Denkanstöße – Sloterdijk II

Meine These ist: die Alternativen von heute sind die Kinder der Katastrophe. Was sie von älteren Protestierern unterscheidet und sie als erste Kandidaten für eine Kultur der Panik empfiehlt, ist die neuartige Stellung ihres Bewußtseins zur Realität von lokalen und globalen Katastrophen. Die heutigen Alternativen sind in geschichtlicher Perspektive die ersten, die ein nicht-hysterisches Verhältnis zur denkbaren Apokalypse entwickeln.

Das heutige Alternativbewußtsein zeichnet sich durch etwas aus, was man als empirisches Verhältnis zur Katastrophe bezeichnen könnte. Das Katastrophale ist eine Kategorie geworden, die nicht mehr zur Vision, sondern zur Wahrnehmung gehört. Heute kann jeder Prophet sein, wenn er den Mut aufbringt, bis drei zu zählen. Die Katastrophe bedarf weniger der Ankündigung als der Mitschrift, sie hat ihren sprachlichen Ort nicht in apokalyptischen Texten, sondern in Tagesnachrichten und Ausschußprotokollen. Die Schrift an der Wand erscheint als ordinary language, und zu moderne Menetekeln gehören außer einer Sprühdose nur ein paar empirische Daten.

Apokalyptischer Alarm setzt keinen religiösen Seelensturm mehr voraus, Warnungen vor Untergängen implizieren nicht, daß prophetische Individuen sich zum Sprachrohr transzendenter Enthüllungen erklären. Das aktuelle Alternativbewußtsein zeichnet sich durch etwas aus, was man als pragmatisches Verhältnis zur Katastrophe bezeichnen könnte. Das Katastrophische ist eine Kategorie geworden, die nicht mehr zur Vision, sondern zur Wahrnehmung gehört. Heute kann jeder Prophet sein, der die Nerven hat, bis drei zu zählen.

Der moderne Panikbegriff vergißt diesen Zusammenhang zwischen Gegenwart, Offenbarung und Schrecken – woran er sich erinnert, ist nur das kinetische Motiv der blinden Flucht. Er weiß vor allem das Wichtigste nicht mehr: daß erträgliches Leben immer eine Insel im nicht Erträglichen ist und daß die Existenz von Insulanern nur durch die Diskretion des hintergründig gegenwärtigen Ozeans gewährleistet wird. Die Welt, die uns sicher ist, ist darum immer auf eine entweder (judäochristlich) apokalyptische oder (heidnisch) panische Folie gesetzt. Die Moderne aber will Gegenwart ohne Tränen. Für sie ist die Kultur der Zustand, wo sich die Frage nach der Herkunft von Wasser durch die Existenz von Wasserhähnen beantwortet, genauso wie sich das Problem der Herkunft von „Wahrheit“ durch das Geschäft von Wissenschaftlern erledigt.

Inzwischen sind aber auch gutgesinnte alte Aufklärer nicht mehr weit davon entfernt, sogar die Katastrophe als letztes pädagogisches Mittel in den Lehrplan der Menschheit aufzunehmen, wenn wirklich nur noch an ihr etwas gelernt werden kann. So verrät sich, wie die klassische Aufklärung mit ihrem auf Argumentation gegründeten Wahrheitsbegriff kläglich in die Defensive geraten ist. Kein Mensch glaubt im Ernst, daß sich auf dem Weg des Hörens noch Wesentliches erreichen läßt.

Der real gegenwärtigen Katastrophe kommt somit eine wahrheitstheoretische Funktion zu: sie ergänzt das bloße Argument und bringt das sonst nur Vorgestellte massiv in die Anwesenheit. Indem sie das Evidenzgefälle zwischen Hören und Fühlen überbrückt, ordnet die didaktische Katastrophe die epiphanische Ereigniswahrheit der diskursiven Vorstellungswahrheit über. Damit führt das Problem des Lernens an Katastrophen ins logische Zentrum von Aufklärung und Moderne. Die Moderne ist ja das Unternehmen, in welchem die menschliche Intelligenz sich nicht damit begnügen kann, richtige Sätze über die Welt zu äußern; sie kann sich erst dann für befriedigt erklären, wenn sie selbst aktiv dafür gesorgt hat, daß mit der Welt im ganzen das Richtige geschieht. Dieses aktive Sorgen fürs Richtige steckt aber in der radikalsten Krise. Denn wenn jetzt auch noch die menschengemachte Katastrophe zum Lernen, wie man es richtig macht, beisteuern soll, so bezeugt dies auf fatale Weise, wie die Moderne an ihrer Konzeption erlernbaren richtigen Handelns unter der Führung von Erfolg und Wahrheit irre geworden ist.

Quelle: Peter Sloterdijk:
Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik. 1989
Wieviel Katastrophe braucht der Mensch? 1987

siehe auch: Denkanstöße – Sloterdijk

2 Gedanken zu “Denkanstöße – Sloterdijk II

  1. Robert X. Stadler schreibt:

    Eine List der Geschichte: Dass unsere Versuche, sie durch Kultur, Politik, Institutionen zu zähmen, sie berechenbar, anti-katastrophal zu machen, uns – einschließlich der Regierenden – den Umgang mit der geschichtlichen Katastrophe verlernen lässt, und diese daher umso größer macht. Wohl haben wir ein ideelles Verhältnis zur Apokalypse, wir können sie uns vorstellen; bis vor wenigen Tagen aber hatten wir noch keine empirische Erfahrung mit der Katastrophe, der Umkehrung des gewohnten Laufs der Dinge. Das Alltagsleben hat sich schlagartig geändert, wie zuletzt zu Beginn der beiden Kriege (mitsamt dem erwartbaren Moralismus und Amoralismus der Leute, mit den Kriegsgewinnlern, mit der Duldung von Einschränkungen der Freiheit, mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem bewundernswerten Aufopfern Einzelner für die Gemeinschaft).

    Ob es sich bei den Maßnahmen (bei einem Teil der Maßnahmen) tatsächlich um eine Überreaktion handelt, wovon ich gegenwärtig ausgehe, wird ex post besser zu beurteilen sein. Dass zu spät gehandelt wurde, ist jedem klar. Und dieses Zu-Spät-Handeln, bei Dingen die uns jetzt bereits als selbstverständlich erscheinen (Grenzschließungen, Beschränkung des Flugverkehrs, Verbot von Massenveranstaltungen, Quarantäne von Kontaktpersonen), erklärt sich eben aus der Nicht-Erfahrung des Staates mit dem Ausnahmezustand, wie auch seine mögliche Überreaktion: too much, too late.

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  2. Es ist vielmehr die Folge eines pervertierten Christentums, bzw. eines Christentums abendländischer (faustisch-germanischer) Art, das oberflächlich seine Glaubensbekenntnisse abgelegt hat, in dessen Seelenleben aber noch eben diese abendländisch-christlichen Denk- und Logikmuster walten.

    So liegt z. B. der Klimahysterie und den durch sie geforderten Gegenmaßnahmen die selbe Denkfigur zugrunde, die auch die christliche Endzeitprophetie bestimmt: Die Gewißheit eines nahen Weltendes, angesichts dessen der Einzelne aufgefordert ist, sich zum wahren Glauben zu bekehren, seine Seele von der Sündhaftigkeit zu reinigen und die Gebote zu befolgen. Der Unterschied ist indes, daß die Klimareligion auf ein gutes Leben im Diesseits abzielt, während zuvor ein Platz im Gottesreich zur Rechten des Herren in Aussicht stand.
    Eine Begründungslinie, durch welche die Klimareligion zur Menschenrechtsreligion übergreift, ist die Behauptung, wir müßten die Armen der Welt aufnehmen, weil wir durch CO2-Ausstoß für deren Elend verantwortlich wären. Damit verzahnt sind Menschenrechtsforderungen nach einem „Recht auf uneingeschränkte Migration“ usw.
    Das ganze postmoderne Utopiegebäude mit allen Ideologien von Asylwahn bis Veganismus läßt sich als säkularisiertes-diesseitsorientiertes Christentum mit dem selben Komplex aus Erbsünde/Urschuld, Sühne und Erlösung beschreiben. Es sind die selben Denkfiguren mit der selben Logik in dem Sinne, daß Grundannahmen einer bestimmten Eigenart eine Bedeutung und Handlungsweisen bestimmter dazu passender Eigenarten implizieren.

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