Die alte Leidkultur

An Salvör hatte er ein furchtbares Unrecht getan, das nie wieder gutgemacht werden konnte. Dieses war etwas Unerhörtes in seiner Familie; all seine Väter waren geradlinige, pflichttreue Menschen gewesen. Aber er konnte nicht mehr; dies hier war bestimmt, es mußte so sein. (Kristmann Gudmundsson: Morgen des Lebens)

Haldor war der charismatischen Salvör versprochen, eine Frau, zu der er aufblicken konnte. Aber dann lief ihm die kleine Maria über den Weg, die ihn anhimmelte und seine Lüste befriedigte. Als er sie zur Frau nimmt, weiß er, daß er nun ein Leben lang gegen die gekränkte Salvör wird kämpfen müssen und ihr irgendwann unterliegen wird.

Derart gestrickt sind die archetypischen Konstellationen der klassischen nordischen Literatur, die zu lesen noch immer lohnt, denn sie gibt uns Einblick in eine Seelenverfassung, die uns heute so fremd wie anziehend vorkommt. Der Isländer Kristmann Gudmundsson war neben Hamsun, dem Großmeister, Johan Falkberget, Gunnar Gunnarson, Olav Gulvaag und einigen anderen ein Virtuose darin.

Haldor bezahlt mit scheinbar unendlichem Leid: er verliert Menschen, Körperglieder, Eigentum – aber seine Würde verliert er nie! Im unnachahmlichen Ton der Skandinavier liest man: „Etwas bang war ihm, als er merkte, daß es zu Ende ging, das ließ sich nicht leugnen, aber er ermannte sich: es war doch wohl immer noch so viel von ihm vorhanden, daß er das Sterben fertig brächte!“

Oder erinnern wir an einen allzu schnell vergessenen erschütternden Bestseller des Rumänen Constantin Gheorghiu: „25 Uhr“. Es ist die Passion eines jungen Bauern, der durch eine kleine Intrige ins große Mühlwerk der Geschichte gerät, in dutzende Lager in Rumänien, Deutschland, Ungarn, der Besatzungszone gelangt, stets aufrichtig und genau deswegen immer wieder der Verlierer. Ein einfältiger Mensch auch er, der den Glaube an das Wahre jedoch nie verliert und nur so seine Haltung bewahren kann.

Die Leitthemen dieser Bücher sind das Leid. Heute würde man sagen: die Menschen sind traumatisiert. Werden sie deshalb Terroristen oder laufen Amok? Zerbrechen sie? Werden sie depressiv oder leiden an Ausgebranntsein? Jammern sie vor dem Ende? Weit gefehlt.

Diese Männer finden Halt im Leid, sie wissen noch, was Demut ist, sie sind in einer schon gottlosen Zeit, noch immer in feste Zügel eingespannt, die ihnen den Weg weisen. Gudmundsson bringt es paradigmatisch auf den Nenner: „ … all seine Väter waren geradlinige, pflichttreue Menschen gewesen. Aber er konnte nicht mehr …“ Sie stehen in einer Tradition, in einer Geschichte und selbst wenn beide Autoren den Knackpunkt beschreiben – „Aber er konnte nicht mehr“ –, ihre Helden in just jene historische Situationen versetzen, in denen die Moderne zerstörerisch in die jahrtausendealten Gefüge einbricht, haben sie noch genügend Substanz – Väter, Geradlinigkeit, Pflicht, Demut, Glaube, Treue und Tradition – in sich, um nicht umzukippen.

Wenn wir in Deutschland, Europa und der Welt Zeugen blutiger Taten derangierter junger Männer werden, denen man schnell das Etikett der psychischen Labilität anheftet, dann hat das auch mit dem Verlust dieser Zügel, mit der vaterlosen Gesellschaft, mit dem Kippen aus der Tradition zu tun. Wenn ganze Generationen an jungen Menschen fast verzweifelt Wege nach „Individualität“ suchen – diese gemeinsame Suche raubt sie ihnen bereits – dann darf man die  „Not der Notlosigkeit“ (Heidegger) als wesentliche Ursache vermuten. Wenn wir am Anblick um Atem ringender Menschen erbleichen und uns selbst ängstigen, dann sehen wir unsere eigene Substanzlosigkeit im Spiegel.

Disziplin und Härte sind verpönt, die edukative formgebende Funktion des Militärdienstes – als nur ein Beispiel – wird einem ideologischen Pazifismus geopfert. Die Freiheit muß absolut sein.

Nun könnte man meinen, die tatsächlichen Flüchtlinge haben Leid und Autorität en masse erfahren – allein die Bilder aus den griechischen Lagern sind uns fast nicht mehr erträglich. Aber auch dort herrscht ein strenges Regime. Sind sie hier angekommen, dann sehen sie sich plötzlich mit einer konturlosen Freiheit konfrontiert, die ihnen jeglichen Halt nimmt. Und in unseren Augen flackert nur noch die morbide Angst vor Tod und Siechtum. Ein Haldor wäre noch an ihr gewachsen.

Literatur:
Gudmundsson, Kristmann: Morgen des Lebens. München 1934
Gheorgiu, Constantin Virgil: 25 Uhr. Stuttgart 1958

siehe auch: Über-Setzen nach Hamsun

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