Intoleranztoleranz

Die Klappe zu halten, ist gar nicht so einfach. Jeden Tag werden wir Zeugen neuen Unsinns, neuer Lügen, Verdrehungen, Windungen, überall werden die Dinge von den Füßen auf den Kopf gestellt, uns aber das Gegenteil versichert.

Wenn sich dann 150 namhafte Intellektuelle in einem Offenen Brief gegen die zunehmende Intoleranz wenden, will man gern aufatmen – denn immerhin, es sind eine Reihe wirklich kluger Köpfe darunter. Dann liest man den Brief und kommt erneut aus dem Kopfschütteln nicht heraus.

Die prominenteste Unterzeichnerin – J.K. Rowling – hat gerade die bittere Medizin schlucken müssen. Ihr Werk ist eine Apologie auf den Globalismus und Progressismus und konnte auch nur deswegen zum Blogbuster werden, aber ein kleiner ironischer Tweet genügte, um sie von einem großen Teil ihrer potentiellen Fangruppen zu entfremden. Sie hatte darauf bestanden, die Menstruation mit dem Frausein kategorisch zu verbinden und damit jene Frauen ausgeschlossen, die aufgrund ihrer männlichen Geschlechtsmerkmale nicht menstruieren können – ein Sakrileg; Transfeindlichkeit war das vernichtende Wort.

Die Säuberungswelle wird letztlich alle hinwegspülen, auch diejenigen, die ihren Unterbau schufen, und zwar dann, wenn sie sich gegen neue radikalere, totalere Interpretationen äußern werden.

Wie die meisten Bewegungen radikalisieren sich auch Feminismus, Genderismus oder Antirassismus in einem sich selbst verstärkenden Prozeß, der intern nicht zu bremsen sein wird, denn es gibt immer einen oder eine, die einen Schritt weitergeht, eine weitere Konsequenz zieht. Dabei orientiert man sich nicht am Sein, an den Tatsachen und Gegebenheiten, sondern immer am Denkmöglichen, am nächsten Schritt in der Eskalationslogik. Das funktioniert, weil es im ideologischen Progressismus keine vernünftige Instanz mehr gibt, die ein Veto einlegen könnte, und also jeder, der der neuen Radikalisierung kritisch gegenübersteht, plötzlich zum Bremser und Feind wird, selbst wenn er der Erfinder der vorletzten Radikalisierung war. Man sollte diese Menschen, diese Intellektuellen, ein Jahr in Klausur schicken zum Intensivstudium der Geschichte der Französischen oder der Russischen Revolution.

Und so ist es auch in diesem Brief, dessen Anliegen oberflächlich lobenswert erscheint, der aber bei genauer Lektüre von eklatantem Selbstbetrug und riesiger Angst vor den Radikalen zeugt.

Um ihn überhaupt aufsetzen zu können, bedarf es gleich mehrerer Volten. Zum einen war es den Verantwortlichen wichtig, viele Mitarbeiter zu gewinnen und die mußten natürlich divers sein. Männer, Frauen, Schwarze, Weiße, Heteros, Homos und Trans, Rechte und Linke, Muslime und Juden … vor allem aber nicht „a bunch of old white guys“, denn das hätte jede Botschaft diskreditiert, egal wie gut und richtig sie ist. Nicht die Bedeutung der Worte ist in unseren absurden Zeiten entscheidend, sondern die Münder, aus denen sie kommen. Nicht divers zu sein, wird zunehmend zum Gedankenverbrechen.

Dann macht man sich die Mühe, die Black-Lives-Matter-Bewegung nicht zu erzürnen, denn das bedeutet im Moment den sicheren gesellschaftlichen Suizid. Der Eingangssatz ist eine Bückübung. Auch das Timing wird entschuldigt – man möchte nicht als Reaktion auf die Proteste erscheinen, obwohl die Exzesse, die sich in deren Windschatten abspielten, exakt zu jenen Phänomenen gehören, die man später sehr vorsichtig kritisieren möchte.

Und schließlich wird auch hier – bevor man zum Kern kommt – die Gefahr von rechts beschworen, die natürlich die eigentliche sei. Trump ist dann der „mächtige Verbündete“ des Illiberalismus, die Einschränkungen der Meinungsfreiheit werden von „right-wing demagogues“ bereits ausgebeutet und man könne von den Rechten auch nichts anderes erwarten.

Erst nach dieser dreifachen Teufelsbeschwörung wird die Wahrheit ausgesprochen. Die allseitige Zunahme von „intolerance of opposing views, a vogue for public shaming and ostracism, and the tendency to dissolve complex policy issues in a blinding moral certainty.”

Jeder Mitdenkende weiß, wer und was damit angesprochen wird und die nachfolgend angedeuteten Fälle bestätigen das. „Editors are fired for running controversial pieces; books are withdrawn for alleged inauthenticity; journalists are barred from writing on certain topics; professors are investigated for quoting works of literature in class; a researcher is fired for circulating a peer-reviewed academic study; and the heads of organizations are ousted for what are sometimes just clumsy mistakes.”

Keiner dieser Fälle der letzten Wochen und Monate kennt rechte Täter, sie alle sind Opfer einer überbordenden political correctness und einer unerträglichen Moralisierung aller rationalen Debatte. Die Täter sind links oder liberal und das kann auch gar nicht anders sein, denn sie sitzen in den Redaktionsstuben und sie spüren den Druck der eigenen Bewegung, ein Druck, von dem sich ein Rechter gar nicht tangiert fühlen müßte. (Würde ein Linker das schreiben, was ich hier schreibe, er wäre am Tag darauf erledigt.)

Was die „fear for their livelihoods” bedeutet, darüber kann der „right-wing demagogue“ Stefan Molyneux etwa berichten, dem man gestern auch sein Twitter-Konto geschlossen hat, den man also komplett in seiner bürgerlichen Existenz – nicht etwa nur seine Argumente – vernichten will. Derartige Fälle sind mittlerweile Legion.

Es ist löblich, gegen Intoleranz aus allen Richtungen aufzustehen, aber es ist notwendig, das wahre Problem zu benennen. Diese Chance haben die Intellektuellen verpaßt – ihr Offener Brief ist daher selbst ein Beitrag zur Verschärfung der Lage, er ist Teil des Problems, das er zu kritisieren vorgibt. Er toleriert Intoleranz und wird es damit selbst.

Die Kritik derjenigen, die schon einen Schritt weiter sind, ließ nicht lange auf sich warten, wenig später fühlten sich die ersten Unterzeichner falsch verstanden und distanzierten sich …

12 Gedanken zu “Intoleranztoleranz

  1. photocreatio schreibt:

    Was mich wundert: warum äußert sich z.B. ein Chomski dazu, auch ihm (und den meisten anderen mit etwas Grips) muss doch klar sein, wie das Spiel der Jakobiner lief/läuft. Wollen sich am Ende alle rausreden mit „falsch verstanden, nicht so gemeint“? So läuft das doch nicht. Nach Trotzkisten wird weltweit gefahndet, das sollten sie doch wissen! Schönen 6. Sonntag nach Trinitatis noch…

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  2. Skrymir schreibt:

    Liebes Seidwalkkommentariat,der exzellente Artikel des Blogbetreibers drehte sich um Intoleranztoleranz.
    Der notorische Forumstroll markiert an allen möglichen typisch linken Ausweichthemen und betätigt sich wie meist als Themenentgleiser.
    Was er hier abliefert ist einfach nur aufgepepppter Mainstream ala’Scobel und Konsorten.
    Beim Thema Humanismus den der Forumskater gerne ins Feld führt werde ich immer helhörig,denn auch die Guillotine war eine Erfindung des Humanismus.
    Der Troll trägt inhaltlich nichts zum Seidwalkartikel bei.
    Merkt das hier niemand?
    Skrymir

    Till Schneider:

    Doch, das merken hier einige. Sie ziehen nur nicht die Konsequenz daraus

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  3. Th.Freydanck schreibt:

    Da werden noch mehr einen Rückzieher machen.
    HARPERS gibt selbst zu bedenken:Auf jeden bekannten Namen unter der wachsweichen Bitte
    um mehr Meinungsfreiheit kamen 3 die sehr gerne unterschrieben hätten,aber Angst vor
    wirtschaftlicher,psychischer+physischer Vernichtung haben. Zu Recht.
    Beispiele gibt es aus den USA täglich.
    Nachzulesen z.B. bei dem klugen Kenner Osteuropas+liberal-konservativem Beobachter
    Rod Dreher.https://www.theamericanconservative.com/dreher/
    Nur für die ,die sich noch trauen Feindsender zu konsumieren.
    Sicherheitshalber VPN dazwischen schalten.

    Habe 2 chinesische Bekannte ,die es extrem lustig finden,wie der Westen sich mit Eifer selbst
    vernichtet(gibt sogar schon einen chinesischen festen Begriff für diesen Vorgang)

    Sie trösten mich aber mit der Versicherung,dass viele westliche Errungenschaften wie Musik,Kunst.Literatur,Wissenschaft+Technik bei ihnen hoch angesehen seien+daher
    unseren Abgang aus der Geschichte überleben werden.

    Den Rest brauche ohnehin niemand.

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    • Derweil Neues aus der Behörde: „Behördenchef Haldenwang sagte, die gestiegene Gewaltbereitschaft müsse „uns als Gesellschaft in Alarmbereitschaft versetzen“. Neben den AfD-Teilorganisationen nannte er als gefährliche Akteure auch die rechtsextreme Identitäre Bewegung, das rechtsradikale „Institut für Staatspolitik“ des Verlegers Götz Kubitschek und das Magazin „Compact“, die der Verfassungsschutz inzwischen alle als rechtsextreme Verdachtsfälle führt. Diese und weitere Vertreter der „Neuen Rechten“ seien „Superspreader von Hass, Radikalisierung und Gewalt“, sagte Haldenwang.“

      Wieder ein Blick in den Spiegel?

      „Jeden Tag werden wir Zeugen neuen Unsinns, neuer Lügen, Verdrehungen, Windungen, überall werden die Dinge von den Füßen auf den Kopf gestellt, uns aber das Gegenteil versichert.“

      Man bleibt auch bei der Infektions-Rhetorik. Von hier aus ist der Schritt hin zur Bezeichnung des politischen Gegners als Ungeziefer, Parasit, Schädling, Virus und dergleichen nicht mehr weit – damit wäre man bis zur Kenntlichkeit entstellt.

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      • Und wie soll man Ihrer Meinung nach reagieren auf Kopfgeburten wie „großer Austausch“, „Linksfaschismus“, „neuer Totalitarismus“ u. dgl.? Wenn die Kopffüßler ihre Sicht der Dinge zur Norm erklären, wird es halt schwierig, eine humanistische Perspektive zu wahren. Strauß hantierte ja gerne mit Begriffen wir Zecken und Schmeißfliegen. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt, was ich sehr begrüße. Infektionsschutz bleibt dennoch wichtig, wenn wir nicht zu Kopffüßlern degenerieren wollen.

        Manchmal denke ich mir, es täte Ihnen und Ihren „Volksgenossen“ ganz gut, sich einmal in die wissenschaftliche Ökologie zu vertiefen. Aber nicht, wie vielleicht naheliegend, in das Teilgebiet des Artenschutzes, von womöglich endemischen Arten auch noch, sondern in die Ökosystemtheorie. Der Mensch ist eben keine Kopfgeburt (auch wenn es die alten Griechen nicht besser wussten), sondern Teil der Natur und ihrer Prozesse und Systeme, oft unwissentlich und unwillentlich. Das Verständnis der Ökologie weitet jedenfalls den Blick anstatt ihn immer weiter zu verengen.

        Seidwalk: Ach Lynx – ich sollte auch zum Infektionsschutz greifen. Warum fällt es mir nur so schwer?

        Lynx: Unser Ping Pong ist womöglich eine der letzten Sportveranstaltungen an dieser Demarkationslinie. Nervig aber notwendig.

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        • Skeptiker schreibt:

          Danke lynx für die Formulierung „Wissenschaftliche Ökologie“. Manch ein Biologe flucht, weil es nicht gelungen ist, den Begriff „Ökologie“ vor den rotgrünen Ideologen zu retten. (Im Gegensatz zu den Informatikern, die sich des von politischen Ideologen zu Schande gerittenen Begriffs „Kybernetik“ zu entledigen wussten.) Nun sind Sie also im „wissenschaftlichen“ Sozialismus – Verzeihung: der Ökologie angekommen. Mein Verdacht ist, dass hinter dem „wissenschaftlich“ die nächste Ideologisierung lauert. Entweder die Ökologie ist eine Naturwissenschaft – dann bedarf es der Beifügung „wissenschaftlich“ nicht oder die Deformation des Fachwissens geht mit den fremden Federn weiter. Finden Sie wirklich die nötige Stütze Ihrer für mich oft schwer nachvollziehbaren politisch-philosophischen Einstellung in einem Lehrbuch der Ökologie? Das Sein-Sollen-Dilemma im Blick: in der Regel neigen die seriösen Forscher in diesem Fach zu einer tendenziell „konservativen“ Sicht der Dinge. Die Systemtheoretiker seit Bertalanffy ebenso. Insektenvergleiche verbieten sich von selbst. Nicht nur aus moralischen Gründen. Mir erschien ein Blick in die Entomologie wie ein kleiner Gottesbeweis mit dem Trost, dass nach dem Ende der Anthropologie die Arthropoden unser Erbe antreten werden.

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          • Sie haben recht, es ist fast schäbig, explizit von „wissenschaftlicher Ökologie“ sprechen zu müssen. Diese Wissenschaft wurde leider allzu oft und leicht von allerlei Predigern und Naturbewegten gekapert. Besonders gerne von Leuten, denen jede Art von Veränderung suspekt oder verhasst war und die glaubten, im Artenschutz und mit Hinweisen auf ein „ökologisches Gleichgewicht“ (das statisch und retrospektiv gedacht war) in der Ökologie eine wissenschaftliche Basis für ihre Interessen zu finden. Aktuell ist man sogar in weiten Teilen des Naturschutzes über diese Phase hinaus und begreift Ökosystemprozesse als grundsätzlich dynamisch. Nur der anthropozentrische Blickwinkel kann Idealbedingungen beschreiben, aus dem Blickwinkel der Natur gibt es kein Optimum und auf das Anthropozän mag das Arthropozän folgen, wie Sie es erwägen. Man könnte sich also mit Fatalismus begnügen, wie Sie es offenbar inzwischen tun.

            Der alte Adam ist aber als Gärtner und Bauer eingesetzt, der den Garten bestellen soll und dazu alles zugängliche Wissen nutzen. Hier streifen wir auch das Sein-Sollen-Dilemma. Sie weisen zurecht darauf hin, dass diese Frage auch von ernsthaften Ökologen meist konservativ (bis verzweifelt) behandelt wird. Man muss aber, wie immer in der Wissenschaft, fein unterscheiden, zwei Beispiele:
            * in Bezug auf die Klimafrage steht außer Zweifel, dass die Überlebenschancen der Art Homo sapiens sich dramatisch verschlechtern, wenn ein bestimmter Korridor des Temperaturoptimums, auf den wir adaptiert sind, verlassen wird. Futuristen mögen an eine Art technobasierte Zivilisation glauben, das wird aber eine Randexistenz sein, andere Prozesse und Arten werden wahrscheinlich die Oberhand gewinnen. Konsumverzicht ist eigentlich die ultima ration, um selbstzertörerische Prozesse einzubremsen. Hier geht es also um die Beschaffenheit unseres Biotops und wie wir es bewahren oder zerstören.
            * In Bezug auf die Homogenität von Ethnien kann die Ökologie nicht mit Hilfestellung dienen, im Gegenteil. Arten, die genetisch flexibel sind und womöglich auch noch ein breites Spektrum an Standorten besiedeln können, sind klar im Vorteil gegenüber Arten, die hochspezialisiert sind. Es gibt keinen biologischen Grund, warum Menschen nicht den tradierten Rahmen der Fortpflanzung und Ansiedlung verlassen sollen. Im Gegenteil, das Modell Mensch impliziert dieses Verhalten von Anfang an, historisch mal stärker, mal schwächer ausgeprägt, Schwankungen unterworfen durch natürliche oder ökonomische Barrieren, die sich immer wieder auftaten – bis sie überwunden wurden. So hat sich Homo sapiens vermutlich gegen das Neandertal durchgesetzt.

            Die beiden Fragen verschränken sich in der gesellschaftlichen Debatte auf interessante Art und führen derzeit zu verschiedenen Reaktionen:
            a) Modell Trump/AfD: keinesfalls Konsumverzicht und Mitesser raus: der direkte Weg in Beschleunigung klimaschädlicher Prozesse bei gleichzeitiger Befeuerung von gewalttätigen Konflikten. Keine humanistische Perspektive, erinnert eher an Verhaltensweisen einfacherer Primaten.
            b) Modell neurechte Träumer: ein bisschen Konsumverzicht, globale Entflechtung, Mitesser raus: möglicherweise eine Eindämmung klimaschädlicher Prozesse bei gleichzeitiger Befeuerung von gewalttätigen Konflikten, die mögliche Erfolge wieder aufzehren werden. Ein Wolkenkuckucksheim für ein Rittergut mit Selbstversorgung in Schnellroda, viel weiter reicht der Horizont leider nicht. Oder nach Bertalanffy ein „echtes Gleichgewicht“ maximaler Entropie?
            c) Modell „neuer Humanismus“ als „flexible response“: Konsumverzicht versuchen (leider zu oft nur gepredigt bislang), technische Wege gemeinsam entwickeln, die die Bearbeitung des Gartens Erde nachhaltiger gestalten, Konflikte zwischen Gesellschaften entschärfen durch Einbindung statt Ausgrenzung. Innovation überall. Mit Sozialismus hat das übrigens nicht das geringste zu tun. Eher mit dem Versuch, Ökologie zu verstehen und zu erschließen (wie uns das ja auch schon mit Physik und Chemie ganz gut gelungen ist).

            Sozialismus ist eine Ideologie des Füllhorns für alle. Faschismus ist eine Ideologie des Füllhorns für wenige Auserwählte. Ich bin da eher auf alttestamentarischer Linie und huldige der mühseligen Last des Ackerbaus. Bequeme Touren wie Weltuntergangsprophetien u. dgl. sind mir suspekt.

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            • Skeptiker schreibt:

              Als Antwort auf lynx.

              Ich wollte Sie nicht zu einem Bekenntnis provozieren – dankenswerterweise haben Sie aber einige normative Prinzipien formuliert, über die man diskutieren kann. Ich stelle fest: zu den „Maschinenstürmern“ zählen Sie nicht, die Weiterentwicklung von Technologie und „harter“ Wissenschaft sind notwendige Bedingung für das biblische Gebot „Macht Euch die Erde untertan“ – ein Gebot, dass in politisch grüner Verkürzung mittlerweile selbst von der EKD denunziert wird. Sie scheinen eine mittlere Position in der Frage der Regulierung des Konsums einzunehmen: weder dem ungeregeltem Markt vertrauen, noch mit Verboten zu reagieren. Gut – aber „Konsumverzicht versuchen“ klingt dann doch resignativ. Wo ist der Weg in die Praxis ohne in das oben genannte Dilemma zu verfallen? Sozialismus – nein, Neoliberalismus – nein, dann aber doch die „altmodische“ Soziale Marktwirtschaft Freiburger Prägung? Wichtig erscheint mir auch die Präzision der Sprache. Das „ökologische Gleichgewicht“ wird noch viel zu sehr aus der Perspektive des mechanischen Gleichgewicht gesehen. Die auch philosophisch fundamentale Bedeutung der probabilistisch fundierten dynamischen Systeme hat sich bislang noch nicht herumgesprochen – die Panik – und Hysterieerzeugung beruht gerade auf der Unkenntnis derer Funktionsweisen (Was ein Kenner die Josef Reichholt mehrfach angesprochen hat, um sofort als „Dunkelmann“ bezeichnet zu werden.) So gelingt es z.B. die durchschnittliche Steigerung von 0.015 % eines Spurengases von 0.04% Luftvolumenanteil in einer Weltregion für gefährlicher zu halten als die dramatische Wasserverknappung in weiten Teilen der Welt oder die exzessive Bevölkerungsvermehrung. Und damit sind wir leider wieder beim Ausgangsthema von Seidwalk: würde ich das eben Formulierte in einem öffentlichen Medienraum positionieren, wäre die Verdammnis prompt und total. Die hier verhandelten Fragen lösen in der gegenwärtigen Medienclique Angst und Abwehr aus. Man hat die Antworten und fürchtet Rückfragen. Diese Mentalität ist gefährlicher als Vulkanausbrüche. Damit sind wir der „maximalen Entropie“ in unserer Kultur schon recht nahe gekommen. Wer auch nur wenig politisch wetterfühlig ist, spürt doch täglich den absoluten Nullpunkt der manipulierten Scheindebatten.

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              • @Skeptiker: die Bereitschaft zu diskutieren ist nicht sonderlich ausgeprägt, wenn die Kritik an der Gegenwart als ein Ausbund an Hirngespinsten und Verschwörungstheorien daherkommt, ohne stichhaltige Belege und offenbar nur getrieben vom Furor, Unruhe zu stiften. Alles schön zu beobachten in der Corona-Debatte, wo meist auch die Hysterie obsiegt und man dann wirklich froh ist, wenn es einem Mediziner einmal gelingt, sich eine Weile Gehör zu verschaffen. Und wenn er dann auch noch verständlich kommunizieren kann, ist das Balsam, zumindest für vernünftige Menschen. Medien haben schon immer davon gelebt, die Botschaft zu dramatisieren, aber scheinbar schwindet die Mündigkeit der Empfänger. Das gilt auch für manche Aufgeregtheiten in der Debatte.
                Ich habe den Eindruck, bei „Entropie“ und „Dynamik“ handelt es sich um die zentralen Begriffe. Viel Unwohlsein mit der Entwicklung der Dinge hängen zusammen mit dem Gefühl, die Entropie in der Gesellschaft würde unaufhaltsam zunehmen, auch Ökologen wie Reichholf sind dafür anfällig. Wir müssen aber darauf achten, dass wir das nicht zu oberflächlich betrachten: wir stören uns am dunkelhäutigen Migranten, der seine halb aufgegessene Pommestüte in die Grünanlage wirft und beobachten die Szene aus dem klimatisierten Achtzylinder-SUV – wessen Entropiebilanz ist vermutlich schlechter? Und wenn wir schlicht weiterdenken, finden wir die falsche Antwort in der dunklen Hautfarbe. So geht das leider zur Zeit oft und die AfD ist ganz vorne mit dabei.
                Mit dem Hinweis auf die Dynamik haben Sie völlig recht, aber scheinbar ist das ein wirkliches Hemmnis, in dynamischen Systemen zu denken. Ich hatte das Glück, eine zeitlang Hörer bei Reichholf zu sein, dort lernt man sozusagen von der Pike auf, wie Dynamik in Ökosystemen funktioniert (und sei es nur im Kleinraum Unterer Inne) und wie komplex die Zusammenhänge sind, leicht gerät man auf die falsche Fährte bei zu schnellen Schlüssen.
                Das gilt übrigens auch für die Wasserthematik: ein großes Problem, unbestritten. Wesentlich aber beeinflusst vom Zustand der Atmosphäre, und da spielt der CO2-Gehalt nunmal eine entscheidende, verschärfende Rolle. Leider meist nicht erwähnt Methan, denn da wird es wirklich unangenehm: wir müssten global unser Ernährungsverhalten dramatisch ändern und da traut sich noch niemand ran, in der Hoffnung, dass bald in der CO2-Problematik bzw. die Energieproduktion der große technische Durchbruch gelingt.
                Mit Sozialismus kommt man da wg. fehlender Innovation nicht weiter, mit Neoliberalismus nicht wg. fehlendem sozialen Ausgleich, der sonst allen Bemühungen das Fundament wegreißt. Auf sonstige Waschküchenrezepte gehe ich nicht weiter ein.

                @ Zweifler: Ein gewinnbringender Diskurs über Kopfgeburten, Hirngespinste und Verschwörungstheorien ist per se unmöglich, es sei denn man gehört einer spiritistischen Gemeinschaft an. Ok, Kopfgeburten können in Ausnahmefällen eine Bereicherung sein, aber nur, wenn sie sich vom Verstand und seiner Praxis verifizieren lassen.

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        • Zweifler schreibt:

          @lynx: Als Ausgangspunkt sollte helfen, zwischen Norm und „zur Norm erklären“ zu unterscheiden. Sie machen genau das, was der Autor anspricht. Sie beginnen mit dem Oberbegriff „Kopfgeburt“ (sowas hat ja nichts mit der Realität zu tun und ist ersichtlich abwertend), ziehen Unterbegriffe heran, die derartige Nichtrealität ausdrücken (sollen) und von Ihnen entsprechend in den Orkus gestoßen werden. Diese selbst seien demnach ebenfalls nicht mehr zu hinterfragen. Sie vernichten Begriffe mitsamt den Inhalten, den diesbezüglichen Argumentationen und bezogenen Realitäten. Sie verteidigen damit das Handeln des Amtes auf gängige, vom Autor angesprochene Weise. Bequem, arrogant und machtbewußt. Daß Sie da noch von einem Pingpong sprechen, ist geradezu typisch für diejenigen, die jedweden tatsächlichen Diskurs ablehnen.

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  4. Robert X. Stadler schreibt:

    Als sie die radikalen Rechten säuberten, habe ich mitgeholfen.

    Als sie die gemäßigten Rechten und echten Liberalen säuberten, habe ich geschwiegen, im besten Fall.

    Als sie mich säuberten, weil es rechts von mir keinen mehr gab, hatte ich die Wahl: auf die Grundsätze verweisen, die ich selbst schon verraten hatte – oder mitmachen bei meiner eigenen Säuberung, mich anzuklagen in der Hoffnung auf Gnade, und noch mehr andere Sünder, um meine Umkehr und echte Läuterung zu beweisen.

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  5. „Dabei orientiert man sich nicht am Sein, an den Tatsachen und Gegebenheiten, sondern immer am Denkmöglichen, am nächsten Schritt in der Eskalationslogik.“ – Halten Sie sich gerade den Spiegel vor? Seit wann kann das Sperren eines Twitter-Accounts eine „bürgerliche Existenz“ zerstören. Eine Existenz, die von einem Twitter-Account abhängt, kann keine bürgerliche sein. Ein Bürger ist eingebunden, vernetzt in die reale Welt vor Ort, spielt allenfalls die größere Klaviatur. Ich glaube, Sie sprechen von „Anywheres“ der Aufmerksamkeitsindustrie ohne jegliche Bodenhaftung.

    Seidwalk: OMG!

    Herr Mitt: Gut gesagt – nur was heißt OMG? Ich bin ja kein anywhere und ohne twitter facebook whatsapp instagram etc….

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