I can’t breathe

Has it ever occcured to you, Winston, that by the year 2050, at the very latest, not a single human being will be alive who could understand such a conversation as we are having now?

Mir verschlägt es regelmäßig die Luft, wenn ich morgens die Zeitungen durchblättere. Orwells Vision ist längst keine mehr, sie ist Realität.

Die Hysterie nach dem gewaltsamen und strafbaren Tode eines schwarzen Kriminellen, Drogenabhängigen und Gelegenheits-Pornodarstellers mit entsprechendem Frauenbild, den man nun in den Helden- und Märtyrerstatus erhebt, sollte das jedem deutlich machen.

Die Gedankenpolizei ist unterwegs – jeder, der sich öffentlich äußert, läuft Gefahr bei abweichenden Meinungen virtuell gelyncht und gesteinigt zu werden. Dafür hat sich der Euphemismus „shitstorm“ durchgesetzt. Er kann existenzgefährdend werden, nicht nur für die Psyche, er kann auch ganz konkrete materielle Folgen zeitigen.

Eine kleine Auswahl – die Lese eines einzigen Tages:

Anne Will passiert ein Versprecher – sie sagt „Rassenproblem“ statt „Rassismusproblem“, wird von einer Einheizerin zur Rede gestellt und sieht sich genötigt, sich mehrfach öffentlich zu entschuldigen, inklusive Demutsgeste

In New York tritt ein Abteilungschef der New York Times zurück, weil er eine (legitime, aber eben ungewollte) Alternativmeinung eines republikanischen Senators hat drucken lassen.

Der Bürgermeister von Minneapolis, der vor wenigen Tagen noch hemmungslos am Sarg George Floyds weinte, wurde von einer Menge ausgebuht und förmlich – trotz Anbiederung – vertrieben, nachdem er ein öffentliches Bekenntnis gegen die Polizei verweigerte. Ein walk of shame. Vermutlich ist es dieser Druck, der ihn heute eine weitreichende Reform, gar die Auflösung der Polizei ankündigen ließ.

In London wird ein mutiger Mann von der Polizei festgenommen, der die Verschandlungen am Churchill-Memorial beseitigt – die Randalierer hingegen bleiben unbehelligt.

 

Das Internet ist mittlerweile voll von „Vergebungsgottesdiensten“, in denen Weiße sich entschuldigen, selbst demütigen oder vergattert werden, nie wieder etwas Falsches zu denken

und sogar Füße Schwarzer küssen oder waschen.

Ein tapferer schwarzer Polizeioberst zerstört vor laufender Kamera das offizielle Narrativ und wird bei CNN einfach abgeschaltet.

Schauspieler Terry Crews erntet für einen ehrlichen Tweet„Defeating White supremacy without White people creates Black supremacy. Equality is the truth. Like it or not, we are all in this together.” – einen shitstorm, selbst von persönlichen Freunden.

Schon Heidi Klum hatte für die Verwendung des falschen Hashtags – „#AllLivesMatter“ – eine Empörungswelle ausgelöst und mußte ihre Meinung löschen. Aber auch das war nicht genug – sie hatte auch noch zu bereuen und die korrekte Fahne in den Wind hängen.

Umgekehrt erfährt Boris Becker eine Haßwelle, weil er die Londoner Demo von BLM besucht hat.

Und so könnte man endlos fortfahren.

Für Menschen mit DDR-Erfahrung bietet sich der Vergleich an. Die jetzige Realität unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von der literarisch entworfenen und der des „real-existierenden Sozialismus“.

Orwell ging von einer Gedankenpolizei aus, einer Behörde, einer Geheimpolizei, die unerlaubte Gedanken sucht, verfolgt und durch Psychoterror auch erst kreiert. Die inneren Mechanismen hatte er der Arbeit der stalinistischen NKWD entnommen, die man in den Schauprozessen gut studieren konnte. Das Ziel klingt vertraut. 

Zwar rühmt sich die Bundesrepublik einer gesicherten Meinungsfreiheit, die auch grundgesetzlich festgeschrieben ist, es gibt aber gute Gründe, die heutige Situation als noch beengender und noch beängstigender zu beschreiben als in der DDR.

Der erste Unterschied: Dort war es die Stasi, die suchte und kontrollierte. Sie hatte hauptamtliche und Ende der 80er Jahre ca. 190000 Inoffizielle Mitarbeiter bei einer Gesamtbevölkerung von 17 Millionen. Viele Menschen hatten nie Kontakt mit ihr, direkt oder indirekt. Sie war eine Behörde mit fest umschriebenem Rahmen, eine Institution mit Regeln und Aufgaben und jeder wußte, wie er sich zu verhalten hatte, wenn er es mit einem Mitarbeiter zu tun bekam. Die Grenzen waren vergleichsweise klar gezeichnet.

Wer informierte und aushorchte, wußte, was er tat. Wer ausgehorcht wurde – sofern er es wußte – ebenfalls. Damit war das moralische Bewußtsein der Falschheit des Handelns jedermann einsichtig und nur harte und überzeugte Parteigänger konnten sich von dieser Schuld freireden. Es entstand eine Metaebene der Kommunikation, die ihre eigenen Blüten trieb – bis hin zu künstlerischen.

Heute hingegen gehört das Ablauschen falscher Meinungen zum guten Ton, es muß noch nicht mal geheim gehalten werden – man meint, etwas Richtiges zu tun, im Kampf für das Gute und gegen „die Feinde der Demokratie“. Ein schneller Finger, ein falscher Zungenschlag genügt, um am Pranger zu stehen. Aber nicht unter Vertrag stehende Kollaborateure zinken einen an, sondern vollkommen fremde, amorphe Menschen und nicht selten auch Freunde und Bekannte. Jeder kann heutzutage der Feind sein und jeden kann es treffen, jeder kann über Nacht geächtet werden. Die Toleranzschwelle ist in der sich tolerant nennenden Gesellschaft fast auf Null gesunken.

Der zweite Unterschied: Die DDR war ein Land der Ironie und des Witzes. Überall gab es Anspielungen, Zweideutigkeiten, Spott. Der ostdeutsche Witz war unendlich reich. Es wurde über alles und jeden gespottet und das in allen sozialen Schichten, bis in die Institutionen Partei oder Stasi hinein. Heute aber stehen wir einer komplett humorlosen Geisteskontrolle gegenüber, die selbst ironische Äußerungen akribisch nach verbotenen Hintergedanken absucht.

Das Resultat ist eine Mißtrauensgesellschaft, wie es sie in der deutschen Geschichte vielleicht noch nie, sicher nicht in den letzten 70 Jahren, gegeben hat. Jeder kann der Gegner sein – mein Nachbar, mein Freund, meine Familie. Man hat nur noch in der je eigenen Blase Kontakt, in der man mit festen Codes kommuniziert. Bricht ein Gesprächspartner daraus aus, gerät er unter Verdacht, wird kategorisiert, vom Gespräch – zumindest über bestimmte Themen – ausgeschlossen oder aber, wenn er unvorsichtig genug war, ein öffentliches Medium zu benutzen, organisiert niedergemacht, was – wenn der Schneeball ins Rollen kommt – zu einem veritablen shitstorm führen kann und damit zur sozialen Vernichtung.

Insofern fühlte sich das Leben im Osten freier und leichter an, als das in der Bundesrepublik des Jahres 2020. Ich jedenfalls merke immer stärker: I can’t breathe!

11 Gedanken zu “I can’t breathe

  1. Michael B. schreibt:

    > Der Grund, warum im Osten (zumindest den, den ich kenne) so viel mit Humor gearbeitet wurde, war der Umstand, dass es eigentlich gar nicht zum Lachen war.

    Das ist es heute auch nicht, wenn man weiter als bis zur Nasenspitze denkt. Trotzdem ist das braesige Jakobinertum im Vergleich und absolut mittlerweile deutlich extremer ausgepraegt.

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  2. Dies ist ein Aufstand, der den systemischen Kollaps der US-Gesellschaft eingeleitet hat.

    Das was heute passiert, nenne ich eine Aufstand. Einen gewalttätigen Aufruhr oder eine Rebellion gegen die Autoritäten als solches. Wenn man ein Polizeirevier anzündet, dann protestiert man nicht gegen ein paar Cops, nein, man vertreibt die Cops aus seiner Nachbarschaft (Ich kenne das persönlich. Ich lebte in Argentinien in einem Vorort von Buenos Aires, in dem die Polizeistation so oft angegriffen wurde, dass sie geschlossen und nie wieder aufgebaut wurde). Und da in einer zivilisierten Gesellschaft der Staat das Monopol auf den (legalen) Einsatz von Gewalt haben sollte, lehnt man im Grunde die Autorität und Legitimität des Staates ab, der die Polizei unterhält. Dieser Aufstand wird sehr wahrscheinlich Trump nicht aus dem Amt jagen (daher ist es auch kein Umsturz oder eine Revolution), aber die Anti-Trump-Fraktion der herrschende Eliten haben jetzt eindeutig die Strategie eines „schlechter ist besser“ adoptiert, einfach weil sie erkennen, dass diese Unruhen womöglich ihre letzte Chance sind, alles auf Trump zu schieben (oder auf Russland, warum nicht?) und ihn so vielleicht, nur vielleicht, im November zu besiegen.

    Momentan sehen wir etwas, das man nur eine Herrschaft des Pöbels nennen kann (der technische Begriff dafür ist „Ochlokratie“). Aber der Pöbel, egal wie gewalttätig, ist selten erfolgreich darin, greifbare politische Resultate zu erzielen, da er „gegen etwas“ und nicht „für etwas“ handelt. Daher muss die wahre (hinter den Kulissen) herrschende Klasse diesen vom Mob inszenierten Aufstand zu seinem politischen Vorteil instrumentalisieren. Ich möchte meinen, dass bisher weder die Demolikaner noch die Republikraten damit erfolgreich waren. Aber vor uns liegt ein sehr langer und möglicherweise extrem gefährlicher Sommer und das könnte sich ändern.

    Unabhängig davon, ob eine der Fraktionen mit der Instrumentalisierung der Unruhen Erfolg hat: Was wir heute sehen, ist ein systemischer Zusammenbruch der US-Gesellschaft. Das muss nicht heißen, dass die USA verschwinden werden, überhaupt nicht. Aber so wie die Sowjetunion ein Jahrzehnt oder länger brauchte bis sie völlig einstürzte (etwa von 1983 bis 1993), so werden auch die USA viele Jahre brauchen um komplett einzustürzen. Und so wie schließlich 1999 ein Neues Russland Gestalt annahm, wird aus dem gegenwärtigen Kollaps ein Neues USA entstehen. Komplette und endgültige Zusammenbrüche sind sehr selten, zumeist lösen sie nur einen langen und potentiell sehr gefährlichen Transformationsprozess aus, dessen Ergebnis nahezu unmöglich vorauszusagen ist.

    Aber so wie das russische Volk damit aufhören musste, sich selbst mit dummen Träumen über „Demokratie“ zu veralbern und die wahren Probleme Russlands angehen musste, so wird das Volk der USA den Mut finden müssen, sich mit den wahren Problemen abzugeben, frontal und bewusst. Wenn es das nicht schafft, dann wird sich das Land wahrscheinlich weiter in zahlreiche und gegenseitig feindliche Einheiten zerlegen.

    Die Zeit wird es zeigen.

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  3. Stefanie schreibt:

    Erstaunlich wie nahtlos sich dieses „I can`t breathe“ an die letzte und die vorletzte Hysterie anschließen. Bei der Steuerung der Corona-Massenpanik sollte nach internen Plänen ausdrücklich an die „Urangst des Erstickens“ appelliert werden. Auch die bei der CO2-Debatte ging es ja um die Ausbreitung der falschen Art Luft. Ich will hier nicht über einen irgendwie gearteten Masterplan spekulieren – es ist eher wie ein roter Faden, der sich durch den Welt(un)geist zieht. Ob es irgendeinen massenpsychologischen Hintergrund hat? Geht der westlichen Welt die Luft aus? Pfeiffen wir aus dem letzten Loch? Leben wir in Luftschlössern?

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    • Sehr aufmerksame Beobachtung!

      Genau diesen Paradigmenwechsel hin zu Air-Condition in der modernen Gesellschaft hat Sloterdijk beschrieben etwa in Sphären III oder „Luftbeben“. Das Bild der Ko-Immunisierung war nur ein Weiterdenken dieses Gedankens und der Sinn der „Denkanstöße“ war, diese Zusammenhänge – „Entfaltung des Atmosphärenbewußtseins im Zentrum der Selbstexplikation der Kultur“ – zu sehen und zu denken.

      Demnach werden die kommenden Debatten sich meist um die Frage der „Ausbreitung der falschen Luft“ drehen und Sloterdijk hatte es als erster bemerkt. Andere nannten es „Schwachsinn“.

      I can’t breathe wird das Zentraldogma unserer Epoche gewesen sein, ein Satz, der sich in vielerlei Hinsicht bestätigen wird. Floyds „Heldentat“ war es, uns diesen Satz endlich geschenkt zu haben.

      Bruno Latour: air

      Michael B.:
      > I can’t breathe wird das Zentraldogma unserer Epoche gewesen sein

      Nicht so pessimistisch, ich brauche das noch fuer meine Vipassana-Meditation!

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        • Skeptiker schreibt:

          Als Antwort auf Stefanie.

          In der Tat ein Dilemma: was tötet stärker – das Virus (ein biochemischer Tatbestand) oder der Rassismus (eine sozialpathologischer Tatbestand). Das Dilemma bei der Todesbestimmung ist nicht neu: mein Vater z.B. starb mit 86 Jahren an einem Herzversagen, bei der Obduktion wurde ein Prostatakarzinom entdeckt. Während hier der Mediziner dank Differentialdiagnose für sachliche Aufklärung sorgen kann, können medizinische Tatbestände im politisch-bewegten Raum in die manipulierbare Beliebigkeit überführt werden. Man vergesse nicht, dass auf Totenscheinen bei Exekutierten in der NS-Zeit nicht: Tot durch Enthaupten, sondern Tot durch Herzstillstand stand (war auch in Merry Old England üblich). Sollten Sie auf Tod durch Corona-Virus tippen, setzen Sie sich den Verdacht der rechten Verharmlosung aus, bevorzugen Sie Rassismus, sind Sie ein Verschwörungstheoretiker. Über allem natürlich noch die Drohung des „gefährlichsten Umweltgiftes“ (Ursula von der Leyen): CO2. Der Wohnstubenapokalyptiker und Vollzeitpaniker muss heute täglich umlernen.

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    • Stefanie schreibt:

      Auf eine Erklärung bin ich gestern abend noch gestoßen: Luft ist das Medium des Schalls – und damit der (eigentlichen) Spache. Also nicht dieser Hybride aus Schrift ohne Reflexion und Sprache ohne physisches Gegenüber, wie es hier und im ganzen „social media“ Bereich grassiert. Es fehlt die tatsächliche Interaktion, der Bereich in dem auch die nonverbalen (nicht zu verschriftlichenden) Teile der Sprache ihre Wirkung tun können. Vielleicht schließen wir aus der Kommunikation in diesem schalltoten, virtuellen Schattenreich ja darauf zurück, daß wir im luftleeren Raum unterwegs sind und kriegen deshalb ständig Schnappatmung?

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  4. Dass ich Ihre DDR-Seligkeit nicht teile, ja mitleidig belächle, können Sie sich denken. Ihre Analyse der aktuellen Situation geschieht aber genau wegen Ihrer Ostalgie auf falschen Grundlagen, Ihre Kategorien werden der Sache nicht gerecht. Es ist doch eigentlich ganz einfach: wir leben in einer späten Phase des Kapitalismus, die Märkte sind weitgehend gesättigt, insbesondere für die physischen Bedürfnisse, zumindest in den einigermaßen entwickelten Ländern. Wie kann man den Markt noch bedienen, wie sich noch positionieren, Einnahmen generieren und Marktmacht gewinnen? Das System Trump macht sich breit: brandmarken, lächerlich machen, ausgrenzen. Konkurrenten vom Markt verdrängen, mit harten Bandagen, auch mit Psychoterror. Mal mögen die Motive lauter sein, mal nicht, das System folgt dem selben Muster. Betroffen sind allerdings nur diejenigen, die am Markt teilhaben wollen bzw. aktiv einen Platz im Markt erobern wollen. Konkurrenzkampf. Wen einem das wurscht ist, wen soll es dann jucken? Das wiederum ist der kleine feine Unterschied zur DDR: Wurschtigkeit allein war schon verdächtig. Wer nicht mitmachte, keinen Eifer zeigte, sich womöglich wegduckte: fragwürdige Person. Heute ist es umgekehrt: wer den Kopf hebt, läuft Gefahr, ihn zu verlieren. Aber natürlich auch ein Intelligenztest. Und dort, wo es eng ist auf dem Markt, setzen sich die Intelligentesten durch – oder die Unverschämtesten. An diesem Punkt stehen wir aktuell. Ergebnis offen. Aber auch kein Anlass für Hysterie und Atemnot. Es sei denn, man fühlt sich als geborener Marktschreier.

    Holger:
    Was hat ihre Antwort mit dem obigen Text zu tun? Ist der Markt für alles verantwortlich? Dieses absurde ‚Wer ist der übelste Rassist Theater‘ lässt sachliche Argumentation und Empirie völlig außer acht.

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    • Test Bild schreibt:

      @Lynx
      Die DDR Seligkeit teile ich auch nicht, aber am Bild kann durchaus was dran sein. Nur so als Gedanke: In Deutschland wurden 2018 14 Menschen von der Polizei erschossen. Umgerechnet auf die Bevölkerung der USA wären das ca 60, runden wir auf 100. Tatsächlich wurden über 2000 erschossen, und zwar Weiße. Dazu kommen 1000 Schwarze. Der Anteil der Toten bei den Schwarzen ist viel höher, ohne Frage, aber unglaublich viel, viel höher ist die Gesamtzahl der Toten. Wenn man noch Untersuchungen über die soziale Schicht der Opfer sieht, könnte man über strukturelle Sachen sprechen, zB das ausgelutschte Wort Klassenkampf reaktivieren. Aber genau das passiert eben nicht. Nicht, dass es keinen Rassismus gäbe, darum geht es mir nicht. Wäre aber die Welt in Ordnung, wenn statt 1000 nur 300 erschossen werden (was ich jedem Opfer wünschen würde!)? Ich glaube nicht. Ich habe großen Respekt vor den lokalen Gruppen, die sich gegen Rassismus in ihren Gemeinden wehren, denen gilt meine Sympathie. Wäre aber ein milliardenschwerer Jay Z nicht so reich, wären die nicht so arm und wenn es nicht so wäre, würde das ihre Überlebenschancen weitaus mehr steigern, als wenn sie weiß wären. Die Farbenlehre geht am Problem vorbei. Damit meine ich nicht das Geschwurbel vom falschen Bewusstsein, die Zahlen sprechen für sich. Im Osten damals war der böse CIA-Kartoffelkäfer der Schuldige an der Missernte, obwohl alle wussten, dass die LKW Tage zu spät kamen. Running Gag: Ist der Kartoffelkäfer dieses Jahr pünktlich ausgesetzt worden? Von der FAZ bis zum Freitag, über Nike und Adidas, Lady Gaga bis zur BBC, reden alle über strukturellen Rassismus – mit heiligem Ernst, allerdings ohne über Strukturen zu sprechen und da muss ich lachen. Besonders wenn Joe Biden, 8 Jahre der zweitmächtigste Mann der Welt, tröstende Worte zum Rassismus findet, er aber von der schulischen Ausbildung über eine psychiatrische Hilfe bis zur Resozialisierung nichts angestoßen hat, was George Floyd hätte das Leben retten können. Dafür sind wir Europäer grimmig-ernst solidarisch und werfen eine Statue um. Ja, Betroffene sollen über Rassismus sprechen und wir zuhören. Wenn die Träger der Struktur zur Speerspitze der Kritik an der Struktur werden, ohne die Struktur zu erwähnen, müssen wir gar nicht in den Osten, wir können uns Monty Python inspirieren lassen.

      Test Bild ist mein Google-Account. Ich heiße Stevan Stevanovic.

      Seidwalk: Warum soll die Beschreibung von Zuständen Seligkeit sein? Die DDR war in diesen Fragen ein deutlich humorvollerer Zustand als der heutige und der repressive Apparat war klarer definiert, als er das heute ist. Das sind Tatsachen – die jemand, der den Zustand nicht kennt und sein Urteil an der Härte der Schlagsahne ausrichtet, vielleicht nicht verstehen kann.

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      • Test Bild schreibt:

        Der Grund, warum im Osten (zumindest den, den ich kenne) so viel mit Humor gearbeitet wurde, war der Umstand, dass es eigentlich gar nicht zum Lachen war. Der scheiß LKW kam nicht und man durfte es nicht sagen, man brauchte aber eine Antwort, weil man gefragt wurde. Den intelligenten Humor produzierte ein dummes System. Heute ist es auch nicht lustig, aber wenn ich mich dumm stelle, fragt mich niemand und so ist eben auch der Humor, im besten Fall lustlos.

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        • Kann sein – ist sicher ein valider Gesichtspunkt. Das Gesamtphänomen kann er nicht erklären. Dieses ist komplex – sorry!

          Ich halte zwei andere Phänomene für bedeutender. Zum einen hat der DDR-Humor vor einer nichtexistentiellen Situation stattgefunden (ob der Laster kam oder nicht, war nicht wichtig) – was nicht negieren soll, daß man auch für Witze massiv bestraft werden konnte, das aber meist nur, wenn sie sich in bereits vorhandene Verdächtigungen eingereiht haben. Es geht auch nicht um den prononcierten Witz, sondern die allgegenwärtige Ironie. Mit nichtexistentiell meine ich, daß die bürgerliche Existenz in der Regel nicht gefährdet war, während man heute bei gegenteiliger Meinung die soziale Vernichtung und Isolation fürchten muß, zumindest den Ausschluß aus der Diskursgemeinschaft.

          Zum anderen gab es ein gemeinsames Empfinden für Humor, einen Code, den alle verstanden und akzeptierten. Die Witz-Szene in „Das Leben der anderen“ – eines äußerst problematischen Films – zeigt das ganz gut. Heute hingegen verlangen verschiedene Milieus verschiedene Codes die man andersseitig als Hetze empfindet.

          Natürlich gibt es auch oberflächliche Übereinstimmungen, etwa in den gekünstelten Sprachen: hier die PC dort der Parteijargon. Allerdings wurde der eben nur im „offiziellen“ Bereich gesprochen, in den Medien, den Parteitagen, den Versammlungen – aber selbst die Genossen haben diesen Jargon im Privatbereich nicht mehr gesprochen oder eben ironisch verfremdet.

          Es ist, glaube ich, Westdeutschen nur schwer möglich, die ostdeutschen Befindlichkeiten zu verstehen. Dahinter steckt das Muttersprachenphänomen – wer die Codes und leisen Zeichen nicht mit der Muttermilch aufnimmt, der muß sich eines langen Assimilations- und Lernprozesses aussetzen, um dem nahe zu kommen, z.B. viele Jahre in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt leben und dort mit den Leuten tagtäglich zu tun zu haben.

          Damit soll die Kritik des Ossis durch den Wessi nicht diskreditiert werden – sie kann wichtige Differenzen sehen und vielleicht auch nur sie. Aber sie muß immer damit rechnen, daß der Ostdeutsche sich von ihr nicht getroffen fühlt. Im Übrigen gilt das auch umgekehrt: mir sind die Westdeutschen bis heute oft ein Rätsel, ich kann sie nicht entziffern, sie bleiben mir oft fremd. Daß das keine Ausnahme ist, zeigen Auslandserfahrungen. Dort bilden sich schnell deutsche Kommunen und unter diesen – falls möglich – finden die Ostdeutschen meist zügig zueinander. Sie haben den gleichen Humor – in der Regel weniger von der PC erstickt.

          Übrigens bemerken das auch die Ungarn, die den Unterschied zwischen Ost und West meist sicher erkennen – und sich oft den Ostdeutschen näher fühlen. Hier ist die gemeinsame Code-Grenze trotz vollständig differenter Sprachen noch immer erkennbar.

          Unbedingt empfehlenswert: das Gesamtwerk „Die Kinder von Golzow“ – aber auch dort gibt es natürlich den hermeneutischen Zirkel und es ist nur die Realität eines kleinen märkischen Dorfes, spiegelt also die Binnenvielfalt nicht ausreichend wider.

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