Postmodernes Denken verstehen

Warum über Abduktion reden? Der Sinn dieser Beschäftigung wird nicht allen Lesern aufgegangen sein. Ich möchte daher einige ganz basale Schlußfolgerungen, nicht erschöpfend, in einfachen Worten ziehen.

Es ist vor allem im rechten Denkbereich Usus geworden, das sogenannte postmoderne Denken abzulehnen, lächerlich zu machen, als schuldig zu markieren für den Verlust unserer kritischen Denkweise und der Sicherheit der Werte.

Wenn diese Vorwürfe wohl durchdacht sind und begründet werden können, dann haben sie natürlich eine Existenzberechtigung, in ihrer Verallgemeinerung allerdings, meist ohne Kenntnis der Texte, sind sie falsch und kontraproduktiv. Denn jedes ernsthafte Denken enthält einen berechtigten Anspruch auf korrekter oder zumindest treffender Realitätserfassung und kein Denken ist ohne Fehler und Makel.

Konservatives Denken, wenn es Bestand haben will, muß sich also mit allem ernsthaften Denken befassen und die darin enthaltenen Wahrheiten extrahieren, um sie in den eigenen Denkprozeß aufzunehmen. Daß Autoren wie Derrida, Deleuze, Lyotard, Feyerabend oder Eco ernsthafte Denker waren, müßte jedem aufgehen, der sich ihnen intensiv und offenen Geistes widmet. Ihr politisches Linkssein enthält keinerlei Aussage über die Validität ihres Philosophierens.

Man darf freilich die Pseudophilosophien, die sich im akademischen, ideologischen und künstlerischen Bereich auf jene Köpfe berufen, nicht mit diesen verwechseln. Jedes ernsthafte Denken zieht auch Afterphilosophie nach sich, die nicht selten ins Absurde, Pathologische und Obsessive entartet. Gerade die Deutschen haben genügend Beispiele, an denen sie hätten lernen können. Selbst bewußt offene und widersprüchliche Autoren wie Nietzsche waren dem Mißbrauch schutzlos ausgeliefert.

Derrida etwa zog daraus die notwendigen Schlüsse – immer wieder am entsprechenden historischen Beispiel arbeitend: Marx, Nietzsche, Derrida, Freud und anderen Opfern der Interpretation – und entwarf ein sich selbst sicherndes Denken, indem es Offenheit, Polyvalenz mit gleichzeitiger Kryptisierung verband: ohne Erfolg! Auch Derrida wurde bald vom akademischen Moloch verwertet und entstellt und erst in dieser Grenzenlosigkeit, in diesem Mißverständnis konnte er zum Denkgegner jeglichen aufrichtigen Denkens werden.

Das Projekt Derrida ist gescheitert – so wie jedes Projekt scheitert, aber es hatte seine Berechtigung. Wir wissen nun, daß es keine Immunisierung gegen Fehlinterpretationen gibt. Dennoch hat jeder Autor die Pflicht, gegen diese anzukämpfen und sie textintern zu erschweren.

Ich glaube sogar, daß die Rechte aus dem modernen Denken mehr mitnehmen kann als aus einigen längst verknöcherten Parolen eines Carl Schmitt oder Ernst Jünger. Diese sind historische Figuren, man muß ihr Denken historisch kontextualisieren, jene aber sind am Puls der Zeit, stellen selbst Reflexionsstufen des Jetzt dar.

Sich der Abduktion neu zu versichern, scheint gerade in den heutigen Tagen sinnvoll. Sie erinnert uns an den Gedanken, daß der Irrtum die Basis unseres Fortschritts ist. „Es irrt der Mensch, solang er strebt“, ganz unabhängig von seinen Idiosynkrasien.

Die Abduktion gibt uns nun ein Denkverfahren in die Hand, das einerseits die Gewißheit des Irrtums im Bewußtsein wach hält, andererseits zu Schlüssen führt, die eine gewisse temporäre Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen, eben doch nicht zu irren, zumindest nicht absolut. Sie gibt uns die Möglichkeit, denkerisch voran zu kommen ohne absolute Ansprüche an uns selbst oder an die anderen zu stellen. Der Irrtum wird dabei selbst als Erkenntnismöglichkeit einbezogen – der klassische Wahrheitsbegriff, das dichotomische Denken wird aufgeweicht. Das sind aber keine ideologischen Entscheidungen, sondern in sich selbst Wahrheiten – sie wurzeln in der heraklitischen Linie des Denkens, die die Nicht-Substantialität des Seins beschreibt.

Im Ringen zwischen Substanz und Zeit gewinnt die Substanz immer im Augenblick und die Zeit in der Geschichte. Menschliches Denken litt seit je an der jeweiligen Positionierung – es kommt darauf an, beides zusammen zu denken und situativ zu gewichten.

Paul Feyerabend, den man gern auf das Schlagwort „Anything goes“ reduziert – natürlich in der verfälschten Interpretation –, ist den Rechten meist ein Ärgernis. Aber gerade er ist der Gewährsmann für den offenen Austausch. „Kein Gedanke ist so alt oder so absurd, daß er nicht unser Wissen bereichern könnte“ – dieser Satz würde ihn und sein „Anything goes“ viel treffender charakterisieren – er steht komplett in der Logik der Abduktion.

Wenn wir dies auf die Erscheinungen der Zeit anwenden, dann heißt das, daß wir jede alternative Interpretation – etwa zum Thema „Corona“ – anhören und prüfen sollten. „Den Alternativen muß es aber erlaubt sein, sich zu vollständigen Subkulturen auszubilden, die nicht mehr auf Wissenschaft und Rationalismus beruhen.“[1] Die Beschneidung, Verunglimpfung oder gar Kriminialisierung solcher Alternativen sind nicht nur undemokratisch – die Demokratie ist in diesem Zusammenhang uninteressant –, sie sind vor allem erkenntnishemmend! Auch dann, wenn ihr tatsächlicher Erkenntnisgehalt gleich Null ist.

Demokratische Politik – wenn sie es bleiben will – muß lernen, sich von ideologischen Prämissen zu trennen, und sich als sich selbst genügender Erkenntniswille neu definieren.

Das heißt nun aber nicht, daß man sie den wissenschaftlichen oder jeglichen anderen Ansichten gleichsetzen muß, denn hier gelten die Regeln der Abduktion. Sie müssen danach befragt werden, was sie erklären können und welchen Aufwand sie dafür benötigen. Wir hatten am Beispiel Eco gesehen, daß abduktive Einsichten ziemlich treffsicher – mehr ist objektiv nicht möglich! – nach Ökonomie- oder Sparsamkeitskriterien gesiebt werden können.

Eine Konstruktion etwa, die von unterirdischen Bunkern, in denen Kinderblut extrahiert und unter Superreichen verteilt wird, ausgeht, oder die Unterstellung benötigt, Bill Gates habe die WHO gekauft, um die Impfpflicht  global durchzusetzen, um damit wiederum Mikrochips zu implantieren, die den freien Menschen steuern sollen …, ist derart überdeterminiert und voraussetzungsreich, daß man sie getrost nach erster Prüfung fallen lassen kann – was nicht bedeutet, daß in ihrem Kern nicht Teilwahrheiten enthalten sein können (etwa der politische Einfluß Gates in der WHO).

Sie zuzulassen heißt nicht, sie anzuerkennen. Man muß sie widerlegen oder hat auch das Recht, sie zu ignorieren. Die erste Methode der Wahl ist die Abduktion mit der von ihr bereitgestellten Methodik, Technik und Regel.

Wie erfolgreich diese Methode ist, zeigt die Wissenschaft selbst, von der Peirce meinte: „Jemand müßte völlig verrückt sein, wollte er leugnen, daß der Wissenschaft viele wirkliche Entdeckungen gelungen sind. Aber jedes einzelne Stück wissenschaftlicher Theorie, das heute festgegründet dasteht, ist der Abduktion zu verdanken.“

Man könnte glatt die Theorie wagen, Corona wurde dafür erfunden, um diese Theorie zu bestätigen.

[1] Feyerabend: Wider den Methodenzwang, 55

3 Gedanken zu “Postmodernes Denken verstehen

  1. Skeptiker schreibt:

    Ich habe Ihren präzisen und klar formulierten Artikel über Abduktion mit steigendem Interesse gelesen. Mit Ihren Anmerkungen zum „postmodernen Denken“ bestätigen Sie die Notwendigkeit, hinter vordergründig abstrakten Themata der Logik und Wissenschaftstheorie eine alltagsbezogene Relevanz zu vermuten – Peirce sei Dank. Als ich vor einiger Zeit die Lektüren meines Studiums noch einmal rekapitulierte, hatte ich ein wenig Hemmungen, was die „Franzosen“ betraf. Es war ein gewisser Widerwille, der sich nicht gegen Derrida etc. selbst richtete, sondern gegen die mittlerweile eingetretene Verwendung und Vernutzung in der „Kulturindustrie“, die offenbar im 20.Jahrhundert das Öffentlichwerden von Philosophie begleitet hat. Man kann mit kundigen Freunden ein Spiel machen und Textfragmente nach den Entstehungsjahren raten lassen: vom spröden Stil professoralen Neukatianismus und den „Jargon der Eigentlichkeit“ und dem folgenden „Adornismus“ im Feuilleton eben bis zu der Terminologie der Postmoderne. Man erhält eine kleine Philosophiegeschichte des modischen Jargons. Hauptfluch ist vor allem: das Festnageln auf ein Schlagwort (Sie erwähnen die eingeschränkte Wahrnehmung Feyerabends). Allerdings ist die Postmoderne selbst schon wieder Geschichte geworden und aus der Distanz werden die Gestalten sichtbar, auf deren Schultern die französischen Denker selbst standen. Sollten die rhetorisch so spektakulär erscheinenden Brüche doch nur eine Neuformulierung bestimmter Traditionen sein? Ich denke nicht nur an die von Ihnen erwähnten „Großdenker“ sondern z.B. auch an den Konventionalismus eine Henri Poincaré oder Pierre Duhem. Auch stellt sich die Frage, in wie weit die semiotische Grundlegung durch Saussure im Blick auf Peirce oder Morris manche Position in anderem Lichte erscheinen lässt. Die Corona-Krise zeigt auch die tiefe Krise des aktuellen Wissenschaftssystems auf. In vergleichbaren Fällen führte dies zu einer „Grundlagenreflexion“ – die findet heute nicht statt. Im Gegenteil: wer in der philosophischen Sozialisation mit den einschlägigen wissenschaftstheoretischen Disputen aufgewachsen ist, ist verblüfft, dass nahezu sämtliche damaligen Debatten in fast völlige Amnesie geraten sind. Erinnert sich noch jemand an die Frage nach der „Finalisierung der Wissenschaften“ – eine Frage, die angesichts der naiven Instrumentalisierung der Forschung doch erhebliche Relevanz gewinnt (Stichworte: Kann man Erkenntnisse gezielt planen oder gilt das Serendipische Prinzip – man denke nur an die magische Beschwörung eines Impfstoffes nach dem Grundsatz: was wir wollen, das bekommen wir auch). Mit einer Befassung derartiger Fragen durch TV-Philosophen ist leider nicht zu rechnen.

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    • Die philosophische Postmoderne ist in der Tat Geschichte geworden – bei diesem Satz (den Sie hiermit ansprechen: „am Puls der Zeit“) hatte ich Bedenken, das gebe ich zu. Ich ließ ihn stehen, weil er sich 30, 40, 50, 60 Jahre nach den maßgeblichen Texten (Grammatologie/Schrift und Differenz, Differenz und Wiederholung/Tausend Plateaus, Postmoderne Wissen/Widerstreit, Der symbolische Tausch und der Tod/Das System der Dinge, Die Ordnung der Dinge/Sexualität und Wahrheit, Das offene Kunstwerk …) mehrfach halten läßt.

      Zum einen waren die meisten dieser Arbeiten ihrer Zeit weit voraus, weil sie die Desintegration des traditionellen Denkens erkannt und beschrieben hatten, als dieser Prozeß in seinem Anfang stand. Das ist ihr Verdienst – sie beschrieben auch die positiven Möglichkeiten.

      Zum anderen sind sie „materielle Gewalt“ geworden und haben jetzt – in ihren Schwundstufen und Verhärtungen – die Institutionen besetzt. Übriggeblieben ist ein vereinseitigter Relativismus, der sich nun in den 20er Jahren zunehmend despotisch und totalitär äußert. Insofern ist Kritik der Quellen extrem bedeutend und Aversionen mehr als berechtigt. Ob dieser Totalitarismus werkimmanent war oder gar biographisch nachzuweisen ist – ohne in die Heidegger-Falle zu tappen – ist m.E. noch offen. Wir sind – ähnlich wie beim Marxismus – in eine Phase der Ideologisierung eingetreten, in dem seine Adepten zum eigentlichen Gegner der ursächlichen Intention geworden sind und das kann nur passieren, wenn die Texte nicht mehr offen rezipiert, sondern zu Schlagworten zusammengepreßt werden, wie man das aus den „Fragen des Leninismus“ oder Maos Werken kennt. Von der Linken ist die Rehabilitation nicht mehr zu erwarten – daher sehe ich „die Rechte“ in der Pflicht, den realitätsbeschreibenden Teil zu retten.

      Sie ist auch insofern noch zeitgemäß, als sie die letzte Emanation von „Großdenkern“ darstellte – mag sein, daß ich dort hängen geblieben bin, aber ich sehe seither kein wegweisendes Denken mehr, was beruhigt und beängstigt zugleich. Die Sprachlosigkeit des Denkens gerade in Corona-Zeiten spricht Bände.

      Natürlich werden dabei nur bestimmte Traditionen aufgenommen und der strukturalistische Teil ist ohne Saussures erster Durchdringung der Sprache nicht zu denken. Was sich aber geändert hat, ist die Umwelt und die revolutioniert sich derart rasant, daß sie sprachlich und denkerisch kaum noch einholbar sein wird. Wir stehen also zusehend vor dem Problem der Unbeschreibbarkeit der Phänomene – beschreiben müssen wir sie trotzdem, unsere Sprache wird sie nur immer weniger erreichen und sie werden sich zusehends verselbständigen, auf „Tausend Plateaus“, in tausend Welten – und die Sprache funktionalistisch umdeuten, ohne das Funktion und Intention noch zueinander paßten. Wie kleine Kinder werden wir die Erscheinungen in unser äußerst beschränktes Weltbild integrieren und die Kinder zeigen ja, daß das geht – bis hin zum Schizo …

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  2. „Man könnte glatt die Theorie wagen, Corona wurde dafür erfunden, um diese Theorie zu bestätigen.“ ???

    Seidwalk: Ja, das war schon immer Ihr größtes Hindernis, auf dieser Seite verstehend mitzulesen. Daß Sie just an diesem Artikel an dieser Stelle erneut scheitern – vermutlich als einziger – sollte Ihnen zu denken geben und Ansporn sein, die ganze Serie noch einmal zu studieren. Dann verstehen Sie vielleicht auch die entscheidenden Voraussetzungen, um sich am Gespräch über Abduktion abduktiv beteiligen zu können. Bis dahin hilft Schweigen zumindest vor der Blamage.

    Lynx: Tja, ich kann ja nachvollziehen, dass Sie klare Worte scheuen. So wird das nix mehr.

    Seidwalk: Es gibt Bereiche, die kann man nicht Lynx-sicher erklären, weil sie sich dann von selbst auflösen würden. Das ist ihr Wesensmerkmal. Aber ich fürchte, auch dieser Wink mit den Zaunpfahl wird bei Ihnen nicht die Erleuchtung bringen.

    Lynx: Ich dachte eigentlich, die Abduktion sei ein Verfahren, genau Einsicht in das scheinbar Unerklärliche zu ermöglichen, um es rational aufzulösen, zumindest zu erschließen. Aufklärung, nicht Verwolkung.

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