Don’t mention Calcutta!

Hach, was habe ich gelacht – oder doch geweint? – als ich heute diesen Artikel las. Dort gibt es „generelle Erkenntnisse der Migrationssoziologie“ zu lesen, von unglaublichem Neuheitswert.

unbedingt lesenswert: Artikel aus © Welt.de

Nun ist es also wissenschaftlich bewiesen – sofern man Soziologie zu den Wissenschaften zählen darf –, daß Migration mehr Migration nach sich zieht. Das Narrativ vom vor Hunger und Elend Fliehenden ist entzaubert, mindestens die Hälfte aller Afrikaner – um die ging es in der Studie, die man vermutlich verallgemeinern kann –, „flieht“ aus  familiären Gründen, werden also gezogen und nicht gestoßen. „Wenige Pioniermigranten bieten Kontakte im Zielland und schaffen somit die Grundlage für eine Beschleunigung der Wanderungsmuster“, heißt es im Soziologendeutsch, und schwupp sind aus den wenigen „Pioniermigranten“ viele geworden und aus denen werden noch mehr ad infinitum – wenn man die zu erwartende Bevölkerungsexplosion des Kontinents im Auge behält. Wer heute noch rüstig ist, hat gute Chancen zu erleben, daß allein Nigeria demnächst mehr Einwohner hat als Europa und vielleicht auch, daß diese Nigerianer dann just in Europa leben und Europäer werden.

Was uns hier im Ton der Überraschung vorgetragen wird, war uns Selbstdenkenden seit Jahr und Tag bekannt, es bedurfte keiner Soziologie, das herauszufinden.

Der zweite Teil der Studie des „Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR)“ ist spannender, wenn auch ebenfalls nicht neu. Man muß ihn nur zu Ende denken, um ihm einen Aufreger zu entnehmen. Demnach hat man jetzt „herausgefunden“, daß bestimmte Migrantengruppen bestimmte Länder und Regionen bevorzugen und zwar jene, in denen man ihre Heimatsprache spricht und in denen bereits communities bestehen. Nordafrikaner werden bevorzugt nach Frankreich ziehen, während man in englischsprachigen Ländern Amerika und Großbritannien bevorzugt. Deutschland habe ob seiner Sprache bisher vergleichsweise wenig mit Afrikanern zu tun, statt dessen ist das Land besonders in Osteuropa und „Asien“ beliebt – letzteres meint vermutlich eher die Türkei – als Vorzeigepionier –, Afghanistan, Syrien und die Gegend und weniger Japan oder Südkorea. Dennoch steigt auch die Zahl der afrikanischen „Pioniere“ und demzufolge auch die der Pioniersangehörigen.

Die Beruhigung des Autors, die wohl an alle Hetzer gerichtet ist, lautet wie folgt: „Für Bürger, die allzu besorgt nach Süden blicken, haben die Forscher aber folgende Botschaft: Entgegen manchem Zerrbild ziehen die meisten afrikanischen Migranten in Nachbarländer oder andere Regionen ihres Kontinents.“ Das freilich kann uns die Sorgen nicht nehmen, denn wenn aus sehr vielen auch nur wenige kommen, so sind das noch immer viele. Es sterben im Moment auch aus sehr vielen Menschen nur ganz wenige an Corona und trotzdem genügt dies, ganze Kontinente lahm zu legen.

Denken wir nun aber diese Information – daß bestimmte Gruppen bestimmte Zielländer präferieren –, und zwar ganz idealtypisch und von allen Komplikationen und Verwindungen – die es im wirklichen Leben natürlich gibt – zu Ende, dann dürfte sich dieses Bild ergeben, eine Prognose, die die Rede von der friedlichen, bunten, bereichernden Multikulti-Gesellschaft in Frage stellt.

Wenn nämlich hier die Syrer und Afghanen und überm Rhein die Nordafrikaner und überm Kanal die Zentralafrikaner etc. sich sammeln, und zwar in hinreichend großer Zahl, dann werden sie dort eine nordafrikanische, hier eine arabische und da eine schwarzafrikanische Kultur etablieren, zwar nicht rein und von deutschen und multikulturellen Kulturformen durchaus beeinflußt – „bereichert“ im linksgrünen Jargon –, aber eben doch an der jeweiligen Leitkultur – man macht es sich dort mit diesem Begriff weniger schwer als bei uns – ausgerichtet. Nicht etwa aus bösem Willen oder was, nein, ganz einfach, weil Menschen dazu tendieren, ihrer menschlichen Natur entsprechend, ihre Kultur, in der sie aufgewachsen sind und die sie daher per se besser und angenehmer finden als andere – ihr gutes Recht! – überall zu leben und vor allem dort, wo man unter Lands- oder Kulturleuten ist.

Die Kulturen werden also nicht ineinander verlaufen wie auf einer Farbpalette und dann eine wunderschöne neue Farbe ergeben, nein, sie werden sich wieder etablieren – wenn auch mit neuen Akzenten -, diesmal nur in anderen Ländern und sie werden dann ganz genauso menschlich gelebt und verteidigt werden wie eh und je. Nordafrikaner und Araber werden ihre gegenseitigen Vorurteile über den Rhein rufen – wenn wir Glück haben – beide werden wie immer etwas mitleidig auf die Schwarzafrikaner schauen usw., und alle zusammen werden die besonders konturlosen Europäer verachten.

Wir sprechen hier natürlich von sehr großen Zeiträumen, hundert, zweihundert Jahre, idealtypisch wie gesagt, aber das ist die zu erwartende Konsequenz aus jener nun wissenschaftlich bestätigten Entwicklung. Diejenigen, die den Gedanken des „Bevölkerungsaustausches“ ablehnen, leiden in der Regel an einer zu kurzen Aufmerksamkeitsspanne.

Wie das konkret aussehen wird, wissen wir nicht, aber wir dürfen zumindest eines ziemlich sicher annehmen: deutsche Kultur, europäische Geisteswelt werden die meisten dieser Menschen nicht leben – höchstens deren Materialismus. Warum auch? Sie ist schließlich nichts Besseres, oder?

3 Gedanken zu “Don’t mention Calcutta!

  1. Skeptiker schreibt:

    Ein Beitrag, der wie oft – lieber Herr Seidwalk – mehrere Themata anspricht, die es weiter zu verfolgen lohnt. Ihre Bemerkung: „sofern man Soziologie zu den Wissenschaften zählen darf“ zoomt mich in meine Studienzeit in den frühen 80er Jahren zurück. Der Grundkurs „Methoden der Sozialwissenschaften“ vermittelte ein Wissen, das von den politisch links aktiven Kommilitonen als „positivistisch“ verworfen wurde. Neben der „Fliegenbeinchenzählerei“ (Polemik gegen Statistik) wurde allerdings auch in jenes Methodenspektrum eingeführt, das als „Qualitative Sozialforschung“ in die Hermeneutik übergriff. Ich vermute, dass aus diesem „interpretativen Paradigma“ heutzutage sich jene unfreiwillig komischen Einsichten speisen aus denen Sie ein wunderbares Beispiel herausgegriffen haben. Allerdings dürfte das Wort „Methode“ hier nicht anwendbar sein, da wohl nicht überprüfbare Deutungen und kritische Realitätsbeschreibungen den forschen Forscher lenken, sondern die Emphase des Sozialingenieurs für den Umbau aller Dinge vom grünen Tisch aus. „Es bedurfte keiner Soziologie, das herauszufinden“ – ich bin mittlerweile der Ansicht, dass die institutionalisierte und in den Rang einer staatskonformen „Wissenschaft“ erhobenen Soziologie der Feind des Denkens überhaut geworden ist. Wissenschaftliche Disziplinen entstehen oder vergehen, man denke an die „Rassenkunde“ oder die „Geopolitik“ – es wird interessant werden, ob die Soziologie zur Gänze überleben wird, wenn der Geldgeber Staat eines Tages die fehlenden Kleider bemerken wird. Ich vermute, dass die empirisch fundierten Teile im Rahmen der Sozialstatistik überleben und die als „Theorie“ hochgeschätzten Sprachexzesse als bizarre Formen „automatischen Schreibens“ in die Wissenschaftsgeschichte eingehen werden. (Dass Helmut Schelsky sich zuletzt als Anti-Soziologe verstand, kann ich bei der Lektüre derartiger Beiträge durchaus verstehen. Scharfsinnige Kritiker das Faches wie Stanislav Andreski in seiner Polemik „Die Hexenmeister der Sozialwissenschaften“ haben die fatalen Tendenzen des expandierenden Faches schon Ende der 60er Jahre erkannt).
    Mit Ihrem Blick auf eine mögliche Zukunft stimme ich überein. Wir erhalten keine multikulturelle Gesellschaft, sondern eine multiethnische, die sich durch separierte Siedlungsgebiete auf dem nur mehr geographisch als Deutschland benannten Raum auszeichnet. Übrigens hatte schon vor Jahren ein Journalist den Vorschlag gemacht, Afrikanern in Mecklenburg-Vorpommern Siedlungsgebiete zuzuweisen und damit einen exquisiten Einblick in das klischeebehaftete Afrikanerbild von Teilen der deutschen Eliten gegeben: Jäger, Sammler und Feldfruchtbauern. Mit dem Schlagwort „soziologische Phantasie“ kann ich mir die Vielgestaltigkeit dieses von den Grünen wahrscheinlich als „in der Welt einzigartigen Pluralismus“ gefeierten Gebildes gerade am Beispiel der dann differierenden Rechtssysteme lebhaft ausmalen. Ich sehe schon die kulturrelative Streitfrage im Raume stehen, ob der Scharfrichter in der einen Separatkultur aus dem noch gemeinsamen Gesamtetat bezahlt werden soll oder – sofern es sich um Apostasie handelt – die Kirchensteuer hier belastet werden muss. Welche Kultur entstehen wird, vermag ich nicht vorherzusehen – aber ein zweiter Karl Kraus oder ein deutscher Jonathan Swift wäre in unserer Situation wichtiger als weitere Lehrstühle für Soziologie.

    Seidwalk: Ihr Beitrag ist aber auch nicht von schlechten Eltern – danke!

    Ich hatte dieser Tage rein zufällig ein Buch von Mathilde Ludendorff in der Hand, die auf Wiki wie folgt charakterisiert wird: „Die zweite Ehefrau Erich Ludendorffs war eine bekannte Vertreterin der völkischen Bewegung.“ – Das ist der Stempel.

    Tatsächlich war das ziemlich verquastes Zeug, das von ganz falschen – also uns heute unverständlichen – Prämissen ausging und dennoch stand für mich sofort der Verdacht im Raum – dem ich vielleicht später einmal nachgehen werde – daß diese Frau wirkliche Substanz besaß, ein eigener Kopf war. Damals in höheren Auflagen erschienen, dennoch wohl kaum diskutiert worden und heute nur noch vergessen und eben mit Stempel abserviert – „Wissenschaftliche Disziplinen entstehen oder vergehen ….“

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  2. Michael B. schreibt:

    > Mitte der 50er Jahre […] Seither haben wir stetig steigende Zahlen an Eingewanderten.

    Ich habe jetzt nicht die Zahlen zur Hand, aber gerade wegen der dort zu findenden Unstetigkeit ist ja 2015 ein Problem.

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  3. „Wir sprechen hier natürlich von sehr großen Zeiträumen, hundert, zweihundert Jahre,“

    Sie vielleicht – ich eher von zehn oder zwanzig… wenn’s hoch kommt.
    Zudem dürfte die jeweilige kulturell geprägte Sittlichkeit in der Fremde, also hier bei uns, noch weit ausgeprägter gepflegt werden als daheim. Beispiel: Eine gute Schwarzwälder Kirschtorte findet man sicher im Schwarzwald oder auch überall sonst in Deutschland – aber so richtig das Wahre nur in Übersee oder in Südwest.

    Mir erzählten Vereinsfreunde aus Exotistan, daß es in deren Herkunftsländern (Ägypten, Türkei, Marokko) weit lockerer und offener zugehe als hierzulande in der „Community“. Einzelfälle, sicher, aber klingt plausibel. Minderheit schweißt zusammen.

    Und übrigens: Wenn deutsche Gründlichkeit auf Mohammedaner abfärbt, dann wird Almanistan ein islamischer Staat werden, demgegenüber Saudi-Arabien oder Taliban-Afghanistan lockerflockig-liberale Toleranzgebilde sind.

    Seidwalk: Die tatsächlichen Zahlen stützen eher meinen Zeitrahmen. Mitte der 50er Jahre kamen die ersten Gastarbeiter – das ist jetzt 65 Jahre her. Seither haben wir stetig steigende Zahlen an Eingewanderten. Bis heute haben 22% der in Deutschland lebenden Bevölkerung Migrationshintergrund, davon sind 11% Ausländer (von denen vorübergehend hier Lebende abzuziehen wären). Auch wenn der Prozeß natürlich akzeleriert, geben die Zahlen keine kurzfristige Umkehrung der Bevölkerungssituation her.

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