Mittelmaß zeugt Mittelmaß

Es gibt da ein seltsames Phänomen – ich habe es gerade wieder studieren können.

Zu meinen Lastern gehört das Schachspiel. Es ist wie eine Droge, auf Lichess oder Chess24 Blitzpartien zu spielen. Drei Minuten Bedenkzeit pro Spieler – das reine Adrenalin. Mit Schach hat das meist wenig zu tun, die Fehlerquote ist hoch und man kann auch komplett gewonnene Stellungen noch über Zeit verlieren, denn bei wem das Fähnchen zuerst fällt – egal wie die Lage auf dem Brett ist – der hat verloren.

Es gibt oft Frustration, wenn man in der Hektik die einfachsten Dinge übersieht. Statistisch gesehen taumele ich in der Mitte der dortigen Spieler herum, d.h. ca. die Hälfte ist stärker als ich, die andere Hälfte schwächer.

Nach einer sehr ärgerlichen Niederlagenserie entschloß ich mich zu einem Experiment. Ich verlor bewußt Partien und ließ mich weit zurückfallen. Zuerst wollte ich erfahren, wie man da unten so spielt – ein ähnliches Erlebnis dürften stärkere Spieler mit mir haben –, zum anderen dachte ich, daß man ja, wenn man mit den Patzern spielt, auch mal eine schöne lange Siegserie hinlegen könne.

Also ließ ich mich 600 Wertungspunkte zurückfallen. Nun galt es also, sich wieder hochzuarbeiten. Das war in der Regel ohne Anstrengung möglich, denn die Gegner stellten sich selbst ein Bein. Man brauchte nur ein paar vernünftige Züge machen und schon war ihre Lage hoffnungslos verloren.

Es gab aber auch andere, die vollkommen verrückte und aggressive Sachen spielten, Eröffnungsfallen, objektiv schlecht und wahnwitzig, aber umgehend die korrekte Erwiderung in nur wenigen Sekunden zu finden, war nicht immer leicht. Und so begann auch ich, sie mit ähnlich verrücktem Gegenspiel zu kontern.

Hier sind wir am Kern. Mein Schachspiel wurde zusehends schlechter, mein eigenes Niveau nahm dramatisch ab. Ich hatte immer öfter Probleme, mich gegen diese Patzer durchzusetzen. Ich verlor Partien gegen Gegner, die mir objektiv weit unterlegen waren und es kostete Kraft und Konzentration, sich aus diesem Loch wieder in die passenden Regionen hochzuspielen.

Und als ich wieder oben war, geschah das Gegenteil, mein Spiel wurde besser, mitunter gelangen schöne kleine Kunstwerke. Nun konnte ich sogar deutlich stärkere Gegner schlagen, denen es umgekehrt mit mir wohl so erging, wie mir in den niederen Regionen.

Man kennt das Phänomen auch aus dem Fußball. Geniale Spieler erscheinen oft Mittelmaß, wenn sie plötzlich in mediokren Mannschaften spielen und durchschnittliche Spieler blühen auf, wenn sie von Genies umgeben sind. Die Arbeit der erfolgreichen Fußball-Scouts ist höchst anerkennenswert, denn es ist nicht leicht, das Talent in untalentierter Umgebung zu erkennen.

So funktioniert es auch im Gespräch, im Dialog. Gerade in den letzten Jahren bemerke ich immer öfter eine innere Leere und Lähmung in der Unterhaltung mit anderen, meist in zwei Situationen.

Da gibt es zum einen den hochgebildeten Menschen, der dennoch innerlich leer ist oder aber ideologisch derart verstrahlt, unkritisch, gutgläubig und den Mainstream nachplappernd, daß es einem die Sprache verschlägt. Er hätte die Möglichkeit zur Analyse, zur Durchdringung oder auch nur zur Wahrnehmung und nutzt sie nicht. Meistens stehen diese Menschen in Opposition zu meinen Anschauungen, aber ich kann ihnen nicht erwidern, weil mich ihre Verblendung, ihre selbst gewählte Unmündigkeit komplett lähmt und, ja, traurig macht. Oft meinen sie, alles relativieren zu müssen, die kommen nie zu einem Urteil. Ihr typischer Satz – zugleich ein Vorwurf – lautet: Das muß man differenzierter sehen.

Der andere Typus steht oft auf der gleichen Seite der Überzeugungen, führt zu seiner Verteidigung aber so hanebüchene Argumente und „Theorien“ heran, daß es mir graust. Da werden die waghalsigsten Prämissen kritiklos bemüht und über argumentative Saltos letztlich nur das eigene Gefühl bestätigt. Das Absurde daran: das Gefühl ist oft stimmig. Diese Menschen haben noch einen Rest Natürlichkeit im Bauch, aber ihren Gesprächen zu folgen, ist oft eine Zumutung. Man müßte immer wieder widersprechen, nachfragen, relativieren, konkretisieren, differenzieren … und dazu fehlt mir die Kraft. Sie scheuen auch nicht davor zurück, nachdem sie mich als „Philosoph“ ausgemacht oder die Bücherwände bewundert haben, ellenlange Vorträge zu halten oder Bücher zu empfehlen. Einmal hatte einer Precht gelesen – sein erster Kontakt mit der Philosophie – und wurde nicht müde, mir zu erklären, warum das das Nonplusultra des philosophischen Denkens sei. Sie kommen stets mit absoluten Urteilsätzen, die selten mehr als drei Worte umfassen.

Auch da reagiert mein Hirn mit Verweigerung. Ich kann diesen Leuten nichts erwidern. Ich leide. Ich sitze in diesen Runden und hoffe nur, daß sie vorübergehen. Was könnte man in dieser Zeit nicht alles lesen! Oder wenigstens Schach spielen.

Das ist ein wesentlicher Grund, weshalb ich mich im Ausland wohler fühle. Es gibt keine Gründe, anzunehmen, daß die Gespräche dort besser seien – aber ich verstehe sie nicht und egal, was gesagt wird, die Sprache selbst ist ein Faszinosum, der nachzulauschen lohnt.

Man sollte daraus seine Lehren ziehen und jene toxischen Gegenden meiden. Es sind Zeiträuber, Kraftdiebe, sie ziehen einen runter, sie bringen einen nicht nur nicht voran, sondern sie schaden der eigenen Substanz. Will man diese erhalten, will man wachsen, dann muß man sich – ganz wie im Schach – mit Besseren umgeben.

Also mit Büchern. Denn wie sagte Sloterdijk – eine seltene Ausnahme des Bonmots –: Die meisten Menschen, mit denen man sich heutzutage noch gut unterhalten kann, sind tot.

3 Gedanken zu “Mittelmaß zeugt Mittelmaß

  1. Zorn schreibt:

    Es geht mir ähnlich. Gerade jetzt in der Corona-Zeit. Vielleicht hilft eine Zenweisheit: Der Weise schweigt. Wer nichts weiß redet.

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  2. Robert X. Stadler schreibt:

    Eine ähnliche Schachanalogie: So wie man gegen schwächere Spieler, um sich ein langwieriges Endspiel zu ersparen, Taktiken anwendet, die ein stärkerer Spieler zu seinem Vorteil aufdecken würde, so gebraucht man im Streitgespräch gelegentlich Argumente, die ein gewiefter Logiker sofort zerpflücken würde.

    Handelt es sich dabei um (objektiv/subjektiv) falsche Züge, und müssen wir uns schämen, unter unserem Niveau zu argumentieren? – Wenn es schon beim Schach nicht unbedingt darauf ankommt, den Gegner zu schlagen, so gilt dies im Gespräch umso weniger. Hier will man, im Ideal, das Gegenüber bilden und von ihm gebildet werden; und wenn das mit einer Phrase, einer Binsenwahrheit, einem – streng genommen – logischen Fehlschluss leichter geht, sollte es erlaubt sein. (Ohnehin bin ich der Meinung, dass die meisten deduktiv-logischen Fehlschlüsse induktivistisch richtig sein können.) Das richtige Argument für den richtigen Mann, aber besser zu hoch gezielt als zu tief.

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