Blind gegen sich selbst

Ich sage es gleich vorweg und entschuldige mich bei der Leserschaft: der Informationsgehalt der kommenden Zeilen ist gering, sie unterbieten den eigenen Anspruch, wenigstens ein bißchen anders, um die Ecke zu denken – sie sind reine Empörung!

Und so geht es mir fast jeden Tag und nicht nur ein Mal. Unter all den schrecklichen Meldungen über Meinungsterror, Politische Korrektheit, Gleichschaltung etc., von denen man die meisten nur noch resigniert zur Kenntnis nimmt und auch bald wieder in der Menge vergißt, ragen hin und wieder welche heraus, die mich persönlich treffen, wütend machen oder traurig, fassungslos jedenfalls und meist ein Gefühl der Ohnmacht zurück lassen.

Was der herausragende britische Historiker David Starkey aufgrund einer Aussage in den letzten Tagen über sich ergehen lassen mußte, ist so ein Fall. Auf einem Youtube-Kanal hatte er eine „rassistische Äußerung“ – so versichert uns die Presse diesseits und jenseits des Kanals – getätigt, die wenige Tage später mit der öffentlichen Guillotinierung  bestraft wurde. Er war seine Professorenstelle in Cambridge los, sein Verlag – einer der weltgrößten – kündigte die Zusammenarbeit und wolle nun auch die bereits veröffentlichten Werke „neu bewerten“, sprich: man droht mit dem Einstampfen des Gesamtwerkes. Diverse andere Organisationen schlossen sich dem an und jede Menge Polit- und Wissenschaftsprominenz überbietet sich in Betroffenheitsgesten und Distanzierungsritualen.

Es gibt keine zivilisierte Kritik mehr, es gibt nur noch Vernichtung, zumindest, wenn man dem Mainstream widerspricht oder auch nur unter diesen Verdacht gerät. 40 Jahre Arbeit, Engagement, Leben und Existenz werden an einem einzigen flüchtigen Satz gemessen und ohne Bedenken über Bord geworfen – daß Starkey Rassist sei, wird morgen auf Wikipedia, dann wohl auch auf seinem Grabstein stehen und kein Nachruf – so es noch welche geben sollte – wird auf diese Information verzichten.

Starkey hatte nun behauptet, daß der Sklavenhandel kein Genozid gewesen sei und er sagt dies als einer der weltweit bedeutendsten Experten für die Geschichte dieser Epoche. Außerdem verwandte er eine rhetorische Figur, die nun gegen ihn gewandt wird: „Slavery was not genocide otherwise there wouldn’t be so many damn blacks in Africa or in Britain, would there?“ Aber wer sich das Gespräch vollständig anhört, der weiß, daß Starkey sehr engagiert und direkt spricht, und wer ein wenig Englisch kann, der versteht auch, daß das „damn“ weniger gegen die „Blacks“, als gegen die Vertreter dieser These gerichtet war. Und selbst wenn nicht – wo ist das Problem? Warum gibt es nur noch Mimosen?

Nichts an der Aussage ist rassistisch – ob Starkey „Rassist“ ist oder nicht, ist vollkommen uninteressant, in dieser Aussage ist kein Rassismus. Punkt!

Ob der Sklavenhandel ein Genozid war oder nicht – natürlich war es keiner: sein Ziel richtete sich weder gegen konkrete Völker noch lag die Tötung der Gefangenen in seinem Interesse –, spielt keine Rolle. Selbst wenn er es gewesen sein sollte, ändert das nichts, man kann darüber diskutieren, man kann Starkey widerlegen, man kann Zahlen und Fakten und Quellen anführen und auch Begriffsdefinitionen oder Interpretationen, all das kann, muß man tun, wenn man eine andere Meinung hat, aber ihn beschimpfen, ihn zu isolieren und seine gesamte wissenschaftliche Existenz auszulöschen, das ist – seien wir offen -:  Meinungsdikatur.

Das sieht man auch daran, daß es sich niemand erlauben kann, ihm öffentlich beizuspringen, denn er würde das gleiche Schicksal erleiden. Wer nicht Antirassist ist, ist Rassist.

Immer wieder stehe ich fassungslos vor diesen Geschichten, leide mit den Opfern. Mir ist, als müßte ich jemanden durchrütteln oder eine Scheibe einschlagen – ich fürchte, darüber den Verstand zu verlieren.

Aber am Schlimmsten ist doch, daß es unendlich viele Idioten – mit Verlaub – gibt, die derartige Exzesse hinnehmen, verteidigen, gut heißen oder gar initiieren. Diese Leute sind blind gegen sich selbst, sie verstehen nicht, daß sie nur zufällig verschont bleiben – noch. Zuletzt hatten wir das im Falle Molyneux erfahren, seither in zahlreichen anderen Fällen und nun das und morgen wird es wieder jemanden treffen. Es gibt mittlerweile genügend Beispiele, wo sich die Zensur auch gegen eigene Leute richtet, sobald diese auch nur geringfügig abweichen.

Diese Ohnmacht, diese Wut beunruhigt mich sehr. Weniger meine persönliche, denn ich glaube mich im Griff zu haben und außerdem fehlen mir die Mittel. Aber ich ahne, daß es sehr viele Menschen gibt, die zwar ähnlich fühlen, denen aber die Sprache und die Techniken fehlen, das eigene Entsetzen zu beherrschen, und irgendwann wird es jemanden geben, der dann auch noch über die Möglichkeiten verfügt, wirklichen Schaden anzurichten.

Die Intoleranz wird zu extremen Frustrationen und diese zu Gewalt führen. Ich kann nichts anderes sehen – hoffentlich bin ich blind.

4 Gedanken zu “Blind gegen sich selbst

  1. Robert X. Stadler schreibt:

    Das Nützliche und Gesunde daran, diese Exzesse zur Kenntnis zu nehmen, ist sich hinreichend oft zu vergewissern, dass wir nicht in normalen Zeiten leben. Und dass wir nicht etwa ein gewisses Plateau der Unterdrückung erreicht haben und dabei stehenbleiben, wie es noch vor dem jüngsten Wahnsinn scheinen mochte, und worin man es sich einigermaßen einrichten könnte. Schließlich können wir uns noch an Zeiten erinnern, als wir lediglich die Anfänge spürten. Damals konnten wir uns sagen, dass es in Wirklichkeit so schlimm nicht sei und womöglich lange nicht kommen würde.

    Der für unsere Breiten passende historische Vergleich – ironischer- und tragischerweise – liegt tatsächlich in Jenen Jahren (einschließlich vielleicht der Entwicklung in der SBZ). Es würde mich nicht wundern, und ich glaube mich etwa bei Klemperer zu erinnern, in der Tagebuchliteratur ähnliche Sentiments zu finden. Anzuraten, hier nach Erfahrungen des Umgangs zu suchen; Jünger nennt es bekanntlich Desinvoltura.

    Was bleibt also anderes übrig, als weiterhin das Gift in kleinen Dosen zu sich zu nehmen, um sich dagegen zu stärken? Wenn man dabei nicht erkrankt, und die ohnmächtige Empörung (anders als die mächtige) verschlimmert sicherlich die Krankheit.

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  2. Michael B. schreibt:

    Vielleicht hilft etwas wie in dieser Art:

    https://craigmod.com/essays/how_i_got_my_attention_back/

    Zitat:


    In “Gravity and Grace,” Simone Weil writes, “Attention, taken to its highest degree, is the same thing as prayer. It presupposes faith and love.” Then is the lack of attention the opposite? Does it presuppose fear and hate?

    Ich verabschiede mich hier einmal. Sie sind fast der Letzte @seidwalk, den ich noch regelmaessig zum Stand der Gesellschaft frequentiere, die Presseschauen habe ich schon eingestellt. Ich habe mit dem Drogencharakter von Information weniger Probleme ausser mit einer bestimmten Rationalisierung zu meinen, immer aktuell wissen zu muessen wie hier alles zusammenbricht. Das ist fuer sich eine Blase und fuer meine Person nicht zielfuehrend und zutraeglich.
    Vielleicht sehe ich in Zukunft aber wieder einmal hinein. Sicher aber nicht in Naeherer, bis dahin alles Gute.

    Seidwalk: Ja, Sie haben vermutlich recht – man sollte diese Prognosen unterlassen, auch wenn es schwer fällt. Darin steckt eine seltsame morbide Freude oder besser Befriedigung, deren Movens vermutlich nicht ganz gesund ist.

    Die Frage der Abstinenz stelle ich mir selbst fast jeden Tag, sowohl was die konsumierende als auch die produktive Seite betrifft. „There are a thousand beautiful ways to start the day that don’t begin with looking at a phone. And yet so few of us choose to do so.“ Eigentlich wollte ich mich dem Ungarischen widmen – eine der 1000 schönen Möglichkeiten aber fast jeden Tag fliegen die Stunden davon im ständigen Hinterherhecheln nach News, nach neuem Erregungspotential.

    Es ist ein ewiger Zwiespalt: man hofft schließlich auch, irgendetwas bewirken zu können; da ist vermutlich der Irrtum. Freilich es gibt immer mal wieder Stimmen, die einem bestätigen, daß das wichtig sei – für sie persönlich – was man macht, so wie @ Skeptiker das auch angedeutet hat, aber der Preis ist hoch: man vergiftet sich und andere.

    Wenn Sie davon genug haben, kann ich das verstehen, bedaure es zugleich. Nachdem auch @ Pérégrinateur verstummt ist, wäre es vielleicht Zeit für eine Klausur. Der Blog lebt immerhin vom Kommentariat.

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  3. Skeptiker schreibt:

    Werter Seidwalk – Sie entschuldigen sich für einen scheinbar überflüssigen Beitrag. Ich müsste es auch tun, da ich Ihnen nur zustimmen kann. Aber wie so oft in letzter Zeit: ich finde dadurch Bestätigung, dass ich meiner Einschätzung der Verhältnisse nicht allein bin. Wahrscheinlich geht es vielen Besuchern dieses Blogs ebenso. Da spielt fast ein Stück Psychotherapie mit. Nach Gesprächen mit Menschen, die mit den berühmten „festen Beinen“ auf der Erde stehen, spüre auch ich eine noch verhaltene Wut über den fortgesetzten Zerfall letzter Reste von Alltagsrationalität und elementaren Formen menschlichen Anstandes. Man braucht nicht ein Anhänger diverser tiefenpsychologischer Schulen zu sein, um vorauszusehen, dass sich des Unterdrückte umso heftiger Bahn brechen wird, je stärker die vorausgegangene Repression gewesen ist. Ich frage mich mittlerweile, welche Abseitigkeiten in Wort und Tat noch folgen werden: das Verbot des westlichen Literaturkanons von Homer bis Beckett, die Destruktion gotischer Dome oder – was am Konsequentesten wäre – die Aufforderung zum gemeinsamen Suizid ?

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  4. Th.Freydanck schreibt:

    Das ist nur der Anfang.Schauen Sie sich die Bilder von einem BLM Aufmarsch zum 4.Juli
    irgendwo in Georgia /USA an.

    Da geht die Reise hin.

    P.S.

    Dem guten Danisch geht es jetzt auch an den Kragen.

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