Mainstream

Bücher, die den Presse-Mainstream entzaubern, haben Bestsellerpotential. Dies allein schon ist ein Indikator des wachsenden Mißtrauens gegenüber Betreuungsmedien.

Hatte Juan Moreno letztes Jahr den Relotius-Skandal als Einzelfall auseinandergenommen, so beschrieb in diesem Jahr der preisgekrönte Ex-Journalist Birk Meinhardt seinen schmerzlichen Abschied von der „Süddeutschen Zeitung“ – er konnte Regulierung und Verengung des Meinungskorridors nicht mehr ertragen. Bei allen Verdiensten bleiben beide Versuche an der Oberfläche, das Systemische wird vermieden oder kommt nur gelegentlich zum Vorschein.

Man muß vier Jahre zurückgehen, um eine grundlegendere Arbeit zu bekommen. Uwe Krügers „Mainstream“ ist noch so aktuell wie damals. Es hat sich seither wenig geändert, seine geballte Kritik ist offensichtlich am System abgeprallt.

Krüger lehrt Journalistik an der Universität, seine Herangehensweise ist weniger anekdotisch, sondern wissenschaftlich. Das heißt, er hat Statistiken, Umfragen, Studien und Fachliteratur zur Basis seiner Überlegungen gemacht, angereichert mit Erfahrungsberichten und Kritiken.

Der Tatbestand ist nicht zu leugnen, die Vielfalt hat dramatisch gelitten, selbst heutige politische Protagonisten der Einengung haben das vor Langem schon bekrittelt, wie etwa Frank-Walter Steinmeier, der aus dem Jahr 2014 zitiert wird:  „Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.“

Aber warum ist das so? Krüger sieht den Katalysator in der Krim- und in der Ukraine-Krise, in der die deutsche Presse nahezu unisono eine Rußland- und Putinkritische Position einnahm, und das, obwohl ein Großteil der Bevölkerung eine Annäherung wünschte und die historischen Ereignisse deutlich differenzierter gesehen hatte. Tatsächlich dürfte es so einen Nullpunkt nicht gegeben haben – es sind wohl eher schleichende Prozesse, deren tiefere Ursache in der kulturellen Hegemonie der 68er-Bewegung und der neueren Frankfurter Schule zu suchen sein dürften und diese wiederum sind historisch und gesellschaftlich bedingt.

Allein die letzten Jahre vor Erscheinen des Buches bieten eine ganze Phalanx an Beispielen der systematischen Einseitigkeit und der Entfremdung von den Lesern: der Finanzcrash, die Griechenland-Rettung, die Ukraine und Rußland, der Kosovo-Krieg, der Irak-Krieg, der Afghanistan-Einsatz, die Militärdoktrin, die Flüchtlingskrise …

Die Begriffe der „Lügenpresse“ und „Gleichschaltung“ lehnt Krüger ab, sie seien zu aggressiv, historisch vorbelastet und beschreiben auch meist das Problem nicht, denn das Problem sind weder bewußte Lügen noch eine „von oben“ konzertiert gesteuerte Synchronisierung, vielmehr handelt es sich um schleichende, sublime und subkutane Prozesse, oft unbewußt oder im Bewußtsein, das Richtige zu tun, von vielen Teilnehmern im Informationsprozeß auf je ganz unterschiedliche, aber typische Weise verwirklicht.

Auch darf man bei der Beschreibung ein Wahrnehmungsdilemma nicht übersehen – den „Feindliche-Medien-Effekt“ –, der im paradoxesten Fall beide weltanschaulichen Seiten – etwa „links“ und „rechts“ – über einen Beitrag monieren läßt, weil beide wahrnehmen, daß der gegnerischen Seite zu viele Zugeständnisse – nicht „kritisch“ genug – gemacht wurden. Kurz: Menschen tendieren dazu, Nachrichten durch ihren Weltanschauungsfilter zu sehen, der sie hochsensibel für Triggervokabeln macht.

All dessen eingedenk macht Krüger ganz objektive Faktoren aus, die die journalistische Qualität zwangsläufig senken. Zunehmender Zeitdruck etwa, der zum gegenseitigen Abschreiben verleitet, zum Recherchedefizit, zum Wettbewerb um die schnellste Meldung, letztlich auch zur Emotionalisierung und Bewertung statt zur Faktenanalyse, die deutlich mehr Zeit bräuchte; oder wirtschaftlicher Druck, der durch die schwierige ökonomische Lage vieler Medien oder durch „wirtschaftliche Interessen des eigenen Medienhauses“, die indirekte Macht bedeutender Anzeigenkunden etc. entsteht; und schließlich auch logistische Probleme, etwa die Abhängigkeit von den Presseagenturen und deren Auswahlpolitik.

Journalismus spiegelt so auf vielerlei Ebenen den Stand und das Niveau der politischen Debatte einer Gesellschaft wider.

Das Phänomen des „Indexing“ beschreibt eine auffällige systemische Konkordanz zu Positionen des politischen Establishments. Es gebe immer weniger strategische Kritik; um die politikkontrollierende Rolle der Medien aber darzustellen, setze man auf taktische Kritik, oftmals also individuelle Fehlentscheidungen.

Die Nähe zu Regierungspositionen kommt durch vielfältige personale Verflechtungen zustande, ist zum Teil auch objektiv bedingt, da Einsichten in politische Prozesse nun mal nur aus dem Establishment zu haben sind. Zudem haben sich die Parteien in Deutschland einander stark angeglichen, sind ununterscheidbarer geworden, so daß eine Vielfalt der Positionen aus diesem Komplex nur noch in kleinen Details durchsickert. Der Journalismus leidet ganz konkret an den Krankheiten des politischen Systems, an den intrinsischen Gefahren für die Demokratie.

Es gibt auch wichtige soziologische Gründe. Die journalistische Welt repräsentiert in keiner Weise die deutsche Realität. Es gibt eine erschreckende grün-rot-Verschiebung; weniger als ein Viertel der Journalisten bekannte sich in Umfragen zu politischer Unparteilichkeit, sie entstammen wesentlich den gleichen Milieus und bestimmte Lebenswelten sind so gut wie nicht vertreten, sie  leben in den gleichen Vierteln, es existiert sogar eine Habitusangleichung und auch der Nachwuchs ist einer starken sozialen Selektion ausgeliefert, der vornehmlich nur ihresgleichen durchsickern läßt. Diese Blase – die mehrheitlich die Vielfalt zur Ideologie und Utopie erklärt – „steckt in einer Homogenitätsfalle“, die man nun – möchte man hinzufügen – vielleicht durch Farbe und Geschlechter versifiziert, vermutlich aber nicht durch politische Opposition oder Milieu-Vielfalt. „Die Eliten suchen sich ihre Journalisten aus.“

Eliten-Netzwerke sind ein weiteres Problem: „Wer vom Habitus her kompatibel mit den oberen Schichten ist, hat größere Chancen auf eine Karriere“, auch gezwungenermaßen, denn wer am Tropf der politischen Eliten hängt, der muß sich wie diese benehmen, will er den Honig der Information absaugen. „Wer hier arbeitet, dem hilft Fundamentalopposition nicht weiter, für den ist eher ein funktionierendes, gut gepflegtes Netzwerk zu Akteuren und Insidern nützlich“.

Wie diese Netzwerke über Lobbygruppen, über exklusive Klubs, über mehr oder weniger subtile Erziehungs- und Strafmaßnahmen durchgesetzt werden, beschreibt Krüger ebenso, wie er kursorisch die Verflechtungen und Abhängigkeiten einiger Mediengrößen offenlegt: Theo Sommer, Peter Frey, Kai Dieckmann, Mathias Döpfner, Claus Kleber, Josef Joffe, Stefan Kornelius, Michael Stürmer … sie alle sind Transatlantiker, sind vielfach verflochten, institutionell gebunden und klingen oft erschreckend gleich. Gekauft oder direkt manipuliert sind sie dennoch nicht, sie sind eher Überzeugungstäter, deren Überzeugung durch komplexe Konditionierungsmechanismen aufrechterhalten wird.

Krüger findet dafür das Wort „Verantwortungsverschwörung“. In diesem an sich bereits homogenen Zirkel stellt sich demnach die Frage „Wem nützt es?“ und da man klare politische Präferenzen gemeinsam hat, hat man auch die gleichen Gegner, die man nicht mithilfe von Realität stärken möchte. Man meint, das aus Verantwortung der Gesellschaft gegenüber tun zu müssen, über deren Ideal man sich im geschlossenen Kreis einig ist.

Direkte politische Beeinflussung will Krüger nur in Extremsituationen ausmachen, etwa am 30.9.2015, als die Kanzlerin die Intendanten briefte, ansonsten war es „eine Verschwörung, die vielleicht keiner persönlichen Absprache im Hintergrund bedurft hatte und nur aufgrund gemeinsamer Einstellungen und Werte funktionierte, aber dennoch als politisch-mediale Schweigespirale wirkte.“ Dies wiederum entlastet die Politikerriege vor der „Gefahr“ der öffentlichen Kritik. Offenbar ein gut geöltes System.

Krüger trägt das alles derart unaufgeregt vor, daß man darauf achten muß, hochbrisante Informationen nicht zu übersehen.

Nur am Ende, als es um die Kur geht, enttäuscht das Buch ein wenig. Der Autor wirbt einerseits und zu recht um Verständnis bei den Lesern für die Zwänge, in denen die Medienarbeiter stecken und um einen kultivierten Ton der Kritik, hat umgekehrt aber wenig mehr für jene zu bieten als Moralappelle. Statt systemische Änderungen anzumahnen, die weit ins journalistische Vorfeld reichen müßten, appelliert er ans Berufsethos – obwohl das ganze Buch gerade nachgewiesen hat, daß „Querulanten“ systematisch vom System ausgeschieden werden. Die Journalisten sollten ein „Grundvertrauen in die Mündigkeit des Publikums und in die Selbstregulierung der offenen, demokratischen Gesellschaft“ haben – in etwas also, das es gar nicht mehr gibt und vielleicht auch nie gegeben hat.

Dennoch ist dieses Buch bis auf weiteres auf der analytischen Ebene das Nonplusultra der aktuellen Medienkritik.

Es wäre nun zu klären, warum diese glasklare Analyse die eigentliche Zielgruppe offenbar unbeeindruckt hinterließ, warum die Kritik scheinbar komplett am politisch-ökonomisch-medialen Komplex abtropfte. Die Zustände haben sich seither verschlechtert und in der Corona-Krise eine neue Qualität erreicht, die benannten Akteure sind meist noch immer voll im Geschäft und haben den Ton eher verschärft. Eines jedenfalls ist sichtbar: Appelle werden der Misere nicht abhelfen.

Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. München 2016. 174 Seiten (davon 28 Apparat). 14,95 €

siehe auch: Wie man Vertrauen verliert

Das System Relotius

2 Gedanken zu “Mainstream

  1. Dieter Zorn schreibt:

    Alles richtig. Aber, Lügenpresse ist einfach ein Kampfbegriff der die Verhaltensweise der Mainstreammedien zusammenfasst – und trifft. Nicht mehr, nicht weniger. Wer wie ich täglich ca 15 Medienorgane konsumiert, von links bis rechts, und seit zehn Jahren in der FAZ Online kommentiert, weiß wie Medien selektieren, verschweigen, verzerren und zensieren. Aber, das ist ja nicht verwunderlich. Überrascht ist nur derjenige, der an das Märchen von den überparteilichen und neutralen Medien glaubt. Wie sagte Scholl-Latour so schön: Zeitungen werden von Leuten mit Vorurteilen gemacht, um die Vorurteile ihrer Leser zu bestätigen. Das war schon immer so, wird jedoch nur in extremen Krisenzeiten deutlich sichtbar, weil die dann einsetzende Polarisierung in der Gesellschaft auch die Journalisten und Medien erfasst. Sie zeigen dann (noch mehr) Haltung. Der wesentliche Unterschied zu den Siebzigern und dem Kampf um die Ostverträge oder die Mitbestimmung, wo die Polarisierung genauso hoch war, ist jedoch heutzutage, dass das Kartell der links-liberalen Mitte, unisono sein System verteidigt. Es gibt keine zwei Lager mehr im Mainstream. Sondern nur noch den Mainstream und die alternativen Medien. Verteidigt wird kompromisslos und alternativlos, da das System des demokratischen Schuldenstaats höchst gefährdet ist. Mit immer mehr Schulden und auch mit Rechtsbrüchen. Das liegt vor allem daran, dass die beiden Parteien der Mitte, die Union und die SPD, nur noch unterschiedliche Varianten derselben Politik in einer total sozialdemokratisierten Gesellschaft bilden.

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  2. Otto schreibt:

    Der Markt würde alles regeln, aber er ist im Sozialismus ausgehebelt. Darum Vorwärts in den Abgrund!

    Seidwalk: Das ist zu einfach. Die Diktatur könnte auch alles regeln – sofern man auf ihrer Seite steht. Aber weder haben wir einen „Sozialismus“, noch ist es ja so, daß die Presse über Jahrzehnte am Markt vorbei geschrieben hätte. Sie hat auch hervorragende Arbeit geleistet. Es gibt zudem diesen Markt der Lügen tatsächlich und er ist auch nicht nur auf Links beschränkt.

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