Die vierte Gewalt

Die eklatanten Mißstände in unserem Medienwesen zu beschreiben und zu erklären, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Weder Moreno noch Meinhardt – aller Verdienste eingedenk – versuchten sich an systematischen Aufklärungen. Uwe Krüger kam dem in seinem verdienstvollen „Mainstream“ am nächsten, indem er die Prozesse innerhalb der Redaktionen unter die Lupe nahm, aber die Einbettung dieser Phänomene in die gesamtgesellschaftliche Atmosphäre hat auch er nicht gewagt. Hier müßte eine historische Analyse durchgeführt werden. Wenn es so etwas geben sollte, dann wohl unter der Aufmerksamkeitsschwelle der Öffentlichkeit.

Vielleicht kann es helfen, wenn man sich also historischen Arbeiten zum Thema widmet – nicht, weil man dort die notwendige Analyse erwarten könnte, sondern weil der historische Rückschritt uns andere Perspektiven erlaubt, weil wir – sozusagen – dem Urknall oder der Ursünde näher kommen.

Reginald Rudorf – DDR-Dissident und langjähriger Journalist bei verschiedenen bundesrepublikanischen Medien – hatte 1994 im Ullstein-Verlag das vielgelesene Buch „Die vierte Gewalt“  veröffentlicht, in dem er das „linke Medienkartell“ beschrieb und zu sezieren versuchte. Es ist in polemischer Absicht geschrieben worden, es liebt den derben Ton, den bösen Sarkasmus und das populistische Wortspiel, wie man es wohl am besten bei „Bild“ erlernt.

Es arbeitet sich zudem an vielen Skandalen der Zeit ab, die dem heutigen Leser oft nicht mehr geläufig sind – ein schönes Beispiel für die Schnellebigkeit der Zeit und die Vertrauenswürdigkeit in das kollektive Gedächtnis.

Wenn man von all dem abstrahiert, kommen dennoch interessante Einsichten zutage. Die erste Überraschung ist natürlich, wie lange es diese Diskussion und diese Phänomene schon gibt. Auch vor 25 Jahren wurde die Distanz zwischen Journaille und Durchschnittsleser registriert. Die weltanschauliche Diskrepanz war auch damals bereits eklatant: ein überwältigender Anteil rechnete sich dem linken, vornehmlich dem sozialdemokratischen und grünen Milieu zu und nur ganze 7% wagten es, rechts oder konservativ zu gelten und weitere 8% christlich-demokratisch und das in einer Zeit, in der Kohl seine fünfte Amtszeit ausagierte.

Rudorf führt das an mehreren Beispielen vor. Seien es der Umgang mit der Frage der Kernenergie, konkret dem Tschernobyl-Drama, oder überhaupt das Mega-Thema „Ökologische Krise“ oder sei es der vermeintliche Rechtsrutsch und vieles mehr: immer wieder treffen wir auf Alarmismus und die Propagierung der eigenen linken Lebensvorstellungen.  Nähme man die damaligen Prognosen ernst, dann dürfte es heute keinen Regenwald mehr geben, dann wäre die Erde eine einzige verstrahlte und vergiftete Kloake, in der kein Leben mehr gedeihen könnte und falls doch, dann wäre Deutschland heute schon seit langem eine nationalsozialistische Diktatur von allem Fremden bereinigt.

Das ist die erste Erkenntnis: Menschen – besonders wenn sie einer Agenda dienen – sind offenbar prognoseunfähig und neigen zu extremen Konklusionen. Daß sie heute noch immer darunter leiden, lehrt uns zugleich etwas über ihr Lern- und Merkvermögen.

Das gilt übrigens auch für Rudorf selbst – und vermutlich für fast alle –, denn wenn man seinen Voraussagen von 1994 folgen würde, dann dürfte es heute keinen „Spiegel“ mehr geben, dann hätten die werbebasierten Privaten das GEZ-System längst in Grund und Boden gewirtschaftet oder der Ausstieg aus der Kernenergie hätte Deutschland wirtschaftlich komplett lahm gelegt.

Einen Grundfehler der Öffentlich-Rechtlichen machte er im gebührenfinanzierten Rundfunk aus. Der sei der Tropf, der ein ideologisch durchseuchtes und enorm aufgeblähtes System am Leben erhält und ihm die Möglichkeit bietet, am Markt – also an der Realität – vorbei zu senden. Über „die bewußtseinsbildende Schlüsselrolle der IG Medien“ werde in ARD und ZDF und all ihren Ablegern in TV und Radio ganz konkrete Parteipolitik betrieben, die sich in erster Linie an sozialdemokratischen Richtlinien orientiert und diese seien auch durch das Personal längst etabliert. „Die vierte Gewalt wird hierzulande zentral von der IG Medien motiviert, personalisiert und kontrolliert“. Das sei der Ort der unmittelbaren Verquickung von Politik und Medien gewesen. 2001 ging die Gewerkschaft in der ver.di auf.

Es „werden progressive Positionen gesetzt, die sich kosmopolitisch gerieren, multikulturell, familienübergreifend freisexuell, gegenstaatlich und antimilitärisch“ … denen „sich der Intellektuelle und Bürger, der modern sein will, anschließen muß, wenn er nicht dem Gespött seiner Umwelt anheimfallen will, die ihn als Reaktionär von vorgestern ausschwitzt[1]“ (sic!). Bundespräsident Herzogs Frau durfte die Folgen dieser „Generalanweisung für Medien“ am eigenen Leib erfahren, als sie leichtsinnigerweise behauptete, daß „in der Kindererziehung die schönste Aufgabe der Frau“ liege.

Überhaupt sind die Parallelen zu zahlreichen heutigen Ereignissen frappierend. Schon damals – wenn man Rudorf Glauben schenken darf – hatte die Antifa[2] bereits direkte Drähte ins Milieu, schon damals wurde aus betrunkenen Rowdies eine Hetzjagd auf Ausländer[3] gewrungen, schon damals wurde die staatsgefährdende Drohung von rechts heraufbeschworen, badete man in der ewigen Schuld der Deutschen – die hundert Millionen Opfer der GULAGs und des Kommunismus wurden jedoch verschwiegen oder relativiert -, schon damals wurde den Deutschen eine systemische Ausländerfeindlichkeit angedichtet, obwohl keine Statistik dies hergab und sich sichtbar immer mehr Ausländer im Lande wohl fühlten, schon damals schwenkten die Medien unisono in einen rußlandkritischen Ton ein, der umso seltsamer erschien, als man bis zur Wende gern die Sonne im Osten aufgehen sah … Dieses Buch wirkt phasenweise wie ein ewiges Déjà-vu.

Es gibt freilich auch Veränderungen – kaum zum Besseren. Rudorf konnte die FAZ, die Welt, das Handelsblatt, den Focus oder sogar Bild noch als ausgewogene Blätter beschreiben.

Natürlich stinkt der Fisch vom Kopf her. „Die Hauptarbeit der meisten Journalisten besteht heutzutage darin, vor allem die politische Meinung seiner Vorgesetzten auszukundschaften und diese dann journalistisch zu bedienen.“ Das aber ist ein Phänomen, das tiefer greift, das man vor allem an den Schulen und Universitäten überall beobachten kann – dort bereits tradiert sich die Kunst der Anpassung und Verflachung.

Historisch geht er über die 68er-Erklärung hinaus. Er sieht den Beginn der Malaise mit dem Beginn des deutschen Nachkriegsjournalismus verknüpft. Im Osten wurden schnell die kommunistischen Kader in Position gebracht. Im Westen war der Antifaschismus den Alliierten die bedeutendste Bedingung und so kam es auch dort, daß sich Marxisten in den Redaktionsstuben wiederfanden. „Die Alliierten, denen der Marxismus-Leninismus verschlossen blieb, vertrauten – zunächst – den KP-Kadern und dann den  alsbald auch vom Osten eingeschleusten und gelenkten professionellen Antifas … So wurde die erste Kolonne stramm links agierender Akteure in der deutschen Nachkriegsmedienlandschaft in Marsch gesetzt“. Das Resultat: „Der Start des deutschen Nachkriegsjournalismus war entweder ideologisch eingefärbt – oder von den Alliierten nach der angetroffenen Lage als Re-education anbefohlen.“ Von den alten Nazi-Anhängern, die es ebenfalls in die Redaktionen brachten, konnte ebenfalls kaum demokratisches Gedankengut erwartet werden.

Von dort her habe sich das Übel fortgepflanzt und 20 Jahre später durfte man sich in den USA über eine weitflächige antiamerikanische Stimmung just aus jenen Schreibstuben wundern, die man selbst mit Antifaschisten bestückt hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Protagonisten der 68er meist noch unbekannt.

[1] Für diese Vokabel konnte Rudorf sich seinerzeit noch eine gewisse Vorliebe erlauben.
[2] Wenngleich der Begriff wohl noch nicht die heutige militante Form umfaßte.
[3] Bei der alle Verletzten – meist mit Messerstichen – zu den betrunkenen Rowdies – Skinheads – gehörten.

Reginald Rudorf: Die vierte Gewalt. Das linke Medienkartell. Frankfurt/Berlin 1994. 231 Seiten

 

siehe auch: Das System Relotius

Wie man Vertrauen verliert

Mainstream

Das rote Mehr u.a 


passend dazu – vor allem der erste Teil:

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