Der Tod im Gedankenkarussell

In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«; aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. (Nietzsche)

Ununterbrochen – sofern man nicht gelernt hat, es durch gewisse Techniken abzustellen – dreht sich unser Gedankenkarussell. Meist sind es kurze Versatzstücke, die einem „in den Sinn kommen“, doch wenn man nicht aufpaßt oder – was heutzutage wahrscheinlicher ist – nicht durch neue Eindrücke – die andere Versatzstücke oder „Ideen“ verursachen – abgelenkt wird, dann kann es auch zu längeren Assoziationsketten kommen. Das meiste davon verschwindet schnell im Vergessen und ganz zurecht, denn oft ist es nur „Spinnerei“.

Bei mir drehte sich nun dieser Kreisel. Ich lief im Wald meine Runde und hörte dabei ungarische Rockmusik. Die legendäre Gruppe „P. Mobil“ sang von einem Samurai und einem scharfen Schwert, das auf ihn wartete. Am Samurai blieben die Gedanken hängen und glitten sogleich zur Zentralfrage um den Tod. War der Tod eines Samurai weniger wert als unserer? Wohl im Gegenteil, denn er wählte ihn selbst, fiel entweder im Kampf für eine Sache, an die er wirklich glaubte oder aber er hatte die Kraft, sich das Schwert selbst in den Bauch zu jagen. Ob sein Motiv gerechtfertigt war oder nicht – dies zu beurteilen, ist eine moderne Hybris. Zumindest hatte er die Angst vorm Tod, die doch letztlich der wahre Antrieb all unseres Tuns ist – und sei es in seiner Negierung –, überwunden.

Ich mußte an ein Buch denken, daß ich vor vielen Jahren geschrieben hatte – leider nur im Traum. Es war einer jener hellen Träume, wie es nur wenige gibt im Leben. In diesem Traum schrieb ich jenes Buch über den Tod oder besser: ich beantwortete darin die Frage, warum man den Tod nicht fürchten müsse. Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort stand mir klar vor Augen, 92 Seiten lang. Es hätte alle Fragen beantwortet unter allen möglichen Vorgaben: Sterben, wenn es einen Gott gibt und man an ihn glaubt; wenn es ihn gibt und man nicht an ihn glaubt; wenn es eine Hölle gibt; wenn es keinen Gott gibt und man dennoch an ihn glaubt; wenn es keinen Gott gibt und man auch nicht an ihn glaubt; wenn es ein natürliches Telos oder eine Entelechie, einen Sinn gibt oder eben nicht; wenn es ein Nachleben gibt oder eben nicht; oder wenn am Ende einfach Nichts ist … Gemessen am Danach des Todes, des ewigen Nichts – die ewige Verdammnis oder das ewige Paradies ändert daran nichts, denn das Ewige ist hier das Tragende; ist es nicht ewig, dann ist es auch nur eine Form des Todes –, gemessen daran, erscheint jedes Sterben bedeutungslos, ganz gleich, ob es auf dem Altersbett oder in der Gaskammer, auf dem Schlachtfeld oder dem Wochenbett, in jahrelanger Agonie oder durch den erlösenden Schlag erlitten wurde.

Das Ergebnis war in allen Fällen prinzipiell gleich, wenn auch die Erfahrungswege ganz unterschiedlich waren: der Tod war nichts, das man zu fürchten hat, weder der eigene noch der der anderen; er war der großartigste Vollzug, den man sich denken konnte und der einzige Garant dafür, daß das Leben lebenswert ist.

Mein Fehler war, daß ich nicht aufgestanden bin und diese 92 Seiten sofort und mitten in der Nacht und vielleicht auch den kommenden Tag ohne an Essen oder Trinken, ohne an irgend etwas anderes zu denken, aufgeschrieben habe. Ich erwachte mit einer unglaublichen inneren Helligkeit und hätte sie sofort bannen müssen. Stattdessen setzte das „klare Denken“ ein und sagte, daß all diese Gedanken doch längst gefaßt worden seien, das eine von der Stoa, das andere von den Religionen, dieses von Nietzsche und jenes von Heidegger, Boethius hatte das Notwendige gesagt und sogar die moderne Sterbeforschung oder die Nahtoderfahrungen haben vieles erhellt. Es setzte der Affekt des Akademikers ein und erstickte den produktiven Impuls. Ich begann, die Sache zu zerdenken, begann Bücher darüber zu lesen und vor allem zu sammeln und verfüge nun über eine kleine Bibliothek an Literatur über den Tod als Problem und Geheimnis. Das eigene Buch erstickte darunter.

Mittlerweile weiß ich, daß das Buch auch gar nicht hätte geschrieben werden können, nicht in diesem einen Guß, in dem ich es mir vorstellte, denn der Traum – jeder Traum – enthält nicht den Vollzug des Ereignisses, sondern nur das Gefühl des Vollzugs eines Ereignisses. Wir erwachen aus solchen Träumen im Modus des „Als-Ob“, wir meinen, die Sache selbst erlebt zu haben, tatsächlich hat unser Hirn aber nur ein Gefühlsareal aktiviert und dieses mit bestimmten konkreten Abbildungen, die nicht selten mit unmittelbaren Erfahrungen, Bildern oder auch Wachgedanken verquickt werden und somit eine Phantasmagorie schaffen, verbunden.

Und auch wenn alles in diesem Buch geklärt war und man denken konnte, die Frage nach dem Tod und die Angst davor beantwortet zu haben, so schwand die Angst vor dem Tod doch nicht. Von einigen Meistern und Mystikern abgesehen, die sich durch lebenslange Übungen zur Furchtlosigkeit durchgearbeitet haben – sofern wir ihren Worten glauben dürfen – treibt die Angst die meisten Menschen um und am meisten vielleicht jene, die von sich behaupten, nie daran zu denken, die Frage also verdrängen.

Es scheint sogar so, daß die Angst und damit auch der Unterschied zum Samurai wächst. Je länger wir leben, je gesünder wir sind, je seltener uns der Tod, das Schicksal, das Elend begegnen, je weniger die Sorge um das Morgen unseren Alltag bestimmt, desto furchtsamer werden die Menschen. Ist das Altwerden nicht in erster Linie eine Flucht vor dem Tod? Selbst große Männer sind davor nicht gefeit. Goethe, der noch nonchalant den Tod seines Sohnes mit dem souveränen Satz „Ich wußte wohl, daß ich einen Sterblichen gezeugt habe“ quittiert haben soll, schrie in seiner letzten Stunde – nach einem selten geglückten Leben und in hohem Alter – vor „gräßlicher Todesangst“ und es bedurfte der Legende des „Mehr Lichts“, um die Peinlichkeit der Situation vor der Nachwelt zu übertünchen.

Die Frage nach dem Tod ist aber vor allem eine nach dem „Wozu?“ und niemand kann sie positiv beantworten. Wozu tue ich dies oder jenes, wenn es dereinst verschwunden sein wird. Der weit verbreitete Gedanke, eine Spur zu hinterlassen, greift zu kurz, denn auch diese Spur wird bald verschwunden sein. Manche Spuren sind zweieinhalbtausend Jahre alt, aber was ist das schon? Unsterblichkeit ist eine Chimäre, aus dem einfachen Grund: auch die, die die Erinnerung wachhalten, sterben bald. In weiteren zweitausend Jahren werden auch die ältesten Spuren verschwunden sein und sind damit schon heute so, als wären sie nie gewesen. Kein Mensch kennt mehr die Magd von vor zehnhundert Jahren und nicht mal die vor hundert – aber auch sie hat gelebt. Vielleicht hat sie noch eine namenlose Genspur hinterlassen und doch wird auch diese irgendwann erschöpft sein.

So in etwa ging der Assoziationsfaden und wer weiß schon, wohin er noch geführt hätte, aber da nahm mein Bewußtsein eine neue Zeile auf: „Asszonyt akarok“ – „Ich will eine Frau“ … sie kann blond sein oder braun, warmer Mund, sauberes Hemd … und schon setzte eine andere Reihe an. Darüber aber jetzt kein Wort.

2 Gedanken zu “Der Tod im Gedankenkarussell

  1. Steffen Knöfler schreibt:

    Zufällig gestern erst hatte ich in meinem Whatsapp- Status Nietzsches Grundgedanken zum Tod veröffentlicht. Zentral, treffend und (wie immer) poetisch ist hier „Vom freien Tode“ aus dem Zarathustra oder „Moral für Ärzte“ aus der Götzendämmerung. Nicht in Form der Relativierung des Menschheitsgeschlechts selber – und damit des „Geistes“- wie im von Dir vorangestellten Nietzsche- Zitat, sondern eben als ganz persönliches Ringen. So wie du dann ja auch fortgesetzt hattest…

    Ich bin der Meinung, dass Motiv des Samurai ist „gerechtfertigt“ und -zumindest unter dem Aspekt der Würde- „der erbärmlichen und schauderhaften Komödie, die das Christentum mit der Sterbestunde getrieben hat.“ weit voraus. Es entspricht ziemlich genau Nietzsches Lehre vom „Stirb zur rechten Zeit“. Eben als Sieger (der „vollbringende Tod“) oder als Kämpfender („eine große Seele verschwenden“). Nur der frei gewählte Tod (den „verpasst“ zu haben ist einer der Tragiken um Nietzsche) gibt uns die Chance zu einem Sieg- statt uns beherrschen zu lassen von „dem grinsenden Tod, der heranschleicht wie ein Dieb.“

    Als Vision und Einladung Nietzsches :

    „Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.“ „Auf eine stolze Art sterben, wenn es nicht mehr möglich ist, auf eine stolze Art zu leben. Der Tod, aus freien Stücken gewählt, der Tod zur rechten Zeit, mit Helle und Freudigkeit, inmitten von Kindern und Zeugen vollzogen: so dass ein wirkliches Abschiednehmen noch möglich ist, wo D er n o c h d a i s t, der sich verabschiedet, insgleichen ein wirkliches Abschätzen des Erreichten und Gewollten, eine Summierung des Lebens.“

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  2. HansCastorp schreibt:

    Für mich ist der Tod vor allem die Erinnerung, gelebt zu haben. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das Leben nie so echt anfühlt wie im Moment (oder davor, oder kurz davor) des Ablebens. So ein Moment wäre danach angetan, eine Feier des Lebens zu sein – wie vielleicht beim Samurai, bei dem dieser Moment möglicherweise Selbstvergewisserung und -bestätigung bedeutet. Tatsächlich dürfte er aber nur das bittere Gefühl bergen, nie „richtig“ gelebt zu haben. Diese empfundene Selbstverfehlung, die man vorausahnen mag, ist es, die sich mir beim Gedanken an den Tod einstellt. Sinn oder Unsinn des eigenen Lebens, von Wünschen und Zielen, scheinen mir demgegenüber eher Versuche von Menschen, noch den Tod in die Rationalität ihres Denkens zwingen zu wollen, vielleicht insofern erfolgreich, als damit die wirklich animalische Todesangst zumindest grob in Schach gehalten wird.

    Steffen Knöfler: „Animalisch“ ist ja, gerade kein ständiges Bewußtsein von der eigenen Vergänglichkeit zu haben. Das Tier hat zwar und überhaupt noch Instinkte, welche seinem Überleben (bzw. dem seiner Gene) zuträglich sind, es „weiß“ im Gegensatz zum Menschen allerdings nicht, dass es sterben wird. Es muss deshalb auch nicht transformieren, rationalisieren, leugnen…..

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