Stuhlweißenburg

Bevor man nach Székesfehérvár reist, sollte man eine halbe Stunde in Zungenübungen investieren und lernen, den Namen der Stadt akkurat auszusprechen. Jeder Akzent muß sitzen! Andernfalls riskiert man, von jedem Ungarn mit dem man spricht, eine phonetische Lektion zu erhalten. Im phonetischen Alphabet sieht das so aus:ˈseːkɛʃfɛheːrvaːr – die deutsche Transkription vielleicht so: ßeehkeschfäheehrvaahr.

Und wenn wir von dieser schönen Stadt sprechen, dann ausschließlich von der Innenstadt. Diese ist komplett vom Sozialismus umzingelt. In den Wohnsilos wohnt wohl die Mehrzahl der 100000 Menschen.

Man kann das historische Zentrum in gut drei Stunden derart durchwandeln, daß man jedes Gäßchen, jeden Innenhof, jeden Torbogen und jeden Platz ein Mal betreten und gesehen hat. Was sich dort allerdings an Geschichte bündelt, das kann kein Mensch auf Anhieb fassen. Ihr heutiges Bild ist von der Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts geprägt, aber noch immer, wie es scheint, in den gewachsenen Strukturen, also ohne jede höhere Ordnung. Was davor stand, wurde von den Türken, die hier von 1543 bis 1688 lebten, und den damit verbundenen Kämpfen zerstört, aber auch von den türkischen Bauwerken ist nichts mehr vorhanden, nur ein paar Grundmauern eines türkischen Bades.

Wir verbringen die ersten Stunden des Wochenendes mit wahllosen Spaziergängen, um die Atmosphäre aufzunehmen. Trotz des schönen Wetters wirkt die Stadt ruhig und bedächtig. Touristen gibt es nur wenige, in den Straßencafés sitzen die Ungarn und plaudern gelassen. Im Hinterhof des Uhrenmuseums, wo jede volle Stunde ein bezauberndes Glockenspiel abläuft – ein Herold trompetet, dann treten die Heiligen Könige nebst Königinnen auf – finden wir ein kleines Café, wo man Paleo-Kuchen essen kann, also ohne Zucker und Getreide, wie in der Steinzeit: sogar Tiramisu läßt sich so backen.

In der Abendsonne steuern war dann die Hauptattraktion an, die romanische Basilika, die Krönungskirche, in der 38 ungarische Könige gekrönt und 14 bestattet wurden, am prominentesten der Heilige Stephan höchstselbst. Lange Zeit war Székesfehérvár die Hauptstadt des Reiches.

Von dem imposanten Bau sind nur noch ein paar Grundmauern übrig. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie freigelegt, ein großer Teil liegt noch immer unter bebautem Gelände verborgen. Die Kirche wurde von den Türken zerstört, die Gräber darin geplündert. Die Schätze müssen großen Wert besessen haben.

Nur eine Grabstätte blieb aus ungeklärten Gründen unversehrt. In ihr fand man die Überreste Béla des Dritten (1148-1196) nebst seiner Frau Ágnes von Antiochien (1153-1184). Dieses faszinierende Bild wurde überliefert.

Da kommt man ins Grübeln. Diese zierliche Frau gebar dem riesigen Mann sechs Kinder – sie sollte damit zur Stammutter fast aller europäischer Dynastien werden. Gut zu sehen sind die Kronen auf den nackten Schädeln und in der Hand hält Béla noch das Zepter in Gestalt eines Kruzifixes.

Auf einer Schautafel kann man verfolgen, woher die zahlreichen Gattinnen im ungarischen Königshaus kamen – aus ganz Europa, aber Ágnes hat fast den weitesten Weg hinter sich – und wohin ungarische Prinzessinnen verheiratet wurden. Hier hat die Idee Europa vielleicht ihren Ursprung und da war Vermischung an der Tagesordnung.

Aber wie muß man sich ein solches Leben vorstellen? In einer fremden Welt mit einer fremden Sprache? Wie hat das Gespons sich unterhalten? Es dürfte auch für Ágnes unendlich schwer gewesen sein, die ungarische Sprache zu erlernen. Haben die Eheleute Griechisch miteinander gesprochen oder Latein?

Die einstigen Grabstätten, die Standplätze der Sarkophage, sind mit roten Granitsteinen gekennzeichnet, einige wenige konnte man noch namentlich zuordnen. Überall fand man Knochen verstreut. Diese hatte man gesammelt – sie werden noch immer wissenschaftlich untersucht – und in einer eigens angelegten unterirdischen Kapelle in Stahlkassetten gelagert. Der Sarkophag des Heiligen Stephans steht in einer Kapelle, die nun als Kasse und Eingang dient. An ihren Wänden findet man ein farbenfrohes Fresko aus den 30er Jahren, in dem die Geschichte Ungarns kondensiert wurde. Abschluß der langen Reihe der Könige bildet übrigens Horthy – man wollte den Reichsverweser wider Willen in eine lange Kontinuität stellen.

Eine ganze Reihe an Schautafeln informiert über die lange Geschichte. Auf einer sind alle ungarischen Könige abgebildet. Davor steht eine Mutter und erklärt ihrem vielleicht zehnjährigen Mädchen begeistert jeden einzelnen. Die Kleine will die Tortur abkürzen und fragt – Interesse heuchelnd – welcher denn der letzte König gewesen sei. Prompt kommt die Antwort: Karl IV., ein Habsburger. Aber die clevere Strategie ging nach hinten los, denn nun, da die Mutter glaubt, das Kind interessiere sich für die Könige, setzt sie umso begeisterter fort, bis sie endlich bemerkt, daß das Mädel schon weitergegangen ist.

Auch wir brauchen nach so viel Geschichtsstoff einen Szenenwechsel und gehen ins örtliche Heilbad, keine fünf Minuten entfernt. Das Árpád-Bad ist ein schöner Sezessionsbau und überrascht innen durch eine sehr angenehme Stimmung. Viele Jahre stand es trotz einer Blütezeit Anfang des 20. Jahrhunderts leer und verfiel. 2005 wurde es von Privatinvestoren gekauft, renoviert und nahm wieder den Betrieb auf. Von allen mir bekannten Bädern ist es vielleicht das atmosphärischste. Zu Beginn fürchtete ich fast, wir seien in einem Bordell gelandet. Überall schummriges Licht in Rot- und Blautönen, sanfte Klänge, Vorhänge und runde Torbögen. Es wird diese Stimmung gewesen sein, die einige Paare zu Umschlingungen verführt hatte. Es ist eine Lust, in diese stimmungsvollen Becken mit verschiedenen Sprudelrhythmen zu steigen und angeblich soll das Wasser auch Heilwirkung haben. Man sieht es ihm aber nicht an, es ist glasklar wie Leitungswasser. Nur daß alle Becken die gleiche Temperatur – 33-36 Grad – haben, enttäuscht ein wenig; ich liebe die 40 Grad, brauche aber mindestens 38, um mich richtig wohl zu fühlen.

Wärme satt gab es dann in der Sauna. Zur vollen Stunde gibt es einen Aufguß und der wird hier künstlerisch zelebriert. Schon zehn Minuten zuvor versammeln sich die Gäste, übrigens nackt – das ist Pflicht – aber akkurat mit Handtüchern zugewickelt, denn es ist verboten, was zu zeigen. Im fluoreszierenden Licht, das die weißen Handtücher magisch erleuchten läßt, beginnt der Saunameister seine Show. Er legt einen großen Eisball auf die heißen Steine. Darin waren aromatische Stoffe gebunden. Es riecht sofort nach Zitrone oder Orange und die gespürte Temperatur steigt ob der höheren Luftfeuchtigkeit augenblicklich an. Kleine heiße Wassertropfen auf der Haut lassen diese erglühen.

Da ahnt man noch nicht, was nun folgt. Mit kunstvollen Bewegungen und Drehungen, die einer einstudierten Choreographie folgen, wedelt der Mann nun mit Hilfe eines großen weißen Handtuches, dessen Lichtreflexionen zauberhafte Effekte schafft, den Sitzenden heiße Luft zu. Als die erste Woge mich erreicht, habe ich das Gefühl, zu verbrennen. Nun wird sich gleich meine Haut ablösen, denke ich. Man meint, es nicht ertragen zu können. Doch die Leute neben mir scheinen es zu genießen und in der Tat, wenige Augenblicke später schießt ein angenehmes Kribbeln durch meinen Körper, fast wie ein kurzes Frieren, abgelöst von einer wohligen Wärme. Mehrfach wiederholt der Mann die Übung, legt eine neue Eiskugel auf und nimmt nun einen enormen Fächer. So geht es 15 Minuten lang. Meine Frau kapituliert nach fünf, je länger es dauert, umso mehr Gäste steigen aus. Auch mir wird dieser Wüstenhauch in der letzten Runde zu viel und ich steige wenigstens zwei Stufen herab. Zum Schluß taumle ich aus der Kabine und muß mich an den Wänden festhalten. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.

Gegen 22 Uhr verlassen wir das Bad. Ihm rechne ich es zu, daß ich – ein notorischer Nichtschläfer in fremden Betten – eine ruhige Nacht verbringen konnte.

Der Vormittag sollte noch einmal der Innenstadt gewidmet werden. Wir hatten die Fő Utca, die Hauptstraße und den südlichen Zipfel gestern extra ausgespart. So stehen wir in dieser an Monumenten überreichen Stadt plötzlich vor einem gigantischen Reiterstandbild. Sitzt dem Reiter eine Krone auf dem Kopf, kann man davon ausgehen, daß es sich um den Heiligen Stephan handelt. Der hier ist aber besonders interessant, denn er hält ein Handy in der Hand.

So zumindest interpretiert unser konditionierter Blick mittlerweile die Geste. Man muß die Perspektive ändern, um das Kreuz darin zu erkennen.

Der Künstler hat ihm eine besonders stolze, fast arrogante Haltung verliehen. Das hervor ragende Kinn selbstbewußt in die Höhe reckend, die Augen unter der wulstigen Stirn ernsthaft zusammengekniffen. Dieser Stephan trägt asiatische Züge und das ist kein Zufall. Man wollte wohl die Kontinuität zu Árpád, dem Begründer der Dynastie und dem Helden der Landnahme herstellen.

Nachdem wir auf unserem Zufallsweg weitere Denkmäler sehen – darunter eine Erinnerung an die gefallenen Schüler der Höheren Handelsschule, die Hälfte der Namen deutsch – begreifen wir, daß wir auf dem Erinnerungsstätten-Lehrpfad wandeln.

Hősi halalt halt volt tanulói emlekének – Den den Heldentod gestorbenen Schülern zur Erinnerung

Nun tun wir es bewußt und stehen bald in einem kleinen Park vor einer großen Büste des Heiligen Lászlo. Dort führt ein junger Mann gelangweilt seinen Hund aus.

Und plötzlich verstehe ich die gestrige Mutter-Kind-Szene. Auch wenn der junge Mann bei seinem täglichen Gassi-Gang den alten König kaum noch wahrnehmen wird, im Unterbewußtsein ist er präsent und mit ihm die lange Geschichte der Magyaren. Auch das kleine Mädchen interessiert sich im Grunde genommen nicht dafür, aber Tag für Tag sieht sie die Bilder dieser Helden und wenn sie selber einmal Kinder haben wird, dann wird vielleicht auch sie begeistert von den berühmten Königen, von ihrer Geschichte, erzählen.

Während man in Deutschland versucht, den ganzen Körper der Geschichte an jüngeren dramatischen Ereignissen abzuschneiden, nehmen die Ungarn ihre tausend Jahre förmlich unters Vergrößerungsglas und entlassen eher die jüngere Vergangenheit aus dem Fokus.

Diese Theorie wird uns wenig später im Historischen Museum der Stadt bestätigt. Dort zeigt man neben der üblichen Alltagsgeschichte – Krüge, Teller, Messer, Handwerk, Trachten und Bilder – eine Sonderausstellung über Béla den Vierten. Dieser Enkel Béla des Dritten, dessen Gebeine wir oben sahen, war ein wahrhaft bedeutender König. Er mußte sich den Mongolenhorden in den Weg stellen und später gegen seinen eigenen Sohn antreten. Aber er lernte seine Lektion, reformierte danach das Land und befestigte die Wehrstätten. Damit schuf er die Grundlage für den kommenden Aufschwung.

Die Ausstellung zeigt deutlich hagiographische Züge, mein Propagandameter schlug sofort an – es wimmelte von tapferen Helden, vollkommenen Heiligen und keuschen Jungfrauen. Tatsächlich wurden zwei seiner Töchter Heilige der Katholischen Kirche und eine dritte überzeugte ihren königlichen Ehemann davon, keusch neben ihr zu liegen. Man könnte meinen, daß da etwas mit der Sexualerziehung schief gegangen ist. Oder aber die Exposition wurde von der Katholischen Kirche gesponsert.

Der Nachmittag galt dann der Natur. Wir fuhren zum 15 km entfernten Velence See, mieteten an einer der zahlreichen Ausleihstationen ein Fahrrad für je 5 Euro und umrundeten den See auf einem gut ausgebauten Radweg. Es ist Ungarns drittgrößter See. Die Tour umfaßt knapp 30 km. Er ist nicht tiefer als anderthalb Meter und heizt sich daher im Sommer schnell auf. Circa die Hälfte der Oberfläche ist mit Ried und Schilf bewachsen. Daher gilt er als fischreich und zieht zu den Wanderzeiten sicher viele Vögel an. Es gibt auch entsprechende Aussichtstürme. Uns war das Glück leider nicht hold, obwohl die Zeit, Mitte Oktober, nicht ungünstig gewesen sein dürfte. Nur ein einsamer Kormoran genoß verträumt die noch immer heiße Sonne.

Leider sieht man den See nur an wenigen Stellen und nur auf der Nordseite kommt man direkt an sein Ufer. Auch fährt man längere Strecken an Straßen oder sogar an der Autobahn 7 entlang. Auffallend dann doch das Kriegerdenkmal für die Gefallenen der Zweiten Armee in Rußland.

Nachdem Ungarn sich an die Seite Deutschlands gestellt hatte, konnte Hitler es dazu bewegen, über 250 000 Mann, meist als Hilfstruppen, an die Ostfront zu entsenden. Für die Ungarn war das keine gute Idee. Nur wenige der ungenügend ausgerüsteten und militärisch wenig vorbereiteten Truppen überlebten die Tortur. Sie mußten den harten Wintern Tribut zollen, fielen in mehreren Schlachten oder starben in den Gefangenenlagern, wo sie zum Teil bis 1955 ausharren mußten. Gerade mal 40 000 Überlebende kehrten heim – das war die zahlenmäßig größte militärische Niederlage, die Ungarn jemals hinnehmen mußte.

Die Form des Denkmals ist nicht ganz einfach zu deuten. Es gleicht einer riesigen Fledermaus oder den sich öffnenden Flügeln eines Aars. Vermutlich soll sie auch an einen Helm erinnern, den Helm der Spartaner. Rechts und links der kleinen eingelassenen Kapelle haben Familienangehörige zum Teil sehr persönliche Gedenkplatten angebracht. Sie waren über und über mit Marienkäfern und Baumwanzen bedeckt – letztere können hier schnell zur Plage werden.

Ein deutscher Tourist hatte dazwischen eine Anstecknadel, eine gelbe Schleife mit deutschen Farben und Kreuz in der Mitte, angebracht, darauf der Satz: „Tu was für dein Volk“.

siehe auch: Szegediner Überraschungen
Ein Tag in Serbien
und andere Reisen

10 Gedanken zu “Stuhlweißenburg

  1. Otto schreibt:

    „Im phonetischen Alphabet sieht das so aus:ˈseːkɛʃfɛheːrvaːr – die deutsche Transkription vielleicht so: ßeehkeschfäheehrvaahr.“

    Statt des v würde ich ein w nehmen, denn im Deutschen ist das V meist = F, siehe Vogel, Vergeltung, Vier,…nur in Lat. Worten sprechen wir das V wie W, siehe Vatikan, Vagina, Venus

    Also: ßeehkeschfäheehrwaahr.“

    Seidwalk: Ein schönes Beispiel der beschriebenen Unausweichlichkeit, von Ungarn belehrt zu werden, wenn man nicht exakt die richtige Betonung findet. Genauso erging es uns mehrfach: Szééékesfehééérvááár! – Sekeschfehärwar – Nem! Szééékesfehééérvááár!! – Sekeschfehärwahr – Nem! Nem! Szééékesfehééérvááár!!! stb.

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  2. photocreatio schreibt:

    Székesfehérvár aussprechen? Ich glaub, da hatte ich schon beim ersten Versuch kaum Probleme. Und nach drei Gläschen von einem guten Rotenwürden selbst die Autochthonen staunen: „So haben wir das noch nie gehört!“ – Aber Sie machen immer wieder Lust auf Ungarn, eine Art Xanadu, auf ein gutes Stück Europa, das es anscheinend immer noch gibt. Weiter so!

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  3. Antje Werth von der Heydt schreibt:

    Vielen Dank für den interessanten Bericht!Wir beabsichtigen in absehbarer Zeit nach Ungarn auszuwandern und so freue ich mich über alles Wissenswerte zu diesem schönen Land. Die Ge-schichte interessiert mich ganz besonders, aber auch Anregungen zu Ausflügen und Sehenswertem nehme ich begeistert auf. Wenn bloß die verflixte Sprache nicht wäre-ich lerne aber schon fleißig.danke und Grüße aus Norddeutschland
    Antje Werth von der Heydt

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  4. Jochen Thurm schreibt:

    @lynx

    Schade, wieder(wie fast immer)versuchen Sie aus den Texten des Hausherrn hier einen
    geschichtsrevisionistischen Rechten(heutzutage:Nazi) rauszulesen.

    Der tritt in ihrem Kopf gleich als( auf) rechter Kreuzritter aus dem Saunadampf.

    Zum Schluss können Sie den ideologischen Nebel in ihrem Kopf nur kurz auslüften.
    Die Hanse war wohl wirklich das schönste und vernünftigste Gegenmodel zum klassischen
    Imperialismus,leider aber in einer Welt der Ideologien nicht erfolgreich,denn es gibt sie schon lange nicht mehr.
    Nur für ein kleines Fenster in Zeit und Raum war die fast anarchistische,pragmatische Selbst-
    verwaltung der Hanse möglich.

    Aber gut genug um den Ungarn in deren guten Namen noch einen in den Allerwertesten zu
    geben, sind die „Guten Kaufleute“wie sie noch heute z.B. auf Island genannt werden für
    Sie auf jeden Fall.

    Schämen Sie sich!

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    • @Jochen Thurm
      a) ist es nicht jedem gegeben, zwischen den Zeilen zu lesen. Lesenswerte Texte beginnen eigentlich erst dort, wo es etwas zwischen den Zeilen gibt, nicht immer muss einem das gefallen und manchmal geschieht das Auslassen auch mit dem groben Vorsatz der Manipulation anstatt anzuregen zur freien Assoziation.
      b) ist die Hanse nicht den Ideologien oder dem Imperialismus zum Opfer gefallen, sondern der Herausbildung der Territorialstaaten, den Vorläufern des Nationalismus. Die EU ist das Modell, die Qualitäten der Hanse zurückzuholen.
      c) liegt es mir selbstverständlich fern, „die Ungarn“ herabzusetzen, ich habe aber keinerlei Problem damit, der dort herrschenden korrupten Bagage eine mitzugeben, gerne auch in den Allerwertesten. Die sind es nämlich, die die EU-Hanse blockieren. Für solche Tritte muss man sich nicht schämen. Schöne Grüße aus dem Wald.

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      • Jochen Thurm schreibt:

        @lynx
        zu a)Danke,dass Sie mir erklärt haben wie ich ihre Texte zu lesen habe,aber das habe ich die ganze Zeit schon so praktiziert.

        zu b)Das ist alles so falsch,da ist nicht einmal das Gegenteil richtig.Um es kurz anzureißen:
        Eine anarcho-kapitalistische Freihändler Genossenschaft(Hanse) ist das Gegenteil eines zerfallenden Staaten-Imperiums mit grossen Legitimationsdefiziten ( EU).

        zu c)Das kleine Ungarn möchte sich wohl selbst um seine kleinen Dinge kümmern und Herr im eigenen Haus sein,also eher wie im Geist der Hanse
        .
        Die Korruption der dortigen bösen EU-Kraftzersetzer stört Sie,aber über die 100x größere Korruption
        der deutschen Parteienoligarchie haben Sie noch nie ein Wort verloren.
        Wie sagt der berühmte Herr Danisch zu recht:“Eure doppelten Maßstäbe kotzen mich an“
        bzw.Wer im Glashaus sitzt……usw.

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  5. So gefallen Sie mir – im Prinzip. Wären da nicht diese Auslassungen und irreführenden Akzentuierungen. Erst war ich verwundert, wie nonchalant sie die „Vermischung“ in den Köngishäusern akzeptieren, insbesondere wo Byzanz und Antiochia doch so orientalisch klingen. Sie hätten ruhig klarstellen können, dass Agnes die Tochter eines Kreuzritters „de Chatillon“ ist, der im Vorderen Orient, außerhalb Europas, als Eroberer tätig war. Und von wem dieser Halbsatz bei Wikipedia stammt, sie sei die Stammutter  „praktisch alle Herrscherhäuser Europas“ ist mir einerseits rätselhaft (denn mit zwei jung verstorbenen Kindern ist ihre Nachkommenschaft auch nicht mehr ganz so zahlreich), andererseits ist das eine Binse: welche hochadelige Dame des Mittelalters kann das nicht von sich behaupten? Aber der Stolz der Ungarn ist halt eine eigene Geschichte, den muss man einem kleinen Völkchen lassen. Denn bei den Bayern ist das ja ganz ähnlich und da würden Sie, wären Sie denn empfindsam dafür, eine Menge naiver, traditionalistischer, patriotischer, romantischer, wie-auch-immer Verehrung ihrer gekrönten Häupter finden. Bei manchen Sachsen soll es ja ähnlich sein, wenn auch die Dynastie sehr überschaubar ist, aber vielleicht liegt in der Kürze die Würze?

    Dass die „Idee Europa vielleicht ihren Ursprung“ in der Heiratspolitik von Kreuzrittern hat, ist ein irreführender Akzent. Nicht von der Hand zu weisen ist die Tatsache, dass Schritte der europäischen Selbstwahrnehmung und Einigung seit dem frühen Mittelalter mit der Abwehr oder auch dem Angriff auf Zivilisationen des Orients zu tun haben. Allerdings war das erste paneuropäische Reich das von Karl dem Großen, also weit vor der Zeit der Kreuzzüge. Unter anderem entstanden aus Konflikten mit arabischen Siedlern in Südeuropa, aber eben dann auch mit ganz anderen Ideen ausgestattet. Dieses „Reich von Charlemagne“ ist auch heute noch ein reizvoller Gedanke, auch wenn es historisch verbunden ist mit der Unterjochung und Vertreibung der Slawen und Landnahme durch germanische Siedler im heutigen Sachsen. Aber das hatten wir ja schon einmal.

    Wenn ich nun noch das zünftige und zugleich züchtige Saunabad (schön geschildert) dazunehme, dann löst sich da aus dem Saunadampf die Silhouette des aufrechten Kreuzritters, leider nicht ganz so hünenhaft wie der ungarische König (die arme Frau), aber fest entschlossen, der großen Aufgabe zuliebe auch kleinere Untiefen in der Geschichtswahrnehmung mutig zu überschreiten…

    N.B.: in der historischen Summe war das Projekt „Hanse“ wesentlich erfolgreicher als das Projekt „Kreuzzug“ (was eigentlich ein kompletter Reinfall war). An der Hanse hatte Ungarn allerdings meines Wissens keinen Anteil und hat das Konzept womöglich bis heute nicht verstanden.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Vergessen Sie bitte neben den Slawen auch nicht die Unterjochung und Dekulturierung der armen Sachsen, denen man die Irminsul genommen hat. Erstens schon mal ein Baumfrevel. Zweitens hätte man schon damals eine modern-multikulturelle Gesellschaft haben können, aber nein, man musste den männlich-kämpferischen Sachsen ja unbedingt diese Weiberreligion des österlichen Lammbratens auferlegen. Ich vermute ja, die Ursache dafür war die Erziehung Karls von gewöhnlich religiöserer mütterlicher Seite, die hat schon manchen Mann zum Intoleranten verdorben.

      Bedenken SIe bitte dabei auch, um wieviel förderlicher die altgermanische-religiöse Vorstellung des totalen Weltuntergangs für gewisse moderne Volksselbstopferideologien gewesen wäre anstelle des christlichen linearen Fortschrittsglaubens, der dem christlichen Abendland seinen verderblichen Dünkel geliefert hat und der wohl den ebenso verderblichen Willen zum eigenen Fortbestand fördert.

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      • Das mit dem Baumfrevel gefällt mir. Aber auch hier sollten Sie unterstützend mitwirken, das verhängnisvolle Selbstbild der Sachsen zu korrigieren. Irminsul stand wohl irgendwo im Sauerland oder so. Alles östlich der Saale ist nicht-autochthones Sachsen. Daran kann ich mich immer wieder erfreuen in dieser ganzen Diskussion.
        Ihre Vorstellung vom Christentum kann ich nicht nachvollziehen, obwohl ich sehr intensiv getauft bin, aber vielleicht von der falschen Konfession. Doch auch Mutter Rom will ja von Kreuzzügen schon lange nichts mehr wissen, auch dort hat man das Schwert zugunsten des Aushandelns beiseitegelegt. Bei der Hanse kannte man den Begriff der Win-Win-Situation noch nicht, aber Lessing verdanken wir den Hinweis, wie man sich mit der Kreuzritter-Mentalität in eine Lose-Lose-Situation manövrieren kann.

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        • Michael B. schreibt:

          Wie wird man denn „intensiv getauft“, unangespitzt kopfueber ins Becken geschlagen? Danke fuer die Aufloesung einiger Unklarheiten, die ich noch hatte.

          > Sachsen […] Diskussion.

          Das sind wohl eher Selbstgespraeche, die aufgewertet werden sollen. Denn ich sehe zwar gleich mehrere Versuche von Sticheleien, die Wahl des Themas ist mir allerdings raetselhaft, denn die Schnittmenge mit dem Artikel hat schlichtweg das Mass Null. Ausser eigenen Traumata kann ich mir den Sermon nicht erklaeren.

          Zum Artikel selbst: Diese Gerippchen entfalten in ihrer Knochenkomposition eine irgendwie nicht naeher zu beschreibende eigenartige Wirkung bei mir.

          Gefällt 1 Person

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