Die Abduktion – Charles Sanders Peirce

Die Abduktion bei Charles Sanders Peirce und Umberto Eco

„Es gab keine Intrige“, sagte William, „und ich habe sie aus Versehen aufgedeckt.“ Der Name der Rose

Eine Schwierigkeit, den akzelerierenden Ereignissen einen Sinn zu verleihen, liegt oft im Mangel an empirischen Daten, deren ideologieinduzierte Verarbeitung – meist statistisch – und das Fehlen entsprechender Denkmethoden, insbesondere dann, wenn Induktion und Deduktion aus obigen Gründen an ihre Grenzen geraten. In den Corona-Zeiten fällt das Herumstochern im Unwissen besonders auf, was viele Menschen nicht davon abhält, eine „feste Meinung zu haben“. Semiotik und detektivisches Denken feiern eine Renaissance, aber ihre amateurhafte Handhabung noch mehr. Es fehlt den meisten Theoretikern das erkenntnistechnische Handwerkszeug.

Vor langer Zeit wurde hier der Begriff der „Abduktion“ als dritte Variante des Schließens ins Spiel gebracht, eine logische Schlußform, die zwar theoretisch wenig durchdrungen ist, unseren Alltag aber viel mehr prägt als die reine Abstraktion.

Man kann die Abduktion idealtypisch an verschiedenen Stellen studieren: bei ihrem theoretischen Begründer, dem Pragmatisten Charles Sanders Peirce, aber auch im literarischen Werk Umberto Ecos. Das Werk des italienischen Semiotikprofessors ist zugleich Schaltstelle zur philosophischen Postmoderne und zum klassischen englischen Kriminalroman, besonders zu den Sherlock-Holmes-Geschichten.

Bei einer so umfassend kohärenten Theorie wie der Peirces, ist die Abnabelung einiger Theoriebestandteile immer schwierig, und so impliziert das Sprechen über Abduktion, Semiotik oder Fallibilismus immer schon den ganzen Pragmatismus, als dessen Hauptvertreter Peirce gilt. Über ihn müssen einige Worte verloren werden, zumal Peirce mitunter deutlich auf den Diskurs der Postmoderne verweist, in den Eco unauslösbar verstrickt war.

  1. Charles Sanders Peirce

Peirce beteuerte immer wieder, mit dem Pragmatismus keine systematische Philosophie, kein philosophisches System geschaffen zu haben, sondern lediglich eine Methode des Denkens[1], die keine statischen oder infalliblen Momente akzeptiert. Vor Mißverständnissen schützte das nicht, wie etwa Horkheimers Abrechnung mit dem Pragmatismus zeigt, wenn er zum einen von einem einheitlichen Pragmatismus spricht, zum anderen diesen als Widerspiegelung einer Gesellschaftsformation vulgarisiert. An dieser Stelle interessiert nur der erste Gesichtspunkt. „Der Kern dieser Philosophie (sic!) ist die Meinung, daß eine Idee, ein Begriff oder eine Theorie nichts als ein Schema oder ein Plan zum Handeln ist, und deshalb ist Wahrheit nichts als der Erfolg der Idee“(49), glaubt Horkheimer und wirft dem Pragmatismus, als amorphe Masse, vor, daß er die Wahrheit liquidiere, „indem er sie mit den praktischen Handlungen der Verifikation gleichsetze“. Denker von Format sagen jedoch auch in ihren Irrtümern oft Wahrheiten. So verweist Horkheimer zurecht auf die enge Verbindung von Denken und Handeln, die offenzulegen das erklärte Ziel Peirces war. Immer wieder suchte dieser vor allem in seinem Spätwerk die Distanz zum „Praktikalismus“ und Aktionalismus von James[2] und Dewey herzustellen. Ihm war bewußt, „daß es den Tod des Pragmatismus bedeuten würde, wenn er wirklich das Handeln zum ein und alles des Lebens machen würde“ (5.429).

Seine bedeutende Schrift „How to make our ideas clear“, die wesentlich diese Beziehung abhandelt, gipfelt in der als „Pragmatische Maxime“ bezeichneten Aussage: „Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unserer Vorstellung zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das ganze unseres Begriffes des Gegenstandes.“ (5.402), die Peirce als „Anwendung des einzigen Prinzips der Logik, das durch Jesus empfohlen wurde: ‚an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen'“, begreift. Ob diese biblische Legitimation tatsächlich notwendig war, bleibt zweitrangig, macht man sich erst die wirkliche Bedeutung klar, die auf jeden Fall ausschließt, „daß das Verhalten von Menschen über die Bedeutung eines Begriffs entscheidet“(53), wie Horkheimer dem Pragmatismus funktionalistisch unterstellte.

Peirce geht es offensichtlich um die Bedeutung der Begriffe, deren Klärung denknotwendig ist. Diese Klärung wiederum bedarf der Erhellung der tatsächlichen, wie auch der nur möglichen Wirkungen, und damit wird deutlich, daß Horkheimer, zumindest in Hinblick auf den Vater des Pragmatismus, das Pferd von hinten besteigt, den Sachverhalt also verdreht bzw. normativ interpretiert, was deskriptiv-rückschließend gemeint war.

Die Gültigkeit von Begriffen erschließt sich demnach aus den tatsächlichen und möglichen praktischen Konsequenzen und entgeht damit einer sinnlosen Abstraktheit. Gleichzeitig eröffnet Peirce damit den Weg, der die Verantwortlichkeit des Denkens fordert im antizipativen Akt und mithin in den strukturalistisch-dekonstruktiven Diskurs verweist (ohne anzunehmen, daß Peirce diesen Weg selbst gegangen wäre), dem eben auch Eco angehört.

Die ursächliche Aussage der Pragmatischen Maxime macht deutlich, daß es sich hier zuerst um einen Ansatz handelt, der Bedeutung zu erklären sucht, und er kann das nur, wenn er sich auf die letzten Bedeutungseinheiten konzentriert, die Zeichen, sowie auf deren Konsequenzen in der Praxis, die sich zwangsläufig und objektiv aus der Dreieckskonstellation der Semiose ergeben, was letztlich auf eine Semiotik hinausläuft.

Die Radikalisierung des pragmatischen Denkens und gleichzeitig seine Ausweitung auf den transkategorialen Bereich kann man bei Deleuze nachverfolgen – auf die Vaterschaft kommt es an: „Aber vor allem war meine Art, mich dieser Epoche zu entziehen, glaube ich, die Geschichte der Philosophie als eine Art Arschfick zu verstehen, oder was auf dasselbe hinausläuft: unbefleckte Empfängnis. Ich stellte mir vor, hinter den Rücken eines Autors zu gelangen und ihm ein Kind zu machen, das sein eigenes und trotzdem monströs wäre. Es ist sehr wichtig, daß es sein eigenes ist, weil es nötig ist, daß der Autor wirklich all das sagt, was ich ihn sagen lasse. Aber es war auch wichtig, daß das Kind monströs ist, weil er alle Arten von Dezentrierung – Gleitbewegungen, Brüche, geheime Absonderungen – durchlaufen mußte, die mir beliebten“[3]. Nicht zuletzt resultiert aus dieser Vaterschaft die Aktualität des Peirceschen Denkens, impliziert die Notwendigkeit der Aufarbeitung eines weithin vergessenen Philosophierens.

Dies markiert den Fixpunkt, in dem Peirce, Eco und der postmoderne strukturalistische Strang zusammenfinden: das Verborgene im Text/Zeichen freizulegen, seine letzten Konsequenzen – in einem Akt der Verborgenheit, die Anwesenheit des Abwesenden, schon dagewesenen Signifikates – aufzudecken.

Der Pragmatismus ist epistemologisch[4] als Methode zu verstehen, die eine Antwort auf die Frage nach der Wahrheit oder Gewißheit sucht. Von Theorien, die einen erkenntnistheoretischen Ruhepunkt gefunden zu haben glaubten, distanzierte sich Peirce und machte dies frühzeitig in seiner Kritik an Descartes (5.264ff.) deutlich, welcher im cogito die letzte unbezweifelbare Entität ausmachte und die jahrhundertelange Suche, die mit Platons Apriorismus der Ideen theoriefähig wurde, zu bis dahin ungekannter Radikalität – erst Husserl war nochmals in der Lage, die Optik zu verschärfen – führte.

Peirce bezweifelte also jenen universalen Zweifel des Franzosen in Hinblick auf die nicht zu rechtfertigende Universalität, die ein einzelner nicht beanspruchen könne (5.265) und die in diesen Extremen ohnehin unvermittelbar bleiben muß, zumal es die Grenzen der Subjektivität sprenge, letztendliche Wahrheiten für alle anderen postulieren zu wollen. Dem hält der Amerikaner die Prozessualität der Entstehung des Erkennens entgegen (z.B. 5.263/ 5.267), dessen Entwicklung durch kumulativen Charakter geprägt ist, welcher sich wiederum aus der Unmöglichkeit eines intuitiven Selbstbewußtseins ergibt (5.224, 5.237, 5.249).

Dies angenommen, setzt Erkenntnisvermittlung voraus und schließt damit nicht nur die Bewußtwerdung, sondern auch den cartesischen wie jeden anderen Nullpunkt der Erkenntnis an sich aus. Da die vermittelte Erkenntnis durchaus eine falsche sein kann, muß auch die daraus resultierende und erweiterte Fragestellung selbst hinterfragbar bleiben, ein Punkt, den der cartesische Absolutismus, indem er die Frage nach der letzten Unbezweifelbarkeit selbst nicht bezweifelt, außer Acht läßt. Hier wurzeln historisch und entwicklungslogisch Peirces wesentliche Ansätze, die in der Wissenschaftstheorie[5], Semiotik (z.B. 5.253,5.287) und Logik (erstmals 5.272ff.) sich niederschlagen.

  1. a) Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

Es gibt keine Wahrheit an sich, insofern als das Prädikat „wahr/falsch“ stets nur ein Urteil über einen Sachverhalt darstellt, diesen selbst aber nicht beschreiben kann. Die Intentionalität der Wahrheit setzt einen sozialen Vergleich der Aussagen und somit eine soziale Situation der Aussagenden voraus. Eremitische Wahrheit ist letztlich unmöglich, weil ihr die Bestätigung des anderen fehlt, ebenso wie sie genealogisch vom Vorherigen erst ermöglicht wurde. Klar setzt sich hier die Peircesche Annahme eines kumulativen vom absoluten Charakter der Wahrheit ab, die demzufolge nur idealisch und approximativ zu erreichen sei. Gleichzeitig setzt das Konstrukt Wahrheit einen Konsenszustand der Wahrheitssuchenden voraus, die, immer im Plural, sowohl den Wahrheitswert als auch die erreichte Annäherung an diesen vereinbart. Ist der Konsens erreicht, der sich freilich immer wieder neu bestätigen muß, so offenbart sich erneut die Unmöglichkeit des cartesischen universalen Zweifels, der nämlich an diesem Punkt ins logische Paradoxon hineinschlittert, also gerade in jenen Zustand, der ausgeschlossen und verhindert werden sollte[6]. Der Moment des Konsenses ist der Moment der Zweifelsfreiheit, der mit dem rationalistischen Ziel der Zweifellosigkeit, Gewißheit oder Unbezweifelbarkeit kollidiert.

Dieses Spannungsverhältnis führt mitten in Peirces wichtige These des Fallibilismus, die direkt auf den postmodernen Diskurs im allgemeinen als auch auf Eco im speziellen verweist, zudem essentiell wurde für den wissenschaftstheoretischen Diskurs der Neuzeit. Der Fallibilismus-Vorbehalt beinhaltet, von den dargelegten Prämissen ausgehend, die Unmöglichkeit absoluter Wahrheitsbeanspruchung für synthetische, das sind wesentlich sozial vermittelte, Urteile und Aussagen. Dies umschreibt, auf einen Satz gebracht und also verkürzt, das epistemologische Konzentrat des literarischen Werkes Umberto Ecos.

Unabhängig davon, wie weit der einzelne bestimmte Sachverhalte als wahr erachtet, muß er von der Möglichkeit ausgehen, daß dieser wie jeder andere Sachverhalt falsch sein oder werden kann. In gewisser Weise kreiert Peirce hier einen neuen erkenntnistheoretischen Apriorismus, dem aber gerade das Apriorische abgeht. Dessen Relativität erweist sich nochmals, wenn bedacht wird, daß es hierbei nicht um prinzipielle Anzweiflung der Erkennbarkeit von Wahrheit geht noch um die Infragestellung der Wahrheit selbst, sondern um die ständige Möglichkeit der Falschheit beider Faktoren. Es geht um Wahrheit im Konjunktiv, also auch um einen ständigen Faktor der Verunsicherung, nicht aber der Unsicherheit. Kategorial ordnet sich der Fallibilismus also zwischen den Extremen Skeptizismus und Dogmatismus ein[7], kultiviert faktisch eine gewisse Sanftheit, Schwäche des Denkens (il pensiero debole). Er akzeptiert also weder die Aussage, daß es keine, noch daß es eine absolute Wahrheit gäbe.

Wenn alles Denken fallibel ist, so entfällt das Ziel Gewißheit. Es kann nicht mehr als erreichbar gelten[8]. Freilich muß die nun leere Stelle, der Gegenpol zum Zweifel, der wohl zurecht seit Platon als Antrieb des philosophischen Denkens gilt, besetzt werden. Peirce realisiert dies im doubt-belief-concept, setzt dem Zweifel also die Überzeugung entgegen. Des Denkens „einziges Motiv, seine Idee und Funktion ist, eine Überzeugung herzustellen“. (5.396) „Deine Probleme würden bedeutend vereinfacht, wenn du, anstatt zu sagen, daß du die Wahrheit erkennen willst, einfach sagtest, daß du einen Zustand der Überzeugung erreichen willst, der unangreifbar für jeden Zweifel ist“ (5.416).

  1. b) Logik und Psychologik – die Abduktion

Peirces Logik im Ganzen anzugehen, ist weder an dieser Stelle noch von mir möglich und, soweit zu sehen ist, ein noch weitgehend unerschlossenes und unverstandenes Feld. Hier soll vor allem die erste selbständige Leistung betrachtet werden, die neben der Semiotik auch Ecos Interesse fand, die Theorie der Abduktion, die innerhalb der Peirceschen Logik nur einen relativ geringen Teil einnimmt, aber gebietsübergreifend von Bedeutung ist.

Daß es neben der Deduktion und Induktion einen dritten Schlußtypus gibt, wußte bereits Aristoteles, und so beschränkt sich Peirces Verdienst darauf, diesen Schlußtypus genauer untersucht und damit wissenschaftsfähig gemacht zu haben. Darüber hinaus gelang es ihm, die prinzipielle Bedeutung der Abduktion darzulegen, die zwar in der Logik der Forschung ihren Anwendungshöhepunkt findet, ihre Basis allerdings im individuellen Erfahrungsleben, in den jeweiligen Wahrnehmungsprozessen und in der individuellen Psychologie der Entscheidungen.

Während die beiden klassischen Schlußtypen ihre allgemeine Anwendbarkeit durch ihre Idealtypik weitgehend verlieren, tritt mit der Abduktion die alltäglichste Variante deutlich hervor, die das gesamte menschliche Denken durchzieht. „Ziel des schlußfolgernden Denkens ist, durch die Betrachtung dessen, was wir bereits wissen, etwas anderes herauszufinden, das wir nicht wissen“ (5.365), und Peirce zeigte, inwieweit besonders die Abduktion, die er zuerst Hypothese, später auch Retroduktion nannte, sich hierfür eignet.

Um die Differenzen und Gemeinsamkeiten beispielhaft zu verdeutlichen, griff Peirce des öfteren zu dem fast sprichwörtlich gewordenen Bohnensackexempel, das trotz seiner Bekanntheit noch einmal erinnert wird.

Deduktion

Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.

„Jede Deduktion hat diesen Charakter; sie ist nur die Anwendung allgemeiner Regeln auf besondere Fälle“ (2.620). Ihr Vorteil, die unbedingte Notwendigkeit des Resultats, impliziert zugleich ihren Nachteil, den Verzicht auf eigentlichen Erkenntnisgewinn, denn in der Regel als allgemeiner Aussage ist das Resultat bereits enthalten, dem man sich dann nur noch versichern, es exemplifizieren kann.

Die Wenn-Dann-Konstellation, auf der jede Deduktion beruht und die diese Strenge bewirkt, beinhaltet jedoch noch ein zweites Problem. Die oberste Prämisse, d.i. die allgemeine, ist immer anfechtbar, da absolut. Absolutheit läßt sich aber nicht nach- oder beweisen. Dies ist die Grundbedingung des logischen Paradoxons, welches, zahlentheoretisch übersetzt, im Gödelschen Theorem eine Erklärung (eine Lösung ist schlechthin unmöglich) fand. Danach enthalten alle widerspruchsfreien axiomatischen Formulierungen unentscheidbare Aussagen.

Russells Paradoxie, mengentheoretisch angewandt, daß die meisten Mengen nicht Elemente ihrer selbst sein können, besagt prinzipiell das gleiche.

Peirces Bohnenbeispiel freilich ist nicht gut geeignet, die Richtigkeit der letzten Aussagen aufzuzeigen, da es relationslogisch argumentiert, insofern, da A (alle Bohnen) B (weiß) ist, wenn C (Relation: dieser Sack). Im klassischen deduktiven Schluß liegt diese Unentscheidbarkeit gerade im „wenn“. Wenn nämlich alle Menschen sterblich sind, Paul ein Mensch ist, dann ist Paul sterblich. Zwar spricht einiges dafür, daß alle Menschen sterblich sind, es ist jedoch schlechthin nicht verifizierbar.[9] Poppers Falsifizierbarkeitsthese offenbart sich hier als teleologisch, denn sie löst dieses Problem nicht prinzipiell, schiebt es nur hinaus, läßt aber dem Wissenschaftler das beruhigende Gefühl, für sich eine Lösung gefunden zu haben, und legitimiert weiterhin das Ziel. Peirce scheint Gödel schon erahnt zu haben, wenn er die Deduktion, „das notwendige Schlußfolgern“, nur auf „ideale Sachverhalte“ oder „auf Sachverhalte, insofern sie mit einem idealen in Übereinstimmung stehen“ (8.209), anwendbar erklärt.

In der Klassifikation der Gesamtheit aller Schlüsse zeigt Peirce diagrammatisch die prinzipielle Differenz der Deduktion von den beiden anderen Formen:

                                               Schluß

deduktiv oder analytisch                                           synthetisch

                                                           Induktion                                Hypothese (2.623)

Die Induktion ist der Schluß von Fall und Resultat auf die Regel (2.622).

Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.
Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.

Vor- und Nachteil der Induktion wenden sich gewissermaßen im Vergleich zur Deduktion. Ihre Synthetizität offenbart ihren erkenntniserweiternden Charakter, dem allerdings die Notwendigkeit abgeht. Auch hier also entbehrt die Regel der Beweisbarkeit, fungiert jedoch als Schluß. Damit gewinnt sie zeigenden Charakter, entspricht damit, wie Peirce im Brief an Calderoni mitteilt, der experimentellen Untersuchung (8.209). Ihre prinzipielle Bedeutung für den Forschungsprozeß wird in der Wechselwirkung der drei Schlußtypen noch deutlicher. Bisher allerdings ist sichtbar geworden, daß die beiden klassischen Schlußarten die Beziehung zwischen Regel, allgemeiner, absoluter Aussage und Fall, der speziellen Aussage, verschiedentlich in Szene setzen.

Mit der Induktion stimmt die Abduktion in mindestens zwei Punkten überein, in ihrer Synthetizität inklusive der Fähigkeit der Erkenntniserweiterung und in ihrer wendeartigen Relation zur Deduktion: die Induktion „ist nicht die einzige Art, wie man einen deduktiven Syllogismus umkehren kann“ (2.623). Es ist der Schluß von Regel und Resultat auf einen Fall.

Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.
Resultat: Diese Bohnen sind weiß.
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.

Verdeutlicht man sich, daß ein Fall immer ein Einzelfall ist, so wird die Singularität des Schlusses einsichtig und damit der Hypothesencharakter. Dieser schließt neben der An-Sich-Hypothese gleichzeitig die Vermutung ein, daß der singuläre Schluß verallgemeinerbar sein könnte, worauf die Existenzberechtigung des Schlußverfahrens überhaupt beruht. Allerdings ist die Verallgemeinerbarkeit oft nicht vonnöten, um einen Zweck, der eben auch ein singulärer sein kann, zu erfüllen, so daß es sich hier um eine abstrakte, aber mögliche Größe handelt. Eine dritte Übereinstimmung, die sich zudem aus der Singularität ergibt, tritt zutage in der Unüberprüfbarkeit innerhalb desselben Diskurses. Was bei der Deduktion (im Sinne Gödels) und der Induktion jedoch als Mangel erfahren wird, akzeptiert die Abduktion inhärent, indem sie weitestgehend auf Strenge verzichtet. Als synthetischer Schluß ist die Induktion offenbar eine bedeutend stärkere Schlußform als die Hypothese (vgl. 2.642). Wenn die Abduktion streng ist, dann in dieser durchgehaltenen Hypothesenhaftigkeit, die, psychologisch betrachtet, Kreativität (m.E. nicht Raten, wie oft behauptet wird – doch dazu später) heißen könnte.

Bereits der Ausgangspunkt der Abduktion ist eine hypothetische, erfundene, unerprobte allgemeine Regel[10]. Dieser wird eine Realität subsumiert, um schließlich zu schließen, daß diese Realität ein Fall dieser Regel ist (Hypothese). „Abduktion ist der Vorgang, in dem eine erklärende Hypothese gebildet wird“ (5.171). „Durch Hypothese schließen wir auf die Existenz eines Faktums, das ganz verschieden von etwas Beobachtetem ist, aus dem sich jedoch nach den ganzen Gesetzen etwas Beobachtetes notwendig ergeben würde“ (2.636) – womit Peirce beginnt, die Differenz zwischen den beiden synthetischen Schlüssen aufzuzeigen, denn die Induktion „ist das Schlußfolgern von Partikulärem auf das allgemeine Gesetz“, die Abduktion das Schlußfolgern „von der Wirkung auf die Ursache“. „Erstere klassifiziert, letztere erklärt“ (ebd.).

Mit diesem Erklären bringt die Abduktion als einzige Schlußart Eigeninitiative ein, sie ist das „einzige logische Verfahren, das irgendeine neue Idee einführt“ (5.171). Sie löst sich damit von der unmittelbaren Beobachtung, die für die Induktion, so es sich um ähnliche Beobachtungsfälle handelt, noch bindend ist und schließt auf die Existenz von Phänomenen, die nicht beobachtet werden oder gar nicht beobachtet werden könnten, die also nicht auf ähnliche Fälle zurückzuführen sind.

Kurz: es wird etwas angenommen, das die direkte Beobachtungsebene durchstößt. Um ihre Gültigkeit nachzuweisen, bedarf es auch hier, der vierten Übereinstimmung mit der Induktion, der experimentellen Verifikation, der Arbeit des Detektivs.

Angenommen, dieser findet einen Leichnam mit Schußverletzungen in der Herzgegend und daneben liegt ein Revolver. Zweckmäßigerweise wird er vermuten, daß es sich hierbei um die Tatwaffe handelt.

Regel: Dieser Mensch starb an einer Verletzung, hervorgerufen durch eine Schußwaffe.[11]
Resultat: Dies ist eine Schußwaffe.
Fall: Diese Schußwaffe führte eine Verletzung herbei…

Die erste experimentelle Verifikation ergibt die Fingerabdrücke des Opfers auf der Waffe, woraus der Detektiv nach obigem Schema auf Selbstmord schließt. Ergibt die Obduktion jedoch, daß die Leiche einen erhöhten Arsengehalt im Gewebe aufweist, so wird die Regel erschüttert, und eine neue Hypothese ist notwendig. Approximativ gelangt der Detektiv (im Idealfall) zur Wahrheit, in Abhängigkeit seiner eigenen Kreativität und der des Mörders.

„Was ist unter einer guten Abduktion zu verstehen?“ Sie muß die Fakten erklären und ihren Zweck erfüllen. „Was ist nun der Zweck einer erklärenden Hypothese? Ihr Zweck ist, dadurch daß sie dem Test des Experiments unterworfen wird, zur Vermeidung jeder Überraschung zu führen und zur Einrichtung einer Verhaltensgewohnheit positiver Erwartung, die nicht enttäuscht werden wird. Jede Hypothese kann daher, wenn keinerlei besondere Gründe für ihre Ablehnung vorhanden sind, zulässig sein, vorausgesetzt, daß sie in der Lage ist, experimentell verifiziert zu werden, und nur insofern sie solcher Verifikation zugänglich ist. Das ist annähernd die Lehre des Pragmatismus“ (5.197).

Die Verifikation wird andererseits ermöglicht, wenn Rhythmen, Ähnlichkeiten, Gleichförmigkeiten in der Natur u.ä. akzeptiert und angenommen werden. Demzufolge handelt es sich um eine Hypothese, „wenn wir finden, daß in gewissen Hinsichten zwei Objekte einander sehr ähnlich sind, und schließen, daß sie einander in anderen Hinsichten ebenso ähnlich sind“ (2.624). Der Verdacht der Widersprüchlichkeit zu obiger Aussage (2.640) wird entkräftet, wenn die Nuancierung zwischen Verifikation durch unmittelbare Beobachtung und durch Experiment beachtet wird. Am Beispiel der Personenwahrnehmung, die sozialpsychologisch weitgehend untersucht wurde, wird sichtbar, wie enorm fehleranfällig das hypothetische Schließen ist, dargelegt in theoretischen Ansätzen wie dem primary- regency-effect, der Übertragung etc. Wie gesagt, diese Fehlerhaftigkeit wird akzeptiert, die Abduktion „ist bloße Vermutung ohne Beweiskraft“ (8.209).

Nun gibt die Analyse der Abduktion noch kaum Auskunft über deren Bedeutsamkeit, die sich in der Anwendbarkeit herausstellen muß. Auftretende Zweifel werden von Peirce im Keim erstickt, denn er sieht die Relevanz von der Wahrnehmung über die Psychologie bis hin zur Forschungsentwicklung der Wissenschaften. Letzteres zuerst.

Die Logik der Forschung stellt sich demnach als ein Komplex von abduktiven, deduktiven und induktiven Schlüssen dar, deren Beginn und Basis die Hypothese ist.

„Nachdem die Abduktion uns eine Theorie eingegeben hat, benützen wir die Deduktion, um von jener idealen Theorie eine gemischte Vielfalt von Konsequenzen unter dem Gesichtspunkt abzuleiten, daß wir, wenn wir gewisse Handlungen ausführen, uns mit gewissen Erfahrungen konfrontiert sehen werden. Wir gehen dann dazu über, diese Experimente auszuprobieren, und wenn die Voraussagen der Theorie verifiziert werden, haben wir ein verhältnismäßiges Vertrauen, daß die übrigen Experimente, die noch auszuprobieren sind, die Theorie bestätigen werden. Ich sage, diese drei sind die einzigen Schlußmodi, die es gibt. Ich bin davon sowohl apriori als auch aposteriori überzeugt“(8.209).

Schließlich gibt uns die Induktion „die einzige annähernde Sicherheit hinsichtlich des Realen, die wir haben können“ (ebd., vgl. auch 2.712).

Zwangsläufig drängt sich die Nähe zu Feyerabends „anarchistischer Erkenntnistheorie“ auf, die wirkungsvoll aus postmodern-pluralistischer Sicht in den wissenschaftstheoretischen Diskurs eingriff. Soweit zu sehen ist, geschah dies ohne ausdrückliche Besinnung auf Peirce. Gerade weil die Regelverletzungen im Wissenschaftsbetrieb stattfanden, gab es demnach eine Wissenschaftsentwicklung in der Geschichte. Jeder Ansatz, so der Österreicher, sei er auch noch so absurd, kann unser Wissen bereichern, und daher seien Hypothesen, auch irrelevante, irrationale, nicht belegte sowie kontra-induktive zuzulassen. „Es spielt keine Rolle, wie unwahrscheinlich diese Annahmen sind; alles, was sich ereignet, ist unendlich unwahrscheinlich“ (2.642), argumentiert auch Peirce aus tychistischem Kontext. Mit der objektiven Verseuchung der Wissenschaftsdaten, die sich aus ihrer historisch-physiologischen Determiniertheit ergibt, müsse man leben. Sofern überhaupt richtige Erkenntnis möglich ist, beruhe sie zumeist und zwangsläufig auf fehlerhaften Voraussetzungen.

Beide Denker strapazieren die Beispiele Galilei und Kepler; so weist Feyerabend überzeugend und spielerisch nach, wie stark Galileis empirische Daten mit dem ptolemäischen Weltbild korrelieren, er also nur mit Hilfe von Propaganda, Täuschung, Lüge und ad-hoc- Ideen (so behauptete Galilei etwa, das Fernrohr aufgrund optischer Studien erfunden zu haben, während Feyerabend nachweist, daß er von Optik weder Ahnung hatte noch die entsprechende Literatur kannte, das Fernrohr also zufällig, spielerisch entdeckte) sein neues Bild überzeugend darstellte (insofern war die katholische Kirche juristisch und moralisch im Recht, als sie Galilei verurteilte, woraus folgt, daß die lügende Unmoral nicht zwangsläufig unmoralisch ist – sozusagen ein gesunder Utilitarismus). „Eine neue Theorie kündigt sich im praktischen Verhalten an…“[12] so Feyerabend und im Hinblick auf Popper, aber Peirce mitdenkend: „die wissenschaftliche Forschung, sagt Popper, beginnt mit einem Problem und schreitet fort zu einer Lösung. Diese Kennzeichnung berücksichtigt nicht, daß Probleme falsch formuliert sein können…“[13].

Jedoch nicht nur im physikalisch-mathematischen Bereich[14] findet das konjektive Denken Anwendung. Peirce gibt zu bedenken, daß die Existenz historischer Ereignisse und Personen nur hypothetisch anzunehmen ist, sobald sie vergangen und der Erinnerung entronnen sind. Die Existenz Napoleons, den wir nie gesehen haben, jedoch Bilder und Geschichten von ihm kennen, läßt sich nur hypothetisch als wirklich annehmen.[15] Auch die ärztliche Diagnose muß immer Hypothese bleiben, von Symptomen ausgehend, schließt der Arzt retroduktiv, also zurück auf die vermeintliche Ursache. Die Ohnmacht des Patienten ergibt sich aus dessen Unfähigkeit, die Fähigkeit des Arztes zu überprüfen[16], gleichzeitig aber auch aus der Unmöglichkeit, die Falsifikation durchzuführen, die letztlich den Tod des Patienten nach sich zöge. Hier zeigt sich die Anwendungsbeschränktheit des Popperschen Falsifikationismus.[17]

„Jemand müßte völlig verrückt sein, wollte er leugnen, daß der Wissenschaft viele wirkliche Entdeckungen gelungen sind. Aber jedes einzelne Stück wissenschaftlicher Theorie, das heute festgegründet dasteht, ist der Abduktion zu verdanken“ (5.172).

Was im Forschungsprozeß zur Spitze getrieben wird, findet sich schon in den Elementareinheiten menschlicher Erkenntnis, in der Wahrnehmung. Die Hypothese bringt das sensuelle Element des Denkens hervor (vgl. 2.643)[18]. Nihil est intellectu, quod non prius fuerit in sensu. (5.181) Das in sensu liest Peirce als in einem Wahrnehmungsurteil, und insofern ist alles, was ich wahrnehme, ein Eindruck, der durch eine Aussage, welcher Form auch immer, handhabbar gemacht wird. Diese Umwandlung allerdings beruht auf einer Hypothese, denn das unmittelbar Wahrgenommene wird übersetzt interpretiert und verliert mit diesem Eintritt in die Semiose dabei die Ursächlichkeit.

Jedes Denken ist ein Denken in Zeichen, meint der Semiotiker, und deshalb ist ein denkendes Verarbeiten von Wahrnehmungsinhalten gar nicht anders als interpretierend möglich. Denken und Semiose sind, in dieser Reihenfolge, Synonyme. Wohlgemerkt handelt es sich um den Interpretationscharakter des Wahrnehmungsurteils, nicht um die Wahrnehmung selbst, es handelt sich dabei „wirklich um nichts anderes als den extremsten Fall abduktiver Urteile“ (5.185), um den ursprünglichsten Fall zumal.

Wie aber vollzieht sich die Abduktion aus psychologischer Sicht?

Peirce versucht dieser Frage mit einem Denkmodell beizukommen, das, wie ich meine, deutlich auf Lorenz` Fulgurationshypothese verweist[19], die dort allerdings noch allgemein verstanden wird und sich daher besonders für eine Erläuterung anbietet. Als ursprünglich göttlicher Blitzstrahl (fulguratio) gedacht, bezeichnet dieser Begriff prinzipiell den Vorgang des In-Existenz-Tretens eines neu Geschaffenen oder einer neuen Verbindung, die, so Lorenz, völlig neue Systemeigenschaften aufweist. Und in der Tat scheint sich diese evolutionsgenetische Annahme auch auf das Denken ausdehnen zu lassen: „Die abduktive Vermutung kommt uns wie ein Blitz. Sie ist ein Akt der Einsicht, obwohl extrem fehlbarer Einsicht“ (5.183).

Das fulgurative Element des Zur-Einsicht-Kommens verweist auf das Unerwartete, Plötzliche, empfundene Zufällige, ja das Umwegige, verweist auf Dissoziationszustände des Denkens[20], wie dies im psychoanalytischen Diskurs, der selbst eine gewaltige und gewalttätige Abduktion ist,[21] wenngleich ohne Verifikationsmöglichkeit – da unaufhebbare Zirkularität vorliegt –, benannt wurde. Deren gibt es viele, und sie alle kennzeichnet das Unbewußt-Werden: der Traum, der Rausch, die Meditation, Hypnose, Ekstase etc. Vielfältig sind die Wege, dorthin zu gelangen.[22] Als lichtvolle Einsicht/ Idee/Gefühl/Gewißheit beschrieben dies – und sie verwanden dabei unwissentlich Husserls Evidenzdefinition[23] – die Physiker Einstein und Heisenberg, die sowohl Relativitätstheorie als auch Unschärferelation erst entwarfen, als sie dies als Ziel bereits aufgegeben haben.

Auch der Lauf (oder anderer Ausdauersport, der keine Konzentration erfordert), rhythmische, tanzende Bewegungen, führt die Gedanken zur Assoziation, indem der Körper aktiviert, ja dominierend wird, das Denken dadurch Freiheit von sich erlangt. Hypnose ebenso wie Freuds/Jungs Assoziationsmethode, können dazu führen, am berühmtesten jedoch dürften mystische Praktiken oder Drogen sein. An anderer Stelle nimmt Peirce Position gegen die Mystik ein, jedoch kann er das nur aus einer offensichtlich unwissenden und voreingenommenen Position heraus, denn gerade sein Argument, daß die Erkenntnis, d.i. die richtige Interpretation der Zeichen, auf etwas zurückzuführen sein müsse, „das auf jeden Menschen einwirkt oder einwirken könnte“ (5.384), womit er die Mystiker als erledigt betrachtet[24], spricht für diese Methode als psychologische.

Nicht der Verweis auf Gott, der ja tatsächlich den Menschen entlastet, sondern die beeindruckende Übereinstimmung der so vielen Mystikererlebnisse aller Zeiten, Kulturen und Religionen, die ebenfalls als lichtvoll und allumfassend beschrieben werden, deuten auf das fulgurative Abduktionserlebnis hin. Was schließlich die Drogen betrifft, so zeigen William von Baskerville und dessen literarischer Detektivpate Sherlock Holmes, daß und inwieweit ihr Genuß erkenntniserweiternd sein kann. (Demselben Zweck dient übrigens auch Holmes‘ Violinenspiel, allerdings nur wenn er improvisiert, ebenso wie seine chemischen Experimente.)

Es gilt dabei deren ursächliche Intentionen wiederzuentdecken, die in der modernen Gesellschaft fast gänzlich verlorengegangen sind, so daß hier Drogenmißbrauch die einzig mögliche Konsequenz ist[25]. Gerade in jenen Situationen, die neue (systemneue) Ansätze erfordern, was mitunter mit einem Handlungsnotstand korrespondiert, ziehen sich die Protagonisten zurück, um die anregende Wirkung der Drogen zu Hilfe zu ziehen. Es geht dann immer darum, den tradierten Denkrahmen zu sprengen, um auf eine neue Ebene zu gelangen oder aber wie die Koans im Zen-Buddhismus die Kausalitäten zu zerstören, Zwänge und Determinationen zu beseitigen bis hin zur Sprachdetermination. Man könnte sich an einem Gedankenexperiment durchaus Ecos William von Baskerville vorstellen, wenn man sich Peirces Worte vor Augen führt: „Es gibt eine gewisse angenehme geistige Beschäftigung, die ich … weil sie keinem anderen Zweck dient als dem, allen ernsthaften Zweck links liegen zu lassen, halb geneigt war (auf eine näherhin zu qualifizierende Weise) Tagtraum zu nennen; aber für einen Geisteszustand, der der geistigen Leerheit und der bloßen Träumerei so diametral entgegengesetzt ist, wäre eine solche Bezeichnung ein gravierender Mißgriff“ (6.458).[26]

In ihrer Alltäglichkeit scheint die Abduktion ein äußerst erfolgreiches Schlußverfahren zu sein, das zwar sehr häufig fehl schließt, was ihr offensichtlich aber verziehen wird. Zwei Fragen ergeben sich, die die Abstraktionsebene weiter erhöhen. Wie kann überhaupt eine menschliche Hypothese natürliche Prozesse erklären; woher stammt die Kompatibilität, und wieso sind immer so viele Treffer in all der vermeintlichen Raterei, die das Verfahren überhaupt erst legitimieren; was sind schließlich die Voraussetzungen dafür?

Letzterer Teil der Frage wird von Peirce zwar gestellt, jedoch, so weit zu sehen ist, nicht beantwortet, so daß zuerst dem Philosophen selbst gefolgt werden soll. Dieser macht sich hier die Evolutionstheorie zunutze, indem er zum einen auf „gewisse Gleichförmigkeiten in der Natur, durch deren Erkenntnis eine Hypothese erheblich erweitert werden kann“ (2.633) hinweist, andererseits eine gewisse Analogie zu Naturprozessen, zu evolutionären Prozessen sieht[27]. Der Mensch als Naturwesen kann schlechthin nicht anders, als natürliche Prozesse denkerisch zu replizieren und bleibt daher dieser Affinität unauslöslich verbunden[28], wenngleich sein Denken diesen Hiatus erst erschuf. Und wie das instinktsichere Tier die natürliche Einheit mit jedem Tun bestätigt, bleibt dem Menschen als (Gehlensches) Mängelwesen, welches die Instinkte weitgehend verlor, nichts anderes übrig, als einen analogen kognitiven Vorgang einzusetzen, und dieser eben ist das konjektive Denken.

Auch hier bestätigt sich das Ergebnis in der Praxis (wo die Nähe zur Pragmatischen Maxime wieder offensichtlich wird) und wird in Abhängigkeit zur Notwendigkeit früher oder später revidiert. „Dieses Vermögen der Einsicht hat zur selben Zeit die allgemeine Natur eines Instinktes, der insofern dem Instinkt der Tiere gleicht, als er über die allgemeinen Vermögen unserer Vernunft weit hinausgeht und uns führt, als ob wir im Besitz von Fakten wären, die gänzlich außerhalb der Reichweite unserer Sinne liegen. Es gleicht dem Instinkt weiterhin darin, daß es in geringem Maße dem Irrtum unterworfen ist; denn obwohl es häufiger den falschen als den richtigen Weg einschlägt, ist es im Ganzen gesehen doch das Wunderbarste unserer ganzen Konstitution“(5.173).

Gerade dieses Wunderbare aufzulösen, gelang Peirce nicht – es fehlte ihm das empirische Material. Doch die Frage ist brisant, und Peirce war der Antwort ganz nah, muß es doch einen Grund geben, der die abduktiven Erfolge garantiert, und zwar jenseits der Wahrscheinlichkeit des Zufalls. Das Raten, wie Peirce hin und wieder glaubte[29], kann als Erklärung aus diesem Grunde nicht dienen. „Nein, nein, ich rate nie. Raten ist eine abscheuliche Angewohnheit, es zerstört die Fähigkeit, logisch zu denken“[30], erkannte der Meister der kriminalistischen Hypothese, Sherlock Holmes, und an anderer Stelle wird man über die notwendige Voraussetzung belehrt, um diese Meisterschaft zu erlangen: „er hat eine ganze Menge abseitiger Erkenntnisse angehäuft[31].

Aus der Schule der amerikanischen behavioristischen Sozialpsychologie kommend, hat Peter R. Hofstätter einen am empirischen Material gewonnenen Ansatz entwickelt, der (so glaube ich) das Peircesche Problem lösen könnte, alles hängt dabei an der Frage des Wissens. Die „synthetische Gruppe„, in der als ein mathematisches Konstrukt alle subjektiven Einzelleistungen addiert, um dann durch die Anzahl der Mitglieder dividiert zu werden, erreicht mit diesem Quotienten eine korrektere Lösung als jede Einzellösung für sich. Die approximative Korrektheit korreliert dabei mit der Anzahl der Einzellösungen, so daß Hofstätter eine statistische Utopie von der potentiellen Allwissenheit der Gruppe beschreiben kann[32]. Statistisch betrachtet handelt es sich hier um ein Phänomen des Fehlerausgleiches. Erfolgversprechend kann diese Gruppe allerdings nur dann sein, wenn sie zwei wesentliche Bedingungen erfüllt: erstens, „daß in der Menge der Beurteilenden die Durchschnittsrichtigkeit der Urteile größer als Null sei“, wofür zweitens Voraussetzung ist, daß ein Mindestmaß an Wissen über das zu lösende Problem vorliegt. Gerade dies hebt es vom Ratehintergrund ab.

Bleibt freilich die Frage, was das alles mit der Abduktion zu tun hat, die doch ein je individuelles Phänomen ist. Die Synthesis der Gruppe jedoch ermöglicht die Anwendung auf das Peircesche Problem insofern, als eine Gruppensituation bereits im inneren Dialog gegeben ist[33]. Jede Entscheidungssituation aber teilt die Person zwangsläufig, so daß diese im Entscheidungsmoment dem Konstrukt der synthetischen Gruppe entspricht.[34] Wenn dann marginales Wissen vorhanden ist, wie dies die Detektive Holmes[35] und William von Baskerville anhäufen, so scheint die Situation günstig, durch abduktives Denken eine realitätsnahe Entscheidung zu fällen.

Peirce legitimiert dies auch wissenschaftstheoretisch und epistemologisch, denn nicht die Wahrheit als distinkter Entität, die ohnehin nur approximativ, „in the long run“, anzustreben ist, sondern Überzeugt-Sein und Übereinstimmung in der Sozietät, der scientific community, sind Ziele allen Forschens. Dies ist nicht präskriptiv zu lesen, sondern stellt die deskriptive Erkenntnis Peircens dar. Wir befinden uns damit wieder inmitten des pragmatischen Diskurses und können mit Peirce das Fazit ziehen: „Wenn Sie die Frage des Pragmatismus sorgfältiger Prüfung unterwerfen, werden Sie sehen, daß er nichts anderes als die Frage nach der Logik der Abduktion ist“ (5.197)

[1] 8.206 in: Peirce, Charles Sanders: Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. Frankfurt 1991. Nachfolgend wird Peirce nach den Kapitelnummern zitiert.
[2]Aufschlußreich bleibt das Wissen darüber, wie eng die persönliche Freundschaft beider Männer blieb, obwohl die philosophischen Ansichten sich nicht nur entfernten, sondern Peirce zudem unter dem Unverständnis und der daraus folgenden Vulgarisierung seiner Lehre durch James litt. Andererseits unterstützte der Erfolgreichere den Tiefgründigeren finanziell und verschaffte ihm Reputation, indem er dem Ausgeschlossenen Kontakt zur akademischen Öffentlichkeit verschaffte – so ging Gegnerschaft.
[3]Deleuze: “Rhizom”, vgl. Dubost, S. 3ff., 16, 34f., 48
[4]Auch Eco möchte seiner Semiotik „nicht den Status einer wissenschaftlichen Theorie“ verleihen, stattdessen „höchstens den Status einer epistemologischen Theorie“. (Eco: Die Grenzen der Interpretation, S. 178 ff.)
[5] in potentieller Antizipation der Kuhnschen Paradigmentheorie – z.B. die Rolle der scientific community, vgl. 5.265
[6]Der Konsens ist im übrigen das einigende Glied der vier Methoden der Festlegung einer Überzeugung, die in methodischer, psychologischer, epistemologischer Sicht sonst stark differieren, hier aber ihr Ziel finden. (vgl. Oehler, S. 91)
[7] vgl. Beckmann, S. 47
[8] Peirce: „Mit dem Zweifel beginnt also die Anstrengung, und mit dem Aufhören des Zweifels endet sie. Insofern ist das einzige Ziel des Forschens, eine Meinung festzulegen. Wir mögen uns zwar einbilden, das sei nicht genug für uns und wir suchten nicht bloß eine Meinung, sondern eine wahre Meinung. Aber stell diese Einbildung auf die Probe, und sie erweist sich als grundlos; denn sobald ein festes Für-wahr-Halten erreicht ist, sind wir gänzlich zufrieden, ob nun das Für-wahr-Halten wahr oder falsch ist“(5.375, zit. in Oehler, S. 87).
[9]vgl. auch: Wittgenstein, 6.36311
[10] vgl. hierzu Nagl, S. 112
[11]Man schließt so, „als ob alle Eigenschaften, die zur Bestimmung eines gewissen Objektes oder einer Klasse erforderlich sind, bekannt wären …“ (5.272)
[12] Feyerabend: Wider den Methodenzwang S. 193
[13] ebd., S. 356
[14]Mathematik und Geometrie gelten gemeinhin als strenge Wissenschaften und sind doch, neben dem psychologischen Moment, an sich konjektural, weil sie von inexistenten Idealzuständen berichten.
[15]vgl. 2.652, 2.642; vgl. auch Eco: Fiktionen, S.119f. Ja selbst unsere eigene individuelle Existenz kann sich nur auf der wackligen Basis des Vertrauens begründen, denn die Ungewißheit, geboren zu sein, durchzieht das Leben. Auch daher stammt Sloterdijks Versuch des Zur-Welt-Kommens als Ausgleich für pränatale Vergeßlichkeit …
[16] vgl. Eco/Seboek, S. 140
[17]Von Feyerabend mußte sich Popper, der glaubte, das Humesche Problem, also das Problem der Verifikation gelöst zu haben, Überheblichkeit vorwerfen lassen. Das Humesche Problem, so Feyerabend, komme nur in einem Traumland vor und sei daher forschungshistorisch irrelevant. Deswegen sei es gar nicht wichtig, ob Popper das Humesche Problem gelöst habe. Dem ließe sich noch die Schwäche des Falsifikationismus, der das Problem immer nur verdoppelt, vor sich her treibt, anstatt zur wirklichen Erkenntnis zu gelangen, beifügen. (vgl. Feyerabend: Erkenntnis, S. 71 ff.)
[18]„Die Wahrnehmung ist immer fragend und konditional und basiert unweigerlich (selbst wenn wir das nicht erkennen) auf einer Wette“ (Eco: Semiotik und Philosophie, S. 61).
[19]vgl. Lorenz, S. 47. Ein weiterer Berührungspunkt zu Lorenz bietet sich in Bezug auf den animalischen Apriorismus des „Angeborenen Lehrmeisters“, dessen analoge Wirkungsweise zur Abduktion auffällt, zumal Peirce hin und wieder deren Instinktivität betont. (vgl. Eco/Seboek, S. 79) Daß Lorenz, der sich hier in der Nachfolge Kants versteht, durchaus zu Unrecht den transzendentalphilosophischen Apriorismus bemüht, und das trotz der Kritik des Meisters selbst, der Lorenz antizipierend, die Frie-Nelson-Schule allerdings meinend, sich gegen die psychologistische Ausdeutung wehrte, deuten bestimmte transzendentalphilosophische Untersuchungen an (Dietzsch, Steffen: Dimensionen der Transzendentalphilosophie, S.23f)
[20]die auch Eco nicht verborgen blieben (vgl. Eco: Grenzen der Interpretation, S. 275)
[21]Und dies in zweifacher Hinsicht: als Therapieform stützt sich die Psychoanalyse prinzipiell auf die Konjekturen des Analytikers, die vom Patienten deswegen als glaubhaft empfunden werden, weil er geheilt werden will; als Theorie ist ihr Herz die Retroduktion, das vermutende Zurückschließen, ausgehend vom Symptom auf infantile sexuelle, traumatische Ereignisse und Prozesse, deren prinzipielle Existenz selbst nur vermutet werden kann.
[22]Adson etwa, Ecos junger Held des Weltbestsellers, den die Gedanken darüber noch nicht beschweren, kann sogar die Sexualität als mystisches Erlebnis erfahren, die Vereinigung als Bewußtsein der Einsheit: „Ja, ich gestehe, in diesem Moment erlosch in mir der wahre Sinn für die Differenz. Und das ist stets, so scheint mir, das Zeichen der Entrückung und des Sturzes in die Abgründe der Identität.“(249, vgl. auch 285)
[23] vgl. Husserl, S.28 f., 109, 156, 191ff.
[24]Andererseits (vgl. Nagl, S. 80) gelangt Peirce durchaus in die Nähe mystisch-holistischen Denkens, allerdings vom ontologischen und nicht vom epistemologischen Standpunkt her. „Wenn wir das große Prinzip der Kontinuität studieren und erkennen, daß alles fließt, daß jeder Punkt am Sein jedes anderen direkt teilhat, wird es offenbar werden, daß Individualismus und Falschheit ein und dasselbe sind.“ (5.402, zit. in ebd.)
[25] vgl. Sloterdijk: Weltfremdheit, S. 118-160.
[26]zit. in Nagl, S. 111, vgl. hierzu auch die abweichende Übersetzung in Eco/Seboek, S. 49. Später verlegte Sloterdijk mehrfach den Beginn der europäischen Freiheit auf den Bieler See, wo Rousseau in einem ähnlichen Zustand verweilt haben soll und dort seine Philosophie gebar. Etwa in: Streß und Freiheit. Frankfurt 2011
[27]Um dies zu verdeutlichen, strengt Eco Spinoza an: „ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum“, die Ordnung und der Zusammenhang der Dinge ist identisch mit der Ordnung und dem Zusammenhang der Ideen, und in der Umkehrung der postmodernen Lebenswelt, der Welt der Don Isidros und der von Baskervilles: „die Unordnung und Zusammenhangslosigkeit der Ideen ist identisch mit der Unordnung und Zusammenhangslosigkeit der Dinge, das heißt der Welt“ (Eco: Semiotik – Entwurf einer Theorie der Zeichen, 211, 213).
[28]Selbst Sherlock Holmes, der Meister der detektivischen Abduktion, glaubt seinen Erfolg mit Peirces Argument erklären zu können: „Mein Geist ist wie eine Maschine, die leerläuft und sich selbst in Stücke reißt, weil sie nicht mit dem Räderwerk gekoppelt ist, für das sie konstruiert wurde“ (Conan Doyle: Buch der Fälle, S. 10).
[29]„Doch müssen wir die Welt durch Raten erobern oder gar nicht.“( zit. in Eco/Seboek, S. 28)
[30] Conan Doyle: Der Hund der Baskervilles, S. 15
[31] Conan Doyle: Studie in Scharlachrot, S.12, vgl. auch Der Hund der Baskervilles, S. 10ff. u.a.
[32] Hofstätter: Gruppendynamik, S.48 ff.
[33]Röttgers faszinierender Versuch, die romantische Idee des Symphilosophierens wiederzubeleben (Röttgers: Texte und Menschen, S.84-118), beschreibt vielleicht denselben Sachverhalt, zumal „der Gedanke der inneren Symphilosophie“ dann ein „notwendiger Begriff „ist (ebd. S.99).
[34]Nebenbei wäre die Abduktion damit vom Animalismusverdacht befreit, weil sich dahinter kognitive statt instinktive Prozesse verbergen.
[35]Überhaupt leistet hier Conan Doyle Bahnbrechendes, denn Scherlock Holmes hat wohl erkannt, wie wichtig umfassendes, enzyklopädisches Wissen ist, um abduktive Entscheidungen glücklich treffen zu können. Dabei kann er, von wenigen Spezialisierungen abgesehen, auf Tiefe verzichten. Daran etwa mangelt es Villard, dem französischen Detektiv, der zwar „die Fähigkeit der Beobachtung und die der Deduktion“ besitzt, dem aber das Wissen fehlt, und genau dies, „ein breites Spektrum an exaktem Wissen ist die Voraussetzung für jede Weiterentwicklung“ (Conan Doyle: Der Hund der Baskervilles, 10 ff.), es ist „die wirkliche Basis, auf der wir unsere Vermutungen aufbauen können“ (Conan Doyle: Das Tal der Angst, S. 44). Selbst die sokratischen Dialoge der Detektive mit ihren Gehilfen Watson und Adson, deren Ziel natürlich ein mäeutisches ist (vgl. etwa: Conan Doyle: Die Rückkehr des Sherlock Holmes, S.9 u.a.), eine Geburtshilfe des Wissens, dienen dieser Voraussetzung der Konjektur. Wie an diesem Beispiel, so gilt ganz allgemein die unbedingte Vorbildhaftigkeit des englischen Detektiven für Ecos gelehrten Mönch.

Fortsetzung folgt

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