Heimatbilder

Betrete die Vogtlandbahn. Im Abteil sitzt ein junger Mann mit kahl rasiertem Kopf, die Maske demonstrativ am Kinn, in einem T-Shirt „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“. Will am Automat eine Karte lösen, doch der ist außer Betrieb. Gehe zum Lokführer, der mich einlädt „auf Kosten des Hauses“ zu fahren.

In Leipzig Vorbeifahrt an zwei Skins. Ob der Kurzhaarfrisur wird man gescannt. Im Rückspiegel salutieren die beiden mit gerecktem Arm.

So sind die Vogtländer: „Oh Mann, deine Haare stinken!“ – „Was, die sind doch frisch gewaschen“ – „Das meine ich doch, die riechen so gut.“

Drei Tage Motorsägenlärm im angrenzenden Wald. Es werden die verdorrten und kranken Bäume herausgeschnitten. Danach vollkommen veränderte Skyline. Auch wenn das Vogtland zu den weniger betroffenen Gebieten gehört, leiden die Fichtenwälder an Monokultur und Trockenheit.

Die Talsperre Pöhl hingegen ist seit Jahren zum ersten Mal wieder gut gefüllt.

Die hoffnungslose Überalterung der Region macht sich besonders tragisch am FKK-Strand bemerkbar. Dennoch gibt es Beachtenswertes: auch die Rentner beiderlei Geschlechts und jeglicher Formlosigkeit rasieren sich jetzt die Scham. Ich warte auf den Tag, an dem man beginnt, uns auf unsere Unsitte aufmerksam zu machen.

Besucher bringt Buch als kleines Geschenk. Eines der Sorte, das ich nicht mal eines Blickes würdige. Aufkleber: „Spiegel Bestseller“. Meine Frau sagt, sie lese gerade erneut die „Buddenbrooks“. „Was?! Wer liest denn heutzutage noch Thomas Mann?“

Vermutlich lesbisches Paar am Strand – großer Altersunterschied, ebenso große Frisurangleichung: Kurzhaarschnitt, ausrasiert. Beide oberkörperfrei, aber beständig darauf bedacht, die Brüste zu bedecken. Mit dabei drei männliche, massive Bulldoggen, die schwer atmend kaum schwimmen können. Die junge Frau nimmt den kleinsten und hält ihn in Stillstellung.

“De Inge” steht in großen Lettern auf einem Auto. Aus welchem Land könnte es sein? – mehrere Übersetzungen fallen mir ein. Dann fällt der Groschen – es ist natürlich Vogtländisch.

Bereicherung im Wald. Neben aufgequollenen Damenbinden oder Tampons und benutzten – mitunter zweckentfremdet – Kondomen mehren sich Gesichtsmaskenfunde im Waldstück an der letzten Straßenbahnhaltestelle – Fahrscheine und Taschentücher nicht mitgezählt. Für alle drei Bedürfnisse kann ich ein gewisses Verständnis aufbringen, verstehe aber den Markierungswillen nicht – warum müssen das alle anderen sehen?

Mehrfach folgendes Gespräch geführt: „Und, wie ist es in Ungarn?“ – „Schön!“ – „Ach was, das gibt’s doch gar nicht bei dem Orbán/Despoten/Diktatur!“ – „Na ja, das ist alles etwas komplizierter …“ – „Und die Ungarn, wie können die nur so unmenschlich sein?“ – „Die Ungarn sind ganz nette Leute …“ – „Aber man kann die Menschen doch nicht einfach ertrinken lassen!“ – „Niemand ertrinkt wegen Ungarn …“ – „Dort kann man doch auch gar nicht frei reden!“ – „Ich fühle mich dort freier als hier“ – „Ach hör doch auf!“ … Augenverdrehen, skeptische Seitenblicke – ich sage besser nichts mehr.

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