Die Abduktion – Umberto Eco

PDF Gesamttext:  Die Abduktion – Charles Sanders Peirce und Umberto Eco

 

„Alles was ich Ihnen gesagt habe, bis zu diesem Moment inklusive, ist falsch. Gute Nacht, Casaubon.“ Das Foucaultsche Pendel
  1. Umberto Eco

Will man sich Ecos Theorie über Abduktion zuwenden, so stellt sich die Frage nach der Teilbarkeit des Werkes, und es ist schwerlich zu übersehen, daß er ein theoretisches (welches sich in semiotische, historische, ästhetische, philosophische, kulturkritische, linguistische etc. Studien noch unterteilen ließe) und belletristisches (Romane und Essays) Werk vorgelegt hatte. Trotzdem wäre es nicht ungerechtfertigt, die Stringenz des Gesamtwerkes hervorzuheben, denn was er literarisch schuf, kann als angewandte Wissenschaft gelesen werden. Wird die Trennung trotzdem vollzogen, dann vor allem aus formalen Gründen und unter dem ständigen Bewußtsein der Kohärenz. Am Schicksal Herrn Sigmas machte Eco erstmals deutlich, womit die Semiotik sich befassen muß, nämlich mit allem[1], und in diesem erweiterten Sinne darf sie als Oberbegriff des gesamten Schaffens dienen.

a.) Das theoretische Werk

Die Semiotik als die Wissenschaft von den Zeichen, muß sich ständig mit der Intentionalität und Kausalität des semiotischen Prozesses beschäftigen, also mit der Interpretation zumeist verursachter und bezweckter Zeichen, mit Zeichen, die von einem Sender für einen Empfänger geschaffen und genutzt wurden. Sie muß sich dabei ihrer inhärenten Grenzen[2] bewußt sein, eben weil sie immer Macht intendiert. Dieser Prozeß unterliegt Signifikationen, die aufzuspüren weitestgehend Aufgabe der Abduktion ist, woran deren Zentralbedeutung deutlich wird. Ohne abduktives Herangehen wäre Semiose letztlich, d.h. von den idealtypischen und äußerst seltenen Fällen abgesehen, unmöglich.

Soll ein Zeichen als solches fungieren, dann muß es erkennbar sein, unabhängig davon, ob die Erkennung je realisiert wird. Und genau diese Erkennbarkeit garantiert das abduktive Verfahren. Die Abduktion ist „das versuchsweise und risikoreiche Aufspüren eines Systems von Signifikationsregeln, die es dem Zeichen erlauben, seine Bedeutung zu erlangen“ (Eco: Semiotik und Philosophie der Sprache, S. 68). Im semiotischen Kontext fällt der Abduktion also die interpretative Aufgabe zu, sie ist eine Interpretation, die selbst logischen Regeln gehorcht, sie läßt das Zeichen erst als solches funktionieren, sie „ist das klarste Beispiel für die Erzeugung einer Zeichen-Funktion“ (Eco: Semiotik – Entwurf einer Theorie der Zeichen, S.188).

Da ihr aber, wie bereits festgestellt, die logische Strenge fehlt, sie auf ein intuitives, zufälliges – verbunden mit marginalem Wissen – Element angewiesen ist, verzichtet sie auf die Suche von nomothetischen Erkenntnissen, allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten, womit sie sich ohnehin für die alltägliche Situation erst eignet. Im Alltag nämlich, nicht im Laborzustand, wird der übergroße Anteil an Entscheidungen gefällt, und diese lassen sich dann nicht, im Gegensatz zum Experiment, in Konstante und Variable aufgliedern. Die alltägliche Logik ist eine Logik der Unschärfe (eine fuzzy-logic), sie gleicht den fraktalen, sich selbstähnlichen und dissipativen Strukturen der Natur[3]. Die hier anzutreffenden Entscheidungen sind schwierig im kontextualen Sinne, denn unbegreifbar bleiben die unendlichen Möglichkeiten.

Diese Ohnmacht des menschlichen Geistes, mit einem endlichen Denkapparat dem Unendlichen gegenüberzustehen, ließ ihn den Zufall erfinden für all jene Sachverhalte, die unerklärlich, da tatsachenüberladen, sind. Die Vieldimensionalität muß ihr logisch-psychologisches Gegenüber finden, und sie hat dies in der Abduktion tatsächlich entdeckt.

Abduktives Denken gab es, seit es Denken gibt, und dies darf nicht mit Peirces oder Ecos Abduktionen über die Abduktion, deren Metaabduktionen, verwechselt werden. Ihre Bedeutung für die Semiotik zusammenfassend, meint Eco: „Eine Abduktion ist ein typisches Verfahren, mittels dessen man bei der Semiose fähig ist, schwierige Entscheidungen zu treffen, wenn man unklaren Instruktionen folgt“ (Eco: Die Grenzen der Interpretation, S. 295). Die Unklarheit beansprucht dabei Objektivität.

Darüber hinaus müßten kaum noch Worte verloren werden, wenn nicht Eco den Versuch unternommen hätte, die Peircesche Theorie der Abduktion zu konkretisieren und weiterzuentwickeln. Dabei ist ihm nicht immer leicht zu folgen.

Eco unterscheidet verschiedentlich zwischen drei oder vier Stufen der Abduktion: „Auf der ersten Stufe ist der Befund zwar unerklärlich und sonderbar, aber das Gesetz existiert bereits irgendwo, vielleicht im Innern des betreffenden Problembereichs, und man muß es nur finden (als das Gesetz mit der größten Wahrscheinlichkeit). Auf der zweiten Stufe ist das Gesetz schwer zu erkennen. Es existiert woanders, in einem anderen Problembereich, und man muß eine Wette darauf riskieren, daß es sich auf den vorliegenden Problembereich ausdehnen läßt (dies war der Fall bei Kepler). Auf der dritten Stufe existiert das Gesetz noch nicht, und man muß es erfinden“ (Eco: Über Spiegel und andere Phänomene, S. 210).

Die erste der drei Stufen, die sich durch die steigende Schwierigkeit der Realisierung unterscheiden, nennt er „überkodierte Abduktion“[4] und meint damit die Peircesche Hypothese. Es bleibt allerdings fraglich, ob Peirce tatsächlich an zwei Arten der Schlußfolgerung dachte, also ob er zwischen Hypothese und Abduktion unterschieden wissen wollte. Es handelt sich da wohl eher um eine kategoriale Neufindung, die sich Eco inhaltlich zunutze macht. Demnach wird hier einem bereits bekannten codierten Gesetz ein Fall abduktiv hypothetisch beigeordnet, wobei die situativen Umstände entscheidend und zu entscheiden sind oder im semiotischen Diskurs, der die Textualität der Welt voraussetzt: der Ko-Text[5], die textuale Einordnung, der Kontext, sowie die subjektive Situation des Texterzeugenden.

Die vom Subjekt aus gesehen nächst höhere Stufe, die „unterkodierte Abduktion“, liegt vor, „wenn die Regel aus einer Reihe gleich wahrscheinlicher Alternativen gewählt werden muß“ (Eco: Semiotik und Philosophie der Sprache, S.70). Eco erklärt diese an Hand der Entdeckung des ersten Keplerschen Gesetzes. Nachdem Kepler klar war, daß die Planetenbahnen nicht gleichförmig verliefen, mußte er eine Alternative finden, wobei ihm viele, aber nicht unbegrenzt viele Möglichkeiten blieben. Unter der Annahme der Regelmäßigkeit konnten ungeschlossene geometrische Figuren ausgeschlossen werden, und unter den geschlossenen schienen die Ellipsen nicht zuletzt wegen ihrer Kreisähnlichkeit als die effektivsten. Diese Annahme[6]wurde schließlich experimentell und rechnerisch verifiziert.

Am riskantesten, aber auch am bedeutendsten ist schließlich die „kreative Abduktion“: „Das Gesetz muß ex novo erfunden werden“ (Eco: Die Grenzen der Interpretation, S. 313). Berühmtes Beispiel ist „die kopernikanische Intuition der heliozentrischen Theorie“ (ebd., S.329). Der Deutsche hatte weder empirische Veranlassung noch Beweismaterial, um das ptolemäische Weltbild in Frage zu stellen, außer dessen interne Schwierigkeiten, er ging von einem unergründlichen Harmoniegefühl, einer Sehnsucht nach Harmonie, aus. In einem geistigen Schöpfungsakt versetzte er die Sonne in den Mittelpunkt des Sonnensystems, eine Erfindung, die erst nach dessen Tode zur Entdeckung reifte[7]. Auch die detektivischen und interpretativen Abduktionen stellen zumeist kreative Abduktionen dar (vgl. Eco: Semiotik und Philosophie der Sprache, S.72) und sind von daher für das literarische Werk Ecos von besonderer Bedeutung. Den Hiatus zwischen psychischen, abduktiv geschaffenen Welten und der realen Welt soll schließlich eine „Meta-Abduktion“ überbrücken, der damit die Aufgabe der prinzipiellen Verifikation zukommt. Sie ist die Verbindung, die den festen Boden unter den Füßen garantiert und dürfte gemeinsam mit der kreativen Abduktion weitgehend Peircens Abduktionsbegriff abdecken.

Es gibt, so Eco, ein bestimmtes Kriterium, welches eine gewisse Gewähr bietet, in der Vielzahl der möglichen Abduktionen, diejenigen auszuwählen, deren Annahme am erfolgversprechendsten ist. Bereits Peirce hatte dies erkannt, es bleibt jedoch Ecos Verdienst, dies explizit verdeutlicht zu haben.

Auch der Vater des Pragmatismus nutzte eine detektivische Situation zur Verdeutlichung: „Ein gewisses anonymes Schriftstück besteht aus einem abgerissenen Stück Papier. Man vermutet, daß es sich bei dem Autor um eine bestimmte Person handelt. Sein Schreibtisch, zu dem er allein Zugang hatte, wird untersucht, und man findet in diesem ein abgerissenes Stück Papier, dessen Rand genau mit allen Unregelmäßigkeiten zu jenem fraglichen Schriftstück paßt. Es ist ein rechtmäßiger hypothetischer Schluß, daß die vermutete Person tatsächlich der Autor war. Der Grund dieses Schlusses ist offensichtlich der, daß es äußerst unwahrscheinlich ist, daß zwei abgerissene Papierstücke zufällig zusammenpassen“ (2.632)[8].

Peirce gibt hier gewissermaßen eine negative Bestimmung dessen, was Eco als Ökonomiekritierium (z.B. Eco: Die Grenzen der Interpretation) oder Sparsamkeitskriterium (Eco: Zwischen Autor und Text) in die Semiotik integrierte.[9] Ohne Zweifel war es für den Pragmatisten notwendig, seine Theorie gegen Auswüchse zu schützen, bevor sie, positiv gewendet, weiterentwickelt werden konnte. Und in der Tat muß die Abduktion sich am Erfolg messen lassen, und dies erfordert, „von den Hypothesen alles auszuschließen, das unklar und unsinnig ist“ (5.212). Phantasie ist zwar eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Hypothetischen, doch es kann auch dessen Ende bedeuten, wenn sie unendlich wuchert[10].

Peirce war sich darüber im klaren, daß jedes Zeichen immer auf andere Zeichen verweist, woraus sich eine virtuelle Unbegrenztheit der Zeichen ergibt, jedoch sei das kein Freifahrtsschein in die Beliebigkeit, konkretisierte Eco.[11] Dem ständen mindestens zwei Dinge entgegen: die Zwecke der Erkenntnis und eben das Ökonomieprinzip. Demnach ist diejenige Hypothese den anderen vorzuziehen, deren Aufwand am geringsten ist. Es handelt sich dabei zumeist um die vernünftigste (einfachste, simpelste, natürlichste etc.) Erklärung, die gleichzeitig eine kritische ist.[12] Von daher favorisiert Eco eine „vom Argwohn geprägte Interpretation“ (Eco: Die Grenzen der Interpretation, S. 119), deren Kriterien der möglichst geringe Aufwand, eine stringente und möglichst einsträngige Kausalität sowie die Kompatibilität mit angrenzenden Gebieten oder die Möglichkeit der paradigmatischen Einordnung sind. Gültig ist dies für die Semiotik als Gesamtprozeß als auch für die abduktiven Schlußverfahren.

Um aber ökonomisch interpretieren und entscheiden zu können, bedarf es wieder des Wissens, der Kompetenz. „Jeder Interpretationsakt ist dergestalt eine schwierige Transaktion zwischen der Kompetenz des Lesers (der vom Leser geteilten Kenntnisse der Welt) und der Art der Kompetenz, die ein bestimmter Text postuliert, um ökonomisch interpretiert zu werden“ (ebd., S. 148). Freilich unterläßt es auch Eco, nach den psychologischen Wurzeln und dem Herkommen der Kompetenz im abduktiven Prozeß zu fragen, allerdings deutet er im literarischen Werk, im „Namen der Rose“ insbesondere, wie nun gezeigt werden soll, mögliche Lösungswege an.

b.) Das literarische Werk

Die Psychologie mußte sich in ihrer Wissenschaftsgenesis, die sich bekanntermaßen auf eine lange Vergangenheit, jedoch nur auf eine kurze Geschichte berufen kann, des öfteren verwundert den Literaten zuwenden, um festzustellen, daß kein geringer Teil ihrer Erkenntnisse, der in einem mühsamen empirischen Forschungsprozeß erarbeitet wurde, sich hier oft spielerisch leicht poetisch manifestierte. Wir erfahren auch in Ecos literarischen Werken zwar nicht viel über die Psychologie der Abduktion, jedoch einiges über die Psychologie des Detektivs. Dabei kann er sich auf berühmte Vorbilder stützen.

Peirce selbst lieferte ein beeindruckendes Beispiel detektivischer Feinfühligkeit, als es ihm gelang, den Diebstahl seiner Uhr während einer Schiffsfahrt aufzuklären (vgl. Eco/Seboek, S. 28-39), wobei er sogar den Rahmen der Logik sprengte und das intuitive, fulgurative Element der Abduktion verdeutlichte. Denn es gab keinerlei offensichtliche Anhaltspunkte, den Täter zu bestimmen. Die Methode jedoch ist aufschlußreich. Da der Diebstahl stattfand, noch bevor die Mannschaft des Schiffes das Land betrat, konnte der Täterkreis auf eben jene eingegrenzt werden, und da Peirce offensichtlich glaubte, daß Inhaber von Diensträngen aus ethischen Erwägungen auszuschließen seien, ließ er das bedienende farbige Personal antreten und stellte jedem einzelnen eine Frage, die denkbar unzusammenhängend mit dem beschriebenen Fall war. Der Dissoziationsversuch ist kaum zu übersehen. Natürlich brachte diese Art der Befragung keinerlei Tatsachenmaterial zutage, und trotzdem war sich der Begründer der Abduktion danach sicher, den Schuldigen benennen zu können. Aufgrund eines bloßen, unerklärbaren Verdachtes, einer Überzeugung. Diese Einsicht, die natürlich dem Fallibilismus-Vorbehalt unterworfen blieb und nach heutigem Maßstab rassistisch wäre, diente der Antizipation des Täterverhaltens[13], der die Funktion der Verifikation zukam. Und in der Tat stellte sich nach verwirrenden Zwischenereignissen die Richtigkeit des Peirceschen Schlusses heraus.

Wenn kein bewußtgewordener Sachverhalt vorliegt, das Ergebnis aber der Wahrheit entspricht, so muß der Akt der Entscheidung ins Psychische, ins sogenannte Unbewußte verlegt werden, was mindestens zweierlei voraussetzt: erstens eine enorme Sensibilität der Wahrnehmung und das seismographische Gespür psychischer Eruptionen, zweitens das Vermögen von primär-kausalen, vordergründig erscheinenden, sich offensichtlich anbietenden, tatsächlich aber ablenkenden Erscheinungen zu abstrahieren – eine Fähigkeit, die dem von Peirce engagierten Detektiv abging, der eben einer vermeintlichen Tatsachenspur folgte.[14]

Ecos Romanhandlung beginnt mit der berühmten Brunellus-Geschichte, und diese verweist auf zwei andere prominente Vorlagen. Zum einen liebte Sherlock Holmes es, Watson oder einen Klienten vor seiner eigentlichen detektivischen Arbeit durch besonders scharfsinnige und trotzdem banale „Deduktionen“ zu beeindrucken, wie dies auch William von Baskerville bekennt, zum anderen findet die Situation des entlaufenen Pferdes, welches durch abduktives Schließen bestimmt und wiedergefunden wird, in Voltaires „Zadig“ seinen Vorläufer. Allerdings schien sich auch Voltaire auf sagenhafte Geschehnisse verschiedener Kulturen der Welt zu berufen[15], in denen die Geschichte in unterschiedlichsten Formen erzählt wurde.

Ecos Interesse an der Metaphysik des Kriminalromans, die ihn immer wieder beschäftigte[16], ist also ein semiotisches und konjektives. „Ich glaube, daß Krimis den Leuten nicht dadurch gefallen, weil es in ihnen Mord und Totschlag gibt; auch nicht darum, weil sie den Triumph der (intellektuellen, sozialen, rechtlichen und moralischen) Ordnung über die Unordnung feiern. Sondern weil der Kriminalroman eine Konjektur-Geschichte im Reinzustand darstellt“ (Eco: Nachschrift zum Namen der Rose, S. 63). Die Motivationsvorgabe, dem Drang erlegen zu sein, einen Mönch zu vergiften (ebd. S. 21), muß man vielleicht nicht zu ernst nehmen, denn es scheint doch permanent das theoretische Interesse durch den Schleier der Mordserie.

Um dies von Beginn an deutlich zu machen, bedient er sich der Brunellus-Episode, die im Handlungsgefüge sonst eine untergeordnete Rolle spielt, die den Leser aber ebenso wie Adson in die Lage versetzt, Williams Denkweise jenseits des metaphysischen Diskurses zu verstehen. Dem Leser geht es dann oft nicht anders als Dr. Watson oder Adson, die, wenn sie die Herleitung nachvollziehen konnten, von deren Einfachheit verblüfft waren, sie evident (26) fanden und sogar dazu neigten, die tatsächlich erbrachte kombinatorische Leistung fehl- oder unterzubewerten. Doch gemessen an der Vielzahl der Interpretationsmöglichkeiten, scheint dies nicht gerecht. Tatsächlich nämlich hätte in fast jedem abduktiven Fall alles ganz anders sein können. Selbst offensichtliche Spuren müssen kein Kriterium der Wahrheit sein, wie man etwa an dem sowjetischen Filmklassiker „Rette sich, wer kann“[17] beispielhaft darzustellen vermag, in dem auf einem Schiff, welches einen Zirkus transportierte, eine Panik ausbrach, nachdem durch künstlich gefertigte Abdrücke von Tigertatzen jedermann annahm, daß diese Tiere frei herumliefen. Zwar schließt Zadig zurecht aus den Goldabschürfungen auf vergoldete Hufe, doch es hätte sich ebenso um einen vom Pferd gefallenen Ritter in goldener Rüstung handeln können (vgl. Eco: Die Grenzen der Interpretation, S. 322), zwar schließt Holmes zurecht aus Watsons schmutzigen Absätzen auf dessen Postbesuch, doch die Schuhe hätte auch eine andere Person getragen haben können (vgl. Conan Doyle: Der Hund der Baskervilles, S. 12ff.), zwar identifiziert William zurecht aus der „Quelle“ Buridan den Namen des Pferdes, doch hätte der Namengeber, der Abt, auch unbelesen sein können … Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und obwohl größtmögliche Phantasie unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Abduktionen ist, liegt die Kunst in deren Zügelung. Es ist Vorsicht geboten, und William demonstriert eine quasi mäeutische Vorsicht, gepaart mit einem gesunden Maß an Risiko. Daß die Mönche suchten, war ihrer Aufgeregtheit zu entnehmen, daß es ein Pferd war, den Hufspuren. Bis hierher ging das Risiko, der Rest ist Mäeutik, denn es ist der Cellerar, der William zum einen die Gewißheit für die Richtigkeit seines Verdachtes gibt, durch seine Fragen, seine Mimik und Gestik die weitere Richtung vorgibt. Wie gesagt, eine wesentliche Leistung liegt in der psychologischen Sensibilität.[18]

Später, als William seinem Schüler den Erkenntnisweg erläutert, gibt Eco seine Theorie der Abduktion preis. Er beschreibt sie, ebenso wie dies Peirce tat, als Approximation an eine idealische Wahrheit, der man sich eben nur nahe bringen könne (30). Diese Approximation ist, und sei sie noch so dürftig, der Sinn des an sich unerträglichen Lebens des Wahrheitsjägers (210), sein mageres Ergebnis und Erlebnis. Es ist zudem ein verschwenderisches Spiel, den natürlichen Fortpflanzungsvorgängen analog, in denen nur ein Samen, wenn überhaupt, aufgeht. „Ich betrachte eine Anzahl unzusammenhängender Elemente“ dozierte William „und entwickle Hypothesen. Aber ich muß viele Hypothesen entwickeln, und manche davon sind so absurd, daß ich mich schämen würde, sie dir zu nennen“ (310). Diese Abduktionen müssen, wie oben gesagt, kreativ sein, es kommt darauf an „so viele Wahrheiten wie möglich zu ersinnen“ (311).[19]

Und Eco macht den Leser mit seiner eigenen Weiterentwicklung der Peirceschen Abduktionslehre bekannt, mit dem Ökonomieprinzip. Offensichtlich waren es die Abdrücke eines Pferdes, daß es sich aber um Brunellus handelte, ergab sich aus der Anwendung der Ökonomieregel, die die örtlich/zeitlichen Variablen in die Gleichung einsetzte (vgl. 29) und so zur wahrscheinlichsten (das ist die einfachste) Lösung führte. Verallgemeinert und als Lehrsatz klingt das wie folgt: „Mein lieber Adson, man soll die Erklärungen und Kausalketten nicht komplizierter machen, als es unbedingt nötig ist.“ (95), denn je geringer die Anzahl der Elemente, umso umfassender die Erklärung (ebd., vgl. S. 268 u.a.). Die sich daraus ergebende Notwendigkeit der (phänomenologischen) Reduktion der Elemente wird erreicht, so lehrt wiederum Sherlock Holmes und macht damit den phänomenologischen Aspekt der Abduktion deutlich, indem man alles ausschließt, was unmöglich ist (Conan Doyle: Der Hund der Baskervilles, 55 u.a.) und die Deckung der Hypothese mit den Fakten vollzieht (ebd.; S.74).[20] Auch Zadigs Goldritter muß als Hypothese aus ökonomischen Gründen ausscheiden, weil eben ein einzelnes Pferd rationeller sei, als ein Pferd mit Reiter (vgl. Eco: Die Grenzen der Interpretation, S. 323).

An anderer Stelle, jedoch mit ähnlichem Ergebnis, als William den Text des Venantius übersetzt[21] (166 ff. ), ließe sich die Gesamtheit der Aussagen noch einmal wiederholen.

Vom greisen Alinardus erfährt William zum ersten Mal vom Labyrinthcharakter der Bibliothek, verbunden mit dem fatalen Hinweis auf die Apokalypse des Johannes. Der Franziskaner ist sich dessen zwar nicht bewußt, nimmt von hier ab jedoch diese Matrix an, vor deren Hintergrund dem Leser ein Mißerfolg nach dem anderen präsentiert wird. Mißerfolge Williams sind immer Fehlinterpretationen – des Welten-Buches, Verirrungen im Labyrinth der (Mikro)Welt. Wie bereits zu sehen war, sind abduktive Fehlentscheidungen nie zu vermeiden, und dies ist dem mittelalterlichen Detektiv auch nicht anzurechnen, aber als Aufklärer, der das „sapere aude“ verinnerlicht hat und mit diesem anthropozentrischen und rationalistischen Selbstbewußtsein an den unbedingten Progreß der Dinge glaubt, kommt ihm die Fallibilität nicht wirklich in den Sinn. Ecos postmoderne Aufklärungskritik ist hier kaum zu übersehen, zumal die Entwicklung im Mikrokosmos Abtei den modernen Makrokosmos Welt antizipiert. Das unterlegte Schema, die Apokalypse, realisiert sich gerade, weil sie präskribiert wurde. Eine Tat läßt sich nicht nur besprechen, denn dieses selbst heißt, die Tat begehen und „jedes Reden über etwas ist zugleich die Verhinderung, daß es selbst spricht“[22].

Das ist die Crux modernen, d.h. vor allem des aufgeklärten, des sich selbst als aufgeklärt verstehenden Philosophierens. Es mag kein dekonstruktives Ziel geben, aber es gibt dieses Verdienst, auf den Sachverhalt hin aufmerksam gemacht zu haben, inklusive die Versuche, diesem letzten Dilemma alles Sprechens zu entgehen.[23] [24]

„Ein abstraktes Modell der Vermutung ist das Labyrinth“ (Eco: Nachschrift zum Namen der Rose, S.64). Nur jene werden ihm gewachsen sein, können in der Welt, die „sich aus labyrinthisch zerstückelten Architekturen zusammensetzt“ (Eco: Die Insel des vorigen Tages, S.58) bestehen, die dem labyrinthischen Dilemma des Seins und Sagens entgehen, indem sie sich vor Augen führen, daß es ein Labyrinth ist, dem zu entkommen, niemandem ermöglicht wird.

Es ist das Wesen des Labyrinths, permanent Entscheidungen fällen zu lassen, diese zu verlangen, sie zu provozieren und d.h. immer die Möglichkeit, Fehler zu begehen. Das Labyrinth rechnet damit, ja es ist sein einziges und tiefstes Ziel: der Irrtum. Auch der optische Vergleich zwischen Foucaults Gefängnis und Ecos Labyrinth zeigt, wie fließend der Übergang sein kann. Abduktion kann folglich selbst nur abduktiv anerkannt werden.[25]

 

[1]Eco: Im Labyrinth der Vernunft, S.11. Eine Aussage, die später verschiedentlich relativiert wurde. Eco begibt sich z.B. auch auf die Suche nach Nicht-Semiotischen und identifiziert dies verschiedentlich (Spiegel, Fälschungen, Duplikate …), schränkt mit der stärkeren Bewußtwerdung der Dreigliedrigkeit der Semiose die sie behandelnde Wissenschaft als die Disziplin ein, „die alles untersucht, was man zum Lügen verwenden kann“ (Eco: Semiotik – Entwurf, S.26), also einer Signifikation fähig ist.
[2]vgl. etwa Derrida: Geschlecht (Heidegger), auch Röttgers: Spuren der Macht, S.32ff. und S.42
[3]…ja sie ist, wie Deleuze auf so beeindruckende Art zu beweisen versucht, paradox, eine Paralogik (Deleuze: Tausend Plateaus).
[4]Einsichtigste Erläuterung in Eco: Semiotik – Entwurf einer Theorie der Zeichen S. 188-191
[5]Definition Ko-Text vgl. Eco: Lector in fabula, S. 17-21
[6]Sie diente dann als Basis der nächsten Deduktion, die, sollte sie sich bestätigen, weitere Punkte auf der Planetenbahn ergab.
[7]Eine detaillierte Analyse berühmter kreativer Abduktionen nimmt Feyerabend in „Wider den Methodenzwang“ vor, und auch Kuhns Paradigmenwechsel ging zumeist ein solch gewagter Schluß vorher.
[8]Einen ähnlichen Fall löste auch Holmes in „Die Junker von Reigate“(Conan Doyle: Die Memoiren des Sherlock Holmes, S.137-160)
[9]Nebenbei bemerkt wird hier das phänomenologische Moment des Pragmatismus deutlich, der in gewisser Weise die phänomenologische Reduktion anwendet. In stark vereinfachter Form bedient sich ihr auch Holmes:“Dies ist ein sehr simples Verfahren zur Eingrenzung unseres Operationsfeldes…“(Conan Doyle: Sherlock Holmes’ Buch der Fälle, S.24). vgl. auch Eco/Seboek, S.81
[10]Dies eben wirft Eco Derrida vor, der, so der Semiotiker, die semiotische Abdrift, die unendliche Semiose Peirce` zu wörtlich nehme. Damit gerate Derrida ins Logisch-Paradoxe – doch Eco entgeht, daß die Dekonstruktion die paradoxe Situation nicht nur duldet, sondern sogar kultiviert. Insofern geht die Frage, ob Derrida denn nicht selbst annehme, daß seine Interpretation die richtige sei, an der Dekonstruktion vorbei. Eco, dem Semiotiker, entgeht das Mystische am Dekonstruktivismus Derridas (siehe dazu: Sloterdijk: Derrida ein Ägypter), d.i. der Versuch etwas zu sagen, ohne durch dieses Sagen autoritär zu sein, in den Prozeß des Besagten, den Werdensprozeß einzugreifen. Dies verwundert um so mehr, da Eco selbst diese Praxis, wenngleich mit anderer Methode, betreibt. (vgl. Eco: Die Grenzen der Interpretation, S.425ff.) So erkennt Ecos Romanheld, Roberto de La Grive, in existentieller Situation: „Um zu überleben, muß man Geschichten erzählen.“ (Eco: Die Insel des vorigen Tages, S. 211), erkennt er also zumindest die Macht des Sagens.
[11]Derrida wird von Eco diesbezüglich allerdings arg mißverstanden, denn gerade der dekonstruktiven Praxis wie dem französischen postmodernen Strukturalismus wird Beliebigkeit nachgeredet, was jedoch bei korrekter Lektüre kaum aufrecht zu erhalten ist. Kaum ein Denken der Jetztzeit ist so streng wie das Derridas, Deleuzes oder Lyotards.
[12]Die kritische Lektüre des universalen Textes und des textualen Universums ist immer eine abduktive (vgl. Eco: Die Grenzen der Interpretation, S. 48), und es fällt nicht schwer, hier den pragmatistischen Fallibilismusvorbehalt wiederzuerkennen. Als Resümee faßt Eco dies zusammen und verweist damit explizit auf die Signatur der Postmoderne: „Peirce` Fallibilitätsprinzip ist – auch im Hinblick auf Texte – ein Prinzip der Pluri-Interpretabilität“ (ebd., S. 440).
[13]Eine gewisserweise paradoxe Situation: die Retroduktion, die ein Nachhinten-Denken ist, gestattet die Fähigkeit der Antizipation, aber die Abduktion ist eine Paradoxie an sich.
Sherlock Holmes demonstriert dies mitunter, hier ein Beispiel: „Dann wollen wir jetzt einen anderen Gedankengang aufgreifen. Folgt man nämlich zwei verschiedenen Argumentationsketten, und kommt an einen Punkt, wo sich die beiden überschneiden, sollte man damit der Wahrheit recht nahe kommen. Diesmal wollen wir nicht von der Lady, sondern vom Sarg ausgehen und rückwärts schließen.“ (Conan Doyle: Sherlock Holmes’ Buch der Fälle, S.193; vgl. auch ebd. S.52/66; Die Memoiren des Sherlock Holmes, S.56; f, S.132)
Sich in die Lage des Täters versetzen zu können, um dessen Denken zu denken, zeichnet nicht nur Holmes, sondern auch William von Baskerville aus, der „vermochte nicht nur im großen Buch der Natur zu lesen, sondern auch in der Art und Weise, wie die Mönche gemeinhin die Bücher der Schrift zu lesen und durch sie zu denken pflegten“(Name der Rose, S.26).
[14]Genau das ist ja das Schwierige an der Semiose, die Zeichen nicht nur zu lesen, sondern richtig zu lesen, hinter ihre Oberfläche zu schauen, die oft nicht nur verbirgt, sondern auch täuscht. Tatsächlich wird der Semiotiker zum Detektiven, ebenso wie sich der Detektiv der Semiotik bedient. (vgl. Eco/Seboek, S.28 u. 38)
[15]vgl. Eco/Seboek, S.135
[16] nachzulesen in Eco: Nachschrift zum Namen der Rose, Apokalyptiker und Integrierte, Über Spiegel und andere Phänomene u.a.
[17]…der hier eine Idee zur Anwendung bringt, die bereits – wen wundert’s noch – Sherlock Holmes bearbeitete und natürlich aufklärte (vgl. Conan Doyle g, S.150)
[18]Tatsächlich, „auch die anderen großen Detektivgestalten der Weltliteratur sind Spurenkundige“, Semiologen wie William, aber dies reicht längst nicht aus, um die Präsenz und Absenz in der Spur ausfindig zu machen (vgl. Röttgers Französische Philosophie der Gegenwart, Teil 2, S. 22). Zweierlei wird an seinem Beispiel deutlich, daß Detektive eher Psychologen als Semiologen sind und daß die Semiologie selbst abduktive Strukturen aufweist.
[19]„Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, jede Ordnung und jedes Chaos“ (424)
Wer denkt da nicht an Paul Feyerabend?
[20]„Durch Anwendung des Ausschließungsverfahrens bin ich zu diesem Ergebnis gelangt, da keine andere Hypothese mit den Tatsachen in Einklang zu bringen war“ (Conan Doyle: Eine Studie in Scharlachrot, S. 153).
[21]Wo er im Übrigen Methoden anwendet, die Eco ausführlich in „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“ erläutert und rekapituliert, deren partielle Kenntnis jedoch auch Holmes nachweisen kann. (vgl. „Die tanzenden Männchen“ in: Conan Doyle: Seine Abschiedsvorstellung, S. 67-97).
[22]Röttgers: Spuren der Macht, S. 42
[23]Insbesondere Derridas Werk kann so gelesen werden, und ausgerechnet in „No Apocalypse, not now“ und „Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie“ wird dies exklusiv thematisiert, in der Nachfolge, z.B. von Dubost in „Einführung in den letzten Text“ u.a. aufgegriffen.
[24]Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Williams unbedingter Drang zu wissen, sein faustischer Infinitismus, die Katastrophe nicht nur herausfordert, sondern sie letztlich gar initiiert. Natürlich gab es auch vor und ohne sein Eingreifen mysteriöse Todesfälle, denn schließlich ging es ja nicht um ihn, sondern um das Buch. Es ist aber Kennzeichen eines Kosmos, sich selbst stabilisieren zu können, und so wäre die Abtei ohne äußeres, ohne Williams Eingreifen, welches das Gleichgewicht empfindlich störte, spätestens nach dem Mord am Botanikus und dem Tode des Malachias wieder zur Ruhe gekommen. Wenn von Williams Aufklärung abstrahiert wird, dann bliebe lediglich noch ein altbekanntes ethisches Problem bestehen, die Frage zwischen dem Wert eines (ohnehin vergänglichen) Menschenlebens und dem Wert eines seltenen, wertvollen etc. Gegenstandes (vgl. etwa Singer, der auf das bekannte typisierte Beispiel des brennenden Hauses zurückgreift, in dem zwischen der Rettung eines Säuglings oder eines Rembrandts entschieden wird). Es könnte sich ja um eine humane Überhebung handeln, immer sich für den Menschen zu entscheiden, immer am Leben zu hängen. Bei allem Konservatismus beschämt der alte Jorge die Jungen durch seinen revolutionären Denkakt, den Tod als menschliche Lösung zu akzeptieren. Dieser nämlich hatte recht, als er im letzten Gespräch mit William (S. 469 ff.) ein visionäres Bild entwirft, in dem der fortschreitende Mensch sein Ende im apokalyptischen Abgrund findet. Er beschreibt genau jenen Zustand, den der vulgäre Materialismus der letzten (aufgeklärten) 250 Jahre bis heute hervorgebracht hat, und er vertraut der bedingungslosen Spiritualität, die die heutigen Menschen suchen, um wahrscheinlich doch im New Age – Materialismus zu versinken. Diesen Konflikt zu entscheiden, steht hier nicht an, abzulehnen aber ist die Unbedingtheit, Unangreifbarkeit der Überzeugungen. Sicherheit ist mit Sicherheit die schlechteste Ratgeberin im Labyrinth.
Williams Eingreifen ist vergleichbar dem archäologischen – es legt frei und führt damit die Zerstörung herbei. Dies ist das Dilemma der Archäologie. Natürlich wäre der Profanbau ebenso wie das Keramikgefäß auch unentdeckt vergangen, zerstört worden, aber in einer anderen Zeitdimension. Das Wesentliche ist, daß es sich mit der Freilegung um einen Knick im Verfallsprozeß handelt, der eine neue terminale Dimension annimmt. Nicht selten brechen die Mauern, Wände, Ränder…schon bald nach oder durch die Freilegung, weil sie plötzlich neuen Umweltbedingungen ausgesetzt und einem Gleichgewichtszustand, der sich über lange Zeiträume einstellte und kleine Veränderungen absorbieren kann, entzogen werden. „Ich bin selbst ein bißchen Archäologe“ meinte auch Holmes, den mindestens eines von William trennt: das unbedingte Müssen.
Dem ständigen Werden und Vergehen entzieht sich letztlich nichts und niemand, und auch die Bibliothek oder die Abtei wäre irgendwann zugrunde gegangen. Daß es aber in diesem explosiven, apokalyptischen Akt geschieht, ist dem Suchenden zu „verdanken“, unabhängig davon, welchen Vorsatz er damit verband. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Sein Anliegen mag ehrenwert sein, das Ergebnis spricht für sich. Nur William, als eigenständiger Autorität, war die Kraft gegeben, die Gesamtdestruktion einzuleiten. Die wissenshungrigen Mönche waren dazu nicht in der Lage. Ihr Tod, verursacht durch das Buch, beweist es.
[25]Allerdings, es existiert eine Form des Labyrinths, die das Gefangensein transzendiert: das Rhizom vgl. Deleuze/Guattari: „Wir ahnen schon, daß wir niemanden überzeugen werden, wenn wir nicht wenigstens annäherungsweise bestimmte Merkmale des Rhizoms aufzählen. 1. und 2. – Prinzip der Konnexion und der Heterogenität. Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt werden.“ „In einem Rhizom dagegen verweist nicht jeder Strang notwendig auf einen linguistischen Strang: semiotische Kettenglieder aller Art sind dort nach den verschiedensten Gruppierungsarten mit politischen, ökonomischen und biologischen Kettengliedern verknüpft; es werden also nicht nur ganz unterschiedliche Zeichensysteme ins Spiel gebracht, sondern auch verschiedene Arten von Sachverhalten.“ „3. – Prinzip der Vielheit: nur wenn das Viele als Substantiv, als Vielheit behandelt wird, hat es keine Beziehung mehr zum Einen als Subjekt und Objekt, als Natur und Geist, als Bild und Welt. Vielheiten sind rhizomatisch und entlarven die baumartigen Pseudo-Vielheiten.“ „In einem Rhizom gibt es keine Punkte und Positionen wie etwa in einer Struktur, einem Baum oder einer Wurzel. Es gibt nichts als Linien.“ „Ein Rhizom und eine Vielheit lassen sich aber nicht übercodieren, sie haben keine supplementäre Dimension, die zur Zahl ihrer Linien hinzutreten könnte, d.h. zur Zahlenvielheit, die mit diesen Linien verbunden ist. Alle Vielheiten sind flach, insofern sie alle ihre Dimensionen ausfüllen und besetzen; wir werden deshalb vom K o n s i s t e n z p l a n der Vielheiten sprechen …“ „4. – Prinzip des asignifikanten Bruchs: …Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden; es wuchert entlang seinen eigenen oder anderen Linien weiter. Man wird mit den Ameisen nicht fertig, weil sie ein tierisches Rhizom bilden: es rekonstituiert sich auch dann noch, wenn es schon größtenteils zerstört ist.“ „Das Rhizom dagegen ist eine Anti-Genealogie. Für das Buch gilt dasselbe wie für die Welt: das Buch ist nicht Bild der Welt, wie uns ein eingewurzelter Glaube weismachen will. Es ‚macht Rhizom‘ mit der Welt; es gibt eine aparallele Evolution von Buch und Welt…“ „5. und 6. – Prinzip der Kartographie und der Dekalkomonie: ein Rhizom ist keinem strukturalem oder generativem Modell verpflichtet. Es kennt keine genetische Achsen oder Tiefenstrukturen.“ „Eine Karte hat mit der Performanz zu tun…“ „Wenn ein Rhizom verstopft ist, wenn man einen Baum daraus gemacht hat, dann ist es aus, dann kann der Wunsch nicht mehr strömen. Denn der Wunsch bewegt sich und produziert nur durch ein Rhizom.“
Mindestens dies muß vergegenwärtigt werden, wenn wir Eco vom Rhizom schreiben sehen.

Literaturverzeichnis:
– Beckmann, Jan P.: Pragmatismus. Hagen 1982Borges, Jorge Luis/Casares, – Adolfo Bioy: Gemeinsame Werke. 2 Bände. München 1983
– Borges, Jorge Luis: Fiktionen: Frankfurt/M. 1984
– Conan Doyle, Arthur:
Eine Studie in Scharlachrot. Zürich 1984 – Das Zeichen der Vier. Zürich 1988
Der Hund der Baskervilles. Zürich 1986
Das Tal der Angst. Zürich 1986
Die Abenteuer des Sherlock Holmes. Zürich 1984
Die Memoiren des Sherlock Holmes. Zürich 1985
Die Rückkehr des Sherlock Holmes. Zürich 1985
Seine Abschiedsvorstellung. Zürich 1987
Sherlock Holmes’ Buch der Fälle. Zürich 1987
– Deleuze, Gilles:
Kants kritische Philosophie. Berlin 1990
Logik des Sinns. Frankfurt/M. 1993
Woran erkennt man den Strukturalismus. Berlin 1992
– Deleuze, Gilles/Guattari, Félix:
Rhizom. Berlin 1977
Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin 1992
– Derrida, Jacques:
Apokalypse. Graz/Wien 1985
Die Postkarte. 1. Lieferung. Berlin 1982
Geschlecht (Heidegger). Wien 1988
– Dietzsch, Steffen: Dimensionen der Transzendentalphilosophie 1780-1810. Berlin 1990
– Dubost, Jean-Pierre: Einfürhrung in den letzten Text. Stuttgart 1986
– Eco, Umberto:
Apokalyptiker und Integrierte. Frankfurt/M. 1986
Das offene Kunstwerk. Frankfurt/M 1990
Das Foucaultsche Pendel. München 1993
Der Name der Rose. Berlin (Ost) 1989
Die Grenzen der Interpretation. München/Wien 1992
Die Insel des vorigen Tages. München/Wien 1995
Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München 1994
Im Labyrinth der Vernunft. Leipzig 1989
Im Wald der Fiktionen. München/Wien 1994
Kunst und Schönheit im Mittelalter. München 1993
Lector in fabula. München 1990
Nachschrift zum „Namen der Rose“. München 1987
Platon im Striptease-Lokal. München 1993
Semiotik – Entwurf einer Theorie der Zeichen. München 1991
Semiotik und Philosophie der Sprache. München 1985
Über Spiegel und andere Phänomene. München 1993
Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge. München/Wien 1993
Zwischen Autor und Text. München/Wien 1994
– Eco, Umberto/Sebeok, Thomas A (Hg.): Der Zirkel oder im Zeichen der Drei. Dupin, Holmes, Peirce. München 1985
– Feyerabend, Paul:
Über Erkenntnis. Zwei Dialoge. Frankfurt/New York 1992
Wider den Methodenzwang. Frankfurt/M. 1986
– Foucault, Michel:
Von der Subversion des Wissens. Frankfurt 1987
Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin 1976
Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt/M. 1993
– Hofstätter, Peter: Gruppendynamik. Kritik der Massenpsychologie. Reinbek 1993
– Horkheimer, Max: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt/M. 1992
– Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen. In: Gesammelte Schriften. Hamburg 1992
– Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Frankfurt 1989
– Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. München 1977
– Nagl, Ludwig: Charles Sanders Peirce. Frankfurt/M. 1992
– Oehler, Klaus: Charles Sanders Peirce: München 1993
– Peirce, Charles Sanders: Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. Frankfurt 1991
– Popper, Karl:
Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. Hamburg 1994
Das Elend des Historizismus. Tübingen 1987
Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Tübingen 1992
– Röttgers, Kurt:
Der kommunikative Text und die Zeitstruktur von Geschichten. Freiburg/München 1982
Französische Philosophie der Gegenwart I. Der Mensch. Philosophien der Immanenz des Menschen. Hagen 1988
Spuren der Macht. Begriffsgeschichte und Systematik. Freiburg/München 1990
Texte und Menschen. Würzburg 1983
– Singer, Peter: Praktische Ethik. Stuttgart 1984
– Sloterdijk, Peter:
Der Zauberbaum. Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahr 1785. Ein epischer Versuch zur Philosophie der Psychologie. Frankfurt 1987
Derrida ein Ägypter. Über das Problem der jüdischen Pyramide. Frankfurt 2007
Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik. Frankfurt 1989
Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt 1983
Streß und Freiheit. Frankfurt 2011
Weltfremdheit. Frankfurt 1993
Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen. Frankfurt 1988
– Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Frankfurt/M. 1991

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