2. Name und Globalisierung

Die Globalisierung scheint ein unaufhaltsamer Prozeß zu sein. Eines ihrer Sinnbilder ist die Entwicklung der Namensgebungen. Gerade eben machten die jeweils zehn häufigsten Namen bei Neugeborenen in Deutschland die Presserunde. Sie lauten: Hanna(h), Emma, Mia, Emilia, Sophia/Sofia, Lina, Clara/Klara, Ella, Mila, Marie sowie: Noah, Ben, Paul, Leon, Luis/Louis, Henry/Henri, Felix, Elias, Jonas und Finn und wurden von einer freundlichen Erklärwissenschaftlerin auch sogleich für uns richtig eingeordnet.

Demnach werden Matteo, Milan und Liam in Bälde an Beliebtheit gewinnen und die Reihe der immer weiblicher klingenden Jungennamen bereichern. Waren vor wenigen Jahrzehnten auf ein A endende Namen ausschließlich den Mädchen vorbehalten und für die Jungen oft ein Stigma, so liegen sie heute immer mehr im Trend. Damals sollten Jungennamen hart klingen, heute will man das vermeiden. Die Namen spiegeln also die vorherrschende Ideologie und ihre Tabus bzw. Tabulosigkeit wider.

Auch beobachtet man eine zunehmende Vermenschlichung der Tiernamen. Hießen Hund und Katze einst Rex, Fiffi oder Kitty, so darf man sie heute Paul, Oskar oder Felix rufen, mithin auch für Kinder beliebte Namen. Darin spricht sich nicht nur die Veränderung der Rolle des Haustieres vom einstigen Schutz- und Nutztier zum jetzigen Liebesobjekt aus, sondern auch seine zunehmende Kinderersatzfunktion. Junge Paare wählen statt des anstrengenden und anti-beauty-wirkenden Kindes das pflegeleichte Haustier und behandeln es oft – zum Leidwesen des Tieres – wie einen Menschen. Bei der Wahl des Tieres spielen direkte Globalisierungsauswirkungen eine entscheidende Rolle. Mal sind es Dalmatiner, dann wieder Möpse oder Jack Russell, die irgendein amerikanischer Blogbuster ins Begehren der Menschen  zaubert und da weltweit alle Menschen das Gleiche schauen, wächst und fällt das Begehren auch synchron.

Unmittelbar fällt aber die weitgehende Absenz typisch deutscher Namen auf, wohl wissend, daß die Etymologie oft weit hinter das Deutsche zurückgreift. Vor hundert Jahren hieß man Hans und Ilse, wenn man was auf sich hielt, in den 60ern waren Thomas, Stefan, Michael und Sabine, Andrea, Petra die Renner und noch in den 80ern konnte man problemlos Christian oder Stephanie heißen, ohne ausgelacht zu werden.[1] Aber bereits in den 90ern war der Sieg der Globalisierung an der Namensfront entschieden: nun hieß man Kevin oder Lisa[2] und in der Regel waren die Namen – einmal mehr – aus Hollywood importiert oder eine Huldigung anderer Stars, Menschen also, die in der Fernübertragung sichtbar, berühmt waren, oft vergleichsweise leistungslos. Damit hatte sich die sukzessive Ersetzung von historischen Helden, mythologischen Gestalten oder religiösen Märtyrern durch Schein-Helden – Schauspieler – vollzogen.

Das ist keine Kleinigkeit! Natürlich gab es schon immer Moden und Trends – die neue Qualität besteht im Entidentifizierungsverlust, im Zuschreibungsverlust der Namen. Zuallererst wußte man früher, mit welcher Nationalität man es zu tun hatte, wenn man einen Namen hörte. Hieß einer Luca oder Matteo, dann hatte er in der Regel Italiener zu sein, die scheinbar lästige Frage nach dem Herkommen, die man heute gern als „rassistisch“ verstehen will, war gar nicht notwendig. Heute sagt ein Name selten etwas dergleichen.

Auch hatten die Eltern im Namen oftmals eine Botschaft, ein bestimmtes Merkmal oder einen Wunsch in den Lebensweg des Kindes eingraviert, denn die klassischen Namen haben etwas bedeutet. So war im Michael die Frage nach dem Gott enthalten und im Georg das fleißige Arbeiten sowie das Drachentöten, in der Margarete war die Perle versteckt und in der Uta der Wunsch nach reichem Besitz. Und diese Botschaften wurden tradiert.

Ein Großteil der heutigen Namen ist dieser Zuschreibungen entledigt. Sicher phantasieren sich viele junge Eltern ihre Bedeutungen hinzu, aber diese entstammen oft keiner genuinen kultureigenen Tradition. Die Entwurzelung schlägt sich auch in den Namen nieder.

Man bedient sich heute aus dem weltweiten Fundus an Namen. Ob einer Finn heißt oder Ben hat mit finnischer oder jüdischer Herkunft nichts mehr zu tun und es liegt auch kein Wunsch darin vergraben, daß das Kind (wie) ein Finne oder (wie) ein Jude werde – und was ist das überhaupt, ein Finne?

Dabei werden die aus allen Kulturen herbeigeholten Namen nicht selten noch abgeschliffen, runder gemacht, der Name soll gerade das Gegenteil dessen erreichen, was man seit eh und je damit erlangen wollte: er soll gerade nichts mehr bedeuten, soll nicht festlegen, soll offen sein für alle Art von Deutung, soll weltweit wohlklingen, soll leicht zu handhaben und zu vermitteln sein. Was er letztlich bedeutet haben wird, liegt im benannten Menschen selbst, dieser soll nicht mit etwas identifiziert, sondern er selbst soll individualisiert werden, er ist frei, die Welt liegt offen vor ihm und er hat die Bedeutung seines Namens selbst zu füllen, gänzlich originell, unvergleichbar zu anderen.

Der moderne Mensch geht von seiner Einmaligkeit aus und dies wird ganz eigen gefaßt, denn heutzutage hat jeder Mensch schön zu sein, attraktiv zu sein, hat Potential zu haben, Begabungen und seien es „nur“ Sonderbegabungen. Wer fett ist, ist nur anders schön und wer doof ist, exzelliert eben in Doofheit, die ihm keiner nachmachen kann.

Der Name jedenfalls ist keine Last mehr – er kann es nur noch werden, wenn er die Mode verpaßt, wenn also der Kevin etwa zwanzig Jahre später zum Wettbewerbsnachteil wird, zum Kevinismus, weil man mit ihm eben nicht mehr die Cleverneß des einstigen Filmhelden assoziiert, sondern die Dumpfheit der ehedem namensgebenden Eltern und von diesen auf die Eigenschaften des Sprößlings schließt – mitunter zurecht.

Fast allen gemeinsam aber ist ihr universalistischer Klang. Der eine unterscheidet sich vom anderen wie der Big Mac vom Double Cheese Bacon Burger.[3]

Fortsetzung folgt

[1] Wo sind sie hin, die Ralf, Jens, Martin, Jörg, Uwe, Bernd, Torsten, Ingo, Karsten, Sven, Olaf, Volker, Joachim, Dieter, Detlef, Roland, Jochen, Günter, Rudolf, Friedrich, Gerd, Herbert, Andreas, Frank und Jürgen, wo sind die Katrin, Karin, Claudia, Birgit, Heike, Ute, Silke, Monika, Barbara, Ulrike, Bärbel, Silvia, Beate, Jutta, Antje, Brigitte, Gabi, Renate, Ina, Gudrun, Regina oder Susanne?
[2] Ohne dabei an die Elisabeth zu denken.
[3] Hier bin ich out of my depth und rede möglicherweise Unsinn.

Ein Gedanke zu “2. Name und Globalisierung

  1. Schöne Bestandsaufnahme! Ich las einmal eine Glosse, in der der Autor meinte, es sei doch überaus merkwürdig, sich vorzustellen, einen Säugling im Arm zu halten, der auf den Namen „Renate“ höre. Derjenige wußte anscheinend nichts von Generationen und ihren Stereotypen. Meine Theorie war und ist, daß Namen „frei werden“ müssen: erst wenn die Großelterngeneration stirbt, können wieder Neugeborene so genannt werden wie die Großelterngeneration. Der Modename „Emma“ belustigte meinen Mann, denn für ihn, Jg. ’39, sind Emmas Mütter oder Großmütter. Meine Freiwerdethese sehe ich oft bestätigt, kürzlich hörte ich von Nachwuchs mit Namen „Gottfried“, „Hans“ und „Ludwig“.
    Politisch motiviert ist das nur manchmal. Ein junges und im Kontext wo ich sie traf eindeutig rechts zu verortendes Pärchen präsentierte mir ihren nuckelnden „Robin“, was mich verwunderte, ich hatte offensichtlich ein echtes Stereotyp am Laufen und mir einen kleinen „Hagen“ oder „Wilhelm“ erwartet!
    Und es gibt eine BRD-Österreich-Differenz. In meiner Generation (Jg. ’75) habe ich Altersgenossinnen in Wien kennengelernt, die Birgit, Helga, Herlinde oder Barbara heißen. Genauso Männer mit den Namen Wolfgang, Rüdiger und Gregor. Bei uns in Deutschland heißt meine Generation Anja, Silke, Simone oder Sven, Marc, Dennis. Am Land in Ö heißen heute noch durchgehend Kinder Barbara, Julia, Stephan, Matthias oder Florian.

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