Wie man Vertrauen verliert

In meinem erweiterten Freundeskreis gibt es gleich zwei Abonnenten und bekennende Leser der „Süddeutschen Zeitung“. Es ist noch gar nicht lange her, da bekannte ich, just dieses Blatt kaum noch lesen zu können, so groß seien mittlerweile die Aversionen gegen ein stromlinienförmiges Propagandaorgan. Ich erntete beide Male entsetzte Blicke, die ein fundamentales Erstaunen signalisierten und beide Male vehemente Verteidigungen dieses Flaggschiffes des offenen Meinungsaustausches und der objektiven Information.

Das Angebot, eine beliebige Ausgabe einfach mal hart am Text zu analysieren, wurde nicht angenommen – die Arbeit kann ich mir jetzt auch ersparen, denn ein einstiger mit Preisen dekorierter Vorzeigeautor des Blattes hat in einem schmalen Büchlein eine fundierte Kritik vorgelegt, die als vorbildlich zu gelten hat. Auch sein Abschied von „seiner Zeitung“, die er geliebt und verehrt hatte, endet in einer fast physischen Abscheu.

Birk Meinhardt heißt der Mann und sein schmuckloses Buch nannte er „Wie ich meine Zeitung verlor“. Daß er Ostdeutscher ist, in der DDR sozialisiert, auch mit ostdeutschen Journalistikerfahrungen, und einst in der Hoffnung lebend, innerhalb der SED noch etwas Gutes aus diesem kleinen Land machen zu können – wie so viele –, ist keine Kleinigkeit. Mehr noch: es ist vielleicht das Wesentliche.

Es liefert ihm nicht nur die Schablone, auf der er noch Dinge wahrnehmen kann, die jenen, die in diese falsche Welt hineingewachsen sind, verborgen bleiben müssen, es verschafft ihm auch eine Vergleichsbasis, es macht dieses Buch aber noch in anderer Hinsicht bedeutsam, denn Meinhardt gelingt fast nebenbei, immer wieder das grundlegende Mißverständnis zwischen Ost- und Westdeutschen zu erläutern und sogar nachfühlbar zu machen – erwiesenermaßen für den Ost-, hoffentlich auch für den Westdeutschen.

Über den potentiellen Totschlag-Vorwurf, ein Rechter zu sein, ist der Mann vollkommen erhaben – er ist nur ein sensibler Seismograph von Ungerechtigkeiten, Verstellungen und Lügen. Daß er am Ende seiner schmerzlichen Entfremdung, die zuerst ganz persönlich beginnt, nämlich mit aufwendig recherchierten Artikeln, die dann aus weltanschaulichen und politischen Gründen nicht erscheinen können, also zensiert werden, um dann in die Einsicht eines ganz allgemeinen Problems – weit über die „Süddeutsche“ hinaus – zu gipfeln, daß seine Erkenntnisse denen der „Rechten“ frappant ähneln, zeigt nur, wie nah diese an der Realität waren, zumindest wesentlich näher als die linken Erzählungen.

Geht es zu Beginn um versagende Personen, so wird die Kritik späterhin immer allgemeiner und umfaßt das gesamte mediale System. Daß Kritik und Einsicht von innen kommen, auch manches Betriebsgeheimnis verraten wird, macht sie unbezahlbar, umso mehr, als Meinhardt – aus Erfahrung – alle „Verschwörungstheorien“ einer zentral gesteuerten Beeinflussung ablehnt und den Fokus auf dieses schleichende Gift des vorauseilenden Gehorsams legt, der Angst vor der Abweichung, dem Mitläufertum, diesem „Sog, der nicht per Dekret, sondern aufgrund des freiwilligen Handelns vieler Einzelner“ zustande kommt.

Das Ergebnis dieses Handelns sieht Meinhardt deutlich und meint, jeder könne es sehen: „daß sie ohne Unterlaß mit erzeugen, was sie dröhnend verdammen“.

Ob die Medien diese Botschaft verstehen werden, ob sie den Zusammenhang zwischen Spaltung der Gesellschaft, Erosion der Demokratie, Erstarken extremistischer Ränder und der eigenen Propaganda, der politischen Korrektheit, dem eigenen Versagen sehen wollen, ob sie die Kritik aus den eigenen Reihen akzeptieren können oder Meinhardt nicht einfach doch in die „rechte Ecke“ stecken werden, das bleibt offen – oder eigentlich nicht –; was ich meinen beiden Freunden demnächst schenken werde, das ist freilich hiermit entschieden.

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrbuch. Das Neue Berlin. 2020. 144 Seiten. 15 Euro

6 Gedanken zu “Wie man Vertrauen verliert

  1. Till Schneider schreibt:

    Schön, dass Sie das Buch hier besprechen. Ich wusste eigentlich schon, dass ich es kaufen werde, aber nach dem Obigen habe ich es sofort bestellt. Das kann jetzt nicht mehr warten.

    Ich war selber neun Jahre SZ-Abonnent und habe zum Ende 2013 gekündigt. Die Gründe dafür erfährt man in einer kleinen Artikelserie auf der „Achse des Guten“, wo ich ein paar Monate lang Gastautor war. Wen es interessiert: „Till Schneider Mein Abschied von der Süddeutschen“ ins Suchfenster der „Achse“ eingeben, dann erscheinen die fünf Artikel.

    Übrigens ist das Buch von Birk Meinhardt auf „Amazon“ der „Bestseller Nr. 1“ (!) in der Sparte „Medienbranche & -berufe“. 75 Prozent der Leser-Bewertungen haben fünf Sterne, 25 Prozent haben vier Sterne; unter vier Sternen läuft nichts. Das macht wieder ein wenig Hoffnung.

    Seidwalk: Allerdings ist das Buch im Moment wohl nicht mehr zu haben – hoffen wir, daß es an der großen Nachfrage liegt. Amazon und auch Antaios können derzeit nicht liefern, das betrifft auch die Kindle-Ausgabe. Letzteres macht dann doch stutzig – möglicherweise gibt es auch Textveränderungen?
    Ihren Abschied kann man dann hier lesen.

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    • Habe mir gerade Ihren fünfteiligen Abschied von der SZ durchgelesen – alle Achtung! Daß Sie das alles bereits 2013 gesehen und analytisch durchdrungen haben, das verdient Respekt. Es freut mich auch persönlich, weil es einmal mehr zeigt, daß die Leser und Kommentatoren hier – bis auf wenige Ausnahmen – eine Klasse für sich sind. Wenn man dagegen jene Stimmen setzt, die meinen, sich mit einem „Generationenwechsel“ die Welt schön reden zu können. Da liegen Abgründe dazwischen.

      Wenn Sie mal wieder einen ausführlichen Leserbrief schreiben wollen, dann biete ich gerne diese Seite an – das gilt für alle, die etwas zu sagen haben.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Auf SZ-Droge war ich nie, der Stoff war mir stets zu mild-humanitär gestreckt. Ich gratuliere Ihnen zum erfolgreichen Entzug! An die letzte von mir gekaufte SZ-Ausgabe erinnere ich mich aber noch.

      Es war in der Adventszeit, und der allzeit religionenbegeisterte edle Heribert hatte selbst zur Feder gegriffen. Er behandelte in einem Artikel die Frage, wieso nach Gen. 1 das Licht vor der Sonne geschaffen worden sei. Er meinte, die Judenschaft in der babylonischen Gefangenschaft sei von einem Milieu umgeben gewesen, in dem man Gestirnsgötter verehrt habe. Um die Gemeinschaft nicht durch Desertion zu dem Volk mit den offenbar stärkeren Göttern schwinden zu sehen, habe die Priesterschaft eben die zeitliche Priorität des Lichts von den Gestirnen erfunden. Und Heribert kam dann im Artikel fast nicht mehr herunter aus seinem wolkigen Entzücken über das Raffinement der Konstruktion.

      Objektiv hatten die Babylonier recht, das darf ich doch wohl sagen? Ohne Sterne kein Licht. Eine gewisse Erfahrung mit dem Tageslauf und seinen Aspekten dürfte selbst allen nicht völlig Vernagelten unter den babylonischen Juden eine gewisse Skepsis gegenüber der neuen Doktrin eingeflößt haben. Eine mir befreundete Theologin, mit der ich über dieses angebliche Bei-der-Stange-halten-Ideologem sprach, meinte trocken, Theologen hätten, so weit kenne sie diese, ein solches neues doktrinäres Element und seine sinnreich-richtige Interpretation (auf die es ihnen ja gerade ankam) gewiss über alle Dächer geschrien, aber keine Spur davon finde sich in der Tora.

      Für mich jedenfalls war die SZ danach abgeschrieben: Wenn denn der (damalige) Chefredakteur selbst schon seine Exultation über eine (vermeintlich) erfolgreiche fromme Lüge schamlos hinausschrie …

      Ich fürchte nur, ein erklecklicher Teil der Leserschaft bemerkt so etwas gar nicht und stößt sich auch nicht an den von Ihnen in der achgut-Artikelserie jeweils gut herausgearbeiteten logischen Widersprüchen; für diese zählt allein, dass in einem Artikel die Stellung zu allen zuvor ensympathisierten Meinungskomplexen moralisch korrekt ist.

      „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt der für mich die Diät beurtheilt, u. s. w. so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Theil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften; so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemahl Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern, und schrekt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.“

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  2. Anklamer schreibt:

    Tagesschauzeit war mal fast heilige Zeit, die Spiegellektüre ein Montagsritual, die Faz wenigstens bei Bahnreisen obligatorisch. Lange her das alles, und nicht nur wegen des allezeit verfügbaren Hosentaschenbildschirms. Es mag ungerecht gegenüber manchen Redakteuren und Reportern sein, aber das trendig-poppig-szenige Zeitungs- und Fernseh-Infotainment unserer Zeit erzeugt bei mir inzwischen mehr Widerwillen als Aktuelle Kamera, ND und Junge Welt in den 80ern – Old School-Propaganda, nicht mein System (mein Land wohl oder übel schon). Und es gab „Westen“ mit Auswahl und Urteilsbildungstraining von Bednarz bis Löwenthal. Den Kindern heute ein solches Training zu ermöglichen (ohne gleich auf den „Samisdat“ zurückzugreifen), sehe ich als eine echte Herausforderung an …

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Treue zur sachlichen Berichterstattung sollte aber keine Generationsfrage sein. Noch sollte je Mission zur Aufgabe eines Journalisten gehören. Siehe aber die historischen Gegenbelege etwas bei Karl Kraus. In diesem Metier gab es zu allen Zeiten reichlich korrupte Liebediener.

    Früher brachten manche Zeitungen zuweilen gezeichnete Witze, die einen Missionar mit Tropenhelm in einem großen, befeuerten Topf abbildeten, umtanzt von dunkelhäutigen Eingeborenen in Feigenblätter-Schürzen.

    https://de.toonpool.com/cartoons/Karfreitag_43123

    Schade, das findet man heute nicht mehr! Und ich fürchte, der Beweggrund dafür ist nicht die Angst, „rassistische Stereotype zu bedienen“, als vielmehr die berechtigte Identifikation der verfügenden Redakteure mit dem Kochgut. Mir hat dergleichen immer gut gefallen und ich kann mir auch keine Situation vorstellen, in der bei mir die Betrachtung eines solchen Bildes nun gerade zum Nachteile der jeweiligen Eingeborenen ausgefallen wäre, Jean Meslier m’en protège!

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  4. Ich bekenne mich als täglicher Leser der SZ, seit Jahrzehnten nunmehr. Und ich bekenne, dass sie mir schon einmal näher war, dass die Zahl an Artikeln zunimmt, die mich ärgern, vor den Kopf stoßen, die ich für seicht, schlecht, verzerrt halte. Und dann lese ich neulich, mitten auf der ersten Seite: „Die Mehrheit der Selbstgewissen wird weiter die Illusion vom Durchblick pflegen.“ Es geht um eine sozialpsychologische Studie zum Mitteilungsdrang der sog. „Superchecker“. „Wer von seiner vermeintlichem Expertise überzeugt ist, passt seine Wahrnehmung an und konsumiert mit höherer Wahrscheinlichkeit bestätigende Informationen. Argumente, die den eigenen Standpunkt hingegen infrage stellen, und mögen sie noch so gut sein, werden ignoriert oder abgetan. Das gelte unabhängig von der politischen Haltung, es betreffe Angehörige aller Lager.“

    Danke für diesen morgendlichen Kopfstoß, liebe SZ. Mit fortschreitender Lebenszeit neigt man ja dazu, an gewissen Denk- und Wahrnehmungsmustern festzuhalten, während um einen herum, sich fortlaufend Dinge ändern und neue Generationen heranwachsen. Generationswechsel steht an, so bitter das auch schmecken mag. Da müssen wir durch. Gilt auch für Birk Meinhardt. Aber vielleicht hat die SZ seinetwegen den Artikel auf die erste Seite gesetzt? Und kommt zum Schluss: „Erschüttern lässt sich die Gewissheit der angeblichen Superchecker nur schwer“ und am Ende würden sie nur wütend werden, wenn ihnen die Argumente ausgehen. Ob Birk Meinhardt sich einen Gefallen bzgl. seiner Reputation tut, wenn er sich nun als so dünnhäutig präsentiert?

    Besser übe ich mich auf meine alten Tage darin, Nachrichten zu sichten, die nicht meinem Standpunkt entsprechen. Und manchmal gebe ich meinen Senf dazu, was ja das gute Recht eines Jeden ist, ob Checker, Superchecker oder kleines Licht.

    „Warum viele Menschen glauben, dass sie den Durchblick haben“, Sebastian Herrmann, SZ Nr. 168/2020, S. 1

    Seidwalk: Danke für diese erhellende Rekursion. „Superspreader“ und „Superchecker“ bilden einen schönen Kreis. Sie sollten sich selbst beschenken.

    Lynx: Und wieder ein Stöckchen 🤣

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