Denkanstöße – Sloterdijk IV

Alle Geschichte ist die Geschichte von Immunsystemkämpfen. Sie ist mit der Geschichte des Protektionismus und der Externalisierung identisch. Die Protektion bezieht sich immer auf ein lokales Selbst, die Externalisierung auf eine anonyme Umwelt, für die niemand Verantwortung übernimmt. Diese Geschichte umspannt die Periode der Humanevolution, in der die Sorge des Eigenen nur mit der Niederlage des Fremden zu bezahlen waren. In ihr dominierten die heiligen Egoismen der Nationen und Unternehmen. Weil aber die „Weltgesellschaft“ den Limes erreicht und die Erde mitsamt ihren fragilen und atmosphärischen und biosphärischen Systemen ein für alle Mal als den begrenzten gemeinsamen Schauplatz menschlicher Operationen dargestellt hat, stößt die Praxis der Externalisierung auf eine absolute Grenze. Von da an wird ein Protektionismus des Ganzen zum Gebot der immunitären Vernunft. Die globale immunitäre Vernunft liegt um eine ganze Stufe höher als all das, was ihre Antizipationen im philosophischen Idealismus und im religiösen Monotheismus zu erreichen vermochten. Aus diesem Grund ist die Allgemeine Immunologie die legitime Nachfolgerin der Metaphysik und die reale Theorie der „Religionen“. Sie verlangt, über sämtliche bisherigen Unterscheidungen von Eigenem und Fremden hinauszugehen. Damit brechen die klassischen Unterscheidungen von Freund und Feind zusammen. Wer auf der Linie bisheriger Trennungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden weitermacht, produziert Immunverluste nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst.

Die Geschichte des zu klein verstandenen Eigenen und des zu schlecht behandelten Fremden erreicht ihr Ende in dem Moment, in dem eine globale Ko-Immunitätsstruktur unter respektvoller Einbeziehung der Einzelkulturen, der Partikularinteresse und der lokalen Solidaritäten entsteht. Diese Struktur würde in dem Moment planetarisches Format annehmen, in dem die von Netzwerken überspannte und von Schäumen überbaute Erde als das Eigene und der bisher dominierende ausbeuterische Exzeß als das Fremde konzipiert werden. Mit dieser Wende würde das konkret Universelle operationell. Das hilflose Ganze verwandelt sich in eine protektionsfähige Einheit. An die Stelle einer Romantik der Brüderlichkeit tritt eine kooperative Logik. Menschheit wird ein politischer Begriff. Ihre Mitglieder sind keine Passagiere auf dem Narrenschiff des abstrakten Universalismus mehr, sondern Mitarbeiter an den durchwegs konkreten und diskreten Projekt eines globalen Immundesigns. Wenngleich der Kommunismus von vornherein ein Konglomerat aus wenigen richtigen und vielen falschen Ideen war, sein vernünftiger Anteil: die Einsicht, daß gemeinsame Lebensinteressen höchster Stufe sich nur in einem Horizont universaler kooperativer Askesen verwirklichen lassen, muß sich früher oder später von neuem geltend machen. Sie drängt auf eine Makro-Struktur globaler Immunisierungen: Ko-Immunismus.

Eine solche Struktur heißt Zivilisation. Ihre Ordensregeln sind jetzt oder nie zu verfassen. Sie werden die Anthropotechniken codieren, die der Existenz im Kontext aller Kontexte gemäß sind. Unter ihnen leben zu wollen, würde den Entschluß bedeuten: in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen.

Quelle: Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Frankfurt 2009

4 Gedanken zu “Denkanstöße – Sloterdijk IV

  1. Stefanie schreibt:

    Sloterdijk hat bei seinem Bild von der Immunität anscheinend das Immunglobulin-System im Blick, bei dem passende Antkörper fremde, aber im voraus bekannte Eindrinlinge neutralisieren. Das Immunsystem besteht aber aus mehreren Komponenten. Eines davon betrifft die Killerzellen: zeigt eine Körperzelle auf ihrer Oberfläche Viruspartikel oder sendet sie einen Warnstoff aus (Interferon), wird diese von den Killerzellen ausgelöscht. Das ist es, was wir gemeinhin als Krankheitssymptome wahrnehmen: die Reaktion des Immunsystems, daß eigene Körperzellen vernichtet, um ein Umsichgreifen der Infektion zu verhindern – eine Entzündungsreaktion. Ist das Immunsystem nun nicht ordentlich trainiert (Hygienefimmel), so reagiert es auf harmlose Umwelteinflüße (Allergien) oder greift gar eigene Körperzellen an (Autoimminerkrankung). Jetzt übertragen Sie dieses biologische System in die soziologische Utopie eines „Weltkörpers“, dem die äußeren Feinde ausgegangen sind. Wer nur werden die inneren Feinde dieses Immunssystems werden? An welchen Äußerlichkeiten wird man Erkennen, wessen Inneres eine gefährliche virale Last in sich trägt, die sich zu Vermehren trachten? Wird man dieses Viren(Gedanken) dann zielgenau mit Antikörpern(Argumenten) bekämpfen oder wird man lieber präventiv die Wirte und deren Kontaktpersonen überwachen und notfalls auslöschen? Die Kontaktschuld haben Sie ja erst neulich behandelt.

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  2. Michael B. schreibt:

    Es lohnt m.E. schon, @otto zu diskutieren. Der inhaltliche Punkt den er angreift, ist neben dem ‚wording‘ (*), der erste der auffaellt:
    Ich selbst als weiterhin weltraumexpansions-geschaedigtes Sechziger-Jahre-Kind ™ halte es fuer bedeutend zwingender, dass der Mensch bei raeumlicher Enge weiterhin versuchen wird, diese zu ueberwinden. Kann er es nicht, werden einige der Dinge die @otto erwaehnt das Problem loesen, ganz vorn eine Bevoelkerungsreduktion mittels mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vertraeglicher Form fuer die dann in diesem Moment real existierende Menschenmasse.

    Mich wuerde deswegen – meine habe ich ja angedeutet – @otto’s konkrete Ueberwindungsmoeglichkeiten von Eng-Land interessieren.

    Es ist uebrigens auch ‚meine‘ raeumliche Expansionsfaehigkeit an irdische Aenderungen inhaltlich gebunden. Die Mittel dafuer erfordern naemlich Aufwendungen die letztlich ueber Nationen hinausgehen. Da aendert auch eine Aktion wie kuerzlich diejenige von Musk nicht, aber auf der anderen Seite sind solche kleinteiligeren Bestrebungen ebenfalls zwingender Teil dieses Vorhabens. Da waeren wir auch bei S.‘ Kooperationen einer Art, wie sie im Moment nicht existieren.

    S.‘ Schluesse sind dann philosophentypisch wieder schwach:

    „Ihre Ordensregeln sind jetzt oder nie zu verfassen. “

    2009 geschrieben – und natuerlich ist nichts passiert. Was passiert ohne die geforderte zeitgebundene Umsetzung? Jetzt kann sich der Philosoph zuruecklehnen und jede Katastrophe darauf zurueckfuehren. Nuetzt aber niemand etwas, man muss letztlich aus dem Jetzt etwas machen, das ist die Kunst des Krieges.

    „in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens“

    Was ist ‚gut‘, wer definiert das? Besser, wer kann seine Definition praktisch durchsetzen. In diesem Zusammenhang sehen Sie uebrigens sicher selbst @seidwalk, dass wenn gewollt der Text komplett ohne auch nur rudimentaer redigieren zu muessen als Unterfuetterung der Eine-Welt-Ideologien a‘ la Migrationspakt herangezogen werden kann. Wenn das moeglich ist, ist das ein Zeichen dafuer, dass ihm etwas Wesentliches fehlt.

    (*) Ich kenne den Kontext nicht, die extensive Verwendung von ‚Immun‘-Formulierungen muss sich wohl daraus speisen. Den Grundgedanken des ganzen Artikel kann man sicher ohne diesen Begriff verfassen.

    ‚kooperative Askese‘: Kooperation, OK – aber was soll die Askese hier?

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    • Zur Ergänzung, in Ermangelung an

      ZEIT: Werden wir etwas aus der Krise lernen?
      Sloterdijk: Ohne Zweifel. Wir erleben den Beginn eines Zeitalters, dessen basale ethische
      Evidenz ich in meinem Buch Du mußt dein Leben ändern als Ko-Immunismus bezeichnet
      habe. Anders als im Kommunismus geht es nicht um eine Produktions- und
      Güterverteilungsgemeinschaft, sondern um das Einschwören der Individuen auf
      wechselseitigen Schutz. Eine immunologische Risikogemeinschaft, die weltweite Solidarität
      verlangt, ist allem Schrecken zum Trotz denkbar. Die moderne Menschheitsgeschichte
      beginnt 1492 mit der Entdeckung Amerikas. Heute läuft sie aus, da wir im Prinzip alle im
      gleichen Transaktionsraum angekommen sind, wenn auch mit abgestuften Risiken.
      ZEIT: Es gibt kein außen mehr, nur noch den Weltinnenraum.
      Sloterdijk: Ja, aber es ist nicht mehr nur der Weltinnenraum des Kapitals, das Vernetzungen
      erzeugt, sondern der Raum der Menschheit als biomassisches Ensemble, das durch Ko-
      Immunitäten geformt wird. Wir existieren aufgrund des Weltverkehrs seit einer Weile wie
      eine Riesenpetrischale für mikrobische Experimente. Globalisierung bedeutete seit je
      Reiseerleichterung für Mikroben – das ist seit der Ankunft der Syphilis in Neapel mit den
      zurückgekehrten Kolumbusschiffen von 1493 evident. Je beweglicher, desto riskanter. In
      den schwarzen Quartieren von Südafrika heißt die Corona-Seuche jetzt noch the white man’s
      disease. Das wird sich bald ändern.

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  3. otto schreibt:

    „Weil aber die „Weltgesellschaft“ den Limes erreicht und die Erde mitsamt ihren fragilen und atmosphärischen und biosphärischen Systemen ein für alle Mal als den begrenzten gemeinsamen Schauplatz menschlicher Operationen dargestellt hat, stößt die Praxis der Externalisierung auf eine absolute Grenze.“

    Was für ein Schwachsinn! Es gibt keine Grenze, außer, sie wird gedacht! Dieser ganze Neomalthusianismus ist der auf’s Globale projizierte Inselkoller von Eng-Land! Er wird zu Bevölkerungsverlust, ökonomischem Minimalismus, ökologischem Desaster, gigantischer Armut, Sklaverei, Hunger und Tod führen. Deus, Salva nos! Man hat die Philosophen oft, wohl nicht ganz zu Unrecht, häufig zu den Irren gezählt.

    Verschwinden tun die, die glauben, daß sie verschwinden … man kann nur sagen: chai Isroel, glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!

    Seidwalk: Beiträge, die mit einem Schwachsinnsvorwurf eröffnen, diskutiere ich prinzipiell nicht! Umso weniger, wenn der „Schwachsinn“ von den wenigen überdurchschnittlichen Intelligenzen stammt, die unsere dürftige Zeit überhaupt noch hervorbringt.

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