Der AfD-Schlüssel

Wenn es stimmt, was die Medien, Meinungsinstitute und Statistikbüros nun lautstark unters Volk bringen, dann ist endlich die Königsstrategie, das Antidot gegen das Gift der AfD gefunden. Nach dem Massaker von Hanau – eine Tat, die sich mehr und mehr als die eines schwer psychisch Kranken darstellt, die aber noch immer als „rechtsextremistisch motiviert“ verkauft wird –, nach dieser irrationalen Tat, die von den Massenmedien und Parteien unisono als eine Art aufgehender Saat des AfD-Giftes dargestellt wurde, sind, so wird uns vom statistisch-medialen Komplex versichert, die Umfragewerte für die AfD dramatisch gesunken und glauben, nach tagelangem medialem Konnex-Bombardement, 60 Prozent der Deutschen an eine Mitverantwortung der AfD.

Noch zwei, drei solche Irre und die AfD ist erledigt.

Die Maschine ist geölt, sie wird gewartet und gepflegt und lauert nur auf das nächste Ereignis. Sollte sich dieses nicht einstellen, dann wird man mit erhöhter Überwachungsdichte ganz sicher die eine oder andere rechtsradikale Idiotentruppe ausheben, die gerade unmittelbar davor stand, „bürgerkriegsähnliche Zustände“ in Deutschland herbeizuführen, oder aber man könnte international fündig werden – denn selbstverständlich kann die Saat auch in Neuseeland aufgehen.

Die AfD hat nur eine Chance, dieses Massaker zu überstehen. Sie muß sich – und zwar nicht als Mimikry, sondern genetisch – dem Sprachgestus, der Politikkunst der bürgerlichen Mitte anpassen, sie muß letztlich werden wie die anderen, sie muß also als Distinktion verschwinden.

So oder so: der Schlüssel ist gefunden!

10 Gedanken zu “Der AfD-Schlüssel

  1. „Bücher sind gefährlich. Sogar ganz normale Bücher. Ein Mann sitzt in irgendeinem Museum irgendwo und schreibt ein Buch über politische Ökonomie und plötzlich sterben tausende Menschen, die das Buch nichtmal gelesen haben, weil die, die es gelesen haben, den Witz nicht verstanden haben.“ (Terry Pratchett)

    Ein paar spontane Gedanken, zugegeben halbgar (man möge es mir verzeihen)

    Bemerkenswert ist, dass im Falle von islamistischen Terroristen solch ein Versuch zu differenzieren, in den jeweiligen konservativen/neurechten Kreisen so gut wie nicht zu finden ist, zumindest nicht bei den Vordenkern. Renaud Camus bsp., als er nach dem Attentäter von Christchurch gefragt wurde, äußerte sinngemäß, dass es von Dummheit zeuge, sich der Mittel seiner Feinde zu bedienen. Und, wohl um nicht missverstanden zu werden, führt er an, dass der Koran ja voller Aufrufe sei, Christen und Juden zu töten. Mit anderen Worten: Der Terror sei im Falle der islamistischen Version von Terror ein authentisch islamisches Produkt. Nun ist das Islam(un)verständnis von Camus und dessen Anhängern hier nicht das Thema. Hier gilt, wie Bertrand Russell einst sagte, „je fehlerhafter die Logik, umso interessanter die sich daraus ergebenden Konsequenzen.“

    Und wir leben fürwahr in interessanten Zeiten im Sinne des Konfuzius. Es ist bemerkenswert, dass in gewissen rechten Kreisen an Dinge wie 9/11 als false flag, deep state etc. geglaubt wird. Konsequent zuende gedacht, müsste man also folgern, dass der islamistische Terror das Produkt westlicher Geheimdienste sei, wie das bsp. der Autor Elias Davidson anhand von 10 Attentaten (Madrid, London, Paris etc.) aufgezeigt zu glauben überzeugt ist und von anderen Autoren als „Terrormanagement“ nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“ bezeichnet wird.
    Im Politikersprech bleibt von all den kursierenden philosophischen Essays von Gray über Zizek zu Deenen letztlich nur die Worthülse „Fluchtursachen bekämpfen“ übrig. Freilich ohne Konsequenzen, aber es tut wohl gut, es mal gesagt zu haben.

    Wenn dies also der Fall sein sollte, ( „Al-Kaida und IS als Produkt der CIA“) so muss man dies irgendwie in Einklang bringen mit dem „Islam als Feindbild“ – wie das insbesondere in der US-Spielart der „Neuen Rechten“ kultiviert wird. Was einen Grund hat, denn dort hat die religiöse Komponente in Form der Evangelikalen einen weitaus größeren Einfluss als in dem säkularen Streifen zwischen Skandinavien und Spanien. An dieser Stelle verweise ich auf den (öffentlich googlelbaren) lesenswerten Essay „America as a Jihad state“ von Tim Winter, geschrieben vor knapp 10 Jahren, aber angesichts des Einflusses von religiösen Fanatikern wie Mike Pence und Mike Pompeo nicht minder aktuell.

    Da die Amnesie ein Kennzeichen unserer Moderne ist, hat der traditionsbewusste vlt. Abendländer vergessen, dass es die Kirche war, die das Feindbild Islam aufgebaut hat – die vom Heil ausgeschlossenen Nachfahren Hagars, die sich aus der Wüste aufgemacht haben um ihre Rolle als Geißel Gottes zu spielen. Von einer islamischen Warte aus gesehen gibt es diese Art von eingebautem Ressentiments nicht: Die Christen sind Gläubige, bloß halt auf dem Holzweg weil sie die Dinge falsch interpretieren. Der Muslim jedoch aus der Sicht eines Kirchenvaters ist einem Schwindler und Antichristen aufgesessen, er ist ein Häretiker – und wie die modernen Evangelikalen in den USA betonen, ist „deren Gott nicht derselbe wie unserer“ und der Islam ohnehin eine Ideologie, keine Religion. Und man weiß, wie ideologische Zwists entschieden werden, daher interessiert sich der US-Rechte auch nicht für das Klima – weniger, weil er es wirklich leugnet, sondern weil es in Zeiten des Armaggedon ohnehin keine Rolle spielt. Man sehe sich bsp. das an, was sog. christliche Zionisten so alles von sich geben.

    Zurück nach Europa

    Ich frage mich, ob diejenigen Denker, die bemüht sind, solch ein bestimmtes Islambild aufrechtzuerhalten, wie es in den jeweiligen liberalkonservativen Kreisen geschieht, sich wirklich und ernsthaft darüber wundern, dass die Betonung des islamischen Anderen, Fremden und scheinbar dem Westen völlig diametral gegenüberstehendes solche Ergebnisse bringt wie in Hanau. Kann sich ein Sellner wirklich in den Spiegel schauen, wenn er scheinbar in einem Anflug von Humor sagt, er befinde sich im „Kebab-Remove-Modus“? Nun heißt es ja, im Zweifel für den Angeklagten, ich werde also gemäß der klassischen islamischen Ethik („gutes mutmaßen statt schlechtes annehmen“) davon ausgehen, dass Sellner nicht wusste, dass dies eine Anspielung auf Srebrenica ist.

    Dies führt mich dazu, daran zu erinnern, schon mal in einem anderen Artikel hier auf die geistigen Brandstifter der Massaker an Muslimen in Bosnien-Herzegowina hingewiesen zu haben. Und die finden sich in der intellktuellen Elite, die auf Rückbesinnung auf die eigenen Werte pochten. Auch dort sprach man in den 80ern von Bevölkerungsaustausch, muslimischer Natalität, dem islamischen Anderen/Fremden und betonte die Wichtigkeit, sich für den Fall der Fälle zu rüsten. Demzufolge waren die Massentötungen rein präventiv.

    Dass man dabei eine universelle und ambige Religion wie den Islam auf Traditionen bestimmter Ethnien, die UNABHÄNGIG der religiösen Zugehörigkeit praktiziert werden, eingrenzt und sie als „islamisch“ deklariert, ist nur ein der vielen Aspekte der einschlägigen Islamdarstellungen, egal ob ethisch, philosophisch oder historisch. Sowohl Anhänger des Islams wie auch der Jesiden unter den Kurden praktizieren das, was man als Zwangsheirat kennt. Die Religionszugehörigkeit unter Albanern oder Kaukasiern spielt bei der Frage der Blutrache keine Rolle. Nicht anders verhält es sich mit der weiblichen Genitalverstümmelung in Ostafrika. All dies ist wiederum einem Malayen oder einem Berber fremd.

    Das Problem mit der Identität ist, dass sie leicht zum Manichäismus verleitet. Gerade wenn Religion als Identität dient. Man sieht das an der dritten Generation deutlich. Der klassische islamische Weg der Selbstfindung hat wenig gemein mit der üblichen RAdikalisierung von Migranten (oder Einheimischen mit denselben Problemen). Nicht anders verhält es sich in den zahlreichen Failed States.

    Man kann sich leicht ausmalen, wie das funktioniert. Ein junger Araber oder Afghane, Teil einer übergroßen Familie, der um knappe Jobs konkurriert und nicht heiraten kann, weil er arm ist, vielleicht sogar ein Migrant in einer schnell wachsenden Stadt, der sich verloren fühlt wie in einer Wüste ohne Wegweiser. Eines Tages gerät er an salafistische Prediger oder er besorgt sich ein Pamphlet von Sayyid Qutb oder sitzt einem Internet-Prediger auf. Und er ist an Ort und Stelle „wiedergeboren“. Das ist es, was er brauchte: umgehende Gewissheit und ein Grundgerüst, um die Landschaft vor ihm zu verstehen, um die Probleme und Spannungen in seinem Leben zu lösen, und – noch besser – eine Möglichkeit, sich überlegen und souverän zu fühlen. Er tritt einer Gruppe bei und übernimmt in dem Bestreben, seine neu gewonnene Sicherheit zu bewahren, den üblichen Standpunkt, dass alle anderen Gruppen fehlgeleitet und irrgläubig sind. Was, sofern man ein wenig über Grundwissen verfügt, der klassischen Islamischen Vieldeutigkeit zuwider läuft. Stattdessen kürzt man den Weg ab (wer will schon Cambridge oder Oxford Kompendien jüngeren Datums über den Islam lesen) und setzt die engstirnigsten Hardliner als am „authentischten“ ein. Das wäre so ähnlich wie anzunehmen, Calvin hätte, als er Servetus auf dem Scheiterhaufen brennen ließ, ganz im Sinne von Jesus‘ Bergpredigt gehandelt.

    Wenn man heute „Islam“ mit Dingen wie Gruppenvergewaltigung/-belästigung, Messerstechereien, Terror bzw. Angriffe auf sog. weiche Ziele oder schlicht mit Gewalt gleichsetzt, übersieht man, dass die islamische Ethik eben daraus besteht, seine Instinkte und Triebe zu beherrschen und im platonischen Sinne zu überwinden. Die antiwestliche Wut der letzten Jahre zeigt, wie sehr sich muslimische Gesellschaften von der eigenen Tradition entwurzelt haben infolge von gigantischen Umwälzungsprozessen seit gut 200 Jahren.

    Das Problem in den einschlägigen Kreisen ist hier vor allem die Mischung aus Unwissen einerseits und dem gefährlichem Halbwissen (denn Halbwahrheiten vernebeln den Blick mehr als Lügen) , das man sich von ideologisch gefärbten Büchern zusammengelesen hat. Den Rest besorgen zwei, drei zwischenmenschliche Interaktionen, dann gibt es da ja noch die Springer/Murdoch-Presse und den Rest lernt man von „ex-muslimischen Kronzeugen“, die ihre eigenen in der Kindheit fußenden psychologischen Traumata und Probleme in persönlichen Abrechnungen sich von der Seele schreiben. Und man müsse ja nur durch Wedding oder Mühlheim fahren, um zu sehen, wohin das alles führt. An dieser Stelle wird so etwas universelles und ambiges wie „Islam“ auf gewisse Ethnien reduziert. Dabei wird bsp. einem muslimischen Bosnier gewisse Gewohnheiten aus der Levante genauso spanisch vorkommen wie einem gebürtigen Germanen.

    Nun könne man sich ja, so die Überlegung der islamkritischen Aufklärer, den Islam nicht der Harmonie willen schönreden. Man müsse die Wahrheit verbreiten. So achtbar dieses Motiv auch sein mag, ohne das jeweilige Rüstzeug namens Wissen (und die Forschung hat in quasi jedem Aspekt das althergebrachte Islambild, das Neurechte wiederaufleben lassen wollen, revidiert, sei es in der angeblich fehlenden Theologie und Mystik oder der ebenso unhaltbaren Verdrängung der Philosophie) kann dieses Unternehmen nur die jeweiligen Ergebnisse bringen, von denen dann inzwischen gebetsmühlenartig seit Breivik die entsprechenden Autoren nichts mehr wissen wollen.

    Vielleicht täte ein Blick in die jeweiligen Kommentarspalten von PI, Tichy und Konsorten gut, um zu sehen, was dort für Gedanken vorherrschen und geteilt werden. Dass ein psychisch gestörter dann auf den Trichter kommt, „ja, aber da muss man doch was tun“ ist psychologisch betrachtet der gleiche Ablauf wie jemandem, der – da im Westen sozialisiert (man denke an den amerikanischen Monomythos des Außenseiters als Helden) sich dazu entschließt, die Dinge persönlich in die Hand zu nehmen und sich einen LKW zu besorgen, weil er „die Unterdrückung der Umma“, die ihm indoktriniert wurde, nicht hinnehmen kann. Und da ohnehin eine gescheiterte Persönlichkeit, kann er in Nietzscheanischer Manier das ganze in einem hitlerartigen Scheiterhaufen enden lassen. Diese ganze Denkweise sucht man im islamsichen traditionellen Denken vergeblich. Wer nicht einsieht, dass Samads Thesen a la „die Mehrheit der Muslime ist friedfertig trotz des Islams“ (so als ob es keine Ethik der Gewaltlosigkeit im islam gebe, wie das Murtaza in seinem jüngsten Buch detailliert beschreibt) Nonsens ist, wird tatsächlich annehmen, dass ein Ali oder Muhammad durch ein magisches Allahu Akbar aus einem bisher areligiösen Leben zu einem Zombie mutiert.

    Vielleicht sehen sich die neurechten Warner in der Rolle eines Rick Grames aus der Serie Walking Dead, der nach traumatischen Erlebnissenmit seinen Freunden eine bis dato von der Apokalypse verschonten kleinen Musterstadt trifft und die Einwohner – die mit den Zombies bislang nichts zu tun hatten und daher die Bedrohung nicht ahnen – eindringlich warnen vor einer bevorstehenden Katastrophe. Die dann auch eintrifft, als die Zombiemassen letztlich eindringen. Der Zufall wollte es so, dass diese entsprechende Folge in Zeiten der großen Flüchtlingswelle 2015 über den Äther lief….

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    • @ Tarik

      Ihre komplexen Aussagen sind – wie immer – sehr interessant und zeugen von wahren Kenntnissen der Materie und großer Gelassenheit. Nicht jeder hat Zeit und Gelegenheit – ich zähle mich dazu – sich so tief in die Differenzen der islamischen Welt einzuarbeiten. Die Differenzen zu betonen, ist unbedingt wichtig – prinzipiell.

      Allerdings käme man in Teufels Küche, wenn man politische Positionen so strikt an Wissen binden würde, wie Sie es scheinbar tun, denn dann wäre jegliches Argument mit Wissensdefiziten widerlegbar und es gibt immer einen, der mehr weiß, also das letzte Wort haben dürfte … bis der nächste kommt.

      „Vielwisserei bringt noch keinen Verstand“ – so faßte Heraklit das Problem letztgültig zusammen.

      Die Frage der Verallgemeinerung ist eine diffizile: ab wann kann sie möglich sein? Muß man wirklich alle Schulen des Islams kennen, vielleicht noch im arabischen Original, kann man tatsächlich des theologische Toleranzgebot als allgemeingültig und bis in die Psyche der Muslime verankert ansehen, besagt die „Kultur der Ambiguität“ wirklich etwas über die realen Probleme …? Vor allem: ist es nicht offensichtlich, daß eine bestimmte wachsende Menge an X irgendwann das Herkömmliche irreversibel verändern muß und gibt es nicht ein Recht der „schon hier Lebenden“ sich gegen diese Veränderung von außen zu wehren? Deuten nicht theoretische und persönliche Erfahrungen immer wieder darauf hin, daß es im Islam – sicher in seinen verschiedenen Spielarten zu unterschiedlichem Umfang – ein Toleranz- und Akzeptanzproblem gibt und läßt sich das nicht auch theologisch an den Grundtexten nachweisen? Muß die monotheistische Gewißheit nebst prophetischer Unantastbarkeit nicht ganz zwangsläufig zu Totalitarismen führen – wie sie das Christentum in früheren Entwicklungsstadien ebenfalls aufwies …

      Mir scheint, Sie versuchen Ihre eigene Differenziertheit auf eine ganze Glaubensgemeinschaft zu übertragen und mit ihrer Hilfe reale Probleme zu relativieren. Bei aller Binnendifferenz gibt es doch ein Gemeinsames des Islams. Ich fürchte, die Mehrzahl Ihrer Glaubensbrüder kann Ihre aufklärerischen Gedanken nicht teilen.

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      • Tarik schreibt:

        Da Zeit und Gelegenheit rar und daher kostbar ist, neige ich wohl zu überlangen Beiträgen („wenn ich schon am Schreiben bin“), die nicht so angedacht haben, aber – Auch wenn sich das wie nach einer schwachen Entschuldigung für einen Seitensprung anhört – „dann ergab ein Wort das andere…“ Ich werde die Fragen möglichst kurz beantworten, auch wenn dies zu Lasten von genaueren Begründungen geht, aber meine Frau versichterte mir freundlich-bestimmt, dass sie an und für sich ja eine tolerante und verständnisvolle Person sei, jedoch Ihrer Toleranz und Ihrem Verständnis recht schnell die Grenzen aufgezeigt werden, wenn sie mein Gesicht lediglich im Schein des Monitorlichts wahrnimmt und ich die Fähigkeit wie Frechheit besitze, sie zu überhören und 23:00 ja eine unchristliche Zeit sei, irgendwelche Abhandlungen zu schreiben, vor allem, wenn es sich nicht um Abhandlungen handelt, sondern um Kommentare, die nicht dem Broterwerb dienen, für das der Mann – wenn schon nicht zum Zusammanbau der Regal – ja wohl sicherlich imstande sein sollte, was nicht heißen solle, dass sie etwas zu beanstanden hätte finanziell, aber eine neue Einbauküche und am besten gleich ein neues Parkett sollte doch wohl auch im meinem Interesse sein. Falls Sie die Quelle meiner Gelassenheit kennenlernen wollten, bitte schön. Auch wenn ich mir diesen Absatz aus reiner dichterischer Freiheit ausgedacht habe, obwohl die Frau schon existiert und auch der Teil mit der Einbauküche und dem Parkett stimmt. Und eigentlich das meiste von dem Anderen.

        Wo war ich? Was die strikte Bindung von Positionen an Wissen betrifft:

        Das hängt evtl. davon ab, worum es sich handelt, z.B. ob wir über eine konkrete politische Position oder über Philosophisches sprechen. Und ich zielte auf Letzteres ab. Man muss kein Experte sein und jegliche Argumente kennen, um sich ein Urteil auf die Frage zu bilden, ob Tempo 30 in der Innenstadt Sinn macht oder nicht. Manchmal hilft einem auch das Bauchgefühl oder der gesunde Menschenverstand.

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        „Muß man wirklich alle Schulen des Islams kennen, vielleicht noch im arabischen Original?“ (seidwalk)

        Nur wenn man glaubt, genug Wissen darüber zu haben, um eine Ansicht derart gefestigt zu sehen, darüber öffentlich zu schreiben. Wobei ich „muss“ mit „wäre sinnvoll“ ersetzen würde, denn die Rechte und Absichten liegen natürlich beim Autor. Die Unterschied im Ergebnis können ähnlich differieren wie zwischen Constanin Schreibers „Moscheereport“ und der Berliner Studie zum islamischen Gemeindeleben.

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        „kann man tatsächlich des theologische Toleranzgebot als allgemeingültig und bis in die Psyche der Muslime verankert ansehen, besagt die „Kultur der Ambiguität“ wirklich etwas über die realen Probleme …?“ (seidwalk)

        Als Antwort tausche ich geistig (denn ich schrieb ja, die Rechte liegen beim Autor!) in Ihrem Hauptsatz Subjekt und Prädikat und setze …nein, drei Ausrufezeichen sind laut Pratchett bekanntlich ein sicheres Zeichen für Geisteskrankheit. Ein Punkt reicht.

        Dieses zurecht ausgezeichnete (im doppelten Sinne) Werk ist keine Elfenbeinturm-Abhandlung eines islamophilen Arabisten. Tatsächlich hat Thomas Bauer den Nerv der (nicht nur akademischen) Zeit getroffen, das sieht man an den darauf folgenden Veröffentlichungen auch anderer Forscher, die im Grunde jeder auf seine Weise Ähnliches sagt, auch wenn es um andere Aspekte geht.

        Nun ist Papier bekanntlich geduldig und was hat Erna aus Cottbuss davon, dass ein Professor, der arabische Gedichte liebt, etwas in Münster veröffentlicht, wenn eine Gruppe junger Migranten wild gestikulierend sich auffallend benehmen und sie sich unwohl bis verängstigt fühlt und froh ist, dass es im Ort nicht wieder zu schwerer Körperverletzung gekommen ist – und sie sich sicher ist, doch im Grunde nichts gegen andere Leute zu haben und die Witwenrente reicht ohnehin vorne und hinten nicht.
        Mir persönlich fallen da spontan Berichte von Europäern a la Weiss, Pickthall, Guenon oder Burkhardt (insbesondere Weiss und Pickthall erwiesen sich literarisch als exzellente Beobachter und Menschenkenner) , die im 20. Jahrhundert den Nahen Osten bereisten, und irgendwann zum Islam konvertierten: Nicht von einer akademischen Warte oder wegen einer für bestechend angesehenen Theologie o.ä., sondern weil sie sich zu der gelebten Ethik der damals bereits längst rückständigen, jedoch noch einigermaßen sozial gesunden Gesellschaften, angezogen fühlten. Vielleicht habe ich in dieser Hinsicht das „Glück“ gehabt, zu einer Zeit und in einer Umgebung aufgewachsen zu sein, in der diese Ethik noch gelebt und nicht von Pharisäern heimgesucht wurde. Auch das wird Erna natürlich nicht helfen, insofern habe ich Verständnis, wenn Sie sagt, dass nachdem man 14 Millionen Deutsche aus Osteuropa mühsam integriert habe, es doch irgendwann zuviel des Guten sei.

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        „Vor allem: ist es nicht offensichtlich, daß eine bestimmte wachsende Menge an X irgendwann das Herkömmliche irreversibel verändern muß und gibt es nicht ein Recht der „schon hier Lebenden“ sich gegen diese Veränderung von außen zu wehren?“

        Diese Frage stellen sich alle Gesellschaften, die von Massenzuwanderung betroffen sind. Jenseits von Fragen der Religionszugehörigkeit. Sowohl in der Türkei als auch in Bosnien-Herzegowina hört man größtenteils dieselben Klagen von Einheimischen wie hierzulande. Doch an wen die Wut richten? Merkel, die die Grenzen öffnete? Erdogan, der zuvor die Grenzen öffnete? Die UN, die zuvor Hilfsleistungen für Flüchtlingslager um die Hälfte kürzte? Die US-Regierung, die ihre Gelder an die UN für den UNHCR kürzte (das Thema US-Außenpolitik lassen wir außen vor)? Sarkozy, der durchboxte, seinem ehemaligen Kompagnon und Geschäftspartner Ghadaffi aus dem Weg zu räumen, was dafür sorgte, dass Libyen nicht mehr als Auffangbecken fungierte, was wiederum dafür sorgte, dass Boko Haram sowie deren Ableger in Mali erstarkten und neben klimatischen und ökonomischen Faktoren auch deshalb aus Westafrika sich Tausende aufmachen? Den saudischen König, der Waffen an dschihaddistische Gruppierungen in Syrien lieferte? Srdja Popovic, der mit seiner Organisation die arabischen Aufstände überhaupt erst mit ermöglichte (übrigens auch laut eigener Aussage!)? George Soros? Irgendwelche Investmentbanker, die es für eine gute Idee hielten, nach der selbst produzierten Finanzkrise zwecks Erhaltung der Wirtschaftsordung neue Märkte erschlossen werden müssten?

        „Mutti“ ist hier wohl die naheliegendste Option, zumindest für den Durchschnittsbürger. Alles andere ist nicht greifbar. Im Frühjahr 2015 probte man offenbar schon mit den Kosovaren, als den dortigen Behörden von der deutschen Regierung signalisiert wurde, man könne die problematischen jungen arbeitslosen Männer in den Norden schicken. Also das, was man im Nachrichtensprech mit „es kam zu einer Auswanderungswelle“ bezeichnete.
        In Bosnien-Herzegowina verhält es sich ähnlich. Auch dort sucht die deutsche Regierung durch Weiterbildungsprogramme gezielt nach Fachkräften, meist in Form von entsprechend staatlich geförderten Stiftungen. Studienabsolventen gibt es dort zuhauf – verglichen am Bevölkerunsanteil sogar höher als in Deutschland, aber – sofern man nicht über Vitamin-B einen Posten bekommt, geht man in der vergeblichen Hoffnung auf Besserung einem trostlosen Job nach, auf das man wartet in dem Sinne, wie auf Godot gewartet wird. Oder versucht auszuwandern.

        Insofern ist das Problem indefinibel, was auch immer der Begriff genau heißen mag.

        —-

        “ „Deuten nicht theoretische und persönliche Erfahrungen immer wieder darauf hin, daß es im Islam – sicher in seinen verschiedenen Spielarten zu unterschiedlichem Umfang – ein Toleranz- und Akzeptanzproblem gibt und läßt sich das nicht auch theologisch an den Grundtexten nachweisen? Muß die monotheistische Gewißheit nebst prophetischer Unantastbarkeit nicht ganz zwangsläufig zu Totalitarismen führen – wie sie das Christentum in früheren Entwicklungsstadien ebenfalls aufwies …“ (seidwalk)

        Hier lauten die Antworten: 1.Teilweise ja, jedoch bedürfte dies einer genaueren Wurzelanalyse, die meinen vorigen Kommentar im Vergleich dazu wie eine Twitternachricht erscheinen lassen würden. Ich stimme in dieser Hinsicht durchaus mit Abdel Wahhab Meddebs „Die Krankheit des Islams“ brillianter Islamkritik überein, die frei ist von den üblichen fremdenfeindlichen oder ethnisch-deterministischen Motiven überholter Orientalisten. Ich schreibe das derart knapp, da der Lektor in mir das übliche „kürzen, kürzen, kürzen“ immer noch krakeelen würde, hätter er nicht längst seine Stimme verloren.

        2. Wenn dem so wäre, dann hätte sich so etwas wie Fortschritt – egal um welche der islamischen Hochkulturen es geht – nicht gegeben. Der strikte Monotheismus, als der der Islam dargestellt wird und der noch striktere Literalismus hätten so etwas wie Offenheit gegenüber Gaben aus anderen Kulturen unmöglich gemacht. Nun mag man kritisch anmerken, dass die Hellenen dies erst ermöglicht hätten, aber eben (aufgrund der wüstenhaften Kargheit des Islams) nur ein „kurzes“ Gastspiel bei den Muslimen hatte. Und genau auf diesen mittlerweile widerlegten Aspekt habe ich hingewiesen.

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    • Jochen Thurm schreibt:

      Als Antwort auf Tarik.

      Sorry,aber ihre leicht überladene,von Verschwörungsdenken nicht ganz freie Liebeserklärung an
      eine Ideologie bekannt als Islam erinnert mich doch ein klein wenig an das kompl. abgedrehte
      Pamphlet des vermutlichen Hanau Schützen.

      Auch wenn Ihre Präsentation von eher esoterischem Wissen mehr Tiefe suggeriert.

      Beide sind nicht frei von der einen oder anderen Halb,Viertel,Achtelwahrheit.Alle 3 meist
      gefährlicher wie die platte Lüge,wie Sie selbst richtig feststellen.

      In beiden spürt man die angespannte Suche nach Sinn in einer sinnlosen Welt.
      Zu oft bleibt zum Schluss nur der mehr oder weniger erweiterte Selbstmord.
      Erst recht wenn pharmakologische/therapeutische Tröstungen ausbleiben.
      Der Vater des Verdächtigen hat sich lieber den grünen Gaia -Anbetern angeschlossen

      Unzählige Sinn-Prothesen wurden bis heute erfunden darunter das Christentum,Judentum
      Hinduismus ,Sozialismus,Nationalismus,Feminismus usw,usw..Und NEIN,es gibt keinen Unterschied
      zwischen Ideologien mit und ohne transzendentem Anteil.
      Dem Genügsamen genügt schon ein Heimatgefühl oder die Bindung an vertraute Traditionen
      und Rituale , die Arbeit für Menschen die er liebt,oder der Trost der Dinge die es für Geld
      zu kaufen gibt.

      Für die großen Illusionen wurde/wird massenhaft gemordet.

      Der Islam ist eine der erbärmlichsten dieser Illusionen,hat aber leider kein Alleinstellungsmerkmal.
      Natürlich habe ich ,um zu diesem Urteil zu gelangen,die falschen Bücher gelesen,mit den
      falschen Leuten kommuniziert,als aktiver Teilnehmer an der brutalen westlichen Moderne
      die friedliebende Islamische Welt in der Entwicklung ihrer überragenden Triebkontrolle gestört.

      Genau wie Broder,Tichy,Sarrazin,Klonovsky,Don Alphonso und die ganze AFD(die Teil des Problems
      aber nicht der Lösung ist)
      habe ich kleines Licht da wohl mitgeschossen.

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    • Thomas Schubert schreibt:

      Als Antwort auf Tarik.

      Ein Feuerwerk. Aber das nächste Mal bitte etwas strukturierter abbrennen. Die Präsentation der streitbaren und sehr lesenswerterten Gedanken steht einer Antwort leider entgegen. Oder wollen Sie gar kein Gespräch?

      Tarik: Sie haben vollkommen recht mit der mangelhaften Struktur die sich durch Gedankensprünge kennzeichnet, die vielleicht nur von meiner Warte aus wie logische Zusammenhänge erscheinen. Insofern habe ich für diese konstruktive Kritik zu danken (auch wenn mein obiger Nachfolgekommentar mich Lügen zu strafen scheint.

      Thomas Schubert: Sie haben Recht;)
      Aber ich denke schon, dass es da weit mehr logische Zusammenhänge gibt als Sprünge. Es ist eher für den Leser eine Zumutung, diesen zu folgen, bei all dem – ich sage es vorsichtig – zauberhaften Rauch aus einer literariyiwrenden Wunderlampe, der den Blick aufs Prinzipielle unnötig zu verschatten droht.

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  2. Tommy schreibt:

    Zeigt nur, wie medial lenkbar die Masse der Menschen ist. Die AfD kann da m.E. auch nicht mehr viel tun, als Leute in ihren eigenen Reihen, die Gewaltphantasien von einem „Tag der Abrechnung“ o.ä. äußern, zu sanktionieren, damit wenigstens gegenüber potentiellen Sympathisanten klar ist, dass die Vorwürfe und die Repression ungerecht sind.
    Aber meine Prognose: Angesichts dessen, was gerade schon in Italien abläuft, und in ein paar Tagen oder Wochen auch in Deutschland passieren wird (bzw. unentdeckt wahrscheinlich bereits passiert), wird Hanau bald vergessen sein. Bald wird wirklich existentielle Angst in Deutschland umgehen, und für die dann ausbrechenden Zustände zumindest wird man kaum die AfD verantwortlich machen können.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    In Frankreich hat ein einsichtsvoller Vertreter der journalistischen « bienpensance ;» (Gutmenschentum) vor ein paar Tagen den dortigen nationalpatriotischen Immigrationskritiker Éric Zemmour zum Schuldigen für das Hanauer Massaker erklärt. Ich vermute, wenn auf irgend einem fernen Planeten dereinst sichere Zeichen ehemaligen Lebens endeckt werden, dann wird dessen Untergang von einem deutschen lichtsatzgebadeten Kundigen von Zeit, Raum und – natürlich nichtbiologistischer – Biologie ebenfalls auf die von der AfD ausgehenden Marasmen zurückgeführt werden können.

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  4. skeptiker schreibt:

    Zu den justitiablen Fällen in der deutschen Pressegeschichte gehört eine Fotomontage aus der Hochzeit der RAF in der Zeitschrift „Pardon“: Franz Josef, Strauss legt Ulrike Meinhof, die eine Granate in der Hand hält den Arm um die Schultern. Darunter der Text „Bis auf Weiteres auf gute Zusammenarbeit“. Ich musste spontan an dieses Bild denken, als ich Medien und Politik in den letzten Tagen verfolgte. Ein psychotisch erscheinendes Kreisen um selbst erzeugte und funktionalisierte Ängste ohne nachweisbaren Realitätsbezug aber mit erkennbarer politische Absicht. Ob mit oder ohne Absacken der AfD bei Umfragen oder Wahlen: die nicht mehr ansprechbaren Probleme bleiben bestehen und der Problemstau wächst – verbunden mit der zugleich wachsenden Drohung von Gewalt und Gegengewalt. Die RAF-Zeit dürfte dagegen eine Idylle gewesen sein.

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    • Ulrich Christoph schreibt:

      Als Antwort auf skeptiker.

      Sie haben recht, an die damals herrschende Atmosphäre zu erinnern – und insbesondere den Vergleich in Ihrem letzten Satz kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Selbstredend war das seinerzeit alles andere als eine „Idylle“(*), aber die gegenwärtige Situation ist noch schlimmer.
      (*) Michael Buback verwendet in der seinem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ vorangestellten Widmung den Begriff „scheinbare Friedenszeit“.

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  5. Flosafraca schreibt:

    Interessant ist, dass bei wahlrecht.de und dawum.de für die AfD eine ganz andere Zahl steht, nämlich unverändert zur Vorwoche 10 %. Diese beiden Seiten sind jetzt nicht unbedingt für Fake News oder gravierende Fehler bekannt. Zudem kam heute die neueste Umfrage von Kantar (früher Emid) heraus und auch dort verharrt die AfD bei unverändert 14 %. Man muss dazu auch noch anmerken, dass alleine Forsa die AfD so niedrig sieht, sämtliche anderen Institute sie höher sehen. In einem vergleich der Umfragegenauigkeiten bei PESM-Wahlbörse, schnitt Forsa bei den letzten 16 LT-Wahlen, der Europawahl und der BT-Wahl am schlechtesten ab. Dies selbst unter der Prämisse, dass die Fehlerquote durchweg be +/- 2,5 % liegt, also 10 auch 12,5 oder 7,5 sein kann.

    Lange Rede, kurzer Sinn – man sollte Forsa nicht überbewerten, sondern dies im Kontext sehen das Güllner der Chef SPD-Mitglied ist, dass Forsa abgeschlagen die schlechtesten Prognosen hat, allerdings, dem Artikel recht gebend, vermerken das damit durchaus Stimmung und Politik gemacht wird.

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