Was ist das Wirkliche?

Wir wollen dänische Freunde besuchen. Um meine Zunge wieder locker zu machen, ziehe ich am Morgen einen schmalen dänischen Roman aus dem Regal und lese ihn am Stück.

Und wenn man nicht darauf vorbereitet ist, dann kann einen so ein Büchlein fast erschlagen.

Es ist die Geschichte eines Schriftstellers oder Möchtegernschriftstellers, der seit Jahren keine vernünftige Zeile zu Papier gebracht hat und nun auf Pump lebt. Moralisch ist er schon so weit herunter, daß er mit größter Selbstverständlichkeit selbst diejenigen betrügt, die ihm noch immer ein wenig Restvertrauen entgegenbringen. Seine Frau – selbst lebensunfähig, ein Paradiesvogel – klagt und jammert. Die Lage scheint aussichtslos.

Aber dieser Mensch, Anfang 40, hält sich selbst für jemanden voller Ideen und Einfälle, sie strömen ihm in Massen zu – es fehlt ihm nur der Wille, die Kraft, aus diesen Ideen etwas zu machen oder sie auch nur aufzuschreiben. Einige Male hat er sich prostituiert und ein paar Zeilen für die Kommunisten oder banale Werbesprüche geschrieben und würde sich jedem anderen ebenso andienen. Des Geldes wegen. Trotzdem hält er sich für einen Künstler, der auf Journalisten oder Billigromane heruntersehen kann. Für die reale Welt da draußen, die Welt der arbeitenden Menschen, hat er nur Verachtung übrig.

Just als die Situation unerträglich zu werden drohte und selbst Heizung und Essen knapp wurden, ruft ihn ein alter Freund an. Der bietet ihm zuerst eine Arbeit als Tippse an, doch die Vorstellung „regelmäßiger Sklaverei“ erschreckt den Mann, der Tom heißt und „tom“ heißt im Dänischen „leer“.

Schließlich wird ihm eine exorbitante Summe angeboten, wenn es ihm gelinge, „etwas Wirkliches“ zu schreiben, ein echtes, ein „wirkliches, wahres Erlebnis“, mehr ist nicht gefordert und wenn es nur eine einzige Zeile sei.

Dieser, sein alter Freund, ist Tom ein Rätsel. Er schwimmt im Geld – dem Tom verzweifelt, aus purer Not, hinterher hechelt – scheint aber von allem unabhängig zu sein. „Er liegt in der Sonne wie ein mittelalterlicher Mystiker, war mit dem Leben zufrieden und war sicher.“ Von sich selbst behauptet er, nie lange über etwas nachzudenken, sondern immer nur das zu tun, was gerade anliegt, was „vor der Nase liegt; tut man das, dann helfen sich die Dinge selber hervor.“

Es klingt wie aus einem New-Age-Buch: „Wir haben kein Ziel auf dieser Welt“, daher „ist es das beste, der Energie zu folgen, die auftaucht und sich entwickelt, und nicht allzu viel Wert auf sich selbst zu legen. Man muß im Augenblick leben, das ist die Bedingung für diese Art Leben.“

Aber das Buch ist viel älter, es wurde 1957 veröffentlicht. Es steht unter dem Eindruck der Philosophie des Absurden und die Hauptfigur trägt Züge eines Mersault[1] oder Roquentin[2]. Heute kennen nur noch wenige diese Zusammenhänge – man kann das Buch ganz frisch und unverbraucht und auf unsere Zeit bezogen lesen.

Tom nimmt den Auftrag an, ist sich sicher, die Aufgabe lösen zu können. Aber je mehr er darüber nachdenkt, desto unsicherer wird er. Was mag Hiffs überhaupt gemeint haben? Und was ist „das Wirkliche“ denn eigentlich? Was ist wirklich?

Der Roman platzt an dieser Stelle vor Spannung. Schon die Hinleitung war mit großer Kraft gelungen: Was mag Hiffs im Schilde führen und wie ist dieser verzweifelten Existenz ein Sinn einzupflanzen, wo könnte der Ausweg aus diesem Scheitern sein? Aber die Frage des „Wirklichen“, die geht nun jeden an, die trifft jeden, der es wagt, sie ernsthaft zu bedenken. Leser und Figur beginnen gemeinsam diese eminente Frage zu wälzen. Große Literatur!

Ist es das Ding, wie Tom zuerst meint? Genügt es ein Ding so zu beschreiben, so, wie es ist? Es genügt doch, einen einzigen Eindruck in seiner Wirklichkeit darzustellen. Ein Fluß, ein Bus … das muß doch zu machen sein. „Wo ging der Weg zur Wirklichkeit von alldem hin, das sich Realität nannte, aber doch nur Stofflichkeit ist, die matt und grau dahinfloß, sobald die Sinne den unmittelbaren Kontakt verloren“.

Oder meint Hiffs nicht viel mehr das Menschliche und Zwischenmenschliche, wie die Menschen „Wohnung ineinander nahmen“ oder „ineinander verfließen, wie Wellen, die nicht mehr wissen, ob sie nun eine einzige oder eine gemeinsame sind, sich aber gegenseitig ausfüllen und aus ihrem Wesen bereichern“?

„War die Wirklichkeit nicht das Unausweichliche, das man nicht Wegerklären kann? Alles konnte man wegerklären, nur die Wirklichkeit nicht. Die mußte fest stehen. So hatte Hiffs es gemeint.“

Nach langer Qual schreibt er schließlich diese Zeilen:

„Meine Augen sind blind,

meine Hände sind vertrocknet,

mein Geist ist von Vernichtung heimgesucht.“

Und stellt sie Hiffs, der in einer schönen Villa am Meer lebt, vor. Dort wird deutlich, wie nahe sich beide eigentlich sind. Beide machen nichts, schaffen nichts. Der eine mit Erfolg, der andere ohne. Tom glaubt, dies sei sein Schicksal, gegen das man nicht ankämpfen könne. Hiffs hingegen lebt vor, daß es Eigenverantwortung ist. Allein, er hat gar nicht das Ziel, etwas zu schaffen.

Toms Zeilen lehnt er rundweg ab, steigt in ein Boot und segelt in die Nacht. Zurück bleibt ein vollkommen Verlorener, Herumirrender. Nur einmal, für einen kurzen Moment, als er am Ufer steht und einen Stein ins Wasser wirft und den Klang hört, wie der Stein ins Wasser plumpst, ruft er: „Ich bin hier!“

Doch auch diesen Moment kann er nicht festhalten …

Kurz bevor die Frau zur Abfahrt ruft, schlage ich das Buch zu. Es wird ein netter Abend mit seichten Gesprächen – zum Glück: schon auf der Heimfahrt hat die Wirkung der starken Pille Peter Seeberg nachgelassen. Der Moment ist verpaßt – ich muß mir die Frage nicht mehr stellen.

Peter Seeberg: Fugls Føde. København 2005 (1957)
In deutscher Übersetzung: unfaßbar! Es scheint nicht übersetzt worden zu sein! Auf Englisch unter dem Titel: „The Imposter
[1] Hauptfigur aus Albert Camus: „Der Fremde“
[2] Hauptfigur aus Jean-Paul Sartre: „Der Ekel“

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