterschätzen: den Einfluss radikaler Evangelikalen, namentlich in dieser Administration Pence und Pompeo. Und Trump konnte – da ihm das Image des Durchgeknallten ohnehin anhaftete – all jene Schritte in der US-Nahostpolitik durchführen, die letztlich Israels (das, mit Ausnahme von marginalen Organisationen) Ziel (Eretz-Israel) dienen, und es wurde primär seiner Person und nicht pauschal den Vereinigten Staaten zugeschrieben. Dies ist sicherlich der wahre Geniestreich, denn soweit kann Biden nicht zurückrudern, wie Trump vorgeprescht ist – da trifft es sich gut, dass christliche Zionisten in den USA die Schaffung eines solchen Großisraels sozusagen als messianische Erfüllung betrachten (die prominentesten US-Präsidenten darunter waren wohl Johnson (2) und Reagan (3), ebenso wie die paulinische Lesart des Buches Genesis: Die Nachfahren Ismaels, d.h. Muslime, als vom Heil ausgeschlossene, Verstoßene.
    Offenbar ahnte Trump bzw. seine Administration die bevorstehende Niederlage, was die diplomatische Offensive (offizielle Annäherung zwischen Israel und einigen arabischen Staaten) im Schnellverfahren in diesem Jahr erklärt. Von dieser Warte aus gesehen ist Trump daher sicherlich einer der erfolgreichsten US-Präsidenten gewesen.

    (1) https://ktul.com/news/local/oklahoma-elects-first-muslim-non-binary-state-legislator

    (2) Vgl. z.B. Steven L. Spiegel, „Religious Components of U.S. Middle East Policy“ in „Journal of international affairs“, Vol. 36, Nr. 2 (1982/83) oder Oliver Sohns, „The Future Foretold – Lyndon Baines Johnson’s Congressional Support for Israel“ in „Diplomacy and Statecraft“, Vol. 28 (2017)

    (3) Zitat Ronald Reagan, an jüdische Lobbyisten gerichtet:

    „Wie Sie wissen, gehe ich immer wieder auf Eure alten Propheten im Alten Testament und auf die Anzeichen zurück, die das Armageddon ankündigen. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich frage, ob wir die Generation sind, die erlebt, wie das auf uns zukommt. Ich weiß nicht, ob Sie in letzter Zeit eine dieser Prophezeiungen wahrgenommen haben. Aber glauben Sie mir, sie beschreiben ganz gewiss die Zeit, die wir jetzt erleben.“

    (zitiert aus dem Archiv des Kölner Stadtanzeigers vom 31.10,1983)

    Seidwalk: Vielen Dank!

    Tarik: Sowohl „gern geschehen“ als auch „ich habe zu danken“ (für Denkanstöße im Allgemeinen und eine Einführung in Sloterdijk im Speziellen)

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    • Zu den Bush (jr.)-Jahren empfehle ich den folgenden, lesenswerten Essay:

      „America as a jihad state – Middle Eastern perceptions of modern American theopolitics“ (Hardfort Seminary, 2011) von Tim Winter aka Abdal Hakim Murad

      http://www.masud.co.uk/ISLAM/ahm/America-as-a-jihad-state.htm

      Und dieses Bild der USA als ein von Fundamentalisten gelenktes konnte Obama teilweise relativieren, obwohl den wenigen – die nicht von der Kairo-Rede von 2009 begeisternd geblendet waren – entging, dass er niemand geringeres als Rahm Emanuel zu seinem Stabschef, dessen Vater – ehemals Kämpfer einer zionistischen Untergrundorganisation – dies so kommentierte:

      Natürlich wird er den Präsidenten zugunsten Israels beeinflussen. Warum sollte er auch nicht? Ist er vielleicht ein Araber? Er wird nicht den Boden im Weißen Haus putzen.“ (1)

      (1) https://www.jpost.com/International/Emanuel-to-be-Obamas-chief-of-staff

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  2. Volle Zustimmung zur Einschätzung der Person Donald Trump. Die ganze Welt ist über viele Jahrzehnte an Politiker gewöhnt worden, die es bevorzugen, ihre Ziele zu verschleiern, Begriffe zu verwirren, mit vielen Worten nichts zu sagen, sich niemals festzulegen, zugunsten des Machterhalts ihre Prinzipien zu verleugnen bzw. sich 180 Grad zu drehen (zuletzt Söder).
    Trump hat all das niht getan, weil er nicht den Machterhalt an erste Stelle setzte, sondern die klare Kommunikation von Inhalten und eigenen Bewertungen un-abhängig von jedwedem Echo. Er hat damit gezeigt, daß er Politik (Tricksen um der Macht willen) nicht mag und nicht kann. Er hat sich damit Freiheit erkämpft, Freiheit, wieder unverbogen und unbeeinflußt und ohne Rücksichten (seine) Wahrheiten zu verteilen.

    In einer Welt des medialen Lügens, Umdeutens von Begriffen und vertsteckter Agenden ist das revolutionär und maximal haßerzeugend.

    Leider, leider haben sie ihn zur Strecke gebracht. Nennt mir NOCH einen, der so frei sagt, was ist.
    Eventuell liegt Orban auf einer ähnlichen Linie, der hat jedoch kein weltweites Medium.

    P.S.: Man kann sagen was man will, aber seine Entourage hat auch Sympathiepunkte verdient. Die Auftritte von Tochter Ivanka waren immer ein Genuß, optisch und inhaltlich. Das einzige längere Interview mit Jared Kushner zeigte ihn als großen Gegensatz zum Trumpschen Charakter: bescheiden, aber überaus politisch und taktisch beschlagen.
    Auch der Verlust von Kayleigh MacEnanny ist bedauerlich, ein wahrer Fels an Souveränität gegenüber feindlich gesinnten Hassern. Familiär scheint Trump nicht gerade negativ aufgefallen zu sein, wurde er doch von allen Familienmitgliedern bis auf die eine Nichte offen unterstützt.

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  3. Tommy schreibt:

    „Sieht man von jenem Missile-Strike im April 2017 ab, bei dem sieben syrische Soldaten ums Leben kamen, ist Trumps Weste komplett weiß.“

    Er hat Syrien auch im April 2018 nochmals bombardieren lassen. Ganz zu schweigen von der Soleimani-Ermordung im Januar dieses Jahres. Letztere war nicht nur eindeutig völkerrechtswidrig (wie auch schon die Syrien-Angriffe), sondern wohl eine der irrsinnigsten Aktionen durch einen US-Präsidenten in der jüngeren Geschichte überhaupt. Es war reines Glück, dass dieser Kriegsakt nicht zu einem großen Krieg geführt hat; man muss sich daran erinnern, dass Iran als Vergeltung eine US-Basis im Irak mit Raketen angegriffen hat. Wären dabei US-Soldaten getötet worden, hätte Trump schon aus Prestigegründen zurückschlagen müssen und die Eskalation wäre unaufhaltsam gewesen.
    Insgesamt ist die Bilanz von Trumps Außenpolitik im Nahen und Mittleren Osten m.E. absolut desaströs: vorbehaltlose Unterstützung für Saudi-Arabiens brutalen Krieg im Jemen (von Trump mittels seines Vetos gegen Widerstände im Kongress durchgesetzt), mutwillige Aufkündigung des Atomabkommens mit Iran (gegen den Willen aller anderen beteiligten Mächte, obwohl unbestritten war, dass Iran sich an die Bestimmungen des Abkommens hält), extreme Sanktionen gegen Iran und Syrien, die unter der Zivilbevölkerung massives Leid verursachen und in Syrien explizit jeglichen Wiederaufbau blockieren sollen (deutsche Trump-Fans sollten sich auch mal überlegen, was das für die ohnehin schlechten Aussichten einer Rückführung syrischer Flüchtlinge nach Syrien bedeutet). Trump als „Friedensfürsten“ anzusehen, ist da m.E. einfach nur bizarr. Und das allein in dieser Weltregion, sein Abwracken von Verträgen zur Beschränkung atomarer Rüstung, seine entgegen aller Behauptungen anti-russische Politik (samt Drohungen von Sanktionen gegen Deutschland wegen Nord-Stream 2) und seine Drohungen gegen China (interessant in dem Zusammenhang: die USA haben jetzt gerade das East Turkestan Islamic movement von der Liste der Terror-Organisationen genommen; offenbar würde man diese uighurischen jihadis gerne gegen China instrumentalisieren) sind ebenfalls ja nicht dazu angetan, die allgemeine Weltlage zu entspannen.
    Ich kann den Impuls verstehen, Trump zu verteidigen, angesichts der einförmigen Kritik des medialen Establishments in Deutschland, die ja zu großen Teilen auf Lügen beruht und sich vorwiegend auf moderne Sünden wie Trumps angeblichen „Rassismus“ bezieht (was einfach nur absurd ist, im Gegenteil, Trump hat ja in geradezu peinlicher Weise um schwarze Wähler gebuhlt). Es ist aber m.E. ein Fehler, auch aus der Sicht patriotischer Bewegungen in Europa gab es an Trump eigentlich wenig Positives (und ich schreibe das als jemand, der seine Wahl 2016 zunächst begrüßt hat).

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    • Gut, daß Sie uns an diese Ereignisse erinnern. Man kann freilich ganz anderer Meinung dazu sein. Trumps außenpolitische Leistungen im Nahen Osten sind natürlich nur in Relation zu denen seiner Vorgänger zu sehen, wie aus dem Text hervorgeht. Von einer Glorifizierung kann meinerseits keine Rede sein, nur darf man nicht ins gegenteilige Extrem verfallen.

      Die Ermordung Soleimanis kann man nun so oder so bewerten. Selbst im Westen war man sich im Allgemeinen einig darüber, daß der Schlag gerechtfertigt gewesen sei. Die gedämpfte Antwort des Iran zeugt eher von einer korrekten Einsicht der Trump-Strategen in die momentane mentale Verfassung der Iranis – aus der Position der Schwäche heraus.

      Die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran hatte sehr gute Gründe – das war vielleicht Trumps genialster Zug. Biden will es ja nun zurücknehmen und den Iran damit stärken. Wir werden eines nahen Tages mit der Nachricht geweckt werden, daß der Iran über einsatzfähige Atomwaffen verfügt – wollen wir hoffen, daß es nur Nachrichten bleiben. Das wäre mein Tip. Trump hatte ja darauf spekuliert, daß der Iran nach seiner Wiederwahl ein bilaterales Abkommen unterzeichnen würde. Das ist jetzt alles Makulatur, es wird in der Region bald sehr wahrscheinlich jede Menge Bewegung geben.

      Sie vergessen in Ihrer Auflistung das durch Trump eingefädelte Friedensabkommen zwischen Bahrain und Israel – für die Israelis eine historische Wegmarke. Sie werden ohnehin der große Verlierer des Machtwechsels werden. Außerdem ist unter Trump die Zweitstaatenlösung deutlich realistischer geworden.
      Lassen Sie uns 4 Jahre warten – die Chancen stehen nicht schlecht, daß sich der Nahe Osten unter Biden und vor allem Harris bald wieder erhitzen wird. Was das für europäische Migration bedeutet …

      Auch die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt war mutig und zeitigte erste gute Ergebnisse in Hinblick auf die Befriedung des Palästina-Konflikts.

      Oder denken Sie an den geplanten Truppenabzug amerikanischer Kräfte aus Europa ….

      Bei all diesen Vorgängen gilt freilich das Diktum, daß sich Geschichte immer erst nach ihrer Beendigung bewerten läßt.

      Man wird dennoch nicht leugnen können, daß Trumps Konzentration auf die inneramerikanischen Probleme zu einer grundlegenden Entspannung geführt haben.

      Die Russen, glaube ich, wären mit Trump zufriedener gewesen und auch China wußte, woran sie sind.

      Ich empfehle zu diesem Thema den Artikel von Siegfried Gerlich in der „Cato“ 6/2020 – soweit ich sehe, die erste umfassende kritische Würdigung der Amtszeit.

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      • Tommy schreibt:

        „Wir werden eines nahen Tages mit der Nachricht geweckt werden, daß der Iran über einsatzfähige Atomwaffen verfügt“

        Gibt keinerlei Gründe, das zu vermuten, nach allem was man weiß (v.a. auch: was die amerikanischen Geheimdienste wissen), hat der Iran sein Atomwaffenprogramm um 2003 eingestellt. Die Sanktions-Politik Trumps hat keineswegs nur das Ziel gehabt, den Iran am Erlangen von Nuklearbewaffnung zu hindern, sondern vielmehr klar das Ziel eines regime change im Iran verfolgt. Die Folgen davon wären m.E. unabsehbar (z.B. Bürgerkrieg und Fragmentierung des Iran) und für Europa, nicht zuletzt über Flüchtlingsströme, sicherlich nachteilig.
        Bzgl. Israel/Palästina: Trumps Politik hier war im Grunde ein Blankoscheck für die israelische Rechte mit ihren weitgehenden Annexationsplänen. Zwei-Staaten-Lösung ist damit endgültig vom Tisch, ohne dass auch nur im Entferntesten klar wäre, wie das Palästinenser-Problem zu lösen wäre (als gleichberechtigte Staatsbürger will Israel sie ja vermutlich eher nicht aufnehmen). Kann man „realistisch“ finden, ist aber ein eindeutiger Bruch mit liberalen westlichen Werten und zumindest der offiziellen Politik sämtlicher Vorgänger.
        Von Truppenabzug aus Europa weiß ich nichts…Truppen werden aus Deutschland abgezogen, weil Deutschland nach amerikanischer Auffassung zu wenig Rüstung betreibt (und wohl nicht anti-russisch genug ist). Die sollen aber zumindest teilweise nach Polen verlegt werden, also näher an den russischen Einflussbereich, was angesichts z.B. der polnischen Versuche, Einfluss in Weißrussland zu nehmen, auch nicht unbedingt förderlich für das Verhältnis mit Russland sein dürfte.
        Insgesamt hat sich für mein Empfinden unter Trump der Trend der letzten Jahrzehnte fortgesetzt, dass die US-amerikanische Außenpolitik keinerlei Schranken, seien sie realpolitischer oder völkerrechtlicher Natur, mehr anerkennt…man muss die Regime in Syrien oder Iran nicht gutheißen, um Vorgehen wie die Ermordung Soleimanis für Gangstermethoden zu halten oder die amerikanische Sanktionspolitik als beispiellose Anmaßung, die sich auch gegen die Souveränität europäischer Staaten richtet, anzusehen.
        Allerdings sind das natürlich Trends, die über die Person Trump, deren politische Karriere bald beendet sein dürfte, weit hinausgehen.

        Seidwalk: https://www.dw.com/de/irans-f%C3%BChrer-droht-mit-zerst%C3%B6rung-israels/a-53534792

        https://www.businessinsider.de/politik/welt/spionage-und-bombenanschlaege-der-schattenkrieg-zwischen-iran-und-israel-droht-zu-eskalieren/

        https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-06/atomabkommen-iran-urananreicherung-erhoehen

        usw.

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