Das ewig Weibliche

Beim Joggen treffe ich eine Bekannte. Ihr war vor Jahren der Mann gestorben, an dem sie sehr hing. Seither wirkte sie gebeugt und traurig.

Nun aber ist das Leben zurück. Ich bekomme es selbst zu spüren. Sie, die attraktive Mittvierzigerin, steht im eng anliegenden kurzen Kleid, das kaum noch Fragen offen läßt, in der Sonne. Ein kurzer Augenaufschlag, ein angedeutetes Lächeln, die Lippen leicht geschürzt, eine sanfte Drehung in der Hüfte, die Hand streicht über den Rock. Ein Augenblick.

Ich kenne diesen Blick, jeder Mann kennt ihn. Er ist ein seltenes Geschenk, er läßt sich nicht fingieren – er kommt ganz tief aus der Frau heraus. Er sagt: Ich bin eine Frau – und was für eine und ich bin wieder da,  das Leben geht weiter …

Wie tief dieser Blick reicht, bemerke ich nach einer Weile an mir selbst, als mir auffällt, daß ich meine komplette Ungarisch-Lektion – die in meinen Ohren weiterlief – verpaßt habe, immer dieses Bild vor Augen.

7 Gedanken zu “Das ewig Weibliche

  1. Pérégrinateur schreibt:

    « Contre vouloir nul n’est contraint d’aimer »¹ meint die Allegorie der Jeunesse (!) in « La Retenue d’Amour »² von Charles d’Orléans.

    ――――――――
    ¹ „Niemand wird gegen seinen Willen gezwungen zu lieben“
    ² „Amors Gefolge“

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    • Ein typischer Pérégrinateur – aber ich fürchte, hier irrte Charles d’Orléans, sofern Liebe oder Verliebtheit eine Naturgewalt ist, die zu unterdrücken in den meisten Fällen schwerer Askese und Kasteiung bedarf. Man sollte sich in dieser Hinsicht eher auf Boccaccio verlassen.

      Das eben war ja das Evidenzerlebnis dieser Zehntelsekunde, daß sich das Leben – so lange es währt – dazu tendiert, zu leben, weiterzuleben und weiterzugeben und dabei spielen biologische Grenzen – die hier ja bereits überschritten sind – meist nur eine sekundäre Rolle. Hier sprach sich die liebegebende, lebengebende Form der weiblichen Existenz exemplarisch aus.

      Selbst Sexualität, die die deutsche Sprache ja als Trieb begreift, entzieht sich der Ratio – da sind wir noch lange nicht beim Lieben. Daher vermute ich, daß fast alle gezwungen werden – mindestens unabhängig vom Willen – zu lieben. Wäre dem nicht so, dann gäbe es auch keine Sublimationsform der Agape.

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      • Michael B. schreibt:

        hier irrte Charles d’Orléans

        Sagen wir zumindest als Ausspruch einer ‚Allegorie der Jugend‘. Gerade die kann dahingehend sehr unfrei sein.

        Das eben war ja das Evidenzerlebnis dieser Zehntelsekunde

        Fuer mich als Leser war es mehr Ihre eigene Reaktion. Darauf bezog sich mein eigener Kommentar: Mit wachsendem Alter werden andere Optionen zugaenglich, auf ratio ist das glaube ich nicht beschraenkt, hat aber auch damit zu tun. Gerade die leidet vorher doch oefter gewaltig.
        Das Ganze macht uebrigens manche erfolgsverwoehnte Jaegerin ganz verrueckt. Im Fall negativ bestimmter Charaktere – u.a. bei zu starker Eitelkeit – wird man mit entsprechendem Verhalten ueberzogen. Eher stabil aufgestellte solche Frauen schaetzen das aber gerade. Vermutlich eine seltene Entspannung fuer sie.

        dann gäbe es auch keine Sublimationsform der Agape.

        Das verstehe ich jetzt gar nicht. Welche sind hier gemeint? Und inwieweit haben sie mit Willensfreiheit in Zuneigungen zu tun?

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        • @ Michael B.

          Die ganze Szene hatte mit mir als Person nichts zu tun. Ich war hier nur Repräsentant des Anderen, des Männlichen. Sie ist ohne die traurige Vorgeschichte – in diesem konkreten Fall – auch nicht zu verstehen; es gibt freilich ähnliche Situationen aus ganz anderen Zusammenhängen heraus. Es ging nur um die Frau an sich – zugegeben, möglicherweise war ihr Blick auch schon eine Reaktion auf meinen Blick, der die Existenz dieser Frau als Frau eingestanden haben mag. Schließlich ist es ein komplexes Spiel mit mindestens zwei Teilnehmern. Genaugenommen gab es sogar noch eine dritte (passive) Teilnehmerin im selben Alter aber sehr bieder gekleidet – es ist nicht auszuschließen, daß eine Art gespiegelter Konkurrenzsituation eine Rolle gespielt hat. Nun bin ich aber kein Sartre, um daraus hundert Seiten zu schinden.

          Es gab mal einen grandiosen Roman zu diesen Konstellationen von Renato Ghiotto: „Scacco alla Regina“ – heute vergessen, war mal ein großer Erfolg, ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Interessiert zwar vermutlich keinen, aber ich könnte – statt auf den Moria-Zug zu springen – dazu mal was bringen.

          Was die Agape betrifft, da bin ich – zugegebenermaßen etwas vulgärpsychologisch und voreilig – vom Primat des „Eros“, der natürlichen „Liebe“ oder „Verliebtheit“ ausgegangen, die überkulturell ist und bis in die Tierwelt nachverfolgt werden kann – dort sowohl im oft „verrückten“ Paarungsverhalten aber auch in vielfältigen Trauerphänomen. Diese Form der Liebe ist vorreflexiv, sie ist einfach, sie ist eine „Leistung“ der Evolution, hormonell, genetisch gesteuert.

          Ihre reflektierte Erfahrung läßt Abstraktionen zu und die Agape ist eine solche Form die evolutiv sogar kontraproduktiv sein kann. Sie ist eine Denk- und Willensleistung, im Christentum theologisch-institutionell verankert. Aber sie wäre ohne die Zwangerfahrung der natürlichen „Liebe“ nicht denkbar – man hatte das Gefühl, man hatte den Begriff, man brauchte nur noch die Ausweitung zum Prinzip.

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          • Michael B. schreibt:

            Die ganze Szene hatte mit mir als Person nichts zu tun. Ich war hier nur Repräsentant des Anderen, des Männlichen.

            Fuer mich war das der interessante Aspekt des Artikels. Ich muss meinen Punkt etwas nachschaerfen:

            Ich weiss ganz sicher, wozu Frauen faehig sind. Darunter sind auch ‚die Asseln‘, diese koennen ein Leben zerstoeren. Man kann aber auch daraus lernen (und wie meist, eben erst daraus – gluecklichen/ungeprobten Menschen fehlt der Anlass). Damit zusammenhaengend zerfaellt zwangslaeufig einiges an Mystifizierung des Weiblichen. Das betrachte ich explizit als positive Entwicklung des Mannes, der dazu in der Lage ist. Es folgt u.a. eine Freiheit wie oben genannt in Form von Handlungsoptionen. Die Wahrnehmung ist dabei nicht eingeschraenkt. Sie wird im Gegenteil klarer und umfassender.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Jeder Ergriffenheit liegt wohl ein primordiales Einverständnis zugrunde, sich auch ergreifen zu lassen. Manche gieren ja geradezu nach dem Gepacktwerden; man konnte etwa in erotischer Hinsicht sagen, ihnen steht der Sinn mehr nach dem Sichverlieben als nach der etablierten Liebe.

        Es gibt aber auch andere, entsetzlich kalte Schleicher, die sich bei jeder Andeutung eines „ozeanischen Gefühls“ (Eros, Religion. Gemeinschaft, …) gleich die Frage stellen: Wo verlaufen hier die dunklen Ritzen, in der die Asseln laufen? Die gibt es immer.

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  2. Michael B. schreibt:

    Eines der schönen Dinge in meinem Alter ist, dass man nicht mehr zwingend auf solche Dinge anspringen muss. Man registriert und kann dann den Schalter umlegen und zulassen oder auch nicht. Viel besser als mit 30 Jahren an den Testi… – Hormonen durch den Ring gezogen zu werden.

    Seidwalk: So ist es! Und das ist auch der – ein – Vorteil einer stabilen Ehe.

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