Wir erschießen sie (nicht)

Soll ich mal was verraten? Ich fand den Witz dieser linken Tussi auf der Strategiekonferenz in Kassel eigentlich ganz lustig. Sie sprach dort von einer Zeit „nach der Revolution, wenn wir ein Prozent der Reichen erschossen haben“. Aber noch besser fand ich Riexingers Reaktion, der darauf erwiderte: „Wir erschießen sie nicht, wir setzen sie für nützliche Arbeit ein.“ Genau mein Humor.

Das ist sogar dreifach originell. Zum einen konterkariert Riexinger den extremistischen Satz und hebt ihn in die Sphäre des Witzes, nicht zuletzt weil er auf die realexistente GULAG-Tradition der Kommunisten anspielte, zum anderen „will“ er damit just jene zur Arbeit schicken, die auch jetzt oft die meiste Arbeit leisten – denn Erfolg ist in unserer Gesellschaft in der Regel an Leistung gebunden und, wie Sloterdijk immer wieder betonte: diese Reichen halten mit ihren Steuern den Sozialstaat am Laufen –, während ein Großteil seiner politischen Anhänger just zu jener Schicht zählt, die es mit Arbeit nicht so hat. Man kann in beiden Äußerungen auch eine Form der Aufarbeitung der eigenen Geschichte sehen und da man es offensiv nicht kann, leistet man es ironisch und also kathartisch.

Der Witz darf keine Grenzen kennen, erst recht nicht, wenn man selbstbezüglich witzelt. Das Lachen verträgt keine Einschränkung, es ist die notwendige Entgrenzung, die jede freie Gesellschaft in ihrer Freiheit zusammenhält. Umberto Eco hatte das exemplarisch durchbuchstabiert. Man kann hier aber auch viel vom klassischen jüdischen Witz lernen. Und ja: auch über Auschwitz darf man nicht nur Gedichte schreiben, sondern auch Witze machen – wenn man dazu autorisiert und sensibel ist. Imre Kertész „Roman eines Schicksallosen“ ist nichts anderes als eine große ironische Leiderzählung.

Ich bin es jedenfalls leid, jeden Text und jede Rede „vernutzend“ oder „manisch“ (Kubitschek) zu lesen, immer nur auf der Suche nach dem Skandal – „Der hat gesagt!“ – und ohne wahrlichen Verstehenswillen.

Ich bin auch großer Anhänger des gepflegten Herrenwitzes, kann mir nicht helfen, muß lachen, wenn ich einen guten höre. Mögen die Frauen sich an Spiegelbildlichem ergötzen. Den besten gebe ich gelegentlich in ausgewählter Runde preis und er verfehlt nie seine Wirkung, obwohl er unerhört ist – hier bleibt mir das wegen des Erregungspotentials leider verwehrt. Man sollte den Witz bewußt pflegen, als Waffe.

Wenn ich bereit bin, etwa Gaulands „Vogelschiß“ so zu verstehen, wie er gemeint war, oder Höckes „Mahnmal der Schande“, dann sollte man auch bereit sein, so eine kleine ironische selbstreflexive Gewaltphantasie als solche zu nehmen. Indem wir lachen, durchbrechen wir den Teufelskreis der apriorischen Inkompatibilität. Wir klagen immer wieder über die Erregungsindustrie auf linker Seite, spulen aber den gleichen Film ab, sobald der politische Gegner sich mal verplappert. Wenn das eine häßlich und falsch ist, muß es das andere auch sein.

Denn was erreicht man damit? Man stärkt den wahren und fürchterlichsten Gegner freien Denkens und Redens: die Politische Korrektheit. Sie ist das eigentliche Übel, an ihr drohen wir – ich zumindest – zu ersticken. Wie weit sie sich bereits in das gesellschaftliche Skelett gefressen hat, zeigt, daß nun auch die linksradikale Presse – der natürliche Verbündete der Linken – Riexinger angeht, etwa mit Äußerungen wie dieser:

„Aus Kassel haben es aber keine Inhalte in die Diskussion geschafft, sondern nur unerträgliche Video-Schnipsel. Die Partei hatte zuvor gefordert, Thomas Kemmerich (FDP) hätte die Geistesgegenwart besitzen sollen, um eine Wahl sofort abzulehnen, die mit Stimmen der AfD zustande kam. Mit genau dieser spontanen Klarheit hätte Parteivorsitzender Bernd Riexinger der Diskutantin widersprechen müssen. Daß es unerträglich ist, in einem Nebensatz die Erschießung von einem Prozent der Bevölkerung als Scherz zu erwähnen. Daß es in keinem Kontext lustig ist und schon gar nicht scherzhaft gekontert werden kann.“ (Frankfurter Rundschau)

Der Schreiberling kann vor lauter Enge in der Brust die tatsächliche „spontane Klarheit“ Riexingers nicht mehr erkennen.

Die PC frißt sich immer wieder selbst auf: diejenigen, die sie als politisches Machtmittel mißbrauchen, beschneiden sich eigenhändig ihrer eigenen Ausdrucksfähigkeit. Es gibt kaum noch einen Politiker – die Gottkanzlerin ausgenommen – der sich nicht schon für einen Faux Pas entschuldigen mußte. Ein falscher Zungenschlag und eine Laufbahn kann zu Ende sein. Es entsteht eine Sprechhemmung, ein Über-Ich, das uns vollkommen verformt und im schlimmsten Fall zu Fehlleistungen führt. Es wird die Zeit kommen, da werden Leute auf der Straße wieder „Heil Hitler“ rufen – nicht, weil sie Nazis wären, sondern weil sie sich einer schweren inneren Last entledigen müssen. Danach werden sie frei sein.

5 Gedanken zu “Wir erschießen sie (nicht)

  1. Der Beitrag ist ein gelungenes Beispiel für das sog. Hufeisen-Modell: im Extremismus nähern sich Linke und Rechte an, das gilt offenbar auch für das krude „Humor“- oder Ironie-Verständnis. Wobei man bei der Tusse in Kassel mit viel gutem Willen sogar die (schlecht performte) Ironie hätte erkennen können. Vogelschiss ist ironiefrei. Egal. Ich bin eh mehr ein Anhänger des Armleuchter-Modells https://lynxblox.wordpress.com/2020/03/02/das-armleuchter-modell/

    Seidwalk: Schrammt knapp an der Niveaugrenze vorbei – wenn Sie weiterhin nur noch trollen wollen, dann schalte ich das nicht mehr frei.

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  2. Jochen Thurm schreibt:

    Das hat Klasse,lieber Seidwalk,
    auch Sie folgen dem Zeitgeist und entwickeln ihren Blog zur Satire Seite weiter.

    Die SED arbeitet mit selbstironischen Statements ihre Vergangenheit auf.
    Das ist beinahe Satire vom Feinsten.
    Sie haben nur leider die gekreuzten Finger hinter dem Rücken und den jesuitischen Vorbehalt
    in den Köpfen der SED Kader übersehen.
    Die sogenannten Linken incl. der SED haben das alles wieder und wieder praktiziert,wenn Sie
    die Macht dazu hatten.Bei jeder Form des Kollektivismus ist der Einzelne entbehrlich.
    Seit der Französischen Revolution.
    Sie tun es wieder z.B in Venezuela.

    Der Große Vorsitzende der SED (65) erwartet laut Interview mit der NZZ den Sieg des Sozialismus
    noch zu seinen Lebenszeiten.
    Das Programm für die DDR 2.0 haben die in ihren Köpfen bis ins Detail fertig.

    Z.B. die kompl. Steuerung aller Wirtschaftstätigkeit durch sogenannte Wirtschaftsräte
    Sicher auch eine selbstironische Anspielung auf die Tatsache daß dies unmöglich ist/war.

    Varianten der von Ihnen als Ironie veralberten Verfahrensvorschläge werden da nicht zu
    vermeiden sein.

    Um Missverständnissen vorzubeugen,natürlich sollen die das Alles meinen und sagen dürfen.
    Ohne jede Einschränkung.

    All die linken Mord,Totschlags/Verfolgungsphantasien im Twitter genannten linken Intranet werden
    hinterher,meist von ihren Produzenten,zur Satire erklärt(…die rechten Vollspacken
    sind zu blöd Satire zu erkennen..ha,ha.) .Das ist schon normal.

    Aber kathartische Geschichtsaufarbeitung?
    Das ist keine Satire ,bestenfalls Naivität als deren Simulation.

    2.Variante,Sie meinen das ernst.
    Ein intellektueller Offenbarungseid.

    3.Variante
    Da hat jemand unautorisiert in Ihrem Blog rumgeschrieben.

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  3. Skeptiker schreibt:

    Wer in den 70er Jahren im Umfeld der damaligen linken Renaissance aufgewachsen ist, dürfte sich an den oftmals eigenartigen Humor erinnern. Dieser zeichnete sich durch einen merkwürdig plumpen Zynismus aus. Beispiel: „Archipel Gulasch“ (da lachte das Auditorium in der rauchgeschwängerten Szenekneipe) oder der liebevolle Zuruf gegen einen dissidenten Genossen: „Eispickel, Eispickel“ (Wer versteht das noch?) Insofern steht die sich sprachlich bemüht proletarisierende Dame in einer bemerkenswerten Tradition. Was an dem Kongress so verrückt ist: liest man Weiteres über die verhandelten Themen, so hat der Kenner ein déjà-vu-Erlebnis nach dem anderen. Hat sich die Linke nicht weiterentwickelt? Wo ist ein intellektueller Ansatz, der aus dem Aporien gegenwärtigen theoretischen Stillstands herausfällt? Nichts außer Wiederholungen in der Dauerschleife. Die ernstgemeinte Korrektur des nahezu humorfreien Co-Vorsitzenden einer humorfreien linken Alt-Sekte versetzt das Ganze in die Aura der Fröhlichkeit eines billigen Rummelplatzes (in meiner Erinnerung: die Pressefeste der UZ der DKP) Während die Fehlschlüsse von der Sprache auf direkte Tatfolgen nach rechts evident erscheinen sollen, scheint hier das Prinzip „Sozialismus soll Spaß machen“ missverstanden worden zu sein. Die Verbalrevolution frisst ihre Kinder.

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  4. Pérégrinateur schreibt:

    Recht so. Der diese Haltung begleitende oder ihr sogar zugrundeliegende Glaube, das Üble kröche stets aus den Äußerungen heraus, ist wortmagisches Denken; seine weite Verbreitung zeigt an, was für Kindsköpfe viele öffentliche Figuren wirklich oder gespielt sind.

    Wo zweierlei Maß angewandt wird, sollte man das aber fleißig vorhalten.

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  5. Tommy schreibt:

    Ich stimme ihnen teilweise zu, diesen „Die 1%-Reichen erschießen“-Spruch und Riexingers Reaktion würde ich auch eher als bösen Humor mit einem Anflug von Selbstironie werten, nicht als Ausdruck tatsächlicher Absichten der Linken. Dasselbe gilt aber beileibe nicht für alle Videos, die bei dieser Konferenz entstanden sind. Wenn ein wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten ganz offen das parlamentarische System ablehnt und eine Beteiligung der Linkspartei an ihm nur zum „Staatsknete abgreifen“, zum Erlangen von Behördeninformationen (und Weitergabe an die Antifa – mit welchem Zweck?) und zur Nutzung des Parlaments als Bühne für Agitation befürwortet, also im Grunde die Position von KPD und NSDAP um 1930 vertritt, dann gibt das schon zu denken und wirft die Frage auf, wie verbreitet denn dieses Denken in der Linkspartei ist. Von daher hat die Linke m.E. eher noch Glück, dass die empörungswilligen Konservativen sich vorwiegend an dem albernen Erschießungsspruch abarbeiten, der offenkundig nicht 100% ernst gemeint war, als an diesen wirklich gravierenden Aussagen, die ein rein taktisches Verhältnis zur Verfassungsordnung offenbaren.
    Bzgl. political correctness im Allgemeinen gebe ich Ihnen Recht, es ist wirklich unsäglich, wie in Deutschland im Grunde jegliche echte Diskussion durch ewig wiederkehrende Empörungsrituale verunmöglicht wird.

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