Nur noch ein Gott?

Ein Mal nicht aufgepaßt, schon war es wieder passiert. Es hatte geklingelt und ich lief – entgegen meiner Absicht, zuerst aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, wer da klingelt – an die Tür. Davor standen zwei Damen – gerade die wollte ich vermeiden, denn sie waren „Zeugen Jehovas“ und viele Erfahrungen zeigten, daß Gespräche mit ihnen unverhältnismäßig viel Zeit kosten, ziemlich sinnlos sind und auch schon längst nichts Neues mehr bringen. Ich kenne ihre Theorien, habe sie mir immer und immer wieder angehört, auch einige ihrer Publikationen studiert: egal wo, ob in Deutschland, Italien oder nun in Ungarn, man erreicht immer wieder den Punkt, an dem Kommunikation eigentlich implodiert und aussichtslos wird, kann sie aber ob ihrer Freundlichkeit schwer abbrechen, ohne rüde zu werden.

Auch diese beiden Damen sind nett, die eine – die jüngere – sogar bedauernswert hübsch. Ob ich schon einmal über ihre Worte vom letzten Mal nachgedacht hätte, daß es nur einen Gott gebe und es wichtig sei, über seinen Namen nachzusinnen. Ich antworte – und das ist schon der Fehler –, daß ich ständig über diese Fragen nachsinne … und schon beginnt die „Debatte“, die Bibel wird gezückt, Verse vorgelesen und immer wieder versuche ich mit einem „aber“ einen Fuß in die Tür zu bekommen, ohne sichtbaren Erfolg. Sie schauen mich etwas traurig an, finden mich wohl nicht unsympathisch und immerhin aufgeschlossener als die meisten, sehen aber meine arme Seele schon im Höllenfeuer brutzeln.

Aber plötzlich hellt sich das Gesicht der jungen Schönheit auf: sie hatte die Schrift auf meinem Kapuzenpullover gelesen: „Nur noch ein Gott kann uns retten“, steht darauf. Plötzlich schien ich doch einer von ihnen zu sein. Sie stimmten begeistert zu.

Nun war es meine Aufgabe, ein paar Dinge richtig zu stellen. Daß es sich um jenen berühmten Satz Martin Heideggers handelte – den sie natürlich nicht kannten: weder den Gedanken noch den Denker –, war ihnen nicht bewußt, sie hatten es auch übersehen. Heidegger hatte den Satz in sein berühmtes Nachlaß-Spiegel-Interview eingeflochten, Augstein – der Interviewpartner – hatte den Satz fast ein bißchen aus ihm herausgelockt und provoziert, jedenfalls überschrieb man zehn Jahre später, nach Heideggers Tod 1976, das wohl wichtigste Gespräch in der gesamten Geschichte des Journals just mit diesen Zeilen: „Nur noch ein Gott kann uns retten“.

Die Zeugen zogen daraus Optimismus: sie sahen darin eine weitere Ankündigung des kommenden Gottes, der sie dann und die ganze Welt erlösen würde. Ich wies sie darauf hin, daß Heidegger ausdrücklich nicht von „dem“, sondern von „einem“ Gott sprach – ein Gedanke, der die Fassungsgabe der beiden Damen sichtbar herausforderte. Darüber hinaus muß man diesen Gedanken – so erklärte ich – wohl eher pessimistisch und realistisch lesen: wir haben uns, als Menschen, in eine Situation hineinmanövriert, aus der wir uns am eigenen Zopf nicht mehr herausziehen können. Die Lage ist so aussichtslos, daß es eine Rettung nur noch von außen geben kann und daß wir damit rechnen müssen, daß dies nicht geschehen wird.

Heidegger fügte den enigmatischen Worten – was meistens vergessen wird – an: „Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und im Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang; daß wir im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen.“

An ihren Gesichtern konnte ich die kognitive Dissonanz gut erkennen. Der Grundton wollte den beiden nicht behagen, aber das Apokalyptische daran sagte diesen Untergangsjunkies – immer wieder errechneten die Vordenker dieser Kirche konkrete Armageddon-Szenarien – wiederum zu und überhaupt waren sie es nicht gewohnt, unterrichtet  zu werden, sondern stets darauf bedacht, selbst zu belehren und zu bekehren.

Aber noch konnte ich sie nicht entlassen und rief auch noch den folgenden Gedanken herauf: „Wir können den Gott nicht herbeidenken, wir vermögen höchstens die Bereitschaft der Erwartung zu wecken.“ Am Ende seines Lebens, so hatte ich diese Zeilen immer verstanden, rang Heidegger – geborener Katholik, nach langjähriger religiöser Abstinenz zu Ende seines Lebens in den geistigen Schoß der Kirche zurückkehrend – mit dem Gedanken der Aussichtslosigkeit, nicht nur seines Denkens, sondern allen menschlichen Tuns überhaupt. Seine Rückkehr in den Katholizismus war eine formale: die Existenzevidenz des oder eines Gottes war ihm abhanden gekommen. Stattdessen schien ihm die Vormacht des Ge-Stells, der Technik ein schlagender Beweis für unser gottloses Sein. Im Grunde dachte Heidegger hier sehr konventionell, so wie Millionen einfacher Menschen, er dachte theodizeeistisch: Wie kann es einen Gott geben, der so viel Leid zuläßt?

Die Theodizee-Frage war übrigens der geheime Antrieb des Interviews von Seiten des Fragenden, denn Leid wurde in der Bundesrepublik und wird bis heute meist mit „Auschwitz“ übersetzt. Augstein wollte Heidegger das lang ersehnte Geständnis, die Entschuldigung entlocken. Viele wollten das: kurz nach dem Interview kam es zu jenem legendären Treffen mit Celan, der ähnliche Ambitionen hegte und Heideggers wohl kryptische Antworten in ebenso kryptische Poesie goß: das berühmte Gedicht „Todesfuge“, darin die emblematischen Zeilen „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

Aus dem Spannungsdreieck Adorno – Heidegger – Celan sind wir Deutschen seither nie mehr entlassen worden.

Heidegger weigerte sich auch Augstein gegenüber das Spiel mitzuspielen; er ordnete das Undenkbare, das Unfaßbare in noch größere Zusammenhänge – die des Ge-Stells und der Machenschaft – ein und lieferte damit weitere Munition, ihn auf die schwarze Liste zu setzen. 1953 hatte er bereits seine „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 unverändert herausgebracht, darin war der Satz von „der inneren Wahrheit und Größe der Bewegung” nicht getilgt worden. Er meinte – 1949 in seinen Bremer Vorträgen (GA 79) – das Wesen des Nationalsozialismus im „mathematisch-technischen Denken“ ausmachen zu können, nannte den Ackerbau „eine jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben“. Über die Bedeutung von „im Wesen das Selbe“ ließe sich trefflich philosophieren. Es ist nicht das Gleiche.

Das alles überforderte natürlich meine beiden Damen. Ich begann zudem zu frieren, denn es war eisig kalt an diesem Abend. Sie nahmen dies als Vorwand, das Gespräch zu beenden, nicht ohne mir ein Heftchen in die Hand zu drücken und noch ein paar mahnende Worte mitzugeben. Seither – das ist jetzt drei Monate her – hat es nicht mehr geklingelt.

Heute aber lese ich die Zeitung und lese hier von Crash und dort von Katastrophe, von weitreichenden Änderungen des politischen Systems und aufkommenden Diktatoren mitten in der unionsneuropäischen Demokratie, vor allem aber von immer mehr Toten und Erkrankten und frage mich: Wer soll uns noch retten? Statt das Unmögliche zu versuchen, sich am eigenen Zopf aus der Misere zu ziehen oder uns wenigstens harrend auf die Abwesenheit des Gottes vorzubereiten, treiben wir das Geschäft der Angst und des Todes voran. Man könnte sich wieder fragen: Ist Journalismus eine motorisierte Skandalindustrie?  Ist es „im Wesen das Selbe“?

16 Gedanken zu “Nur noch ein Gott?

  1. Natürlich ist allen Nahtodeserfahrungen gemeinsam, dass man eben noch nicht ganz tot war.

    Aber die Erlebnisse, an der Decke zu schweben, runterzuschauen, und dabei auch alle Gedanken und Gefühle aller anwesenden Personen lesen zu können, deuten auf ein erweitertes, losgelöstes Bewusstsein hin, welches während dieser Phase in den Vordergrund tritt.

    Eine Bekannte, die das erlebte, fragte ich, ob wirklich wir als unser Ego-Ich da rausgehen, oder ob uns nur so etwas wie ein Symbiont, ein Parasit verlässt (Seele), und wir derweil auf der Pritsche und in der Kiste in der Grube vergammeln.

    Sie sagte, nein, das sind wir, wir selbst, mit allen Stärken, Schwächen, Vorlieben, Abneigungen, Überzeugungen.

    Wir gehen raus, mit einem nahtlos fortgesetzen Bewusstsein, aber von Sorgen und Schmerzen befreit.

    Klingt nicht nach Aufgehen im grossen anonymen Nichts…..

    Seidwalk: Ja, wie Sie so schön sagen: Klingt nicht

    Liken

  2. Unter meinen drei deutschen Lieblingsphilosophen des 20. Jahrhunderts (neben Max Horkheimer und Carl Schmitt) war Heidegger eindeutig der herausragendste Kopf. „Sein und Zeit“ ist zurecht ein Klassiker, der in seiner vollständigen Bedeutung vielleicht noch nicht angemessen erkannt wurde, auch wenn man es häufig nennt. Das ist so ähnlich wie mit Hegel, wobei Heidegger einfach genial schreibt, während der Normalsterbliche sich bei der Lektüre von Hegel gezwungen sieht, Bücher mit dem Titel „Hegel verstehen“, „Was meinte Hegel?“ oder „Dieser PflHegel: Alle stilistisch versteckten sexuellen Anspielungen, auf die sie im Traum nicht gekommen wären“.

    Es steht wohl außer Frage, dass missionierendes Fußvolk – egal ob es von Tür zu Tür Wachtürme oder vor Einkaufszentren kostenlos Korane verteilt – für den gemeinen Bildungsbürger als Gesprächspartner auf Augenhöhe wegfällt, erst Recht wenn man mit Heidegger kommt, der – so mein Eindruck – in anderen Ländern mehr geschätzt wird als in Deutschland, was wohl mit seiner einstigen Begeisterung für den Führer zu tun hat. Das erinnert in gewisser Weise an den großen Staatsphilosophen Carl Schmitt. Dass solch kluge Köpfe sich zu einem gewissen Lebenszeitpunkt auch mal irren konnten, wäre heutzutage noch schwieriger zu tolerieren – sofern man nicht selber ein Comedien/Kabarettist ist (und auch die sind nicht vor Kritik gefeit). Schmitts Vorliebe für jugoslawische Frauen z.B. hat ihm privat einiges an ernstlichen Scherereien gebracht. Der Mann war offenbar nur begrenzt vorurteilsbehaftet, denn auch wenn man ihm Antisemitismus unterstellt, so wissen wir nichts über einen Antislawismus: Dass er einer kroatischen Heiratsschwindlerin aufsaß (deren Nachnamen er zeitweis trug), hinderte ihn jedenfalls nicht daran, später eine Serbin zu heiraten.
    Wir fassen zusammen: Hinterher ist man immer schlauer, aber bis dahin muss man manchmal halt auch einfach dusselig sein. Heideggers „Gestell“ // Horkheimers „instrumentelle Vernunft“ hat nichs von seiner Aktualität eingebüßt, im Gegenteil. Ergänzend und bislang nur von wenigen wie Zygmunt Bauman erkannt kommt auch unser Hang zur Eindeutigkeit was einhergeht mit dem Mangel an Ambiguität und die Fähigkeit, diese auszuhalten, was auch eine Intoleranz gegenüber Ansichten zur Folge hat, die vom jeweils herrschenden Mainstream als „ketzerisch“ empfunden werden. Man wird eher dazu gedrängt, deutlich zu machen, was genau man denn gemeint habe.

    Ich bemerkte an anderer Stelle einmal, dass Heidegger insbesondere in der arabischen und persischen zeitgenössischen Philosophie sehr hoch im Kurs steht.
    Der originellste der muslimischen Philosophen im deutschsprachigen Raum – Ahmad Milad Karimi –, der zu Heidegger (und Hegel) promovierte, verweist in seinem lesenswerten Buch „Warum es Gott nicht gibt und er doch ist“ häufig auf ihn. Man kann ihn in der Tat unterschiedlich verstehen und lesen. Für Sartre war Heidegger, der einen bedeutenden Einfluss auf Frankreichs Intellektuelle ausübte, ein „atheistischer Existentialist“. John Gray schreibt über ihn, dass er „ein Ungläubiger war, der von christlichen Hoffnungen nicht ablassen konnte.“ Hans-Georg Gadamer schrieb Heidegger zwar den katholisch-theologischen Background zu, sah jedoch dessen Weg als von der Theologie wegführend. Andere wiederum, wie Istvan Fehér sprechen Heidegger eine vorhandene religiöse Gesinnung durchaus zu. Ich persönlich erkenne in seinen Ausführungen über das Sein vieles auch bei al-Ghazali, ibn Rushd und ibn Arabi anklingt. Sicher ist: Würde man „Sein und Zeit“ einem Ibn Arabi vorlesen, würde dieser sich ernstlich nickend über seinen Bart streichen, bemerken, dass es sich hier um kluge Worte eines weisen Mannes handelt und einen Gottessegen auf ihn sprechen – auch da ohnehin für ihn (wie auch für die anderen maßgeblichen Mystiker) der ehrlich nach Wahrheit strebende errettet ist, unabhängig vom Ergebnis: Denn wie der in Münster lehrende Ali Ghandour festhält:

    „Für Ibn al-ʿArabī (gest. 1240) und die Anhänger seiner Schule sind alle Glaubensvorstellungen selbstverständlich von den Menschen erschaffen. Sogar das, was wir Gott nennen […] denn unsere Vorstellung ist immer nur unser Produkt. Das göttliche Wesen jedoch transzendiert alle Vorstellungen über Es.

    Aber da Ibn al-ʿArabī ein nicht-duales Weltbild vertritt, führt er deswegen die verschiedenen Glaubensvorstellungen über Gott auf die Zeit und den Kontext zurück, weil für ihn die Zeit und der Kontext selbst Manifestationen der göttlichen Eigenschaften sind. Auch der Atheist ist von dieser Einheit nicht ausgeschlossen. Die Negierung der Existenz Gottes hat in der Theologie Ibn al-ʿArabīs zwei Gründe. Der erste Grund ist, dass der Atheismus eine Konsequenz des göttlichen Namens al-Bāṭin (der Verborgene) ist. Da Gott der Verborgene ist, muss es auch Verwirklichungen dieses Namens in der Welt geben. Provokativer gesagt: Auch der Atheismus hat seine Daseinsberechtigung auf der Ebene der nicht normierten Wirklichkeit (ḥaqīqa). Der zweite Grund ist die Natur des Sein-Bewusstseins (wuǧūd) selbst. Die Doppelnatur dieser allumfassenden Wirklichkeit legitimiert die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt:

    „Wenn du sagen würdest, sie wäre [nur] die Welt, dann hast du recht und wenn du sagen würdest, sie wäre nicht die Welt, dann hast du ebenfalls recht und wenn du meinst, sie wäre der Wirkliche oder auch nicht der Wirkliche, dann hast du [auch in diesem Fall] recht. Sie akzeptiert all diese Bezeichnungen.“

    Sie ist somit der Grund, warum die Welt fälschlicherweise sowohl atheistisch als auch pantheistisch gedacht wurde. Die sufische Erkenntnis, deren höchstes Ziel es ist, diesen Wissensgegenstand zu ergründen, versteht sich deswegen als rechte Erkenntnis, weil sie die Doppelnatur dieses großen Rahmens des Seins versteht. Sie ist in der Lage, das Ewige vom Zeitlichen zu unterscheiden, indem sie die verschiedenen Relationen zwischen den göttlichen Namen begreift. 2

    Für Ibn al-ʿArabī gibt es keine Erscheinung im Sein-Bewusstsein (wuǧūd), die nicht auf Eigenschaften Gottes zurückzuführen ist.“ („Die theologische Erkenntnislehre Ibn al-Arabis“).

    Man kann nur hoffen, dass die modernen pseudereligiösen Eiferer, seien es Salafisten oder eine jener aus der protestantischen Sprengung der Hierarchie entstandenen Sekten (a la Zeugen Jehovas oder sonstiger Erweckungsbewegungen, die in Südamerika, Ostasien und Schwarzafrika ihr Unwesen treiben) nur eine vorübergehende Begleiterscheinung der Moderne sind. Ob man sich freilich Weltanschauungen wie Ibn Arabis oder – als europäisches Äquivalent Spinoza – anschließen kann, weil sie einerseits das Böse eher als postnatale Komplikation denn als genetischen Fehler deuten und sowohl Trost als auch breitestmögliche Toleranz vermitteln, ist eine andere Sache, eine Abwägung zwischen Herz und Verstand.

    Liken

  3. Niavis schreibt:

    Ist Journalismus eine motorisierte Skandalindustrie?
    Da Technik-Journalismus ein Teilbereich meines Studiums war, würde ich diese Frage eindeutig bejahen. Der Mensch ist durch die Technik berechenbar, verrechenbar und beherrschbar geworden. Da braucht man sich bloß mit den Umfragewerten beschäftigen. Wie werden Mehrheiten geschaffen? Natürlich durch den Einsatz von Technik. Ich glaube auch nicht, dass wir so einfach aus dem Bannkreis der Technik herauskommen werden. Die Hippibewegungen etc. waren ja nur marginale Spielereien.
    Von daher hoffe ich auch auf eine göttliche Intervention. In Form von Naturgesetzen dürfte sie nicht sein. Wenn ich das mittelalterliche Zeitintervall von 1000 Jahren mit dem heutigen Zeitalter der Technik vergleiche, dann hätten wir 800 Jahre noch vor uns, bevor es zum Epochenwechsel kommen würde.
    Die Frage: Wie kann es einen Gott geben, der so viel Leid zulässt? Stellte ich mir früher auch. Vielleicht entsprach es auch meinem mittelalterlichen Denken, Gott zu Verdinglichen, als ein „großartiges“ und „mächtiges Sein“ zu betrachten.

    Liken

  4. Stefanie schreibt:

    Wenn man aber davon ausgeht, davon ausgeht, das die meisten Menschen eben diese Sicherheit in der Ideologie suchen, sie geradezu zu brauchen scheinen, wäre unter diesem Gesichtspunkt ein Gebet oder eine Wallfahrt zur heiligen Corona
    https://www.domradio.de/themen/corona/2020-03-20/die-gekroente-reliquien-von-st-corona-liegen-aachen?amp

    Nicht wenigstens weniger schädlich, als sein Heil in Virostatika und unerprobten Impfstoffen zu suchen? Und kommen Sie mir nicht damit, wie die Kirche früher Angst geschürt und sich als Retter gegen bare Münze generiert hat: diese Funktion scheint einfach an andere Institutionen übergegangen zu sein-Eben dieses WHO/RKI/Pharma- Gestell. All diese Institutionen müssen erst noch liefern, zeigen, daß ihre Mittel tatsächlich wirksamer sind, als die der Religion (d.h. ein Placebo) .
    Für Sie mag das keine Option sein, Sie können wohl mit der Wahrheit leben, aber sonst scheinen die 99% ganz froh darüber zu sein teil der Herde zu werden, die Immunität liefern soll.

    Eine kleine Anekdote dazu: Vor ein paar Tagen ging ich nach dem Tanken zum Bezahlen den üblichen Weg Richtung Kasse. Ein einzelner Kunde stand vor mir – man konnte bequem Abstand halte. Da raunzte mich die Kassierin an, ich solle andersherum gehen. Auf den Boden waren Pfeile gemalt, die mich an Bierkästen und Kühlregal vorbei durch den halben Laden zur Kasse lotsten. Das ganze kam mir vor, wie ein merkwürdiges Ritual, eine Art Prozession, die das böse Virus bannen sollte. Die Kassiererin trug weder Handschuhe noch Mundschutz, noch desinfizierte sie die von mir entgegengenommen Geldscheine, ansonsten aber war sie durch die ordnungsgemäße Ladendurchquerung besänftigt.

    Liken

  5. Pérégrinateur schreibt:

    Religion? – „Ick bün all hier!“

    Die Situation ist wohl jedem bekannt. Die eifrigen Proselytenmacher sind nicht zu bremsen, weil sie ein inneres Gefühl antreibt, das gegenüber jedem Einwand immun ist., Überdies sind die Klinkenputzer anscheinend nie gebildet. Man bekommt da, notorisch seit 200 Jahren und mehr widerlegte Gottesbeweise serviert, manchmal denselben mehrfach im selben Gespräch. Immerhin scheinen sie inzwischen beim “intelligent design” angekommen zu sein, während in meiner Jugend die Schöpfungsgeschichte noch wörtlich aufgefasst wurde und deshalb eine 6000-jährige Erde behauptet wurde.

    In nur einem Gespräch habe ich einen Wirkungstreffer erzielt. Die Wortführerin „bewies“ mittels der vielen essbaren Früchte und des für uns gewöhnlich nicht giftigen Tierfleisches und anderem, dass die Welt von einem menschenfürsorglichen Gott eingerichtet worden sein müsse. Ich konterte mit dem Argument der Evolution und fügte hinzu, deren Anpassungsleistung brauche aber oft viel Zeit. Das menschliche Kniegelenk zum Beispiel sei aus der Designperspektive ein ziemlicher Murks. Die Begleiterin stimmt spontan zu, „Ja, da haben Sie allerdings recht!“ (Und diese Arme tat sich also an, fleißig über harte Siedlungsstraßen zu gehen und auch noch viertelstundenweise und länger vor Häusern zu stehen, in die man sie nicht einließ!) Im weiteren Gespräch rügte sie sogar die Wortführerin, diese solle doch ein schon abgewiesenes Argument nicht wiederholen, weil ich das doch nicht gelten ließe. Zu solchem Perspektivenwechsel sind die meisten Zeugen gar nicht fähig.

    Eine Freundin von mir hat einmal unverhofft Vergrämung bewirkt. Man trug auch ihr das Argument mit den essbaren Tieren vor, worauf sie antwortete, wir könnten das Fleisch der Tiere deshalb essen, weil wir mit ihnen verwandt seien. Daraufhin schauten die Missionarinnen, als hätte man ihnen den Kannibalismus anempfohlen und gingen gleich. Diese Replik hat bei mir aber nie verfangen; probieren Sie es aus, vielleicht haben Sie mehr Glück!

    Immerhin ist den „Bibelforschern“ zugute zu halten, dass sie das Alte Testament, mit wie stark auch immer durch Traktätchenlektüre vorgeprägten Blick, noch lesen. Bei den lauen Mehrheitschristen gähnen da gewöhnlich Abgründe des Nichtwissens. Es werden dann sogar die Stammväter verwechselt usw. Wenn man die obwaltende sozialdiakonische Einstellung abzieht, dann ist auch der transzendental-religiöse Gehalt dieses Christentums am Verdämmern. Besonders die evangelische Kirche ist ein taube Nuss, die eine Füllung nurmehr von außen durch modehafte Sozialarbeiterideologie erfährt.

    Wer weiß, was da alles stattdessen nachkommt; denn die meisten Menschen mögen ohne Ideologie, die ein Gefühl der Gewissheit und Sicherheit verschafft, nicht leben.

    Liken

  6. Leonore schreibt:

    Allein schon für die Beschreibung des „Gesprächs“ mit den Zeugen Jehovas hat sich das Hereinschauen wieder mal gelohnt.

    Die ketzerisch-mutigen letzten beiden Sätze graben sich auch dann ins Gedächtnis und Gemüt ein, wenn man gar nicht der Meinung ist, daß die Ausnutzung der Corona-Krise durch Politiker und Bänkster zu ihren Zwecken ein Beweis für die Irrelevanz des Virus wäre.

    Zum Heidegger-Zitat (das vor wenigen Jahren in Frageform zu einem Buchtitel wurde): Warum nur stellten weder Heidegger noch Lichtmesz das „noch“ nicht – inhaltlich viel besser passend und eindeutiger und klanglich/rhythmisch viel schöner – vor „retten“? – „Noch ein Gott“, also ein weiterer, ist ja nun gewiß nicht gemeint!

    Jaja, eine müßige Frage…. – Aber die Schönheit fordert ihr Recht: Ich habe mich schon ein paarmal beim unwillkürlichen „Fälschen“ des Zitats, also beim Umstellen des Wörtchens im Zitat ertappt und hätte so gern irgendwas, einen Grund, etwas Tiefsinniges, das ich übersehen bzw. nicht verstanden habe, das es mir leichter machen würde, dieser Versuchung zum Verfälschen zu widerstehen. Man könnte solcherlei Gedanken vielleicht auch als eine Art „Apfelbäumchen“ ansehen.

    Seidwalk: Vielleicht spielte Heidegger mit einer noch ganz anderen Idee: Man muß das „noch“ nur betonen: Nur n o c h ein Gott kann uns retten.

    Aber selbst wenn man diese Auslegung nicht mag, dann sollte man den beiden Varianten lange nachlauschen und der Unterschied wird erkennbar. Mir scheint, die Heideggersche Variante – die man als „unmusikalischer“ (oder hölderlinscher) bezeichnen könnte – drückt die Aussichtslosigkeit aus, daß der Mensch sich jemals aus den Machenschaften befreien könne. Die Satzmelodie betont ganz natürlich den „Gott“/die Abwesenheit – in Ihrer Variante käme das „retten“ zu zu viel Aufmerksamkeit.

    Liken

    • photocreatio schreibt:

      Als Antwort auf Leonore.

      Erst einmal schönen Dank, dass man das Heidegger-Zitat im Kontext lesen kann („Spiegel-Leser wissen mehr 🙂 – Mir scheint, der Satz ist ihm fast aus Versehen herausgerutscht, und dann versucht er, das Ganze zu unterfüttern. Ich deute da hinein, dass es Heidegger wie allen streng Nicht-Gläubigen es immer schwerer fiel, seinen Atheismus jeden Morgen mit sich selbst neu aushandeln zu müssen. Ich meine, auch ein Feuerbach hatte ob dieser nie endenwollende Mammutaufgabe ziemlich gestöhnt. Ich selber bin froh, mich in der frommen Blase fast wie ein Fisch im Wasser bewegen zu können, wiewohl mir klar ist, dass die Theodizee-Frage DER Fels im Meer der Gottesverneinung ist. Und selbstredend glaube ich an die 6000 Jahre Erdalter, für mehr bin ich zu kleingläubig. – Ja, und obwohl ich mit dem geschlossenen Weltbild der „Zeugen“ nicht so viel anfangen kann: im Straßenbild sind doch schon öfter ein paar nette Schnallen auszumachen…

      Liken

      • Pérégrinateur schreibt:

        Als Antwort auf photocreatio.

        Das Theodizeeprobkem ist meiner Ansicht nach kein logischer Grund für den Glaubensabfall, sondern nur ein Motiv dazu. Wenn Gott ein Faktum des Lebens ist wie die Natur, die ins umgibt, wieso sollte man ihm dann die Existenz absprechen, nur weil er einem nicht gefällig ist? Streitet man denn dem Blitz die Existenz ab, weil er Menschen erschlägt, oder den Ziegeln die ihre, weil sie manchmal vom Dach fallen und Menschen töten?

        Wenn Gott ein solches äußeres Faktum ist, dann geht er ja auch nicht weg, nur weil man ihn nicht mehr schätzt. Im Grunde ist diese Anmutung, Gott müsse uns förderlich sein, ein Ausfluss des naiven individuellen oder Gruppen-Egoismus, und die Auffassung, ihn dann auch abtun zu können, weil er einen nicht begünstigt, reichlich kindisch. Es ist im Grunde ein psychologischer Beleg für den alles dominierenden Wunsch im Glauben.

        Es gibt jedenfalls keinen logischen Grund, wieso ein supponierter Gott nicht ein Schweinehund sein sollte. Dies wurde und wird auch verstanden, wenn auch von vielen erst in Grenzsituationen, wenn das gewöhnlich imaginierte traulich-warme Zelt um sie herum zerrissen ist und sie die Mechanik des unerbittlichen Weltenlaufs erkennen, ohne oder eben auch mit supponierte Schöpfer und allmächtige Weltenherrscher:

        “As flies to wanton boys are we to the gods.
        They kill us for their sport.”

        [William Shakespeare, King Lear, IV, 1]

        http://shakespeare.mit.edu/lear/lear.4.1.html

        In älteren christlichen Vorstellungen gibt es diese gnadenlose Seite Gottes durchaus auch, man denke nur an die Doppelte Prädestination der Calvinisten, wonach eben manche Menschen geradezu so erschaffen sind, dass sie unvermeidlich der Verdammnis anheimfallen werden. Die heutigen Christen können das aber nicht einmal mehr fassen. Im Grunde denken sie, natürlich abzüglich des Spotts, wie Heine, als seine Mathilde neben seinem Totenbett für die Vergebung seiner Lästerlichkeiten betete. Er wandte sich ihr empört zu, unterbrach ihr Gebet und sagte: « N’en doute pas, ma chère, il me pardonnera; c’est son métier! »

        https://quotepark.com/fr/citations/488391-heinrich-heine-dieu-me-pardonnera-cest-son-metier/

        Es ist mir immer unplausibel erschienen, wieso ein Allmächtiger, der nun schon eine Ewigkeit (oder vielleicht auch nur 6000 Jahre?) auf dem Throne sitzt, dem wimmernden und flehenden Gewürm vor seinen Füßen willfahren und nicht vielmehr schon eine cäsarische Attitüde entwickelt haben sollte, so dass er die ewigen Belästiger ob ihrer Impertinenz geradezu noch mehr plagen möchte. Auch in dieser Hinsicht hätte Heine vernünftig gehandelt, seine Frau dem allmächtigen Verfüger nicht in den Ohren zu liegen: „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken …“

        Gefällt 1 Person

        • @ Pérégrinateur:
          Ich sehe das Theodizee-Problem ganz ähnlich und halte das auch – so es denn stimmt – für einen schwachen Punkt bei Heidegger. Mir fällt es immer schwer, einen Glaubensabfall zu akzeptieren, der sich etwa auf Auschwitz oder auf das Erdbeben von Lissabon oder auf ertrinkende Menschen im Mittelmeer oder eine korrupte Kirche o.a. beruft. Dahinter steckt eine fürchterliche Instrumentalisierung Gottes als individuellen Psychotherapeuten, denn man wechselt, wenn sich herausstellt, daß er – er mag so gut sein, wie er möchte – was „schlimmes“ getan hat. An der alles entscheidenden Frage nach der Existenz, ändert sich damit gar nichts. Wohl aber hat man ein Indiz dafür – zum Beweis reicht das allerdings nicht -, wie der Gott überhaupt in die Welt kam, denn wenn man ihn abwählen kann, so muß man ihn zuvor „gewählt“ haben können.

          Im Grunde eine Frage des Komplexes Autor-Werk-Differenz. Tatsächlich wäre ja auch die Gegenposition möglich, die man etwa im Satanismus oder in der Gnosis vorfindet: man kann den Gott anbeten und an ihn glauben, vor allem fürchten und ihm dienen, gerade weil er das Böse ist und uns ganz gezielt nur Schlechtes zukommen läßt. Ob es sich dabei nicht auch um eine psychotherapeutische Selbstbehandlung des masochistischen Charakters handelt, sei dahingestellt.

          Liken

          • Ergänzendes zu der Theodizee-Diskussion :

            Gott ist allmächtig, gut und gerecht. Doch wenn er Leid geschehen lässt ist er entweder ungerecht (was er per monotheistischer Definition ist), oder aber nicht allmächtig (dann wäre er kein Gott). Schon die rationale Theologieschule des Islams, die Mu’ateziliten hielten solch eine Deduktion für schlüssig. „Gott ist gerecht“ war eine ihrer Hauptthesen, weshalb sie natürlich rein allegorisch interpretierten. Der daraus entstandene innermuslimische Diskurs, der Jahrhunderte vor der Geburt der christliche Scholastik einsetzte, war einerseits fruchtbar, offenbarte allerdings, auf lange Sicht, die Schwächen und Begrenztheit des rational-theologischen Ansatzes, weshalb man diese Frage auch – die christliche Scholastik lag da noch in den Geburtswehen – sowohl philosophisch als auch mystisch von islamischer Seite aus für geklärt betrachtete und wesentliche Grundfragen (Universalien, Jenseits, Vorherbestimmung) als offen und unklärbar betrachtete, mit denen man sich vor allem deshalb beschäftigte, um den Verstand zu schulen: Kenne alle Argumente, und findest du eine Schwäche, verfeinere sie.

            Dass die Theodizee vor allem im Christentum ein großes Problem darstellt (bei jenen, die an die ewige Wiederkunft glauben, stellt sich die Frage ohnehin nicht), hat auch mit spezifisch christlichen Doktrinen zu tun, bzw. ist die Folge davon, dass sich das nizäanische Dogma durchsetzte. Das sollte man bei all dem im Hinterkopf behalten. Für einen Theisten, der keine Erbsünde kennt, mit dem Skandal der Partikularität nichts anzufangen weiß und einer Priesterschaft, die über Zauberkräfte verfügt (Kirchenbann) und durch Liturgien und Zeremonien den Zugang zur Wahrheit lenkt ohnehin ablehnend gegenübersteht, und keiner Reformation bedarf, um den Ablasshandel abzuschaffen, weil er nie davon gehört hat – der hat zumindest einige Sorgen weniger.

            Mit anderen Worten: Das kirchliche Dogma machte es den Leuten – erst Recht nach dem Aufschwung der Wissenschaft – äußerst leicht, das Thema Religion ad acta zu legen. Wer die 6.000 Jahre wörtlich nimmt, kommt argumentativ leicht in Schwierigkeiten. Wer allerdings mit Offenbarungstexten wie „ein Tag bei deinem Herrn ist wie tausend Jahre nach eurer Berechnung“ („tausend“ steht für keine bestimmte Zahl) zu tun hat, versteht den ganzen Wirbel um das Thema nicht. Mögen heute viele Eiferer religionsübergreifend Darwin verteufeln, so stellte auch die Abstammung vom Affen gläubige Muslime früher vor weniger Probleme als den heutigen Mainstream. Ibn Chaldūn (gest. 1406), immerhin nicht nur Philosoph sondern auch Rechtsgelehrter der malikitischen Schule des Islams, gab im 14. Jahrhundert nichts wirklich bahnbrechendes von sich, als er in seinem Geschichtswerk lediglich den Forschungsstand von arabischen/persischen Botanikern wiedergab:

            „In dieser Welt der Schöpfungen und Entstehungen bedeutet dieses „Verbunden-Sein“, dass die Dinge auf der letzten Stufe einer Gruppe das Potenzial haben, sich in die Dinge auf der ersten Stufe der nächsten Gruppe hin zu entwickeln. So breitete sich die Tierwelt aus, die Zahl der Tierarten nahm zu, und der stufenweise Prozess der Schöpfung führte schließlich zum Menschen, der zu denken und zu reflektieren vermag. Diese höhere Stufe des Menschen wurde erreicht aus der Welt der Affen, die zwar Klugheit und Wahrnehmung haben, aber noch nicht das Vermögen des aktuellen Denkens und Reflektierens erreicht haben. An diesem Punkt ist die erste Stufe des Menschen erreicht.“ (aus der „Muqaddima“)

            Man kann hier den Koran-Vers „Ich bin dabei, einen Menschen zu erschaffen“ auch contra der creatio ex nihilo als stufenweisen Prozess lesen (kann, nicht muss, denn Religion ist immer, was die Menschen draus machen. Erinnern wir uns an den Satz des Geistlichen aus „Die Ritter der Kokosnuss“, nachdem er über die „heilige Handgranate von Antiochia“ vorliest: „Wer sich schuldig macht in meinem Namen, soll sehen, was er davon hat.“

            Die christliche Scholastik, die auch durch die Rezeption mit arabischen Werken entstand, hatte zumindest den bis dahin ablehnenden Blick auf Gelehrsamkeit in der Kirche geändert. Symptomatisch dafür stehen zwei bedeutende Päpste und deren Verhältnis zur Wissenschaft, der eine lebte vor Muhammads Mission, der andere zur Blütezeit des Emirats von Cordoba: Gregor der Große (gest. 604) und Papst Silvester II (gest.1003), der in Cordoba (und wohl auch Sevilla) Mathematik studierte.

            Leider (aus einer christlichen Sicht) rezipierte man in Europa vor allem Ibn Rushd, was für den bis dato fehlenden aristotelischen Rationalismus im Christentum sicherlich nützlich war, jedoch auf lange Sicht zu einem mechanistischen Gottesbild führte und sich identitäre Katholiken heute zwar eine Rückbesinnung wünschen, aber Schwierigkeiten haben zu erklären, wieweit man in die Geschichte zurückreisen sollte, denn die Scholastik samt jenen „Gottesbeweisen“ kann heute schwerlich jemanden überzeugen. Dass in der islamischen Welt im 13. Jahrhundert jener Aristotelismus bereits als überholt galt bzw. kritisiert wurde, ist ein Grund, wieso sich dort eine Balance zwischen Aristoteles und Platon und sagen wir zwischen „offenbarter und rationaler Weisheit“ lange Zeit erhielt. Aber wie Oswand Spengler nun mal lehrte, sind Zivilisationsleistungen nicht von Dauer.

            Konkret zur Theodizee:

            Das von mir unten von Ibn al-Arabi (gest. 1240) zitierte, also der Atheismus als Manifestation des göttlichen Namens „der Verborgene“ erstreckt sich, konsequent zuende gedacht, natürlich auch auf alle 99 koranischen Namen Gottes. Und wenn Gott „der Liebende“, „der Gebende“, aber auch der „Herabsetzende“ und der „Schöpfer von Not“ ist, so manifestiert sich das auch in der Schöpfung. Ähnlich wie bei Spinoza gibt es natürlich einen weitaus größeren Kontext, der dem Menschen verborgen bleibt. Dies mag der Sinn des prophetischen Ausspruches sein, wonach „jene gerettet sind, die den Sinn der göttlichen Namen verstanden haben“.

            Eine andere islamische Sichtweise legt den Fokus auf die Schöpfungsgeschichte selbst, die klassischerweise als Gleichnis verstanden wird: Im koranischen Prolog hinterfragen die Engel den Sinn der Erschaffung des Menschen, „der Leid und Verderben bringt“. In dieser Sichtweise lautet die Pointe, dass es Gott ist, der an die Menschen glaubt. Mit den Worten von Muhammad Iqbal (gest. 1938) gesprochen, der den Sündenfall interpretiert:

            „So sehen wir also, dass die koranische Legende des Falls nichts mit dem ersten Auftreten des Menschen auf diesem Planeten zu tun hat. Ihr Zweck besteht eher darin, den Aufstieg des Menschen vom ursprünglichen Zustand des instinktiven Appetits zum bewussten Besitz eines freien Selbst, das fähig ist, zu zweifeln und ungehorsam zu sein, anzuzeigen. Der Fall meint in keinster Weise moralische Verderbtheit; es handelt sich dabei vielmehr um den Übergang des Menschen vom einfachen Bewusstsein zum ersten Aufleuchten von Selbst-Bewusstsein – in gewisser Weise das Aufwachen aus dem Traum der Natur mit dem Pulsschlag der persönlichen Verursachung im eigenen Sein. Ebensowenig betrachtet der Koran die Erde als Folterkeller, wo eine zutiefst verruchte Menschheit für das Begehen einer Erbsünde eingesperrt wird. Für den Menschen war der erste Akt des Ungehorsams auch der erste Akt des freien Willens, und deswegen wurde Adams erster Verstoß gemäß der koranischen Erzählung vergeben. Tugend ist keine Sache des Zwangs. Es handelt sich dabei um die freiwillige Hingabe des Selbst an das moralische Ideal und ersteht aus einer so gewollten Zusammenarbeit freier Egos. Ein Wesen, dessen Bewegungen wie bei einer Maschine vorherbestimmt sind, kann keine Tugend hervorbringen. Freiheit ist daher eine Bedingung für Tugend. Doch das Entstehen eines begrenzten Egos zu erlauben, dass die Macht hat, eine Wahl zu treffen, nachdem es die relativen Werte verschiedener Arten zu handeln, die ihm offenstehen, bedacht hat, bedeutet in der Tat, ein großes Risiko einzugehen. Denn die Freiheit, das Gute zu wählen, beinhaltet ebenso die Freiheit, sich für das zu entscheiden, was das Gegenteil von „Gut“ ist. Dass Gott dieses Risiko auf sich genommen hat, zeigt Seinen tiefen Glauben an den Menschen. Nun ist der Mensch aufgerufen, diesen Glauben zu rechtfertigen. Vielleicht macht es nur ein solches Risiko möglich, die Fähigkeiten zu entwickeln, das in „schönster Gestalt“ geschaffen und dann zum „Niedrigsten der Niedrigen“ verworfen wurde (95:4-5)“

            Sofern es wie in der obigen Lesart Gott ist, der an den Menschen (weiterhin) glaubt, so muss es sich wahrlich um einen unerschütterlichen Glauben handeln. Ein Glück, dass nicht Peregrinateur oder meine Wenigkeit das Sagen haben. Der Gedanke, bei dem neueren Virus handelt es sich um eine natürliche Reaktion gegen das eigentliche Virus Mensch, ist nämlich allzu verführerisch.

            Mit anderen Worten: Es liegt an uns selbst. Bei genauerer Betrachtung ist ohnehin das menschengemachte Leid auf dieser Erde auf Maßlosigkeit und Hochmut zurückzuführen, egal in welchem Aspekt. und viele Kriege entstehen bei genauerer Betrachtung durch Penisneid. Und sooweit ich mich zu erinnern glauben, gehören zwei dieser Dinge zu den Todsünden, die seit jeher religionsübergreifend immer wieder ermahnt werden. Freilich ist es der größte Erfolg unseres Egos, die Tugend an sich unattraktiv erscheinen zu lassen.

            Ich fand dies alles nur deshalb erwähnenswert, weil man bei aller Religionskritik als europäischer Kulturpolit womöglich dazu geneigt ist, Argumente gegen das kirchliche Dogma mit Argumenten gegen Religion an sich gleichzusetzen.

            Was mich persönlich angeht: Auf einer Skala zwischen einer von Dawkins angehauchten Überzeugung, wonach der Mensch als evolutionärer Denkfehler sich seinen Gott ausdachte, einfach weil er feststellte, dass er an der Spitze der Nahrungskette stand und die Welt so empfand, als „sei sie für ihn gemacht“ bis hin zu einer Ansicht, dass genau dieser menschliche Durst nach dem Göttlichen eher ein Beleg dafür ist, dass das Göttliche existiert, habe ich im Grunde schon alles mögliche geglaubt samt Zwischentöne. Ich aber beschloss in diesem Moment, Politiker zu werden, daher sage ich dazu: „Ich gebe keine Wasserstandsmeldungen ab.“

            Gefällt 1 Person

            • Als Antwort auf Tarik.

              Das ist das Problem mit „Glaubensidentitären“. Sie sind nicht nur (wie ein vernünftiger, nicht materialistischer Mensch) mit einem spirituellen Hintergrund beseelt. Vielmehr identifizieren sie sich mit Zugehörigkeit zu einer Religion essentiell. Ihrer und anderer Wohl und Wehe hängen vom richtigen Glaubensbekenntnis ab.
              Richtig kompromißlos wird es vor allem mit Angehörigen des Christentums und dessen großen Bruders, des Judentums. In deren Glaubensidentität, wenn sie ernsthaft Bekennende sind, ist das Empfinden, allzeit (natürlich zu unrecht) verfolgt zu werden, tief eingebrannt. Das ist ein bestimmendes Element der Selberverortung nicht nur des Judentums, sondern auch des Christentums, das endzeitlicher Naherwartung entsprechend auch in der Erwartung einer großen Verfolgung der Rechtgläubigen, also ihrer selbst, lebt. Verfolgt und diskriminiert zu werden, ist Zeichen, daß man dem richtigen Glauben angehört, der eben verfolgt wird, weil es der richtige Glaube ist. In diesem Lichte stehend, wähnt man überall Verfolgungen, auch von Leuten, denen das schlicht schnurzpiepegal ist.

              Der Hinweis, daß nicht wenige der Worte und Taten Jesu gar nicht von ihm stammen, sondern ihm nachträglich zugeschrieben wurden, läuft gewiß ins Leere bei Leuten, die sklavisch auf ein simples Buch fixiert leben, dessen Wahrheit in allen Aspekten als unhinterfragbar erachtet wird.
              Dem entsprechend versucht man verzweifelt, uralten, gar nicht mehr aktuellen Kamellen etwas für das eigene Leben oder die eigene Zeit abzugewinnen und liegt damit natürlich (wie schon seit 2000 Jahren) falsch.

              Ich verweise auf den Theologen Gerd Lüdemann, der zu eben jenem Jesuswort („Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich.“) auf Paulus im 1. Kor 15,51 verweist: „Alle werden wir nicht entschlafen, alle aber verwandelt werden.“ Darauf folgt bei Paulus eine Beschreibung des Weltendes mit Gerichtsposaune, Totenerweckung usw. Darin spiegele sich die damals vorherrschende Erwartung des nahen Weltendes und der Ankunft des Messias wieder. Offenbar rechnete man damals tatsächlich damit, daß noch einige bis zum Weltende am Leben bleiben würden.
              Im 1. Thess 4,15 schreibt Paulus dem entsprechend: „Denn das sagen wir euch in einem Worte des Herrn, daß wir, die wir leben und bis zur Wiederkunft des Herrn übrigbleiben, den Entschlafenen nicht zuvorkommen werden.“

              Liken

            • Michael B. schreibt:

              Als Antwort auf Tarik.

              > wonach der Mensch als evolutionärer Denkfehler sich seinen Gott ausdachte, einfach weil er feststellte, dass er an der Spitze der Nahrungskette stand und die Welt so empfand, als „sei sie für ihn gemacht“

              Das mag ja eines Ihrer geglaubten Dinge [gewesen] sein, nur – wo ist hier Dawkins?

              Liken

              • Die Verschulung in der modernen Welt hat vermutlich in großer Zahl Menschen zu einem „verkopften“ Leben gezwungen, die aufgrund ihrer seelischen Veranlagung daraus wenig Nutzen gezogen oder gar Schaden genommen haben. Ich meine natürliche Praktiker, also Typen, die Handwerker, Bauern, Jäger, Krieger etc. geworden wären, weil sie für die abstrakt-intellektuelle Ebene schlicht keinen Kopf haben und für ihre natürliche Entwicklung auch gar nicht brauchen.
                Ich halte es zudem für einen Trugschluß, daß jeder Mensch lesen und schreiben können müßte, der insbesondere die Gleichsetzung des Analphabetismus mit Dummheit beinhaltet. Für viele ist dies lediglich ein Einfallstor für allen möglichen Unsinn, weil sie nicht zugleich zu denken lernen, wofür ihnen wegen andersartiger Verlanlagung auch die Eignung fehlt. Die Auswüchse dieser Entwicklung sehen wir überdeutlich, vor allem in der Beeinflußbarkeit der Masse der Menschen, welche die Flut der Informationen nicht zu sortieren und angemessen zu reflektieren in der Lage sind, daher also zum Glaubenmüssen gezwungen sind. Entsprechend befinden wir uns eigentlich in einer „postrationalen“ Epoche, die von Ideologien und verschiedensten religionsartigen Weltanschauungssystemen geprägt ist. Diese setzen sich jeweils aus einer Reihe weltentfremdeter Glaubensätze zusammen, die nicht durchschaut werden und von denen ausgehend man sich abstrakt und intuitionslos Vorstellungen der Welt bildet, welche aber die Realität der Menschen komplett darstellen (neuerdings spricht man von „Filterblasen“). Dies ist der Gegensatz zu einer intuitiven, auf Wahrnehmung und Ahnung fußenden Erschließung der Welt, die Kindern und, wie ich meine, auch urtümlichen Völkern zueigen ist.

                Insbesondere hat die Alphabetisierung die Religion ruiniert. Durch die Verbreitung der Bibel im Volk, von allen zu lesen, wurde das Christentum von einer Volksreligion zu einer abstrakten Sache gewandelt, die mit dem Verstand erfaßt werden muß. Bis dahin lebten die Menschen überwiegend noch in der (im Kern heidnischen) Glaubenswelt eines Naturvolkes mit einer natürlichen Frömmigkeit, die das Höhere intuitiv ahnt und die immateriellen Hintergründe bisweilen konkret wahrnimmt (etwa Naturgeister). Das Christentum bildete eher einen oberflächlichen Firnis und wurde, aus Erzählungen übernommen, in die eigene Glaubenswelt sinnvoll eingebaut.
                Indem das verstandesmäßige Bibelstudium, das zuvor einer dünnen Schicht seelisch und mental dafür geeigneter priesterlicher Typen vorbehalten war, breiteren Bevölkerungsteilen eröffnet wurde, verbreiteten sich zwei Extreme: ein Frömmlertum, das sich durch Entfremdung von der natürlichen (intuitiven und angeborenen) Religiosität und durch eine sterile, stupide, pharisäherhafte Schriftgläubigkeit auszeichenet, sowie eine vernichtende Bibelkritik, welche die ihrem Wesen nach mythologischen, aber als historisch behaupteten (!) Grundlagen des Christentums als irrational und unhistorisch, bisweilen sogar als von Menschenhand erfunden entlarvt (rational natürlich völlig nachvollziehbar und sachlich korrekt).
                Die natürliche (kindliche, aber nicht kindische) Religiosität, die keiner Beweise bedarf, sondern frei heraus die höhere Natur der Welt anerkennt und sich darnach ausrichtet, wurde durch ein verkopftes Religionssystem überdeckt, das anhand der Bibel belegt und durch dogmatische Theologiegebäude aufgebaut wird. Diese axiomatischen Glaubensgrundlagen halten wiederum einer textkritischen Betrachtung durch jene, welche das Religionssystem auch auf eine nachweisbare Grundlage zurückführen wollen, nicht stand. Dem Christentum wurde dadurch, durch Entwurzelung und Entfremdung, im Abendland weithin der Boden entzogen. Zurück bleibt eine Masse verkopfter Menschen, die ohne Orientierung sind und keinen natürlichen Zugang mehr zur Welt und zum Leben haben. Die Schule gehört zu diesem Zustand und ist durch Intensivierung oder Veränderung der hinter den Lehrplänen stehenden weltanschaulichen Systeme natürlich nicht in der Lage, ihn zu beheben.

                Liken

                • Michael B. schreibt:

                  > Die Auswüchse dieser Entwicklung sehen wir überdeutlich, vor allem in der Beeinflußbarkeit der Masse der Menschen, welche die Flut der Informationen nicht zu sortieren und angemessen zu reflektieren in der Lage sind,

                  Dann muss man aber auch ueber die Beeinflussbarkeit durch Analphabetismus reden, ein Thema was eigentlich zur Genuege abgehandelt wurde. Kenntnis von Schrift ist also nicht nur unnoetig, sondern ihre Unkenntnis sogar zwingende Voraussetzung fuer diese spezifischen Formen von Beeinflussung.

                  Liken

      • Michael B. schreibt:

        Als Antwort auf photocreatio.

        > dass es Heidegger wie allen streng Nicht-Gläubigen es immer schwerer fiel, seinen Atheismus jeden Morgen mit sich selbst neu aushandeln zu müssen.

        Das ist schon eine gewagte Aussage…

        Liken

        • Angst ist der verbindende Faktor zwischen den Erfindern solcher Systeme und der Herde der Konsumenten bzw. Gläubigen.
          Seelisch betrachtet sind das Herdenwesen, die von Natur aus unselbständig, von anderen und voneinander abhängig sind und unkämpferisch. Gefühlswelt und Verhalten ähneln mehr dem eines Opfers bzw. „Beutetieres“: passiv empfangend bzw. reagierend statt agierend, zudem sicherheitsbedürftig und ängstlich. Daher die Neigung, sich simplen Glaubenssystemen anzudienen, die man unhinterfragt adaptieren und zurückspiegeln kann. Diese müssen entsprechend so konzipiert sein, daß latente Ängste angeregt und gestillt werden. Solche Menschen (zu denen auch der Typus „Massenmensch“ zählt) lassen sich formen, weil sie selbst nicht formgebend sind.

          Darüber hinaus sollte Angst als Antrieb des Menschen nicht überschätzt bzw. verallgemeinert werden. Es gibt durchaus Typen, die nicht angstbestimmt sind bzw. sich zur Angst anders stellen und sie dominieren (und somit an sich dominieren), statt dominiert zu werden.

          Da wir eine gewisse Willensfreiheit haben, steht uns prinzipiell der Umgang mit der Angst frei. Es ist uns möglich, aus der Angst herauszutreten und sie durch einen in uns liegenden geistigen Beobachter gleichsam als von unserem eigentlichen Selbst abgelösten Gegenstand zu betrachten, sie so abzuwickeln und Handlungsfreiheit zu gewinnen. (Ernst Jünger schreibt dazu einiges in dem Buch „Der Waldgang“, zu dem freilich nur ganz wenige in der geistigen Lage sind.)

          Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.