Politik als Überforderung

Wenn mich jemand nach Tips beim Fremdsprachenlernen fragt, so ist meine erste Antwort stets: Grundlagen erarbeiten, und sobald man Texte verstehen kann, lesen und hören zugleich. Im Idealfall einem professionell eingelesenen Hörbuch lauschen – besseres Aussprachetraining gibt es nicht – und den Text dazu vor Augen haben.

Um abstrakte Probleme zu erschließen, sind Menschen meist Augenwesen, weil es der Wiederholung und Vertiefung bedarf, auch der Distanz, aber als Sprachübende sind wir Ohrenmenschen und mit dieser Methode verbindet man beides, aktiviert verschiedene Hirnareale und schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe: Lexik, Syntax, Grammatik, Aussprache, Sprachmelodie und es macht zudem Spaß.

Ich selbst konnte das gerade wieder erfahren. Um mein etwas eingerostetes Dänisch zu lockern, las und hörte ich einen dicken Roman von Hanne-Vibeke Holst und auch nur deswegen, weil ich ihn in beiderlei Form zu Hause hatte. Es stellte sich schnell heraus, daß dieses nun 18 Jahre alte Buch ein kleiner Glücksgriff war. Und das in mehrfacher – nicht nur sprachlicher – Hinsicht.

„Die Kronprinzessin“ heißt es und es beschreibt den Weg einer jungen Mutter und Umweltaktivistin in die Politik. In ihrem ersten Leben hatte sie sich einen Namen als engagierte und fachkundige Kämpferin gemacht, in verschiedenen NGOs gearbeitet und erhielt nun überraschend den Ruf Umweltministerin zu werden. Daß sie Figur in einem größeren Spiel war, wurde ihr schnell bewußt, aber ihr Enthusiasmus und die Aussicht, endlich wirklich etwas ändern zu können, überwand alle Bedenken. Ihr geliebter Mann opferte seine Karriere als Entwicklungshelfer in Afrika und kümmerte sich um die beiden Kinder.

Es war übrigens faszinierend, zu lesen, daß wir noch immer – auch 20 Jahre später – die gleichen Probleme wälzen, ohne daß man den Eindruck hat, es hätte sich was Prinzipielles geändert. Wir sind oft in einer seltsamen Aktualität gefangen und blenden die lange Geschichte aus. Das ernüchtert einerseits, weil es die Trägheit gesellschaftlichen Handelns offenbart, kann aber auch ermutigen, denn die Panik von vor zwei Jahrzehnten wirkt heute etwas lächerlich, denn wir sind noch immer da, leben noch immer auf dieser Erde, die längst schon kollabiert sein müßte, hätten die einstigen Prognosen Bestand gehabt.

Wirklich interessant ist das Buch aber aus politischer Sicht. Es ist auch wichtig, daß es aus Dänemark kommt, denn dieses kleine hyggelige Land ist wie eine Petrischale und da fast jeder einen kennt, der einen kennt, und weil Politik, Wirtschaft, Medien und auch die sogenannten Volkshochschulen eng miteinander verflochten sind, die Politikerriege auch deutlich weniger unnahbar ist als in massiven Staaten, kann man davon ausgehen, daß Holst authentische Einblicke in den Politikbetrieb hatte.

Sie beschreibt im Grunde die Entfremdungsgeschichte der Charlotte Damgaard, die Entfremdung von sich, ihren Idealen, ihren Freunden und von der Familie und schließlich also von der Realität. Das ist ganz objektiv und beginnt schon wenige Tage nach der Ernennung zur Ministerin, als sie bemerkt, daß sich die Freunde plötzlich anders zu ihr verhalten. Das ist eine Erfahrung, die vermutlich jeder macht, der plötzlich zu Macht oder zu Geld gekommen ist – man verliert den unmittelbaren Kontakt zu den Mitmenschen, denn Macht, Geld oder auch Ruhm stellen sich zwischen die Beziehungen der Menschen, die plötzlich alle etwas wollen oder fürchten.

Da liegt die wahre Stärke der Autorin, die an sich eine durchschnittliche Künstlerin ist, am amerikanischen Massenroman geschult und üppig dessen Mittel nutzend, daß sie ein gutes – früher hätte man sagen dürfen: ein weibliches – Gespür für zwischenmenschliche Dynamik hat. Wer etwa begreifen will, weshalb Krankenschwestern ein erotischer Traum vieler Männer sind – als ganz banales Beispiel – der findet hier eine überzeugende Erklärung.

Wir erleben also Politik hinter den Kulissen. Mehrfach entfremdete Menschen arbeiten zusammen an Problemen, die sie in jeder Hinsicht überfordern: menschlich, organisatorisch, geistig, ontologisch. Sloterdijk hatte Politiker schon vor Jahrzehnten als überforderte Athleten beschrieben, die in großen Funktionsräumen agieren, Funktionen ausfüllen unter der trügerischen Selbstwahrnehmung, autark zu sein.

Das Gegenteil ist der Fall: je länger man sich in dieser absurden Welt, dieser Blase aufhält, umso mehr schlittert man in die intrinsischen Mechanismen hinein, anfangs vielleicht noch widerwillig und reflektierend, aber bald schon wird das zur zweiten Natur: das permanente Mißtrauen, das Intrigieren, die stetige Vorsicht, die Dauerübermüdung, das Wechseln von einem Problemkreis in den anderen, die überbordende Informationsaufnahme und all das.

Zur Seite steht eine Presse, die unter ähnlichen Problemen leidet, die einerseits Teil und Parasit des Systems ist, andererseits aber feindlich agieren muß und die unter dem Druck steht, zu verkaufen und also zu skandalisieren, letztlich zu biegen und zu brechen und auch zu lügen.

Ich ziehe die Geschichte aufs Abstrakteste zusammen. Tatsächlich fügt die Autorin zahlreiche Parallelgeschichten zusammen mit jeder Menge Kapriolen, aber das zählt unter Literaturproduktion – gut gemacht, keine Frage – und interessiert nur die hausfraulichen Leser.

Wichtiger für unseren Zusammenhang, ist zu sehen, daß eine an sich fortschrittliche Autorin und ihre Heldin, die beide immer auf der richtigen Seite stehen, nicht umhin können, ein Überforderungsphänomen strukturell darzustellen und ein ziemlich realistisches Bild der dänischen Gesellschaft zu geben, auch etwa, als sie an der Würstchenbude von zwei „nydansker“ befummelt und als Schlampe bezeichnet wird oder die Polizei nach messerstechenden Asylanten sucht und dergleichen. Wie gesagt – das alles gab es schon vor 20 Jahren. Es ist das Bild einer zerfallenden Gesellschaft, sowohl in Christiansborg als auch auf der Straße, die sich trotzdem irgendwie erhält.

Buch kann man empfehlen.

Hanne-Vibeke Holst: Kronprinsessen. København 2002
Deutsch: Hanne-Vibeke Holst: Die Kronprinzessin. München 2003. 420 Seiten

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