Der Schock von 2016

Vittorio Hösle – wenn ich diesen Namen erwähne, dann werden viele Leser vermutlich mit den Schultern zucken. Noch nie gehört? Das verwundert, denn Hösle galt Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre als Shootingstar der deutschen Philosophie. Seither habe ich ein gewisses Faible für den Mann und verfolge sein einst vielversprechendes Werden.

Vielleicht hängt das Interesse auch mit zwei Dokumentarfilmen zusammen, die in etwa gleichzeitig über die deutschen Bildschirme flackerten – in beiden wurden hoffnungsvolle Denker vorgestellt, in dem einen Hösle, in dem anderen Sloterdijk. Ich sah diese Filme mehrfach zusammen mit Freunden und erinnere mich gern an die Diskussionen über die Verschiedenheit der beiden Erscheinungen. Während Sloterdijk – immerhin 13 Jahre der Ältere – mit wehendem Haar und in Bastschuhen über französische Dorfmärkte schlenderte, an Felsriffen meditierte und auf Terrassen, die den Blick über die Provence frei gaben, philosophierte, eilte Hösle schon in jungen Jahren vom schweren Kopf gebückt durch Metropolen wie Neapel und New York und sprudelte mehrsprachig im schnellen Staccato ununterbrochen Denken heraus.

Seine Voraussetzungen konnten nicht besser sein. Zweisprachig aufgewachsen – Deutsch und Italienisch – erlernt er noch in der Schule fünf oder sechs Sprachen – später zählte er 17 Sprachen auf, die er läse –, hatte bereits als Gymnasiast einen Überblick über Geschichte, Literatur und Philosophie und legte mit Mitte Zwanzig eine voluminöse Gesamterklärung Hegels vor, die lange als Geheimtip galt und heute noch immer als Referenz gilt. Jeder konnte das Potential erahnen, wenn er nur von seinem „objektiven Idealismus“ abkäme – so war die allgemeine Meinung –, wenn er sich etwas moderner und fortschrittlicher zeigen würde, dann wird er der kommende Stern am Philosophenhimmel sein.

Tatsächlich war es dann Sloterdijk, der das Rennen eindeutig gewonnen hat, auch wenn Hösle alles andere als wirkungslos blieb. Während der eine die öffentlichen Debatten der letzten drei Jahrzehnte bestimmte, sitzt der andere in Ethikkommissionen und parteipolitischen Beratungsgremien, er hat es sogar bis in die UNO geschafft.

Mich haben seine frühen Arbeiten stark beschäftigt, seine „Praktische Philosophie in der modernen Welt“ eröffnete mir das Letztbegründungsproblem und ein kritisches Verständnis der Transzendentalpragmatik. Seine „Philosophie der ökologischen Krise“ von 1991 kann man – gemessen am Zeitpunkt – sogar für mutig erachten, auch wenn er nie über die institutionelle Reform der Gesellschaft, gepaart mit Moralappellen hinauskam. Für sein bestes Buch hielt ich „Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie“, in dem er Transzendentalpragmatik und Hegel zu vereinen versuchte und damit eine gewisse sympathische Dickköpfigkeit und gegen-den-Stachel-löcken bewies, einen netten Konservatismus. Kleinere Arbeiten etwa zu Woody Allen oder zur Philosophie mit Kindern nahm ich nebenher mit. Ja, ich schreckte nicht einmal davor zurück, seine 1200-seitige „Moral und Politik“ (1997) zu durchackern, in der er die „Grundlagen einer politischen Ethik für das 21. Jahrhundert“ legen wollte.

Ich hatte sogar einen kurzen und ziemlich absurden Briefwechsel mit einem seiner engsten Mitarbeiter, Herausgeber und späteren Ausleger. Wir waren Antipoden, standen vollkommen geschockt vor den Meinungen des anderen und wunderten uns wohl beide spiegelbildlich: Das also gibt es auch, so kann man denken? Nietzsche, Heidegger, Deleuze … wurden dort radikal abgelehnt, dafür trockenste analytische Philosophie und sogar Patristik aufgefahren. Aber immerhin, wir hatten das wohl als Beitrag zur Verständigung, zum Kennenlernen des Fremden verstanden und standen kurz davor, uns gegenseitig die eigenen Bücher zuzuschicken und lesen zu wollen, als der Verkehr abrupt abbrach: Schuld war meine Bemerkung über Hösles Ehe mit einer Koreanerin, die ich in den Zusammenhang mit seinem Denken und seinem Wesen brachte. Das war politisch absolut inkorrekt und offenbar nicht verzeihbar.

Hösle hatte mich mit seinem Moral-Wälzer dann schließlich auch verloren, mein Interesse erlahmte nach dieser Lektüre und daran änderte auch der spätere Falsifikationsversuch mit seinem Buch über den Platonischen Dialog nichts mehr. Auch wenn man ausgiebig belehrt wurde, so gab ich danach die Hoffnung auf. Vom vielleicht gebildetsten deutschen Philosophen unserer Generation war kein zündender Gedanke mehr zu erwarten. Nichts Umwerfendes, nichts Erschütterndes, nichts Gewagtes … wie man es von Sloterdijk alle Jahre wieder erfährt. Hösle ist ein Professor. Punkt. Und wird auch nie etwas anderes sein – und man sieht es ihm – PC hin oder her – auch an.

Nun erschien im letzten Jahr ein neues Buch von Hösle, dessen Titel mich zu einem weiteren Falsifikationsversuch animiert hätte. Daß es bei Alber erschien, ist signifikant genug und deutet auf einen gewissen Bedeutungsverlust hin, das Vorwort von Horst Köhler ist wohl auch keine gute Empfehlung. Der vielversprechende Titel „Globale Fliehkräfte – eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart“ hingegen ist brisant. Sollte Hösle aus seiner harten akademischen Schale ausgebrochen sein?

Fast drücke ich schon auf den Bestell-Button und versenke 24 Euro, aber dann lese ich doch noch das Inhaltsverzeichnis und sehe Kapitel 2 wie folgt überschrieben: „Der Schock von 2016: das Brexit-Referendum und die Wahl Trumps“.

Der Schock von 2016? Ich reibe mir die Augen. Das Buch beginnt mit dem „Schock von 2016“ und nicht mit dem von 2015?! Wie ist das möglich? Wie kann ein kluger Kopf bei seiner Kartierung derart durcheinander geraten, wie kann er nicht sehen, daß das, was für ihn der Schock des jungen Jahrhunderts war, unmittelbar mit dem viel größeren Schock von 2015 zusammenhängt?

Wer sich so in seinen Koordinaten vergreift, ist nicht mehr satisfaktionsfähig. Ich gebe es auf: Bye bye Vittorio Hösle!

Siehe auch: Der Clash zweier Denkstile

Das Prinzip Ei

3 Gedanken zu “Der Schock von 2016

  1. JJA schreibt:

    Eine sehr interessante Typenunterscheidung, über die ich auch immer wieder stolpere und die mich irgendwie auch an diesen Blog bindet. Ich selbst gehöre, wenn ich überhaupt irgendwie zum Philosophieren tauge, sicher auf die akademische Seite. Ich bin interessiert an argumentativer Härte und da kann ein Sloterdijk mit Leuten wie Hösle nicht mithalten. Vielleicht ist der von Ihnen belächelte absolute Idealismus da ein gutes Sinnbild. Der absolute Idealismus hat einiges für sich und kommt sogar bei manchen analytischen Philosophen wieder in Mode, weil er zwischen Realismus und (subj.) Idealismus vermitteln kann. Gleichzeitig ist es fraglos richtig, dass er in unserer Zeit kontraintuitiv ist, irgendwie deplatziert wirkt – ähnlich wie die Religion. Das ist kein Argument gegen seine Wahrheit.

    Ebenso ist es offensichtlich, dass die akademische Philosophie bei aller Richtigkeit nur noch selten imstande ist, die Gegenwart aufzuschlüsseln, Theorien zu formen, die „etwas sagen“. Das scheint die Gabe von Leuten wie Sloterdijk zu sein. Welchen epistemischen Anspruch soll ein Begriff wie der der „Zornbank“ haben? Aber es ist eine Deutekategorie, die einen Aspekt unserer Zeit verständlicher macht.

    In historischer Perspektive frage ich mich nur, ob das nun das Leitbild von Philosophie sein soll. Aristoteles‘ Kategorien wollten sicher nicht seine Gegenwart aufschlüsseln, sondern Wirklichkeit, wie sie an sich ist. Letztlich sehe ich dieses Bild von Philosophie durchgängig bis Hegel, trotz seines Diktums von der Philosophie als auf-den-Begriff-bringen der eigenen Zeit. Es scheint dann mit Marx zu beginnen, der das Kunststück vollbrachte, das abstrakteste Werk der Philosophie, das jemals geschrieben wurde, Hegels Logik, auf Politik zu applizieren. Ich meine, diese Philosophie setzt historisches Bewusstsein, d.h. Bewusstsein vom Wandel der Zeiten und der Besonderheit der eigenen Zeit, voraus. Es erledigt aber nicht die überzeitlichen Fragen der Philosophie, auch wenn sie manchmal nur Spezialisten interessieren.

    „Dieses Denken vom Absoluten aus … wird wahrscheinlich Widerspruch hervorrufen, zumal in einer Zeit, die so zeitbewußt ist, daß sie ängstlich bedacht ist, sich vom Unzeitgemäßen abzusetzen. Nach denen, welche uns diese Zeit künden, zu urteilen, ist nun allerdings das, was einst Philosophie war, unzeitgemäß. Sie proklamieren das Ende der Philosophie. Am Ende ist die Philosophie mit ihnen am Ende.“ – Das Absolute und das Kontingente, von W. Cramer, vermutlich der König der Unzeitgemäßen

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  2. Robert X. Stadler schreibt:

    Jene Tatsachen und Ereignisse schockieren, und rufen nach Erklärung, die dem eigenen Bewusstsein, der eigenen Weltanschauung nicht immanent sind: immanent als Voraussetzungen, Inhalte und Kontingenzen einer so betrachteten Welt. 2016 erschüttert ein universalistisches, globalistisches, individualistisches, elitistisches und whiggistisches Welt- und Geschichtsbild, und bestätigt ein partikularistisches, nationalistisches, ethnizistisches, populistisches und anti-whiggistisches Bild. Für 2015 gilt das Umgekehrte.

    Insofern könnten man den Essay in einem etwas milderen Licht sehen. Und wie ich beim Überfliegen festzustellen glaube, finden sich Überlegungen darunter, die man bei der elitistischen NPC-Dutzendware (über das dumme Volk, das es gar nicht gibt, und dessen böse Verführer) nicht erwarten würde. Andererseits gleich im ersten Absatz die Gedankenlosigkeit, dass Russland mit der Annexion der Krim sich „sowjetisches Territorium“ wiederangeeignet hätte.

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    • Hösle ist nun keinesfalls ein Papagei oder ein Abducker, der sich dem Mainstream einfach unterwirft – wäre er das, wäre ich ich ihm nicht über die Jahre gefolgt. Er ist ein durchaus kontroverser und selbstbewußter Denker – nur eben nicht originell, nicht zündend. Man sieht das bereits an seinem anachronistischen Festhalten an Hegel. Im Gegensatz zur Gesamtheit fast aller heutigen Hegelianer – und diese Tendenz hatte sich ja seit Marx durchgesetzt – vertritt er eine rechtshegelianische Position; das wirkt im heutigen Betrieb wie ein Relikt. Da gebührt ihm Achtung!

      Was ich besonders an ihm schätze, ist seine Konsequenz. Das, was sich für ihn in der ethischen Diskussion erschließt, das setzt er im persönlichen Leben auch durch. So lehnte er es einst ab, Auto zu fahren – inwieweit das heute noch relevant ist, weiß ich nicht. Aber er ist eine durch durch ehrliche Seele – glaube ich.

      Daß in seine – oder in jede – Bewertung wahrnehmungspsychologische Komponenten einfließen, ist nicht auszuschließen. Allein, als Philosoph hat er die Aufgabe – die ihm sein Fach mitgibt – davon zu abstrahieren und ursprünglich, konsistent zu denken. Trump und der Brexit mögen für ihn der große Schock gewesen sein, aber ohne die Ereignisse des Jahres 2015 hätte es beide mutmaßlich nicht gegeben – zumindest muß man diese These zulassen. Beide Ereignisse beruhen auf knappen Wahlentscheidungen, daher sind historische Zäsuren der 2015er Größe ganz konsequent in die Rechnung einzubeziehen. Hösle gesteht den Zusammenhang ja in seinem Vorwort ein, beharrt aber dennoch auf seinem persönlichen Schockerlebnis und argumentiert wohl von falscher Prämisse aus.

      Möglicherweise kann man es auch mit der Verengung durch das staatsphilosophische Denken verbinden. 2015 fällt dann aus dem Raster, weil es „wilde Geschichte“ war und eben kein administrativer Entscheid.

      Es gab anläßlich der Buchvorstellung eine recht interessante Diskussion. Hösle spricht dort etwa ausdrücklich -als Antwort auf den polnischen Botschafter – vom „Transgenderwahn“, führt die gleiche Denkfigur an, für die soeben Oskar Lafontaine den Liebesentzug seiner Mitgenoss*innen erleiden mußte, verteidigt patriotische Gefühle als quasi anthropologisch, hält ein gewisses Plädoyer für die konstitutionelle Monarchie, kritisiert die Kritiklosigkeit deutscher Medien in der Migrationskrise, den „Gutmenschen“, und behauptet sogar, daß die deutsche Philosophie allen anderen überlegen gewesen sei. Und das vor Köhler selbst. Das kann er wahrscheinlich nur im akademischen Windschatten sagen – Sloterdijk hätte man dafür vermutlich medial gelyncht.

      Auffallend übrigens die wirkliche kritische Diskussion. Fast alle Kritiker stolpern über die 2016er Zäsur, sehen aber andere Ereignisse als prägend. Hösle hingegen gibt der Krimannexion – neben Trump – die entscheidende Bedeutung.

      (ab 1:44h)

      „Seien Sie stolz auf die großen geistigen Leistungen Deutschlands. Ich bin in meinen ethischen Überzeugungen Universalist, aber ich bin der festen Überzeugung, daß die deutsche philosophische Tradition – nach der griechischen – die beste ist“ (2:22.30)

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