An der Grenze

Puh, das war knapp! Hals über Kopf haben wir Deutschland verlassen, um wieder nach Ungarn zu kommen. Überall machten die Länder dicht, auch die Ungarn hatten begonnen, an den Übergängen zu kontrollieren, jeden Moment konnte gänzlich Schluß sein.

Einen kurzen Moment überlegen wir, ob es nicht besser wäre, einen der kleinen Übergänge zu nehmen und etwa bei Sopron ins Land zu kommen. Glücklicherweise haben wir diese kompliziertere Option abgewählt – der Grenzübergang war, wie ich im Nachhinein erfuhr, bereits geschlossen.

Vor Nickelsdorf stauen sich die Autos. Klar, jetzt weiß plötzlich jeder, wo sein Platz ist. Der Versuch, die Reisetätigkeit zu minimieren, führt zuerst zu einer panischen Massenflucht aus der Fremde und wohl auch zur weiteren Verbreitung des Virus. Der Begriff Heimat – auch wenn viele Sprachen das Wort nicht kennen – bekommt wieder einen Sinn. Und wenn es nicht die Heimat ist – wie bei uns – dann ist es eben der richtige Platz.

In Deutschland hatten wir von Kollegen Nachrichten bekommen, wir sollten doch gleich zu Hause bleiben. Hier würde sowieso bald alles schließen oder runterfahren und da könne man doch froh sein, einen außerplanmäßigen Urlaub zu bekommen. Aber so ticken wir nicht: Es warten in den letzten Monaten in Ungarn noch einige Aufgaben auf uns, die müssen erledigt werden und also geht es zurück.

Wir stehen anderthalb Stunden an der Grenze. Rechts die Trucks, links die PKW. Beide kommen  in gleichem Tempo voran. Was würden die ungarischen Polizisten verlangen?

Endlich stehen wir vor ihnen. Sie tragen Atemmasken, grüßen freundlich, werfen einen flüchtigen Blick auf unsere Ausweise. Da wir sie auf Ungarisch begrüßt hatten, sprechen sie auch Ungarisch mit uns und – wie oft in diesen Situationen – im ganz normalen schnellen Slangungarisch. Da kommt man schnell an die Grenzen des Verstehens. Als sie das bemerken, fragte einer von ihnen: Kommen Sie aus Deutschland? – Ja – Waren Sie in Italien? – Nein. Das war´s.

Wir werden durchgewunken. Einer schreibt sich noch etwas in seinen Block. Die Autonummer? Oder streicht er auf einer Liste etwas ab? Tickt das D an?

Kurz zuvor hatten die Behörden bekannt gegeben, daß Einreisende aus China, dem Iran, Südkorea und Italien das Land nicht mehr betreten dürften. Zum Zeitpunkt unserer Rückfahrt, war die Hälfte aller Infizierten im Land Iraner oder Ungarn, die mit diesen Kontakt hatten.

An der Raststätte Nickelsdorf – der Ort vieler Abenteuer; davon später mehr – stehen wir am Tresen und bestellen eine Käsekreiner. Hinter uns hören wir italienische Stimmen. Die Leute sind bester Laune. Der Aral-Mann hinter der Theke fragt sie sogleich, ob sie Italiener seien. Sie lachen und winken ab: Si, si, italiano, ist das lustig! – Sie wissen offensichtlich noch nicht, daß sie in wenigen Minuten in Schwierigkeiten sein dürften, sofern sie die Frage am Schlagbaum wahrheitsgemäß beantworten und nicht unter italienischem Kennzeichen, mit entsprechenden Pässen fahren. Obwohl: die Pässe wurden eigentlich gar nicht kontrolliert, wir hatten sie nach guter alter ostdeutscher Manier den Beamten nur freiwillig unter die Nase gehalten. Erschrocken stammelt der Mann im gelben Hemd „Uristen“ („Herr Gott“) und gibt sich damit als Ungar zu erkennen. Nachdem er die Italiener bedient hat, wechselt er die Handschuhe und desinfiziert seine Theke.

Was ist nun der Sinn einer solchen Grenzkontrolle? Man läßt tausende Menschen warten und stellt ihnen dann eine einzige Frage, die sie nach Gewissensentscheidung beantworten können. Käme ich aus Italien und wollte dringend nach Ungarn, hätte ich dann wahrheitsgemäß geantwortet, um dann evtl. umkehren oder zwei Wochen in einer gekachelten Zelle ausharren zu müssen? Gewissensfrage.

Kurz und gut: diese Art Grenzkontrolle ist nichts anderes als Aktionismus. Um ein italienisches Kennzeichen herauszufischen, braucht man keine kilometerlangen Autoschlangen. Und auf die aufrichtige Beantwortung einer Frage zu hoffen, ist naiv. Den Verkehr derart zu behindern, gibt vielleicht ein gutes Gefühl, etwas getan zu haben. Sehr sinnvoll scheint es nicht zu sein.

Und wer nun seine antiungarischen Affekte ausleben möchte, dem hänge ich eine Wortmeldung eines deutschen Zeitungslesers an, die mich überhaupt erst angeregt hat, unsere Erfahrungen zu schildern:

„INKOMPETENZ DURCH UND DURCH. Bin gerade über einen ab 8.00 Uhr gesperrten Grenzübergang von Österreich nach Deutschland eingeteilt. 2 Stunden Rückstau, ein völlig überforderte BGS Beamter mit abgenutzt Einweghanschuhen ohne Atemschutz stellte stammln Fragen, die keinem weiterhelfen…. Keine Fiebermessung, keine Fragen zum Gesundheitheitszustand oder der örtlichen Herkunft…alle werden nach diesem rein seuchenmedizinisch sinnlosen Akt nach 2h Wartezeit durchgewunken. Was sagt uns das jetzt? Wir schaffen das schon!”

Krisenmanagement als Beschäftigungs- und Beruhigungsmittel. Aktionismus, um die eigene Ohnmacht zu betäuben. Aber was sonst könnte man tun?

Dieser Mann weiß, was er tut. © Die Welt 16.3.2020

2 Gedanken zu “An der Grenze

  1. Und in toter Augen Glanz
    Tanzen wir den Totentanz
    Massengräber füllen sich
    Corona wir grüßen dich

    Die gesamte verkackte Infrastruktur und alles andere sind so gemacht, daß sie dem ALLERLETZTEN Glied in der Kette dienen – dem verfickten Glasknochen-Zwerg der NICHTS vorzuweisen hat außer seiner Maximal-Behinderung und seinem widerwärtigen Körpergeruch.
    Alles muß heute so gebaut werden, daß der Herr Mikrospast bitteschön mit seinem 20k €-HighTek-Rollstuhl bequem bis in den Zahnarztstuhl, den ICE oder die Kloschüssel hineinrollern kann.
    Medikamente werden entwickelt, Prothesen und alle möglichen Sachen, die AUSSCHLIESSLICH dafür gebraucht werden, um solche Ballastexistenzen durchzuschleifen.

    Und die blubbern, quaken oder rülpsen nicht etwa „Dankeschön“, sondern sie FORDERN immer mehr . Mehr Rechte, mehr Teilhabe, mehr Rücksicht, mehr Aufmerksamkeit, MEHR GLÜCK! IMMER! MEHR!
    Die wollen daß Du Dich scheiße fühlst, weil sie selber Scheiße sind und weil es eben aus deren Sicht nazi ist NICHT Scheiße zu sein. Und sie klauen Dir Lebensqualität und -zeit, von dem Anblick & weiteren Zumutungen ganz zu schweigen.

    Also – warum haßt die eigentlich nicht eigentlich Jeder? Daran sieht man, wie hirngefickt der gemeine Homo sapiens inzwischen ist, nach nur ein paar Generationen in der Fettlebe.
    Neulich schrieb Jemand, es wäre heute wohl ein Menschenrecht, glücklich zu sein, und daß noch vor 100 Jahren überhaupt kein Mensch auch nur auf die Idee gekommen wäre, so etwas einzufordern wie „Ich will mein ganzes Leben lang glücklich sein.“
    Da war man eben schon froh, einigermaßen über die Runden zu kommen.

    Und heute hast Du hier eben 8 Milliarden Nasen, denen eingetrichtert wird sie hätten das gottverdammte Recht auf ein laaaanges scheißglückliches Leben, wobei dieses einforderbare „Glück“ im allgemeinen darin besteht, in einer schäfchenweichen Bequemlichkeit und Sicherheit zu leben, von denen früher Pharaonen, Päpste & Kaiser nicht mal hätten träumen können.
    Und dann hast Du noch einen Haufen PolitikerInnen, die das umsetzen wollen, und zwar so daß auch der letzte & abgefuckteste Kackvogel von allen ein ganz prima Leben hat, all inclusive.

    Auf Dauer kann das nicht funktionieren, und vielleicht ist dieser ganze Corona-Kram einfach nur ein willkommener Vorwand um diesen ganzen Zoo voller glücksgeiler Zweibeiner mal wieder einzubremsen, bevor der Planet endgültig den Geist aufgibt.
    Mit dem erhobenen Zeigefinger der Klimagöre hat´s nicht geklappt, also hält man dem Pöbel jetzt das Thermoter an die Rübe wie eine Deagle und sagt „Oh, oh, das sieht nicht gut aus, ab in die Quarantäne.“ Nebenbei wird kurz mal die Weltwirtschaft abgefackelt, und danach leben wir dann eben wieder wie die Waltons.
    Naja, jedenfalls die meisten von „uns“.
    Die Herrschaften die jetzt den shut-down veranlassen werden sich wohl nicht nennenswert einschränken müssen.

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  2. Same here. Gerade noch nach Deutschland geschafft, bevor Montag, 8 Uhr, die Grenze dicht war. Nun in Brandenburg beim Schwesterchen am Land, homeschooling war das Hauptmotiv, aus der Enge der Wiener Wohnung weiträumig zu flüchten. Nun „Schiffbruch mit Zuschauer“ (Hans Blumenberg) und Sorge, nicht über mögliche Ansteckung, sondern ob der Geschwindigkeit der Exektution unausweichlicher, „alternativloser“ totalitärer Maßnahmen, Was kommt alles auf uns zu? Steinmeier: „Die Welt wird eine andere sein“, und das bezieht sich nicht bloß aufs Händeschütteln.

    Seidwalk: Hoffentlich in der gebundenen Ausgabe. Ich weiß nicht warum, aber Blumenberg kann ich im Suhrkamp-Taschenbuch nicht lesen. Die Texte strahlen etwas Majestätisches, etwas Edles, etwas Individuelles, etwas ganz Altes aus – sie hätten nie in diese dunkelblaue Uniform gestopft werden dürfen.

    Ach so: Alles Gute! Gruß an den Herrn Gemahl!

    Fauxelle: Danke, dem geht es gut, quasi: Altersmilde und -ironie. Ad Blumenberg: leider generationsbedingt nur in Uniform kennengelernt. Steht aber jetzt leider im Wiener Regal.

    Seidwalk: Hatte das wörtlich genommen. Klar: Brandenburg – das ist wie am anderen Ufer stehen.

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