Denkanstöße – Sloterdijk

Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Stil, mit der Welt unzufrieden zu sein, und eine selbstbewußt gewordene Unzufriedenheit mit der Welt trägt den Keim einer Kultur in sich. Ohne Zweifel zeigt die heutige Unzufriedenheit mit der Welt panische Züge. Wer nicht panisch ist, ist nicht auf dem laufenden – er lebt im Abseits von der Epoche, in irgendwelchen Höhlen der Ungleichzeitigkeit, verschont, sich schonend. Um sich von der Panik fernzuhalten, müßte man fähig sein, an einem kleinen Glück zu bauen und sich durch naheliegende Sorgen von den globalen Problemen ablenken zu lassen. Aber Immunität gegen Panik ist selten geworden: so selten wie authentische Weltfremdheit. Wer auf der Höhe der Zeit lebt, ist vom Schrecken kontaminiert.

Um sich von der Panik fernzuhalten, müßte man fähig sein, an einem kleinen Glück zu bauen. Man müßte noch das alte psychische Immunsystem haben, das sich durch naheliegende Sorgen vor großen Fragen schützt. Aber Immunität gegen Panik ist zur Seltenheit geworden – genauso wie authentische Weltfremdheit. Wer Zeitung liest und Pilze ißt, ist schon kontaminiert.

Das alles sagt, daß Panik keine massenpsychologische Fehlreaktion, auch keine persönliche Nervensache darstellt. Sie ist, um klassisch zu reden, eine Verfassung des objektiven Geistes, sie artikuliert eine adäquate Beziehung des Intellekts zu den Sachen, und wenn der Geist angesichts dessen, was ihm aufgeht, aus der Fassung gerät, so hat er in der Sache recht.

In der Panik geht uns ein Grundzug der Wahrheit über den gegenwärtigen geschichtlichen Augenblick auf, mehr noch, ein Aspekt der Wahrheit über die brüchige Geschichtlichkeit zeitgenössischer Existenz. Wenn die Panik uns erfaßt, so ist uns deutlich geworden, wie die geschichtliche Zeit in uns vergeht: derart, daß an ihrem Ende so gut wie nichts geschehen sein wird. Unsere Geschichte – alles, was wir sind und haben – wird eines nicht allzufernen Tages für niemanden mehr geschehen sein. Deswegen kommt Panik auf – und ist, sofern sie aufkommt, die intelligente Tönung des Augenblicks, in dem uns aufleuchtet, wie für uns die Zeit ins So-gut-wie-nicht-Gewesene verrinnt. Geschehen wäre mit uns nur dann etwas, wenn es eine Zukunft gibt, die ihre Vergangenheit – unsere Gegenwart – als ihre Herkunft festhält. Solches Festhalten war bisher die große Arbeit der zivilisatorischen Einbildungskraft, die dafür sorgte, daß das Gewesene „geschehen blieb“. Geschehen bleiben heißt: in Gedächtnisse eingehen. Weil wir aber das Ausbleiben einer Zukunft, die sich an uns erinnert, nicht ausschließen können, dringt die Panik als unvermeidlicher Zug in die Signatur der Gegenwart ein.

In Panik erfahren wir den Grundzug der Wahrheit über den geschichtlichen Augenblick der endenden Modernität – mehr noch, der Wahrheit über Geschichte schlechthin. Wenn uns Panik erfaßt, so enthält sie das Entsetzen darüber, daß unsere Zeit in einer Weise abläuft, daß an ihrem Ende nichts geschehen sein wird. Panik erfüllt den Augenblick, in dem uns aufgeht, daß für uns die Zeit ausgeht. Geschehen wäre in dieser Zeit nur dann etwas, wenn es eine Zukunft gäbe, die ihre Vergangenheit als Herkunft festhalten könnte; solches Festhalten war bisher die Arbeit der zivilisatorischen Einbildungskraft, die dafür sorgt, daß das Vergangene geschehen blieb. Vor dem Blick der Panik aber zerfällt die Zukunft, und aus der herkömmlichen historischen Vergänglichkeit der Dinge wird mit einem Mal eine panische Vergänglichkeit, eine vernichtende Zerstäubung. Es ist, als ob sich ein schwarzes Loch in der Zeit auftäte, in dem die Zeit selbst verschwindet. Panik ist die Art und Weise, wie das Ende der Zeiten bereits im Lauf der Zeit da ist.

Quelle: Peter Sloterdijk:
Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik. 1989
Wieviel Katastrophe braucht der Mensch? 1987

3 Gedanken zu “Denkanstöße – Sloterdijk

  1. Alte füllen die Krankenhäuser anstatt zuhause zu sterben weil unsere Gesellschaft mit dem Tod überhaupt nicht mehr umgehen kann und die biologische Realität von brechender und verrottender Materie nicht akzeptiert. Ich gebe wie immer den Boomern die Schuld, die uns versucht haben mit USK und FSK zu denselben infantilen Vollidioten zu machen die sie selbst sind um genau so vertrottelt durch das Leben zu stolpern und von der nächsten Schicht an bürokratischen Verwaltern, Umverteilern und Marktschreiern ausgebeutet zu werden.

    Jetzt sind sie dran mit dem Sterben und das kommt ihnen ja so ungelegen weil irgendwas muss doch noch gehen in einem Leben wo eigentlich alles was wichtig gewesen wäre unvollendet ist. Ich erinnere mich an einen Artikel von Social Matter, der mittlerweile verschollen ist, der anhand eines Artikels in der New York Times ausführt wie Babyboomer zwei Generationen enttäuschen. Der NYT Artikel handelte von Boomern die sich um ihre Enkelkinder kümmern müssen, weil die drogenabhängige Tochter einen Bastard bekommen hat um den zu kümmern sie nicht in der Lage ist. Das kommt diesen Boomern sehr ungelegen da sie eigentlich in ihrer zweiten Jugend nachdem das eigene Kind aus dem Haus ist auf Reisen gehen wollten. Du findest also sofort heraus wie das eigene Kind ein drogenabhängiger Problemfall werden konnte. Nichts ist für diese Leute ernst, es gibt keine Entwicklung, es gibt kein heranwachsen und es gibt keinen Anfang, Höhepunkt und Ende. Leute in ihren 40ern trauern jetzt um ihre durch die Krankheit verstorbenen Eltern als ob hier noch etwas kommen würde. Wer ein Kind hat dessen Erziehung zu einem erwachsenen Menschen mit spätestens 20 Jahren nicht abgeschlossen ist würde es auch nicht mehr fertig bringen wenn er 1000 Jahre dafür hätte. Ironisch dass der mittelalterliche Mensch vom ewigen Leben im Himmelreich ausging und damit auch ewig gelebt hat, während der moderne Mensch mit 90 Jahren den Großteil seiner Zeit in einem Zustand von Abhängigkeit und Krankheit vegetiert, denn Tod ohne Religion ist eben nur tot.

    Und deswegen klammern sie sich an die Bettpfanne und Sterbenskranke füllen Krankenhauskapazitäten die dann für andere Patienten fehlen,

    Das trägt auch dazu bei dass das Bild was die viehische Masse vom Gesundheitswesen hat bröckelt und motiviert die jetzigen Generationen hoffentlich dazu mehr Eigenverantwortung zu übernehmen wenn sie mitkriegen wie beschränkt moderne Medizin gegenüber Banalitäten wie Grippeviren eigentlich ist. Der Boomer denkt nämlich zum Großteil, was meine persönliche Erfahrung mit bekannten Ärzten und Patienten gezeigt hat, gleichzeitig allerdings auch nur anekdotische Evidenz und persönliche Bias ist, dass Ärzte irgendwie nur dafür Leben ihnen persönlich zu helfen und an dieses Meme der Halbgötter in Weiß glauben. Und kannst einen Boomer haben der ein Leben lang ungesund gelebt hat und nun unter Kreislaufproblemen leidet und der denkt Doktor So und So sei ja eine Koryphäe auf dem Gebiet der Herz- Kreislauferkrankungen und der würde das schon alles richten. Nein Boomer, der Doktor So und So sieht Patienten wie ein Barkeeper Kunden und wenn du ihm unter der Hand wegstirbst wird er fünf Minuten später nicht mehr darüber nachdenken aus denselben Gründen warum du ihn für eine Koryphäe hältst; weil er eben schon so lange Arzt ist.

    O buhu, meine Oma ist jetzt Matschi Matschi im warmen Krankenhaus, und mir ist das alles wieder nicht gut genug wäh wäh wäh.

    Und alle Jüngeren werden enden wie ein scheiß Pakikind auf der Straße oder als Katzenscheiße, weil sie sich das El Santa Muerte Paket von dem Sodomiten Spahn gar nicht leisten können.

    Kann sich jemand noch an Tele-Dauerwerbesendungen im Fernsehen erinnern? Das ging Jahrzehnte gut, Boomern mit schlecht synchronisiertem Englisch Scheiße wie Abnehmpillen oder Bauchtrainer anzudrehen und all diesen anderen kindischen Blödsinn im Gedanken man könne die eisernen Gesetze der Natur wie No Pain No Gain mit ner Pille umgehen und wie Arni aussehen mit elektrischen Bauchvibrationen.

    Diese Volltrottel haben es echt gefressen. Und genau diese scheiß Mentalität ist es, warum die alle mit Drogen und Blutverdünner und Shit vollgepumpt sind, wahrscheinlich sind diese 50er-Jahre Futurismusutopien Schuld und der ganze Luxus mit Weiß- und Braunwaren.

    Und jetzt enden sie selber als Braunware und wieder wird nur gejammert.

    Dabei ist der Tod ist sexy, macht den nicesten chemischen Moschee-Entferner aus mir, den man sich vorstellen kann. /Testament Ende

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  2. Michael B. schreibt:

    So unterschiedlich ist das. Ich kann mit dem skizzierten Gefuehl ueberhaupt nichts anfangen. Das beginnt mit dem „Ende der Modernitaet“. Ich weiss nicht, was das heissen soll, ist ‚die Moderne‘ gemeint? Schon zu der habe ich keine wesentlichen Bezugspunkte. Nicht zu ihrer Kunst, die ich selten verstehe. Obwohl ich mich da immer einmal von durchaus kundigen Leuten versucht habe, einfuehren zu lassen. Die ganzen zugrundeliegenden Artefakte – sofern ich die identifizieren kann – bleiben mir fremd.

    Weiter geht es mit dem erlaeuterten Panikbegriff, speziell dem zu Beginn des Artikels gezeichneten. Der ist noch nah am bekannten ‚modernen‘ Medientypischen, das sich zu > 95% am Katastrophalen und Aufregertum entlanghangelt oder eher schon als seinen Daseinszweck definiert (und Honig daraus zu ziehen versucht). Damit setze ich mich gelegentlich auseinander (meinetwegen mit diesem Virus) – aber es gibt andere Interessen, die davon voellig unberuehrt sind (Zeit geht dabei natuerlich schon weg, selbstgewaehlt als auch aufgezwungen). Diese sind aber keineswegs zwingend ‚kleines Glueck‘:

    „Um sich von der Panik fernzuhalten, müßte man fähig sein, an einem kleinen Glück zu bauen und sich durch naheliegende Sorgen von den globalen Problemen ablenken zu lassen.“

    Es gibt doch viel mehr Dinge, die konzentrierte und erfuellende Beschaeftigung mit ihnen erzeugen als irgendeine Spitzwegidylle. Die haben es gar nicht noetig, sich derart durch Kleinmachen abzugrenzen.

    Das abschliessende schwarze Loch ist nun gar nichts Neues. Angst vor der Vergaenglichkeit durchzieht die Jahrhunderte – auch davon sind verschiedene Leute verschieden betroffen.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Eine Wortdehnungsübung. Panik bezeichnet, so wie das Wort gewöhnlich verwendet wird, ein Verhalten der Gegenwärtigkeit und des furchtvollen Blicks auf die unmittelbare Zukunft, reflexionsfrei und erst recht frei von jedem Gedanken des späteren Rückblicks auf die eigene Zeit. Kein Grieche war je panisch, weil er bangte, was ein künftiger Thukydides über ihn dereinst schreiben oder nicht schreiben würde.

    Der Satz über Zeitungen und Pilze ist freilich recht amüsant. Jedoch ist vom in Tschernobyl freigesetzten radioaktiven Caesium und Strontium heute nur noch weniger als die Hälfte erhalten. Eine ähnliche Betrachtung könnte man vielleicht über Zeitungsauflagen anstellen.

    Seidwalk: Ich hatte diese Reaktion von Ihnen erwartet – Sie sind eben taub auf diesem Ohr – so wie ich es auf dem anderen bin; daher sind Ihre Kritiken an Stringenz- oder Kategorienfehlern meist berechtigt. Sie mögen diesen Sound nicht, mit dem Sloterdijk – vor allem der frühe – spielte. Das geht offenbar vielen Leuten so; mittlerweile akzeptiere ich das ohne Widerspruch und habe nur ein bedauerndes Lächeln dafür übrig, wie bei einem Weinverächter etwa, dem diese faszinierende Welt ewig verschlossen bleiben wird. Ich hingegen liebe ihn, diesen Sound und diesen Denker, vor 30 Jahren war er fast wie eine Offenbarung und er hat bei mir immer den gleichen Effekt – heute weniger, als früher: das Alter -: er schaltet die Synapsen neu, ich empfinde ihn synästhetisch und sehe/höre/rieche/denke mehr als beim Silvesterfeuerwerk.

    Daß nun allerdings Sloterdijk hier von der modernen Panik spricht, die ganz anders als die griechische konstituiert ist, geht aus den Textpassagen eindeutig hervor. Sie beziehen sich – die Pilze verraten es – auf Harrisburg und Tschernobyl. Ich fand das Experiment, sie in einen aktuelleren Kontext wirken zu lassen, sinnvoll

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