Lynx

Die antiungarische Rhetorik in unserer Presse ist nur mit der Anti-Trump-Kampagne zu vergleichen. Daß sie wirkt, erfahre ich immer wieder selber, wenn deutsche Gesprächspartner fragen, wie wir es in dieser „Hölle“ aushalten würden.

Doch hinter den Kulissen laufen ganz andere Prozesse ab. Während deutsche Politikerinnen Ungarn immer wieder an den Pranger stellen, fahren sie zugleich nach Budapest, um dort lukrative Waffendeals abzuwickeln. In einem aufsehenerregenden Geschäft hat der ungarische Staat nun zum Durchbruch eines neuen deutschen Waffensystems verholfen: Lynx.

Dabei handelt es sich um einen Schützenpanzerwagen neuen Typs, hergestellt von Rheinmetall aus Düsseldorf. Mit einem Großauftrag hat Ungarn dieses 2016 vorgestellte Waffensystem endlich in den globalen Markt gehoben und geadelt. Es dürften sich bald andere, fragwürdigere Kunden einfinden.

218 der hochaufgerüsteten und futuristisch wirkenden Fahrzeuge hat Ungarn in einem Joint Venture geordert – der Gesamtumfang des Projekts beträgt mehr als zwei Milliarden Euro. Das ist der bisherige Gipfelpunkt eines maßgeblichen Rüstungsprogramms. 46 der Kampffahrzeuge werden in Deutschland produziert werden, für die restlichen 172 baut man in Zalaegerszeg ein eigenes Werk, das 500 Menschen Arbeit verschaffen wird – auch deutsche Arbeitnehmer profitieren davon. Bereits im Frühjahr langten die ersten Übungspanzer für die bei Krauss-Maffei bestellten 44 Leopard 2-Panzer an, hinzu kommen Panzerhaubitzen und Hubschrauber und ein Konzept für eine eigene Kleinwaffenproduktion gibt es auch schon.

Ungarn ist damit der mit Abstand größte Abnehmer für deutsche Rüstungsexporte – doppelt so viel wie das viel mehr thematisierte Saudi-Arabien. Im Gegensatz zu Deutschland wird es damit das 2%-Ziel der Nato verwirklichen.

Wozu aber braucht Ungarn neue Panzer? Anders als Polen – das ebenfalls aufrüstet – geht man hier kaum von einer russischen Gefahr aus. Auch sollte man neuere nationalistisch klingende Töne, die die Wiedergeburt eines Großungarn beschwören, nicht überbewerten. Ungarn ist objektiv nicht in der Lage, eines seiner Nachbarländer – es kämen aufgrund der Nationalitätenfrage nur Rumänien, die Slowakei oder Serbien in Frage – anzugreifen, zumal die nachbarschaftlichen Beziehungen im Großen und Ganzen gut sind.

Das Expansionsgerede verweist auf andere Ebenen. Orbán sieht sich mehr und mehr als Angegriffener – die verbale und militärische Aufrüstung sind als prophylaktische Verteidigungsmaßnahmen zu sehen. Man sieht die ungarische Nation und das Volk in Gefahr und das an zwei Fronten. Zum einen greift der Globalismus auch auf Ungarn aus, zum anderen leidet das Land unter drastischem Bevölkerungsschwund, den es nicht durch Migranten wettzumachen gedenkt. Stattdessen setzt Orbán auf eine massive finanzielle und soziale Unterstützung junger Mütter und Paare und installierte ein Programm, das bereits nach kurzer Zeit deutliche Resultate zeitigte, die Geburtenrate stieg um 21% seit 2010. Von den 2,1 Kindern pro Frau – ein Ziel, das man 2030 erreichen will – ist man dennoch weit entfernt.

Der Globalismus erfaßt Ungarn auf vielfältige Art und Weise. Immer mehr Ungarn verlassen das Land aus wirtschaftlichen Gründen und suchen ihr Glück in den reicheren europäischen Ländern. Viele von ihnen werden der neuen Klasse der Anywheres zugehören, der emotionale Bezug zur Heimat wird sich lockern. Es ist Ungarns historische Eigenheit, daß dieser Prozeß durch seine Sprachsegregation gemächlicher vor sich geht als in anderen Ländern. Schafft man diesen meist jungen Menschen Perspektiven im Land, kann man den Prozeß verlangsamen. Ein modernes Rüstungswerk mit vermutlich europäischen Löhnen dürfte für die ostungarische Provinz bedeutsam sein.

Vor allem aber ist es immer wieder die Frage der Migration, die die Globalisierung aufwirft, und trotz aller inneren Kritik an Orbáns Politik und an den unübersehbaren Problemen mit Korruption und Vetternwirtschaft stimmt der überwältigende Teil der Menschen in dieser Frage mit ihm überein. Ungarn soll ungarisch bleiben. Wenn es nun aufrüstet, dann wohl vor allem als Reaktion auf die Gefahr der Masseneinwanderung und der Grenzsicherung.

Dabei dürfte es sich vor allem um einen symbolischen Akt handeln. Abgesehen davon, daß die Armee in einem schlechten Ausrüstungszustand war und kaum noch einsatzfähige Panzer des alten russischen Typs T-72 besaß, ist der militärische Sinn der Neuanschaffung sonst kaum zu verstehen.

Vielleicht will Orbán aber auch ein Vermächtnis schaffen, ein fait accomplie, ahnend, daß sein Kurs bald ein Ende haben könnte. Mitte August hatten die sechs wichtigsten Oppositionsparteien – Jobbik inklusive – ein Übereinkommen getroffen, bei der Parlamentswahl in zwei Jahren mit gemeinsamen Kandidaten anzutreten, mit dem erklärten Ziel, Orbán zu stürzen. Sollte man sich programmatisch einigen und einen glaubwürdigen Spitzenkandidaten präsentieren können – was bislang schwer zu sehen ist; Ungarn leidet an einem dramatischen Mangel präsentabler Politikertypen –, dann dürften sie eine veritable Macht werden, die den Fidesz besiegen könnte; die 2018er Wahl hatte das oppositionelle Potential bereits angekündigt. Niemand weiß, was dann aus Ungarn werden wird – aber die Panzer sind da.

Noch einsichtiger scheint, darin ein Signal zu sehen, eine Entschlossenheit. Die Aufrüstung ist auch ein innerer Ruf an das eigene Volk, eine Selbststärkung, Selbstermächtigung, ein Aufstehen und Geradestehen, Thymos in Rein- und Rheinmetall-Form, es ist ein symbolischer Akt und eine Voranschaffung, deren tatsächlichen Wert man erst später einschätzen können wird. Sie paßt gut mit Orbáns immer pathetischer werdenden Reden zusammen, die nicht das vor 100 Jahren verlorene Großungarn tatsächlich wiedererlangen wollen, sondern das innere Reich, das „geheime Ungarn“ ansprechen sollen, den Geist der großen, stolzen, mächtigen und wehrhaften Nation – die Ungarn übrigens seit Jahrhunderten nicht mehr gewesen ist.

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