Vorurteile retten!

Ich hatte mich verkalkuliert – mit meiner Blase. Unmittelbar vor der Grenzkontrolle in Nickelsdorf drückt sie unangenehm im langen Stau. Man ist auch ein wenig aufgeregt, weiß ja nicht, was einen am Schlagbaum in diesen panischen Stunden erwartet. Also fahren wir an der Raststätte raus und parken unmittelbar hinter der Tankstelle.

Genau an dieser Stelle hatten wir schon einmal ein paar interessante Erlebnisse.  Es weht ein genius loci über diesem Ort.

Seit zwei Stunden ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden. Wir finden einen freien Parkplatz zwischen zwei Wagen mit bulgarischem Kennzeichen. Meine Vorurteilslampe blinkt für einen kurzen Moment auf, aber die Blase ist stärker und sendet ein „Ach was!“ ans Hirn.

Linker Hand steht ein älterer Mann über seiner Motorhaube und prüft seinen Ölstand. Das Auto rechts hat die Fenster geöffnet – es dringen Rauchschwaden heraus. Vorn auf dem Beifahrersitz flätzt eine mittelältliche Frau, hinten ein junger Mann über sein Handy gebeugt. Zumindest hatte ich es als Handy wahrgenommen.

Noch einmal blinkt die Alarmlampe auf: Seltsam: da fährt man hunderte Kilometer bis auf einen Rastplatz und bleibt dann ostentativ im Auto sitzen? Sollte es keinen Drang geben, sich zu bewegen. Ich strecke und recke mich und eile Richtung Toilette.

Die Bulgaren – meine bulgarischen Leser mögen entschuldigen, wenn ich diese Personen nach dem Nummernschild benenne; auf deutschen Seiten konkreter zu werden, versagt der gute Ton. Die Bulgaren also besprechen etwas, bleiben aber wie verwurzelt sitzen, während der Mann auf der anderen Seite noch immer seinen Ölstab rauf und runter schiebt.

Meine Frau kramt noch im Auto herum. Wir haben es uns seit langem angewöhnt, Geld und Papiere immer im Rucksack am Mann zu haben. Ich rufe ihr etwas gereizt – die Blase – zu, sie solle sich doch beeilen, aber sie winkt mir, daß ich zugehen solle und sie gleich nach käme.

Somit erfahre ich den Kern des Geschehens erst im Nachhinein, als ich erleichtert an der Theke stehe und eine Käsekreiner bestelle. Von hier habe ich das Auto im Blick. Meine Frau kommt hereingeeilt, ihre Körperhaltung verrät mir, daß sie noch immer nicht auf der Toilette war. Sie zischt mir zu: Geh schnell zum Auto! Ich schaue sie erstaunt an und gehorche sofort.

Am Auto ist alles in Ordnung. Genüßlich esse ich meine Semmel und umkreise derweil den Wagen. Die Bulgaren sitzen noch immer im Auto mit geöffneten Fenstern und Türen – offensichtlich hat dieser Menschenschlag keinen Bewegungsdrang. Der ältere Mann ist verschwunden und kommt wenig später zurück. Aber er fährt nicht weiter.

Als wir dann wieder im Auto sitzen und uns im Schneckentempo dem Schlagbaum nähern, kann ich endlich meine Frau fragen, was denn nun passiert sei. Sie selbst hat die eigentliche Tragweite noch gar nicht erfaßt.

Sie hatte, sagte sie mir, ein schlechtes Gefühl, das Auto allein stehen zu lassen, nachdem ich verschwunden war. Aber auch ihr Über-Ich wollte sie für ihre Vorurteile bestrafen und befahl ihr den Weggang. Aber dann – sie weiß nicht mehr, was es war: ein seltsames Geräusch? Eine Ahnung? Oder doch die Vorurteile? – aber dann drehte sie sich noch einmal um und schaute zum Auto zurück und bekam einen fürchterlichen Schreck. Alle vier Autofenster waren heruntergelassen, offen. Verwundert eilte sie zum Wagen zurück, setzte sich hinein und ließ die Fenster hoch. Erst als sie mich durch die Scheibe im Verkaufsraum sah, eilte sie hinein und flüsterte mir dringlich den Auftrag ins Ohr, zum Auto zu gehen.

Unser erster Impuls war: Wie kann das sein? Haben wir die Fenster aufgelassen? Wir haben das Auto noch nicht allzu lange, sind noch nicht mit allen technischen Neuheiten vertraut. Aber alle vier? Ich wüßte gar nicht, wie das gehen soll. Vielleicht ein technischer Defekt?

Dann dämmert es. Plötzlich kommt mir auch in Erinnerung, daß ich einen seltsamen Laut gehört hatte, als ich zum Auto zurückeilte. Es klang, als würden die Bulgaren die Fenster ihres Wagens schließen und ich dachte noch: Ist ja lustig, jetzt denken die Bulgaren in ihrer Klapperkiste schon, daß ich, der Deutsche, aus ihrem Auto was klauen könnte? Was das Geräusch war, kann ich nicht sagen, es klang jedenfalls seltsam.

Vermutlich stammte es von einem technischen Gerät, über das der junge Mann auf dem Rücksitz gebeugt saß. Irgendetwas leuchtete. Mit diesem Instrument hatten die „Bulgaren“ via Funksignal unseren Schlüssel geblockt und die Autoscheiben geöffnet. Es hatten wohl nur wenige Wimpernschläge gefehlt, bis meine Frau um die Ecke, aus Sichtweite gewesen wäre und gierige Hände hätten von links und rechts in unserem Auto nach Werthaftem gesucht. Sie hätten dort nichts gefunden, aber sie wären wohl auch dreist genug gewesen, den Kofferraum zu öffnen, vielleicht beide Rechner zu stehlen und was weiß ich.

Danach hätten sie sich zurück in ihr Auto gesetzt, die Scheiben wieder hochgefahren, so als wäre nichts geschehen. Wir hätten von alldem nichts bemerkt, wären über die Grenze gefahren und vier Stunden später aus allen Wolken gefallen. Zu dem materiellen Verlust wäre die kognitive Dissonanz gekommen, vor einem unerklärlichen Mysterium zu stehen.

Gerettet haben uns allein unsere lebendigen Vorurteile.

siehe auch: Europäische Szenen
An der Grenze

Ein Gedanke zu “Vorurteile retten!

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Eine Freundin wollte bei ihrem Freund in dessen Wohnung mit Sack und Pack einziehen. Er erwähnte dies nebenbei einem langjährigen nichtbulgarischen Musizierfreund gegenüber, dessen smala nicht am burgenreichen Mittelrhein und nicht auf Malepartus ansässig ist. Dieser Musizierfreund machte nun ein Freundschaftsangebot, dessen Preis aber meiner Freundin im Vergleich zu einem Umzug wenige Jahre früher ungewöhnlich hoch erschien. Ein daraufhin bei einem x-beliebigen Umzugsunternehmen erfragtes Angebot war knapp halb so teuer.

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