Die rechte Männerwelt

Joko und Klaas haben es mal wieder geschafft, das richtige Filmchen zur richtigen Zeit zum opportunen Thema im Fernsehen zu lancieren und medial die zu erwartenden Blumen geerntet. Ihr Beitrag über sexuelle Belästigung von Frauen leuchtet in eine kaum vorstellbare Welt hinein. Das sage ich als Mann, der sich vom Titel nicht repräsentiert fühlt – denn meine Welt ist diese „Männerwelt“ nicht, der ausgesprochene Verdacht gegen alle Männer ist eine Frechheit. Es ist auch weniger ein Männerding, wäre meine Vermutung, sondern eines der Moderne, des moralischen Verfalls gepaart mit neuer technischer Realität.

Umgekehrt scheint mir auch die Unterstellung, daß alle Frauen derartige Erfahrungen machen würden, vollkommen unrealistisch. Sawsan Chebli tritt einmal mehr ins Fettnäpfchen, als sie diese sexistische Interpretation wagte.

Obwohl: die Frage der Sichtbarkeit enthält einen Wahrheitskern, wenn man darunter die Sichtbarmachung versteht, die Art und Weise der Sichtbarkeit, der Selbstdarstellung – die selbstredend derartige Angriffe auf Würde, Ehrgefühl und guten Geschmack nicht rechtfertigen …, aber immerhin erklären können. Vorausgesetzt man akzeptiert den wahren geistigen Zustand unserer Epoche und lebt nicht in Welten „wie-es-sein-sollte“.

Ellen Kositza wiederum, die wie kaum eine im feministischen Diskurs steht, reagierte mit einem eigenen Tweet: „M e i n e rechte Männerweltumgebung ist total sauber. Gute Jungs bei uns.”

Es wäre absurd, diese Zuschreibung zu verallgemeinern und überhaupt wäre die Frage zu klären, was rechts denn eigentlich meint. Aber vielleicht enthält Kositzas Einwurf eine Wahrheit, mich erinnert sie jedenfalls noch einmal an eine alte und lehrreiche Geschichte:

In meinen jungen Jahren, als der Ökomarxist Rudolf Bahro mein Hausgott war, gesellte sich ein junger Mann zu mir, wild, leidenschaftlich, chaotisch: ein Weltumstürzler. Wir diskutierten heftig, lasen Nietzsche, Heidegger, Marx, gingen zu den Bahai, kühlten unseren Mut an schwermütigen Lenau-Gedichten, entdeckten Sloterdijk, sprengten den örtlichen Goethekreis – ein Rentnerklub gutbürgerlicher Goetheverehrung – mit Sartre und Humanitarismusdebatten, die kein Mensch dort verstand … kurz und gut, wir tobten uns aus. Oder besser: er, zehn Jahre mein Junior, tobte sich aus und ich beobachtete wohlwollend diese rohe utopistische Energie, weil ich sie aus meiner eigenen Spätpubertät gut kannte, und speiste sie mit Theoriefutter.

Es gab einen weiteren Unterschied: ich hatte schon etwas vorgelegt, ein fast unlesbares philosophisches Buch (wie ich heute weiß) und der junge Mann war wohl der einzige, der es wirklich von Anfang bis Ende gelesen, nein, studiert und, ja, verstanden hatte. Ich sah es, schwer durchgeackert, auf seinem Tisch liegen. Er zitierte daraus …

An seiner Seite ging stets eine junge Frau, lieb und naiv und bald zwei Kinder, seine Kinder, an ihrer Seite. Die Kinder waren eine Aufgabe, der beide nicht gewachsen waren. Sie suchte die Liebe und fand in ihm nur den Spinner, der jeden Tag neue hochtrabende Träume entwarf und den die Kinder nur störten. Die Kleinen wirkten vernachlässigt und bald war jedem klar, daß sie sprachlich und geistig den Durchschnitt unterboten. Irgendwann trennte sich das Paar, die Kinder wuchsen, mal getrennt und mal zusammen, mal hier und mal da auf, in zwei Chaoshaushalten ohne Zentrum. Er flüchtete in ein (bald scheiterndes) ökologisches Kommuneprojekt, wo man wochenlang nur Birnen aß, weil die gerade in Massen vom Baum fielen, und sie landete im Umkreis der „Volxwirtschaft“, dem „Projekt Schuldenberg“, einem linksalternativen Punker- und Antifa-Projekt, in dem die „unabhängige Frauengruppe Plauen“ das Sagen hatte.

Wir sahen uns nur noch selten, gingen dann ins Ausland und verfolgten den Weg der beiden nur am Rande. Die junge Frau wurde fülliger und gebar zwei weitere Kinder von mir unbekannten Vätern. Es ging, wie es schien, alles seinen geregelten Weg abwärts.

Aber vor ein paar Jahren – die Einwanderungskrise und der gesellschaftliche Stimmungswechsel waren noch nicht zu ahnen – traf ich sie zufällig in einem Biergarten. An ihrer Seite wieder ein Mann, der sich höflich verabschiedete, als er merkte, daß wir über alte Zeiten zu sprechen begannen. Die beiden ersten Kinder waren schon groß, die beiden anderen, die artig am Tisch saßen, kannte ich nicht und der dicke Bauch zeugte vom ankommenden fünften Kind.

Ich fragte sie nach ihrem Partner, der ganz eindeutig der harten rechten Szene zuzurechnen war. Piercings, Tattoo, Kurzhaarschnitt, ein nationales T-Shirt, kein Skinhead, aber doch bekennend national. Wie konnte das sein?

Und dann sagte sie jene Sätze, über die ich seither – lange vor der zweiten Wende, wie gesagt – immer wieder nachdenken mußte.

„Weißt du“, sagte sie, „die Linken, die reden viel über Gleichberechtigung und gerechte Gesellschaft, über richtige und zwanglose Kindererziehung und all das, aber im Inneren sind sie kalt. Sie kämpfen auf der Straße und sehen die eigene Not nicht, sie faseln von der glorreichen Zukunft und sehen das Leid des Freundes nicht. Sie reden nur, aber sie leben selbst das Leben von Autorität und Unterdrückung, das sie zu bekämpfen vorgeben. Ich hatte mehrere Beziehungen, und alle endeten so: sobald sie Verantwortung übernehmen sollten, waren sie weg.“

„Und jetzt ist es besser?“, fragte ich. „Dein Neuer ist doch ein Rechter, oder?“

„Bei den Rechten habe ich zum ersten Mal Wärme gefunden. Niemand schaute mich wegen meiner Kinder schief an, niemand wollte mich nur im Bett haben und der hier, von dem ich jetzt das Kind bekomme, hat sich der anderen vier liebevoll angenommen. Seit ich mit ihm zusammen bin, habe ich endlich eine Ausbildung abgeschlossen, eine Arbeit gefunden und kann zum ersten Mal ein normales Leben führen. Wir verdienen beide gutes Geld, haben eine Wohnung. Was er sonst denkt, ist mir egal – ich spüre, wie gut er ist, wie gut seine Freunde sind. Familie zählt hier noch und bald werden wir heiraten.“

Damals – auch das ist nun schon ein paar Jahre her – war ich geschockt und erleichtert zugleich. Verstanden habe ich sie erst später.

4 Gedanken zu “Die rechte Männerwelt

  1. Otto schreibt:

    @Freiherr
    „nur Ausdruck …“ Es gibt eine Empfehlung, mit dem Wörtchen „nur“ sparsamst umzugehen, denn Monokausalalität ist in der Natur selten, aber einschichtiges, einseitiges Denken beim Menschen häufig.

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  2. Hallo!

    Einmal unvoreingenommen die Welt betrachtend werden Sie feststellen, daß Kampf und gegenseitiges Töten ein fester Bestandteil der Natur sind, und zwar völlig wertfrei und neutral, naturgesetzlich sicht entfaltend! Eine billige Moral, die der Welt vorschreiben will, wie sie gefälligst zu sein hat, ist darin völlig Fehl am Platze und nur Ausdruck der (Lebens-)Schwäche, die Tatsachen anzuerkennen.
    Freilich kann und sollte man wohl diesen allgegenwärtigen Lebenskampf als immanenten Teil der Schöpfung als gottgewollt betrachten. Das wird sich, soweit wir wissen, nie ändern. Es war lange vor der Menschheit da, wird uns womöglich überdauern, und wir sind Teil dessen. Der Einzelne steht vor der Wahl:
    Erkennt er die Tatsachen an und handelt entsprechend?
    Akzeptiert er den Lebenskampf und nimmt daran Teil zum Wohle der im anvertrauten Schwächeren und Schutzbefohlenen? Die Verweigerung dessen wäre vor diesem Hintergrund vielmehr verwerflich, weil sie einem Nahestehende zu abstrakten Gunsten Fremder opfern würde!
    Handelt er nicht über das nötige Maß hinaus gewalttätig, ist er also nicht grausam? Tötet er, wenn nötig, und schon, wenn möglich? Denkt er auch für den Feind mit?
    Auf solche Fragen kommt es an, nicht die Welt zu einer irrealen Friedensutopie umzugestalten, wie sie nur der Phantasie instinktschwacher Letztmenschen, die sich ein Altenheim des Lebens wünschen, entspringen kann.

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  3. Hallo!

    Tatsächlich ist die Demokratie nichts weiter als ein Machtmittel der Geldmächte, mittels welchem sie den Massen Selbstbestimmung vorgaukeln, während im Hintergrund die selben Gesetze der Macht gelten wie seit eh und je.
    Herrschaft wurde seit jeher nur von elitären Minderheiten ausgeübt. Die Minderheiten wechseln im Laufe der Geschichte. Früher waren es Adel und Priestertum, heute sind es anonyme Geldmächte, die Medien und Parteien in ihrer Gewalt haben, in Zukunft werden es Imperatoren sein.
    Niemals in der Geschichte ging Gewalt vom Volk aus. Die Mehrheitsmeinung wird seit Jahrzehnten durch Kontrolle der Medien gelenkt. Wenn der Massenmensch glaubt, sich zu informieren, seine Meinung kundzutun, zu demonstrieren, folgt er lediglich den Wünschen derjenigen, die den Informationsfluß kontrollieren, beschließen, was verbreitet, was verschwiegen wird und nicht zuletzt durch Deutungshoheit den Massen den Rahmen vorgeben, innerhalb dessen die Menschen ihre persönlichen Interpretationen vornehmen. Das hinterhältige liegt darin, daß hier eine subtile Form der Diktatur ausgeübt wird, die den meisten als Freiheit erscheint, aber lediglich auf einer Reduzierung um all jenes beruht, das nicht ins System paßt. Der allgemeine geistige Horizont war wohl nie so eng wie heute. Dagegen erscheint das Mittelalter, bzw. die gesamte Zeit zwischen Karl dem Großen und 1945 als Spielwiese geistiger Freiheit. An das, was in diesen 1000 Jahren gedacht und erfunden wurde, kann unsere Zeit niemals heranreichen.
    Die propagierten Freiheiten, insbesondere die Meinungsfreiheit, sind einen feuchten Dreck wert. „Demonstrationsfreiheit“ interessiert jemanden, der in innerer Sezession vom System ist und dem Massen instinktiv widerwärtig sind, überhaupt nicht. Der wird sich von solchen Aufläufen tunlichst fernhalten. Wer tatsächlich eine Ansicht kundtut, welche diese Form der Machtausübung kritisiert und Gefahr läuft, gehört zu werden und weitere Menschen aufzuwecken, bekommt eine Knute zu spüren, die sich nicht im geringsten von den Mitteln einer beliebigen Diktatur unterscheidet.
    Nicht zuletzt ist das, was Du als Diktatur begreifst und in Gegensatz zur Demokratie/Geldherrschaft setzt, nur das Negativ der Demokratie, in welches sie in der Krise umschlägt, um sich selbst zu erhalten. Das bleibt genau in dem abgegrenzten Gehege der heutigen Zeit, in dem sich der moderne Mensch seine geistigen Figuren bildet und glaubt, damit die Welt abgedeckt zu haben.

    ….. egal welchen Flügel du deine Stimme geben wirst, als Ergebnis bekommst du immer den gleichen Eintopf geliefert. Das Gute am Parteiensystem ist, du kannst gar nicht falsch wählen – es wird immer Eintopf geliefert.

    Die Rechnung dafür ist immer – à la carte – und einer 5 Sterne Küche entsprechend. Mit diesem Gefühl der Exklusivität, wird der Eintopf im Nachhinein bewertet.

    Dass es nur Dosenfutter aus dem Aldi war, lässt der Verstand nicht gelten. Die Befangenheit verhindert das zuverlässig.

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  4. Otto schreibt:

    Jeder kann nur das weitergeben, was er selbst zum Zeitpunkt der Weitergabe besitzt, also was ihm von seinen Eltern mitgegeben. Dies gilt primär im spirituellen Sinne, erst sekundär im materiellen. Jeder hat aber lebenslang die Möglichkeit des Erwerbs. Nur der Erwerb, der nach dem Erwachsenwerden der Kinder erfolgt, gibt sich, wofern nichtmateriell, schwer weiter, wenn man nicht zum Prediger entarten will. Die Eule erhebt sich bekanntlich erst in der Abenddämmerung in die Luft. Dummerweise erfordert der Prozess der Abnabelung von den Kleinen, sukzessive die Gaben der Eltern minder zu achten und das Fremde vorzuziehen. Und so erhält sich das Getriebe, durch Hunger und durch Liebe.

    Es scheint mir ein schwerer Fehler, ja eine Sünde, einem „jungen Mann, wild, leidenschaftlich, chaotisch: einem Weltumstürzler“ ein „fast unlesbares philosophisches Buch“ in die Hand zu geben, genauso, wie es ein Fehler ist, ein solches zu schreiben. Was soll der wilde Junge und die Leser im Alter von Ihnen denken?

    Oft ist nämlich bei jungen Leuten, welche unlesbare philosophische Bücher inhalieren, Hochmut mit all seinen negativen Folgen die Konsequenz, entstanden aus der Überschätzung von Intellektualität und Wissen insgesamt, und der superben Selbstposition, welche aus dem inneren Vergleich mit den anderen und der Masse entsteht. Ich danke dem Gott heute innerlich, daß ich zu der Zeit, als ich viele philosophische Bücher in mich einsog, eine Lehre unter Unstudierten absolvierte. Ich lernte dort wichtige Dinge: Das Maß und die Abstinenz, den Genuss des Morgens, und das Meiden der langen Abende und späten Nächte, die Viae Pecuniae, und die körperliche Arbeit.

    Das Zölibat hatte schon seinen Sinn und die Tatsache, daß in der traditionellen Gesellschaft nur der Kinder zeugen solle, der sie auch ernähren kann. Damit hatte der Protestantismus gebrochen. So erstand der hypertrophe Staat, die Organisationsform von Generationen von Menschen, in deren Genetik verankert ist, daß andere sie zu ernähren hätten. Das Leben macht Spaß, aber es ist kein Spass. Wenn ich nicht einen sehr, sehr gnädigen Gott anbeten würde, könnte ich mir auch vorstellen, daß mein Leben vollkommen anders verlaufen wäre. Beispiele gibt’s zuhauf!

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