Analyse und Verletzung

Nein, das war kein angenehmes Gespräch – aber ein notwendiges, von beiden Seiten.

Vor der Tür stehen gute Bekannte mit ernsten Gesichtern. Sie müßten mit uns reden. Bisher war unsere Beziehung freundlich bis herzlich, aber wenig tief. Die Leute sind liebenswert, nett, höflich, freundlich, kultiviert …, alles, wie es sein muß und dennoch kam es nie zu einer größeren Nähe. Und dafür gab es Gründe.

Die waren es nun, die Gründe, die uns in diese unangenehme Situation brachten, genauer gesagt, mein Ausplaudern der Gründe, mit drastischen Worten. Und zwar hier auf dieser Seite. Ich hatte in ihnen etwas Zeittypisches ausgemacht – wie immer, denn nur das Typische, das Verallgemeinerbare, das allgemein Signifikante interessiert mich, selten das Individuum.

Als solches hatte sich unser Bekannter in einem Beitrag wiedererkannt. Daß er an unserer Tür klingelt und mir das ins Gesicht sagt, zeugt von Charakter und widerspricht zum Teil meiner damaligen Einschätzung. Es gehe auch nicht um Politik, die AfD oder Schnellroda, sagt er, nicht um die vollkommen konträren politischen Ansichten, die jedermann haben könne. Es gehe um die Hybris, die Anmaßung und Arroganz, wie ich über andere Menschen urteile und er gesteht, von meiner Zuschreibung getroffen und verletzt gewesen zu sein und die Art und Weise, wie er das vorträgt, zeigt, daß die Verletzung noch nicht verwunden ist.

Das tut mir leid, diese konkrete Anklage trifft mich, denn sie hat Berechtigung. Ich versuche, mein Verhalten zu erklären, sowohl auf der abstrakten Ebene – es gehe nicht um ihn als Person, sondern um das gesellschaftliche Phänomen, das sich im beschriebenen Verhalten offenbart und das ich für gesellschaftsgefährdend halte (möglicherweise irrtümlich) – als auch auf der persönlichen, indem ich kurz die lange Geschichte unserer Beziehung rekapituliere und die zahlreichen Versuche in Erinnerung rufe, den status quo – der mich (egoistischerweise) nicht befriedigte.

Auch verweise ich auf das Grundethos des Blogs – soweit menschlich möglich – objektiv zu bleiben, sich nicht von ideologischen Vorannahmen vereinnahmen zu lassen, selbstkritisch und selbstreflexiv zu sein usw. und versuche auch die Annahme, daß exakt jene Eigenschaft diesen Blog vom Gros der anderen unterscheidet, bringe die Differenz von Text und Mensch ins Spiel. Und ob er die ironischen Momente des Textes – der für meine Verhältnisse sprachlich und in seiner inneren Logik übrigens gut gelungen war –, ob er die thematischen Anspielungen an Gogol oder Nietzsche, von denen die eigentlich verletzenden Worte – als versteckte Zitate – stammen, erkannt habe.

Eines sollte klar sein: wenn ich über konkrete Personen meines persönlichen Umfeldes berichte, dann werden diese soweit verfremdet, daß sie von dritten nicht erkannt werden können. Mit der Möglichkeit, daß sie sich selbst erkennen könnten, hatte ich naiverweise nicht gerechnet – die Verfremdung müßte dann vielleicht so weit gehen, daß das Typische darunter verloren geht.

Aber es nützt nichts. Sie wollen hiermit den Kontakt beenden, meine Bitte, doch den Menschen, den sie kennen und nicht dessen Texte zum Kriterium zu machen überzeugt nicht. Zum Schluß gibt es noch eine absolute Konklusion – es fällt der Satz: „In dieses Haus habe ich zum letzten Mal meine Füße gesetzt!“ Das wiederum verletzt nun mich.

So trennen sich also unsere Wege. Mein Empfinden gegenüber diesen Leuten hat sich nicht geändert, aber ihres mir gegenüber. Und ich kann sie verstehen, sie haben durchaus recht. Es sollte nicht passieren, anderen Menschen Schmerz zuzufügen, Dinge zu sagen, die sie selbst als beleidigend empfinden.

Ob dies allerdings möglich ist, ob man Realitäten beschreiben kann, ohne andere Menschen zu verletzen, das bleibt fraglich und das ist nur eine von vielen abstrakten Fragen, die dieses Gespräch aufgeworfen hat. Vielleicht werde ich mich diesen Fragen später stellen. Jetzt geht das nicht – dazu tut es mir zu leid. Im Moment überwiegt das Gefühl der Schuld, auch wenn diese – wenn man mit klarem Kopf darüber nachdenkt – nur auf Gefühlen basiert – wie die Verletzung andererseits auch – und einer rationalen Analyse vermutlich nicht standhalten kann.

Es geht auch nicht darum, wie man selbst auf Derartiges reagiert hätte. Ich selbst habe mir folgendes Verhalten verordnet, bei Mark Aurel gelernt: Werde ich beschrieben oder kritisiert, dann frage ich mich zuallererst, ob diese Beschreibung mich trifft oder nicht. Tut sie es nicht, irrt der andere also, ignoriere ich sie. Tut sie es allerdings, setzte ich mich aktiv mit ihr auseinander und versuche ihrem Wahrheitsgehalt gerecht zu werden – so zumindest geht die Theorie, die menschlichen Defizite ignorierend. Derart verhindert man, sich verletzt oder beleidigt zu fühlen.

Tatsächlich gab die von mir gelieferte Beschreibung natürlich nicht den ganzen Menschen wieder und sie erschöpft auch nicht, wie ich über ihn denke – insofern ist er als Mensch nicht getroffen, dachte ich, nur eine Facette wurde herausgegriffen und damit unverhältnismäßig überhöht. Mein Urteil über diese Facette, das zugegebenermaßen hart und polemisch war, konnte dann wie ein Urteil über den Menschen wirken.

Der Vorwurf stellt letztlich alles in Frage. Will man ihn vermeiden, müßte man die Arbeit am zeitkritischen Text beenden oder diese zumindest soweit entstellen, daß sie ihre analytische Potenz verliert.

PS: Daß ich mir vorbehalte, über dieses Gespräch zu schreiben, hatte ich am Tisch sogleich  angekündigt.

5 Gedanken zu “Analyse und Verletzung

  1. Michael B. schreibt:

    nur eine Facette wurde herausgegriffen und damit unverhältnismäßig überhöht.

    Nicht zwingend, manchmal hat man die Bedeutung der Facette nur nicht gesehen. Es ist wie bei jedem Trauma – neben der Staerke der Einwirkung ist die Wichtigkeit der getroffenen Stelle entscheidend fuer die Auswirkung. Der Reiz kann von aussen gesehen oder gar objektiv schwach sein.

    Es gibt dahingehend Warnzeichen, und damit zu dem konkreten Problem zurueck, welches hier wohl alle kennen. In einem ‚meiner Faelle‘ war ein solches Vorzeichen die sichtbare Unbehaglichkeit bei Gebrauch des Wortes Gutmensch. Ablehnung jedes Zugestaendnisses an Ironie – obwohl man nicht humorlos ist – leicht stoerrisches „Gutmenschen gibt es nicht, nur gute Menschen“. Hinweise auf altbekannte Synonyme wie Bigotterie, Pharisaeer etc. werden als unvergleichbar zur Seite geschoben oder beschwiegen, Naziherkunft des Wortes wird behauptet (ist wohl nicht einmal zutreffend) und damit das uebliche Framing versucht.

    Das sind Treffer in wesentliche Persoenlichkeitscharakteristika. Und als solche sollte man sie sehen und ernst nehmen. Es erklaert u.a. viel an der damit verbundenen irrationalen Eigenimmunisierung und die Unwirksamkeit Ihrer versuchten Unterscheidungen von Mensch und Werk, Teilen und Ganzem (das Teil ist einfach zu dominant als es noch getrennt sehen zu koennen), Hoeflichkeit und Polemik, etc.. In den Augen solcher Leute reden Sie sich damit nur heraus, denn so wie ihr Eigenbild fuer sie wichtig und unverrueckbar ist, ist Ihre Meinung fuer sie nur ein einziger grosser Antagonist dazu. Die geargwoehnte Verschleierung ertraegt man irgendwann nicht. Uebrigens Zustimmung – dass da selbst jemand kommt, ist sehr selten. Im Allgemeinen wird einfach der Kontakt auf Null reduziert.

    @fauxelle

    daß die Kränkung der Gefühle eine soziale Münze ist, deren Wert steigt.

    Ganz wichtiger Teilaspekt des Rueckfalls in Irrationalitaet dieses gegenwaertigen Zeitalters.

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  2. Been there, done that – man blättere auf der Sezession-im-Netz-Seite zurück zur „Ethnomasochistin“ und den darauf folgenden Artikel über die „Interaktion unter Anwesenden“. Heute sehe ich alles völlig anders, aber das stellt die zerbrochene Beziehung nicht wieder her. Inzwischen könnten wir miteinander wohl auch aus vielen anderen Gründen nichts mehr anfangen. Relevant ist allerdings gesellschaftlich – und darum muß es vor allem gehen – daß die Kränkung der Gefühle eine soziale Münze ist, deren Wert steigt. Dies, so vermute ich, weil man mit ihr weit über persönliche Beziehungen hinaus zahlen kann: in den Sozialen Medien, vor Gericht, in Anstellungsverhältnissen.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Als Antwort auf fauxelle.

      Neue Maxime: Wer schreit, hat Recht.

      Und wer eine besonders kräftige Luftdruckpumpe besitzt, angetrieben selbstredend stets von vorgehender eigener Diskriminierung oder Verletzung, kann damit “moral fracking” (Klonovsky) betreiben. Der die förderlichen Spalte offenhaltende Sand wird dabei den Naiven mit heißer Luft ins Auge geblasen.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Interessant wäre wohl ein Verweis auf den einschlägigen Artikel …

    Haben die Betreffenden im Gespräch denn eingeräumt, durch die Angaben jedenfalls nicht von anderen identifizierbar zu sein? Hatten Sie auch ihnen gegenüber zuvor die Bewertung von deren Verhalten geäußert oder angedeutet?

    Wenn jemand fest in den Klauen einer Religion oder sonstigen Ideologie steckt, ist es fast unmöglich, zu kritisieren ohne zu verletzen, Schon allein der Hinweis auf eine rein logische Widersprüchlichkeit bringt einem dann gewöhnlich den Vorwurf der Arroganz ein. Doch wenn das Übel allgemeiner Natur ist und böse Folgen zu zeitigen droht, sollte man sich nun gewiss nicht darum scheren.

    @ Seidwalk: Den Artikel habe ich gelöscht – nach langem Hin und Her. Swallow your pride. Zuerst hatte ich nur die inkriminierende Stelle entfernt. Als Vergleichsfall könnte man „Erziehung kaputt“ heranziehen – wie soll man ein solches Phänomen beschreiben, das ja in seiner Verallgemeinerbarkeit gesellschaftsrelevant ist, ohne die entsprechende Person – sollte sie sich erkennen – zu verärgern?

    Darüber hinaus werde ich die Sache nicht weiter öffentlich diskutieren – hatte sogar überlegt, Kommentare in diesem Falle nicht zuzulassen.

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    • NIKODEMUS schreibt:

      „Als Vergleichsfall könnte man „Erziehung kaputt“ heranziehen – wie soll man ein solches Phänomen beschreiben, das ja in seiner Verallgemeinerbarkeit gesellschaftsrelevant ist, ohne die entsprechende Person – sollte sie sich erkennen – zu verärgern?“

      Meinetwegen können Sie diesen Abschnitt meines Kommentars löschen, wenn Sie darüber nicht weiter diskutieren wollen oder er Ihnen nicht passt – ich fühle mich auch nicht dazu berufen, Ihnen Tipps zu geben. Ich kann folgendes feedback geben: Als ich den Beitrag „Erziehung kaputt“ seinerzeit las, dachte ich spontan: Hui, wenn die geschilderte Person das liest, wird sie mit Herrn Seidwalk wohl kaum noch ein Wort reden.. Wenn Sie den Lebensentwurf „allein erziehend“ kritisieren, können Sie nicht vermeiden, dass sich Betroffene verletzt fühlen. In dem Beitrag wird aber nicht nur das Typisierende dargestellt, sondern auch Individuelles. Die Begegnung wäre doch für Sie genauso nervtötend gewesen, wenn es sich um einen Einzelfall gehandelt hätte.

      Allgemein: Ich habe natürlich auch schon erlebt, dass sich wer von meinen Positionen persönlich beleidigt gefühlt hat, obwohl ich auf einer allgemeinen Ebene diskutiert habe. So vertrete ich beispielsweise ein sogenanntes stockkonservatives Familienbild, d. h. ich bin der Auffassung, dass es für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes am Besten ist, wenn es bei Vater und Mutter aufwächst und nicht zu früh in staatliche Betreuung kommt.

      In Gesprächen mit alleinerziehenden Müttern oder Homosexuellen mit Kinderwunsch kommt diese Position erfahrungsgemäß nicht gut an. Erfahrungsgemäß fühlen sich diejenigen auf einer persönlichen Ebene angegriffen, weil mein Leitbild ihren Lebensentwurf zumindest implizit abwertet oder abzuwerten scheint, indem ich ihnen die Fähigkeit, gut für ein Kind zu sorgen, absprechen würde.

      Ich kann es denjenigen nicht verdenken, dass sie persönlich reagieren. Gleichzeitig neige ich dazu, in der Art der Reaktion eine narzisstische Kränkung zu sehen. Denn insoweit scheint es doch vor allem um die Bestätigung eines bestimmten Selbstbilds zu gehen. Ausserdem unterscheide ich zwischen dem allgemeinen Ideal und der allgemeinen Realität und dem Einzelfall.

      Ich merke ausserdem, dass ich selbst nicht frei davon bin. Auch bei mir ist eine persönliche Ebene angesprochen, und ich muss dann aufpassen, mich im Gegenzug nicht ebenfalls gekränkt zu fühlen. Mein konservatives Familienbild beruht ja nicht auf der Lektüre wissenschaftlicher Studien, sondern auf meinen Erfahrungen als Kind und vor allem Scheidungskind.

      Seidwalk: „Die Begegnung wäre doch für Sie genauso nervtötend gewesen, wenn es sich um einen Einzelfall gehandelt hätte.“
      Möglich – hätte dann aber hier keinen Eingang gefunden.

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