Meinung, Angst und Terror

„Was für Journalisten ein Volk hervorbringt, ist heute ein wesentliches Moment seines Schicksals.“ (Karl Jaspers)[1]

Sollte die Corona-Krise jemals eine gelassene, gut recherchierte und objektive Aufarbeitung erfahren, dann wird man vielleicht zu dem Schluß kommen, daß der größte Feind der Demokratie in Krisenzeiten zugleich ihr wichtigster Stabilisator in Friedenszeiten ist: die freie Rede und die freie Presse. Auf die Diskussion, wie frei unsere Presse tatsächlich ist, lasse ich mich in Anbetracht der Ernsthaftigkeit der Lage nicht ein, sie wird jedenfalls nicht zentralistisch gesteuert, auch wenn sich in ihr ein starkes Meinungsungleichgewicht gebildet hat. Man kann in ihr verschiedene Meinungen sagen – und das ist in existentiellen Krisenlagen das eigentliche Problem.

Denn machen wir uns nichts vor: Journalismus ist keine Mathematik, ist keine strenge Wissenschaft – Journalismus ist Meinungsverbreitung. Das sind ganz individuelle Meinungen von ganz konkreten Menschen und in der Regel über Dinge, von denen sie nicht viel verstehen. Und weil das so ist, orientieren sie sich bevorzugt an ihrem ideologischen Gerüst, das sie sich in langen Jahren anstudiert haben, das ihnen von anderen, die dieses Ideologiestudium bereits vor ihnen abgeschlossen hatten, eingetrichtert wurde, und nun tun sie das, was man ihnen gelehrt hat, an uns: sie verbreiten ihre Meinung, die ihrer Ideologie entspricht.

Das ist – zum Glück – ihr gutes Recht in einer Demokratie, ein Recht, das sich von dem jedes anderen Menschen – wir kennen freilich die Ausnahmen – nicht unterscheidet. Der einzige, aber wesentliche Unterschied ist dies: sie haben ein Sprachrohr gefunden, das ihre Meinung ins Ungeheuerliche verstärkt, sie sprechen nicht – wie wir anderen das tun – zu einem oder zwei oder vielleicht hundert Gegenüber, sondern sie sprechen zu Millionen. Und das Tag für Tag, Stunde für Stunde.

Man hört Sätze wie folgenden täglich: „Der Spiegel schreibt“ oder „die AfD sagt“ oder „der Untersuchungsausschuß stellt fest“ usw.; die Wahrheit ist, daß keiner dieser Sätze wahr ist, denn eine Zeitschrift kann nicht schreiben – sie hat keine Hand –, eine Partei kann nicht sprechen – sie hat keinen Mund – und ein Ausschuß kann nicht feststellen. Immer stehen hinter diesen abstrakten – man kann auch sagen „konstruierten“ – Entitäten ganz individuelle Menschen mit einem Namen, einem Geburtsdatum, einem Gesicht und einer Meinung. Gelingt es ihnen innerhalb dieser Entitäten an die Frontlinie zu gelangen, dann erscheint ihre Stimme die der Entität zu sein, scheint sie eine gewisse Objektivität erlangt zu haben. Tatsächlich haben wir den Bereich der Meinung nie verlassen.

Journalisten – das darf man nie vergessen – sind Menschen, die im Idealfall von vielen Dingen einiges, aber selten von irgend etwas wirklich was verstehen. Das bringt der Beruf mit sich, denn wenn er heute über dieses schreiben muß oder will, so ist es morgen jenes. Der Fall Relotius hat uns zur Genüge gelehrt, daß es auf zwei Dinge im Journalismus unserer Tage ankommt: man sollte eine tüchtige Feder haben, die Sprache beherrschen und man muß über die Fähigkeit verfügen, Kompetenz überzeugend simulieren zu können. Das alles vor der dritten, der wesentlichen Voraussetzung: Man muß eine Meinung, eine Haltung haben und die sollte sich vom Gros der systeminternen Meinungen nicht radikal unterscheiden. Gemeinhin werden verschiedene Schreibstile und Kompetenzsimulationsstrategien als Meinungsvielfalt mißverstanden. So viel zum Epitheton „frei“.

Es ist daher kein Wunder, daß man sich – geht es um tatsächliche Expertise – auf die sogenannten Experten stürzt. Allein, dies ist nur eine weitere Illusion auf einer etwas höheren Stufe – insbesondere in hochgradig volatilen Zeiten wie der unseren. Die Corona-Krise bringt es exemplarisch an den Tag. Wir hören zahlreiche Experten und erfahren, daß diese – wenn wir die Kompetenzsimulation durchschauen, die durch massenmediale Einstimmigkeit erzeugt wird – noch immer wenig vom Virus verstehen und ob des Informationsüberangebotes (panisch werden Studien produziert) auch nichts verstehen können und daß sie sich letztlich in ihre persönliche, meist am ideologischen Gerüst ausgerichtete Meinung retten. Entspricht die Richtung der des Mainstreams, haben sie die Chance, an vorderster Front meinungsverbreitender Entitäten zu treten, um dort ihre Meinung zu verbreiten, im Versuch, die Meinungen in der Bevölkerung zu synchronisieren.

Davon abweichende Meinungen anderer Experten mit vergleichbaren Fachzeugnissen werden hingegen verschwiegen, verleumdet oder verschwörungstheoretisch befleckt. Fehlerhaft sind sie vermutlich alle. Die Lage ist zu komplex, als daß ein Mensch – oder auch „der“ Mensch – sie durchschauen könnte.

Dabei handelt es sich just um jene Stimmen, würden sie adäquat gehört, die die Eingangsprämisse, daß die „freie“ Presse in „Zeiten der Cholera“ vom Rückgrat zum Sargnagel der Demokratie mutiert, widerlegen könnten, denn sie plädieren für einen gelassenen Umgang mit dem Virus, so daß er das Gesamtgebilde nicht gefährden könne. Aber gegen die Meinungsklasse der Journalisten, die zudem auch ihrer ganz persönlichen Angst freien Lauf lassen, haben sie keine Chance. So kommt es, daß virologisch vollkommen unbedarfte, von-allem-ein-bißchen-von-nichts-wirklich-etwas-Wissende, andere Menschen in Grund in Boden schreiben können, die ihr ganzes Leben den Viren gewidmet haben.

So kommt es auch, daß die Gesellschaft weltweit – die internationale Panik ist das zwangsläufige Produkt des Globalismus mit seinen millionenfachen Abhängigkeiten – in Schockstarre gerät, so kommt es, daß der Tod einer 16-jährigen in einer Weltgegend oder der eines jungen Mannes in einer anderen medial ins Unendliche vergrößert, Angst und Schrecken verbreitet werden, als sei der alte mystische Satz – „Sobald ein Mensch geboren ist, ist er alt genug zu sterben“ – jemals außer Kraft gesetzt gewesen. Verzweifelt schauen wir auf ein paar hundert verröchelnde Rentner und schlußfolgern daraus fast den Weltuntergang, nur weil diese bedauernswerten Menschen – wir müssen da alle mal durch! – plötzlich eine Presse, besser noch eine Kamera haben. Dabei sollte man doch meinen, daß das Sterben prinzipiell die Norm ist und erst recht wenn man acht Jahrzehnte und mehr auf dem Buckel  – nebst Zweiterkrankungen – hat.

Vielleicht wird man eines Tages zu dem Schluß kommen, daß die Panik die in vielerlei Hinsicht erfolgreichste und zugleich extremistischste Gesellschaftsform der Geschichte zu Fall gebracht hat. Vielleicht wird man dann endlich den wahren Begriff für dieses Phänomen nutzen: Terror. Und Terror (lat.) heißt „Schreckensbotschaft“ und wer die Botschafter sind – Schrecken oder nicht – dürfte nun deutlich sein.

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All das ist natürlich selbst nichts anderes als Meinung, und zwar meine. Sie unterliegt den gleichen Eigenheiten und Fehlern wie jede Meinung.
Ich ziehe daraus den Schluß, daß es nun an der Zeit ist, in Quarantäne zu gehen. Nicht wegen des Virus, der mich bisher verschonte oder aber – was wissen wir schon? – unbemerkt passiert hat – mußte ich nicht auch die letzten Tage husten? –, sondern aus folgenden Gründen:
Zum einen nehme ich eine unbeschreiblich wilde Kakophonie an Meinungen wahr, in der zum Teil haarsträubender Unsinn geschrieben wird, selbst auf jenen Seiten, die ich gemeinhin mit Interesse lese. Damit will ich mich nicht weiter infizieren. Andererseits findet man dort bereits alle möglichen Meinungen und Positionen vertreten; ich habe nicht den Eindruck, der Debatte qualitativ etwas zufügen zu können. Schließlich überstrahlt das Thema zur Zeit alles, so daß es kaum sinnvoll erscheint, über einen anderen Gegenstand zu schreiben – einige Sachen stehen in der Warteschleife, gute Sachen, wie ich denke, aber sie jetzt zu veröffentlichten, bedeutete, sie ohne Grund zu ersäufen. Und zum Thema Virus selbst kann ich nicht viel beisteuern, da bin ich nicht kompetent. Man riskiert nur, selbst in diese ideologischen Streitereien hineingezogen zu werden und die Contenance zu verlieren. In Zeiten der komplett überhitzten Krise hat der Blog seine Schuldigkeit getan – operative Entscheidungen nicht ausgeschlossen.
PS: Meiner Meinung nach sind die derzeitigen Maßnahmen teilweise ungenügend und teilweise ungerechtfertigt. Es ist in dieser Lage aber besser, einen Fehler konsequent zu begehen, als ihn aufzuweichen. Daher sollte es jetzt die Pflicht jedes Deutschen – und derjenigen, die es werden wollen – sein, sein Verhalten den Ausnahmeregeln entsprechend anzupassen.
[1] Heute gefunden bei Klonovsky

6 Gedanken zu “Meinung, Angst und Terror

  1. Pérégrinateur schreibt:

    [Nicht zum Thema]

    Es ist völlig in Ordnung, dass Sie sich eine Auszeit nehmen. Nicht verstattet ist Ihnen aber, dabei krank zu sein.

    Seidwalk: Bewahre! Zunehmend gesundend von der gemeinen Gemütskrankheit – Heilmittel: Entgiftung, Abstinenz.

    Pérégrinateur: Dann hoffe ich mal, dass Ihre Abstinenz nicht Formen annimmt wie bei Ambrose Bierce beschrieben/definiert:

    ABSTAINER, n. A weak person who yields to the temptation of denying himself a pleasure. A total abstainer is one who abstains from everything but abstention, and especially from inactivity in the affairs of others.

    Seidwalk: Ambrose Bierce deckt hier freilich nicht das gesamte Spektrum der Abstinenz ab, denn nicht jede Sucht hat ein pleasurable Laster zur Grundlage. Dieses kann auch unangenehm, zumindest aber zerstörerisch sein.

    Es trifft wohl eher sein Eintrag unter dem Stichwort „Enthaltsam“ (Übersetzung Gisbert Haefs)): „Erfüllt von Rücksicht auf die eigenen überforderten Möglichkeiten.“

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  2. Michael B. schreibt:

    > in der zum Teil haarsträubender Unsinn geschrieben wird, selbst auf jenen Seiten, die ich gemeinhin mit Interesse lese.

    Entsinnen Sie sich an die ’neue Stimme‘ im Sezessionskommentariat? Ein beinharter Flat-Earther, stellt sich jetzt heraus. Und eine die nachtritt, wenn ihr Kritik an diesem nonsense nicht weit genug zurueckgenommen wird. Das wird dann zu allem Ueberfluss noch als ‚wissenschaftskritisch‘ gefeiert. Ich war kurz davor, mich wieder anzumelden…
    Das – ich kann es nicht anders nennen – eierlose Zurueckstecken ist uebrigens auch eine Facette, die beim Thema ‚freie Rede‘ m.E. kein unwesentlicher Punkt ist.

    voellig off topic:

    An die sprachlich Geschlageneren hier:

    Ich lese jetzt immer einmal etwas von asymptotischen (teilweise auch ohne ‚p‘) Verlaeufen der Virusinfektionen. Als Mathematiker bekomme ich dabei immer ein kleines Schleudertrauma. Ist das Medizinersprech? Asymptomatisch ist doch immer noch der orthographisch korrekte Ausdruck, oder?

    Seidwalk: touchdown!

    Pérégrinateur:
    Die statistische Unbildung von Medizinern und Medizinjournalisten ist gewöhnlich allerdings viel schädicher als die wortsemantische. Dank der letzten erkennt man den Vogel gleich am Gesang – unfraglich ein Vorteil.

    Gefällt 2 Personen

  3. Als ich mich im Kindesalter fragte, was uns Menschen gegenüber den anderen Säugetieren, und damit gegenüber allen anderen Geschöpfen so sehr erhebt, schien es mir sonderbar, daß selbst zu den nächsten biologischen Verwandten, den Menschenaffen, solch eine große Kluft besteht.

    Das Spektrum der Möglichkeiten im Leibe zu Lebzeiten ist wohl arg determiniert.
    Insbesondere in der Trauer, der vielleicht aufrichtigsten Form der Liebe, stehen uns die anderen weit entwickelten Tiere anscheinend in nichts nach.

    Sie mögen Krieg führen können, aber sie können schlecht kooperieren, was eine zukünftige Erwartung der Belohnung voraussetzt. Altruismus ist dabei dann auch eher Programm als individuelle Konsequenz einer absichtsvollen Entscheidung.
    Aber schufen sie je Kunstwerke? Was ist es, das uns regt, wenn wir den Sonnenuntergang betrachten?

    Dennoch sind wir von Heerscharen von Wesen gleichwertiger biologischer Entwicklungsstufe umgeben, die weder trauern können wie eine Affenmutter, sich nicht wie ein Hund treu und tapfer (beides) ergeben, keinen empfänglichen Sinn für wahre Ästhetik haben und trotzdem Beute machen wollen.

    Ich erlaube mir, diese Sendungen der Hölle in Menschengestalt, unterhalb des Tierreiches anzusiedeln.

    Da das Leben hienieden auch gemeinschaftlich eine ernste und einsame Sache ist, geraten auch jene mit besseren Absichten, beim Waten durch den Treibsand in arge Not und bedienen sich in ihrer Verzweiflung dem potentesten Repertoire der vorherigen Entwicklungsstufe.

    Mir scheint eh Sinn und Zweck dieser Welt zu sein, daß komplett konträre Geister unterschiedlicher Reife auf einem vereinbarten Nullpunkt sich zur Interaktion verabredet haben, wobei die Amplitude ihrer Mächtigkeit nivelliert ist.
    So treffen wir anteilig unter den vermeintlich Niederen hier im Allgemeinen mehr Höherentwickelte als in Machtpositionen.

    Der Romantiker vernachlässigt in seinem aussichtlosen Streben das Profane, sucht aber nur den einzigen Fixpunkt seiner Sehnsüchte, während der Casanova, mit Gaben umkleidet wie ein Pfingstochse, danach trachtet die ganze Welt zu begatten, ohne Aussicht darauf, dabei sich selbst jemals zu begegnen.
    Der oder die eine ist auf dieser Welt aufgeblasen mit nichtiger profaner Mächtigkeit, während die Engel ohne Flügel antreten müssen.

    Falls es diesen sinnvollen Kompromiß tatsächlich gibt, und die Verschiedenartigkeit und Ausprägung der Talente hätte eben diesen Zweck, dann ist Bescheidenheit, Verwahrung, ja Schüchternheit und rasende Wut ein Leuchten in der Dunkelheit, zu dem banale Ausgeburten noch nicht befähigt sind.

    Diese nutzen jegliche sich bietende Gelegenheit zur Selbsterhöhung, zur Kompensation des Abgrundes, über den sie sich breitbeinig stellen, der ihr eigener ist – ihre Heimat. Das aus dem Brunnen erhobene Kind will nicht wieder in den Brunnen hinab – koste es was es wolle!

    Denn hier – aber nur hier – hat es ja seine Papperlflügel, während die sinnliche Elfe bei aller Hingabe zur Musik mit ihrer „gottgegebenen“ Stimme nicht an das Krächzen einer Elster heranreicht, und nicht mal im Traume dazu fähig ist.

    Wenn wir nachtschlafend teilweise zu uns selbst zurückkehren, das Bewußtsein ausdehnen oder einengen, uns Trost holen, uns verabreden oder viel Schöneres tun, dann droht uns danach das Vergessen wie der Kater dem Zechen folgt.

    Nahtoderfahrungen unterschiedlichster Kulturen, spontane, ohne kausal tieferen Beweggrund stattfindenden außerkörperlichen Erfahrungen und außergewöhnlich bewegende Träume enthalten schon im Wortsinn, daß es einen Aufenthalt abseits des Spielfeldes darstellt.

    Hier im Morast ist Zuversicht wohl die schärfste Waffe, denn die Schiedsrichter, die Hüter der Schwelle oder teile unseres Selbst sind wohl entschieden danach bestrebt, uns das Ding bis zum vereinbarten Ende durchspielen zu lassen und dabei keine weiteren Mittel zuzulassen.

    Als Okkultisten, die wir sind, stehen wir stets erneut vor dem Dilemma, daß wir als Boxer im Ring eingeschlossen bleiben.
    Wir sehen, fokussiert auf allen Unrat in Wille und Tat, weder die Zettel der Punktrichter noch was die Promoter mit unserer Karriereplanung vorgesehen haben.
    Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, daß je effektiver und bedeutsamer jemand imstande ist, einen offensichtlichen Durchbruch in der Perspektive zu schaffen, umso effektiver davon abgehalten wird.

    Massenwirksam kann ein Ergebnis von Jenseitsforschung nicht sein. Allein Verwegene und tollkühne Pioniere, oder andererseits seltene Naturbegabte werden etwas hinter den Vorhang schauen dürfen.
    Welche Motivation sollten ostasiatische Mönche gehabt haben, als sie sich in Höhlen eingekauert, hungernd zu Tode meditiert haben?

    Um ein Zentrum herum toben hier wohl ungestüm komplett konträre Kräfte, die uns alle in ihren Feldern, Potentialen und Anziehungen kraftzehrend rotieren lassen.
    Das Leben selbst ist Tragödie; Tragödie ist der himmlische Idealfall auf Erden.

    Zu erkennen, das Mitfühlen, Mitkämpfen, Mitleid, Mitfreude und schließlich Trauer und Trennung mitsamt Nostalgie und Wehmut Ausdruck des Edelsten sind, ist hoher Gewinn.

    In einem wechselwirkenden Knäuel aus Macht und Lust sind wir doch allesamt Opfer wie Mißbräuchler der uns gegebenen Mittel im Rahmen von Lustmaximierung und Schmerzmaximierung.

    Die ganze Welt als Sado-Maso-Veranstaltung? Ebendas!

    Schämt Euch! Jetzt!

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  4. Zu Ihren Worten über die Journalisten eine kleine Geschichte: Mein Großvater war Augenarzt von Beruf. Der sagte einmal sinngemäß, er kenne sich eigentlich nur auf einem Wissensgebiet wirklich aus, und das sei eben die Augenheilkunde. Wenn er nun dazu etwas in der Zeitung lese, dann sei das in gut zwei Dritteln der Fälle reiner Unsinn. Schließe er jetzt davon auf die Berichterstattung zu anderen Themen, dann sei er doch skeptisch, ob da wirklich mehr Sachkenntnis walte und er dort zuverlässiger informiert würde. Ich fürchte: nein. Nun gibt es sicher Spezialgebiete, die dem Laien weniger zugänglich sein mögen; aber allein die journalistische Zuversicht (oder soll man sagen: Dreistigkeit?), zu jedem Thema etwas sagen zu können, sollte einen mißtrauisch machen. Sagt hier übrigens einer, der selbst keine Zeitung abonniert und nur gelegentlich bei seiner Frau mitliest.
    Ihre These ist mir allerdings nicht ganz klar geworden: Warum sollte eine Einheitspresse, die in der Krise durch Ausblenden alternativer Meinungen die Demokratie gefährdet, das in normalen Zeiten nicht auch tun?

    Gefällt 1 Person

    • @ Kurt Droffe

      Tut sie natürlich – langfristig und langsam: „…ihr wichtigster Stabilisator in Friedenszeiten ist: die freie Rede und die freie Presse.“ Daraus ergibt sich natürlich, daß die Demokratie bereits schwer gefährdet war.

      Dennoch gibt es eine gewisse Binnenvielfalt und die jeweiligen Narren auch noch – „Einheitspresse“ ist nicht mein Befund. Auch thematisch ist alles mögliche unter Eierkuchenzeiten drin. Die freie Presse ist also weder frei, noch unfrei, sie ist tendenziell ohne absolutistisch zu sein. Und vor allem: sie ist gigantisch groß – ein undurchdringliches Stimmengewirr. Dieses dient in beruhigten Zeiten der Stabilisierung, es liefert das beruhigende Hintergrundrauschen, das uns nahezu unbewußt davon überzeugt, daß der Dampfer schwimmt, die Maschine tuckert.

      Die Freiheit kann in existentiellen Krisen zur Gefahr werden. Zum einen, wenn sie alle Stimmen gleichzeitig gleichwertig zuläßt: dann führt sie zur Verwirrung und zur Ressourcenabsaugung. Zum anderen, wenn sie eine Grundmeinung tausendfach wiederholt, sich auf eine Frequenz einschwingt, ohne gegenteilige zuzulassen. Es fehlen uns dann die Alternativen und es kann ein apokalyptischer drive entstehen. Die Medien im jetzigen Zustand werden sowohl durch die Hyperventilation als auch die selbstauferlegte Unterdrückung eines freien Diskurses, die Abschottung gegenüber anderen Positionen, zur systemgefährdenden Bedrohung. Beides kann unter dem Begriff „Terror“ gefaßt werden.

      Es ist ein Dilemma, eher der Versuch, die Lage „ontologisch“ denn politisch zu beschreiben. Es gibt kaum dilemmatafreie Auswege. Man muß sich von der Vorstellung verabschieden, es gebe immer eine Lösung der Probleme, vor allem dann, wenn diese hyperkomplex sind. Widerspruchsfreie Lösungen gibt es nur im Bereich der Mathematik und der Phantasie.

      Ein „Ausweg“ wäre die diktatorische Setzung des Themas, die dann etwa Hiobsbotschaften meidet, Erfolgsmeldungen präferiert, gute Stimmung schafft, das Volk identitär bindet etc. Anfangserscheinungen davon kann man in Ungarn beobachten, wo die Staatsmedien auf positive Meldungen setzen, die Menschen einende Projekte oder Aufrufe Prominenter etc. zeigen, die Nationalfarben dominieren, das Ungarische betont wird, legendäre Sportsiege wiederholt werden, und wo Kritik am Gesundheitssystem oder Aufzeigen von Horrorszenarien durch öffentliche Kritik sanktioniert werden. Das kann in solcher Lage ein besserer Weg sein aber entgeht den Dilemmata nicht. Wir müssen uns damit abfinden, daß die Demokratie – wie jedes System – interne Punkte kennt, die zum Systemcrash führen, rührt „man“ – hier „die Natur“? oder der globale Gegner? … – an ihnen.

      Tatsächlich verführt uns die Metapher – Schiff etwa – zu der Versuchung, die Vielfalt einzudämmen. Ist der Dampfer nämlich einmal auf den Eisberg gelaufen, scheint es wenig sinnvoll, alle Meinungen einzuholen, auch wenn darunter vielleicht eine richtige ist. Hier hat der Kapitän das Kommando zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen – die freilich fatal sein können …

      Kurz und gut: ich kann diesen Widerspruch, den Sie zurecht erkennen, nicht ausräumen – kann es jemand? Er ist einfach da. Das System ist für derartige Situationen nicht geschaffen. Egal, was man tut, es ist immer (auch) falsch und meist nicht richtig.

      Im Nachhinein wird es immer kluge Köpfe gegeben haben, die uns sagten, was man hätte anders machen müssen und unter den tausenden Meinungen gibt es (zufälligerweise) vermutlich auch jetzt schon welche, die der Wahrheit nahe kommen – man wird sie dann als Propheten feiern und sie bei zukünftigen Problemen wie ein Orakel befragen: der nächste Fehler, er ist dem Denksystem schon eingebaut ….

      Lynx: So schnell wirkt also Orbans Ermächtigungsgesetz. Knast für „Falschmeldungen“ ist eben keine Option. Und was Wahrheit ist? Orban weiß das.

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