Denkanstöße – Leserbrief

Letztlich sind Rassismus, Antisemitismus und Sexismus in erster Linie Wörter und damit Signifikanten (sprachliche Zeichen), die mit Signifikat (Bedeutung) und Referent (Entsprechung in der Wirklichkeit) ausgestattet sind. Während der Signifikant gemeinhin derselbe bleibt, unterliegt das Signifikat dem gesellschaftlichen Wandel, den man seit ein paar Jahrzehnten als „Diskurs“ bezeichnet.

Das führt auch zum Bedeutungswandel der Begriffe, was sich am Beispiel Rassismus zeigen läßt. Der Begriff ‚Rassismus‘ hatte früher noch eine recht enge Definition (Signifikat), er war mit der pseudowissenschaftlich-biologistischen Rassenkunde des 19. Jahrhunderts assoziiert und hielt gesellschaftlich als Legitimation für Sklaverei und Kolonialismus her. Als Signifikant für diese barbarischen, zutiefst inhumanen Zustände erwarb er über die Jahrzehnte hinweg ein ungeheuer moralisches Gewicht – nach biologistischen Kriterien, reinen Äußerlichkeiten also, Menschen in höherwertig (und daher legitimiert zu herrschen) und minderwertig (zur Unterdrückung prädisponiert) einzuteilen, das gilt zivilisierten Menschen als barbarische Teufelei, von der man sich selbstverständlich distanzieren möchte. Mit Rassisten (Referenten, auf die dies zutrifft) mag man nichts zu tun haben und sie gehören ausgegrenzt.

Nun ist der Signifikant ‚Rassismus‘ derselbe geblieben, innerhalb des poststrukturalistischen Diskurs (Gender und Postcolonial Studies) erlebte er allerdings einen tief-greifenden Wandel seines Signifikats. Nicht mehr verweist er nun auf den biologistischen(!) Rassismus, der gesellschaftlich quasi desavouiert ist, sondern wurde ausgedehnt auf die Herabsetzung oder auch nur Kritik kultureller(!) Erscheinungsformen, also als nichtweiß gelesener Bräuche, Weltanschauungen, Habitus etc.

Das bringt zahlreiche Probleme mit sich: Einerseits wird durch die Vermengung zweier Sphären (Körper/Herkunft und Geist/Weltanschauung) eine Art Neo-Essenzialismus etabliert, d.h. den Angehörigen einer gewissen ethnischen Gruppe wird durch Antirassisten eine gewisse, ganz charakteristische Weltanschauung zugeschrieben – dies ist dann das, was als Identität bezeichnet wird (in dieser Konnotation ebenfalls ein Begriff des Poststrukturalismus). Diese Identität – also das Konglomerat von Körper und Geist – wird, so es sich um PoC handelt, von Antirassisten im Sinne einer Critical Whiteness als unbedingt schützenswert vor Kritik durch Weiße erachtet.

Das bringt dann mit sich, daß ein aufklärerischer Universalismus als eurozentristisch angesehen und damit als rassistische Haltung verunglimpft wird, da er aus einer (als privilegiert verstandener) weißer Position eine (als marginalisiert definierte) PoC-Position zurückweist. Der Signifikant ‚Rassismus‘ macht durch sein gewandeltes Signifikat also bereits bspw. traditionslinke oder antideutsche Universalisten zu ‚Rassisten‘, wenn sie auf einer allgemeingültigen Kritik des Sexismus oder des Antisemitismus beharren und damit einige als von Antirassisten als ‚marginalisiert‘ verstandene Weltanschauungen(!!) wie den Islam (pars pro toto) kritisieren und als sexistisch/antisemitistisch etc. ablehnen. Daher wurde bspw. von islami(sti)sch interessierten Antirassisten der Terminus „antimuslimischer Rassismus“ kreiert, der darauf zielt, nicht nur biologistische Ressentiments gegenüber Türken/Arabern, sondern auch eine linke, bürgerliche, aufklärerische, marxistische, psychoanalytische, nietzscheanische und/oder feministische Religions(!)kritik als ‚rassistisch‘ zu denunzieren. Beim Signifikanten ‚rassistisch‘ schwingt damit trotz geändertem Signifikat sämtliche moralische Konnotation mit, die der Signifikant sich dank seines einstigen, deutlich präziseren Signifikats erworben hat.

Damit sind neuerdings auch Menschen als Referenten des Begriffs ‚Rassist‘ vereinnahmt, die Araber/Türken an sich als gleiche Menschen unter gleichen verstehen, die allerdings den Islam als kulturgeschichtliches Konstrukt(!) genauso kritisieren wie den Nationalsozialismus, Katholizismus, Kommunismus, Kapitalismus etc. von Weißen, ohne Weiße damit als Menschen an sich abzuwerten. Durch diesen semantischen Turn in der antirassistischen Terminologie werden also weiße Liberale oder Linke als ‚Rassisten‘ gelabelt und mit sämtlicher moralischer Verabscheuungswürdigkeit konnotiert, mit der die einstigen biologistischen Rassisten (die für den Signifikant Rassismus prägend waren) als Kolonialisten/Rassenkundler/Sklavenhalter den Begriff durch ihre Handlungen aufgeladen haben.

Insofern ist es für KünstlerInnen oder Intellektuelle höchst riskant geworden, aufklärerische und humanistische Prinzipien(!) universell zu vertreten – wollen sie den Begriff der gleichen Menschheit denn ernstnehmen und daher auch eine universalistische Kritik ideologieübergreifend ausüben. AntirassistInnen, die sich dem dargestellten semantischen Turn verschrieben haben, sehen sich durch die moralische Konnotation, die dem Signifikant ‚Rassismus‘ beiwohnt, dazu legitimiert, trotz geändertem Signifikat nun auch jene als verdammenswerte Referenten zu behandeln, die von den ursprünglichen Referenten nicht weiter genug entfernt sein könnten. Das ist – meiner Einschätzung nach – höchst ungerecht.

Die Folge ist das, was zeitgenössisch als „Verengung des Meinungskorridors“, „Einschränkung der Meinungsfreiheit“, „Totalitarismus“ etc. bezeichnet wird, und in einem dialektischen Turn auch von Rechten funktionalisiert wird: Indem völlig legitime, linke oder bürgerliche Positionen von Antirassisten denunziert werden, sehen sich Faschisten, die dem ursprünglichen Signifikat des Signifikants ‚Rassismus‘ tatsächlich noch entsprechen, sozusagen ‚im selben Boot‘ mit jenen, die ungerechtfertigt denunziert werden, und nivellieren den – hier semantisch triftigen – Rassismusvorwurf demagogisch als „Na und, dann bin ich eben Rassist“ oder „ Dann bin ich halt Faschist, genau wie Hamed Abdel-Samad oder Ayaan Hirsi Ali, lol“. Solches Verhalten von Rechten geht nicht zuletzt auf die Kappe von Antirassisten, die den Signifikanten ‚Rassismus‘ inflationär ausgeweitet und dadurch ein stückweit entkernt haben.

Gleichsam führt es dazu, daß mittels eines sogenannten ‚Empowerments‘ durch als Marginalisierte Verstandene sehr vieles als Teufelszeug verdammt und ausgegrenzt wird, daß traditionell ein absolut legitimer, plausibler und auch progressiver Teil des linken, liberalen und bürgerlichen Diskurses war. Cancel Culture vermag es somit, eine kritische Haltung mit einer faschistischen gleichzusetzen – und damit im Rahmen einer auf den Sprechort ausgerichteten ‚Critical Whiteness‘ aufklärerische Kritik durch Weiße aus dem Diskurs zu entfernen, während reaktionäre Positionen durch PoC als tolerabel zu gelten haben. Das führt zu ebenjenen desaströsen diskursiven und zivilisatorischen Verwerfungen, die aktuell im Fokus der glücklicherweise erfolgenden liberalen Kritik stehen.

gefunden in einem Kommentarstrang in der „Zeit Online“Yascha Mounk: Kollektive Zensur. Zeit Online 12. August 2020

6 Gedanken zu “Denkanstöße – Leserbrief

  1. Werner von Brotmann schreibt:

    Herr Seitengang, so geht es nicht weiter, Sie können nicht einfach Kommentare zusammenklatschen. Ich habe mein möglichstest auf vielfältigen Internetseiten getan, ich ziehe mich jetzt zurück und verlasse hoffentlich bald diesen Erdball. Sie und alle anderen können ja gerne in den nächsten Jahrzehnten die braunen und schwarzen Penen lutschen, dafür bin ich mir allerdings zu fein. Ich wähle als anständiger Deutscher (mit Abstammung) den Freitod.

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  2. Benton L. Bradberry schreibt:

    Was hat uns Oswald Spengler schon heute noch zu sagen?

    „(…) Wir können uns nicht erlauben, müde zu sein. Die Gefahr pocht an die Tür. Die Farbigen sind nicht Pazifisten. Sie hängen nicht an einem Leben, dessen Länge sein einziger Wert ist. Sie nehmen das Schwert auf, wenn wir es niederlegen. Sie haben den Weißen einst gefürchtet, sie verachten ihn nun. In ihren Augen steht das Urteil geschrieben, wenn weiße Männer und Frauen sich vor ihnen so aufführen, wie sie es tun, zu Hause oder in den farbigen Ländern selbst. (…) Aber die größte Gefahr ist noch gar nicht genannt worden: Wie, wenn sich eines Tages Klassenkampf und Rassenkampf zusammenschließen, um mit der weißen Welt ein Ende zu machen?“

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  3. Tommy schreibt:

    „Diese Identität – also das Konglomerat von Körper und Geist – wird, so es sich um PoC handelt, von Antirassisten im Sinne einer Critical Whiteness als unbedingt schützenswert vor Kritik durch Weiße erachtet.“

    Der Kommentarschreiber hat m.E. nicht verstanden, was „critical whiteness“ bedeutet, es geht dabei darum, das Konzept der „whiteness“ zu dekonstruieren als eine Identität, die im Grunde keinerlei realen Hintergrund hat, sondern nur erfunden wurde, um die Unterdrückung und Diskriminierung von „people of color“ zu rechtfertigen. Vertreter von whiteness-Studien sagen provokant ja ganz offen, dass es ihnen darum geht, die weiße Rasse abzuschaffen (also in dem Sinne, dass sie Menschen so umerziehen wollen, dass diese sich nicht mehr als Weiße begreifen).

    Ich kann auch sonst mit dem Kommentar wenig anfangen, empfinde das als peinliches Gejammere eines Linksliberalen, der „Antifaschist“ sein und rechte Positionen politisch ausgrenzen will (und vermutlich auch die ablaufende Masseneinwanderung im Grunde befürwortet), aber dann Unbehagen gegenüber der durch die Einwanderung gestiegene Präsenz des Islams hegt und sich in die Vorstellung flüchtet, man könne Muslimen den illiberalen Gehalt ihrer Religion gewissermaßen aberziehen. Null Sympathie dafür, wenn solche Menschen unter den Widersprüchen ihres Weltbilds leiden und von noch weiter links angefeindet werden, ist das verdient.

    Seidwalk: Und dennoch ist es ihm gelungen, mit poststrukturalistischem Besteck, die Aporien und Wandlungen des heutigen „Rassismus“-Begriffes aufzuzeigen und damit mehr zu leisten als das Blatt, in dem er mitdiskutierte. Ich versuche aus Texten zuerst das Positive mitzunehmen und der Versuchung zu widerstehen, den Dissens zu suchen und in den Vordergrund zu rücken – tut man das, so wird man selten gewinnbringend lesen.

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    • Tommy schreibt:

      „Ich versuche aus Texten zuerst das Positive mitzunehmen“

      Ich kann damit ganz einfach nichts anfangen, weil die ganze Argumentation für mich abgestanden ist und in eine Sackgasse führt. Am Ende kommt dabei doch wieder nichts raus als liberale Islamkritik, die Gegner der Masseneinwanderung und Islamisten gleichermaßen als Feinde der offenen Gesellschaft brandmarkt und so tut, als ob Muslimbrüder und Pegida doch nur zwei Seiten derselben Medaille wären. Die Masseneinwanderung mit all ihren unvermeidlichen negativen Folgen (die teilweise auch wenig bis nichts mit dem Islam als Glaubenssystem zu tun haben) wird dabei weiterhin als alternativlos angesehen. Bestenfalls kommt bei sowas am Ende die Forderung nach Umerziehungskursen sowohl für rechte Migrationsgegner als auch für reaktionäre Muslime.

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  4. Werner Brotmann schreibt:

    Ausmordung aller Weißen durch Haiti-Neger um 1800.

    Die Geschichte der Insel Haiti erweist beispielhaft, was Weißen geschehen kann, die in der Minderheit und nicht in der Lage sind, sich zu verteidigen – ihre vollständige Ausmordung durch Fremdrassische. Gunnar Heinsohn, der zu Völkermordthemen publiziert hat, vermerkt, daß in dieser damaligen französischen Kolonie 14.000 weiße Siedler gelebt hätten und daß während der Haitianischen Revolution ab 1791, bis nach der 1804 erlangten Unabhängigkeit, der von Negern und Negermischlingen ausgeführte Genozid an den Franzosen total gewesen sei. Dieser Völkermord wird in allgemeinen Lexika, auch in den umfangreichsten Werken, aufgrund des öffentlichen Lügens und Heuchelns beim Rassenthema fast ganz verschwiegen, erst recht im Schulunterricht und in den Medien. Von Vertretern der Gruppeninteressen der Weißen, wie William Pierce oder Ben Klassen, wurde der Völkermord der Haiti-Neger als eine ernste historische Warnung an die Europäischstämmigen angesehen.

    Seidwalk: Aus dem Spam gefischt – seltsamerweise nicht das erste Mal bei Ihnen. Vielleicht mal Wortwahl überdenken. Es geht hier um Sachargumente, nicht um Provokation oder das Durchsetzen seiner Narrative.

    Werner Brotmann:

    Hochwohlgeborener und sehr hochgeschätzer Herr Seidwalk,

    ich verwende im Netz einen VPN der sich klar und offen als VPN ausgiebt. Da viele tausende User auf eine IP rumgammeln und manchmal auch schlimme Sachen machen, kommt es vor, das die IP im Netz auf der schwarzen Liste steht, es liegt garantiert nich an meiner Wortwahl. Die Wahrheit tut weh, ne Seidwalk?
    Aktuell schreibe ich über Iceland, dort sind eigentlich nur die Raubmordkopieren.

    Werner Brotmann

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    • Tommy schreibt:

      Als Antwort auf Werner Brotmann.

      „wie William Pierce“

      Vielleicht nicht der beste Fürsprecher, hat er doch in seinen „Turner diaries“ selbst unverhohlen genozidale Fantasien propagiert.
      In Genozidstudien scheint Haiti im Übrigen nicht ganz ignoriert zu werden, ich habe zumindest schon nach kurzem Googeln einen Artikel gefunden: Philippe R. Girard, Caribbean genocide, racial war in Haiti 1802-1804, in: Patterns of prejudice 39 (2005), S.138-161.

      Als Antwort auf Tommy.

      Wann nutzt Ihr alle Eure Augen zum sehen? Ihr seid doch nicht dumm hier.

      Werner Brotmann

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