Die Mutti aller Dammbrüche

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die eine Hälfte Deutschlands – jene, die die politische und mediale Macht vereint –, den Mord an 10 Menschen in Hanau mit der AfD verbinden würde. Es hat kaum 12 Stunden gedauert – der Schock war noch nicht verflogen, die Trauer nicht bewältigt –, da fiel zum ersten Mal das Wort und scheinbar alle Vertreter besagter Hälfte nahmen es auf und verbreiten es nun mit skandalöser Selbstverständlichkeit. In einer Blitzradikalisierung überbietet man sich seither mit Appellen, die von direkter Verantwortung über Ächtung bis hin zu Überwachungsforderungen und Verbot reichen. Die Tat von Hanau ist bereits vor ihrer Aufklärung zum Mythos geworden und wird als solcher die kommende Geschichte des Landes beeinflussen.

Dabei müßten einige wesentliche Fragen erst geklärt werden.

Zum Beispiel, ob es ein Amoklauf oder Terror war. Daran hängt fast alles, denn die Tat eines Wahnsinnigen wäre nicht verallgemeinerbar und entzöge sich damit der Möglichkeit der  Instrumentalisierung. Die Frage ist aber durchaus nicht einfach zu beantworten, denn die schreckliche Tat fand offensichtlich in einem Übergangsbereich statt – was uns zeigt, daß wir nur mit Sprache agieren können und den intrinsischen Aporien der Sprache ständig aufsitzen. Die Benennung nicht-materialer Phänomene stellt Denken und Sprache vor unlösbare Schwierigkeiten, die nur solange zu übertünchen sind, wie es einen „Konsens“ über die Bedeutung der abstrakten Begriffe gibt. Dieser ist aber nur in eher homogenen Gesellschaften zu haben – je ausdifferenzierter Kommunen sind, desto weniger werden sie sich auf Begrifflichkeiten einigen. Die Tür zur multiperspektivischen Wahrnehmung identischer Geschehnisse ist längst geöffnet – das war eine Befreiung, aber es gibt eben nichts ohne seinen Preis.

Wenn man „Terror“ als „Schreckensbotschaft“ übersetzt – was auch heute noch Konsens sein sollte und sich auch mit der Etymologie deckt –, dann trägt diese Tat eindeutig terroristischen Charakter, denn es war, soweit man erfährt, das Ziel des Täters, Schrecken als Botschaft zu verbreiten. Er machte sich sogar die Mühe, diese aufzuschreiben.

Allerdings – und das macht es kompliziert –, benötigt Terror einen netzwerkartigen historischen Hintergrund: er muß in einer rationalen Kontinuität stehen. Wahnsinn zerschneidet jegliche rationale Herleitung.

Nun litt der Mann, wie wir wissen, schon seit Jahrzehnten – also bereits vor der Existenz der AfD und vor der Migrationskrise und vor dem dramatischen sozialen Zerfall unseres Landes … – an abstrusen Wahnvorstellungen. Diese äußerten sich auch in sogenannten „rassistischen“ Überzeugungen. Er führte ein Leben gegen – gegen alle möglichen Kräfte und Mächte, glaubte sich verfolgt und überwacht, scheint schizophren gewesen zu sein – „Schizophrenie“ ist übrigens auch so ein abstrakter Begriff, der einen Konsens voraussetzt. Es stellt sich also die Frage, ob sein „Rassismus“ wahn- oder ideologiegeneriert war. Vermutlich läßt sich auch diese Frage nicht eindeutig beantworten. Weder ist es sinnvoll, wie die linke und also die gesamte Presse es tut – daran erkennt man den Filz: das ist eine wichtige Lehre aus der Sache! –, das Amok- und Wahnsinnselement zu eliminieren, noch dient es der Wahrheit – wie es einige Stimmen auf rechter Seite versuchen – die Tat als reine Wahnsinnstat zu beschreiben und alle Zusammenhänge zu leugnen.

Denn die Zusammenhänge sind da und sie betreffen auch die AfD – nur darf man dort nicht stehen bleiben.

Es ist meines Erachtens kaum zu leugnen, daß die Partei noch immer ein Sammelbecken für Mißverständnisse ist und sich auch nach wie vor dafür bereithält. Sie zieht Imaginationen an, ohne immer deutlich zu machen, ob diese berechtigt sind oder nicht, sie läßt noch immer regelmäßig Vertreter an Mikrophone treten oder hinter Tastaturen sitzen, die ihrer Aufgabe geistig oder moralisch nicht gewachsen sind. Der Großteil davon fällt in den Topf „Meinungsvielfalt“, aber ein kleiner Teil geht darüber hinaus.

Auch hier handelt es sich um Konsensfragen. Die Partei muß sich fragen, wie weit der Konsens gehen kann. Das ist eine sehr heikle Frage, aber sie muß beantwortet werden. Andernfalls werden Konsensvokabeln wie „Antisemitismus“, „Rassismus“ oder „Extremismus“ nicht von ihr, sondern von ihren politischen Gegnern definiert und ihre gesamte Existenz und Existenzberechtigung von diesen in Frage gestellt werden – die Partei verschwendet dann ihre Kraft damit, diese Interpretationen abzuwehren und wird nie zur eigentlichen politischen Arbeit vordringen.

Man wird nie dazu in der Lage sein, vernünftig über die Politik Israels zu reden, solange man genuinen Antisemitismus in den Reihen hat, man wird nie Filz und Machenschaften bekämpfen können, solange sich Verschwörungstheoretiker angezogen fühlen, man wird die Migrationsfrage nie adäquat behandeln können, solange rassistisch argumentiert werden kann usw. und man wird auch kaum über die paar Prozent Wählerstimmen hinauskommen, die sich aus jenen generieren, die nur eines gemeinsam haben: dagegen zu sein.

An dieser Weiche – die Exkurse sind leider notwendig – stellen sich zwei Fragen:

Es gibt innerhalb der Rechten eine starke Fraktion, die bereits die Akzeptanz solcher Begriffe wie „Rassismus“ ablehnt, weil diese die Sprache des politischen Gegners seien und man schon durch ihre Anerkennung politisch bereits verloren hätte. Das ist ein valides Argument, für das es keine Lösung gibt, außer die oben und unten angedeuteten. Die Beschreibung ist durchaus korrekt, aber ändern läßt es sich nicht, sofern man am gesellschaftlichen Diskurs, der die Grenzen der eigenen Blase überschreitet, teilnehmen möchte. Zwar bin ich zu der Ansicht gelangt, daß es viele Unzulänglichkeiten der deutschen Sprache im Ungarischen nicht gibt, dennoch werde ich nicht damit beginnen, diese meinen deutschen Lesern auf Ungarisch vorzutragen.

Die Partei muß zudem klären, wer und was sie sein will. Will sie jemals bundesweit politikfähig werden, dann wird man sich – solange das vorpolitische Feld sich so darstellt, wie es momentan ist – von diesen Rändern trennen müssen, dann muß man das Imaginationsangebot radikal verringern. Der zu zahlende Preis dafür wäre mangelnde Eindeutigkeit, aber in der Demokratie westeuropäischer Prägung ist Eindeutigkeit, ist Klarheit, Entschiedenheit, Prinzipienfestigkeit keine gewinnbringende Kategorie mehr.

Will die AfD hingegen der Stachel im Fleische bleiben und nicht mehr, will sie also außerpolitisch wirken, als Protest an sich, als „Zornbank“ (Sloterdijk), dann sollte sie ein Kredit-, ein Vielfältigkeitsangebot an alle Unverstandenen bereitstellen, wohl wissend, daß man nie mehr als eine Quassel- und Schreibude sein wird, die vom Gros der Gesellschaft gemieden und bekämpft wird und die zwangsläufig an den inneren Widersprüchen zerbersten müßte, wollte man eine politiktaugliche gemeinsame Strategie entwerfen. Ein Mischmasch wird langfristig scheitern.

Die Entscheidung ist auch deswegen essentiell, weil es ohne sie nie gelingen wird, auch begründbare Erklärungsversuche – wie etwa den des sogenannten „Bevölkerungsaustausches“ – in die öffentliche Diskussion einzubringen, denn solange Chaoten wie der Hanauer Mörder oder Verbrecher wie der Christchurcher Killer sie in den Mund nehmen, werden sie diskreditierbar bleiben.

In letzterem Falle (Dorn im Fleische) muß man auch die Mitverantwortung für Teile der realen Gewalt tragen können, die dieses Land in den letzten Jahren erschüttert hat und noch weiter erschüttern wird. Denn es ist durchaus denkbar, daß diese gewaltbereiten Typen sich auch durch die Existenz einer zwitterhaften Partei, von der sie annehmen dürften, daß sie auch ihre abstrusen Interessen vertrete, ermuntert fühlen, in der sich zudem selbst übermäßig viel und sehr konträrer Zorn angesammelt hat. Daß die Täter dabei katastrophale Denkfehler begehen, sei dahingestellt: man muß in der Politik auch mit der Dummheit der Menschen rechnen, zumindest solange man keine linke, also ideologie- und utopiegetriebene Politik machen möchte: dann darf man sich ein Menschenbild basteln.

Nur darf man aber nicht den Fehler begehen, Taten wie die von Hanau auf nur eine Ursache zurückzuführen. Diese haben eine extrem komplexe Vorgeschichte – die Reduzierung dieser auf einen einzigen Schuldigen schafft die Bedingungen für kommende Taten. Vor allem muß man natürlich ursächlich denken. Auch Ursachen haben Ursachen. Diese zurück zu verfolgen ist nun keine – wie oft unterstellt wird – Rückführung auf den Urschleim, denn es gibt zentrale und weniger zentrale Ursachen, es gibt Ursachenknoten.

Und der maßgebliche Ursachenknoten der heutigen Spaltung der deutschen Gesellschaft ist – wie mir scheint – sehr leicht auszumachen: man findet ihn im Herbst 2015. Die Öffnung der Grenze durch einen selbstherrlichen Entscheidungsakt der Bundeskanzlerin und die spätere Beibehaltung dieser Praxis, ihre Rechtfertigung … stellt die größte mentalpolitische Zäsur der deutschen Geschichte seit (wohl) 1945 dar. Sie ist die Mutter aller Dammbrüche. Ohne sie wäre auch die AfD nicht das, was sie heute ist. Sie wäre vielleicht noch immer eine kleine Lucke-Partei, die den EU-Moloch mit aufmüpfigen Reden bekämpft. Ohne diese fatale Entscheidung wäre die gesamte europäische Politik wohl anders verlaufen. Und natürlich ist auch diese realpolitische Entscheidung – wenn man tiefer graben will – nur vor dem Hintergrund einer sich seit langem im politisch-medialen Establishment durchsetzenden alternativlosen Multikulti-Ideologie, die aber von weiten Teilen der Bevölkerung nicht getragen wird, zu verstehen …

Diese Zäsur hat Kräfte frei gesetzt, die nun nicht mehr zu bändigen sind. Es gab Stimmen – ich darf die meine bescheiden dazu zählen – die Szenarien wie das von Hanau bereits im Schicksalsjahr angekündigt hatten, wenn es keine schnelle Kehrtwende gäbe. Jeder konnte die Spannung, die Panik, die Angst, den Schrecken, aber auch die Begeisterung und Euphorie auf den Straßen und in den Medien spüren und es konnte jedem klar denkenden Menschen bewußt sein, daß dieses glühende Magma an extrem diversen Emotionen zu verschiedenartigen Ausbrüchen führen mußte. Die AfD hat sich hier sogar als Energieableiter, als Katalysator, als Container verdient gemacht, denn sie hat einen Großteil der widerständigen und verzweifelten Energie gebunden. Ohne sie wären wir dem molekularen Bürgerkrieg vermutlich deutlich näher.

Öffentlich wurde dieses Magma aber mehr und mehr unterdrückt, seine Existenz verteufelt, seine Sichtbarkeit minimiert. Ein großer Teil der Menschen fand sich nicht mehr repräsentiert in der Öffentlichkeit und zog sich zurück. Es entstanden – dank „sozialer Medien“ – eigene Informations- und Emotionsnetzwerke, die sich wiederum zum Teil nach eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelten und nicht selten ins Abstruse. Daß wir heute ein Problem mit Verschwörungstheorien haben, mit zunehmendem Antisemitismus, mit Reichsbürgern und was dergleichen alles existiert, liegt maßgeblich an der öffentlichen Unterdrückung dieser enormen mentalen Kräfte, die sich im Zuge der Migrationskrise, der tatsächlichen Zuwanderung in der derzeitigen Dimension – deren gesellschaftszerstörerische Kraft weitflächig geahnt wird – gebildet haben.

Schuld an einem Massaker wie dem in Hanau sind viele und vieles, aber die größte Wurzel des Übels – in einem rhizomartigen und noch immer wachsenden Geflecht – ist die Entscheidung jener Frau, die heute vom „Gift des Hasses“ spricht, ein Gift – unter vielen –, das sie selbst – selbstverständlich nur indirekt – produziert hat und mit derartigen Äußerungen weiter produziert.

Man mag ihr vielleicht entschuldigend zugutehalten, daß sie diese Zusammenhänge nicht versteht und nicht verstehen kann. Das freilich wäre der stärkste Grund, sie endlich zu ersetzen und das Unrecht aufzuarbeiten.

4 Gedanken zu “Die Mutti aller Dammbrüche

  1. Skeptiker schreibt:

    Was soll man zu Hanau noch sagen? Sie haben das Notwendige in einer sachlichen Weise vorgetragen, die in den letzten Stunden in den Medien selten geworden ist. Im Laufe der Jahre bekommt man ein Gespür für die Wertigkeit von Ereignissen, die man landläufig als „geschichtlich“ einordnen kann. Die kommenden Monate werden zeigen, ob in der Folge der Reaktionen auf diese Tat die Schwelle zu einem autoritären Versorgungsstaat überschritten wird, der sich als „sozial und demokratisch“ drapiert, oder ob die Hysterie noch zu einem realistischen Gegenwartsbezug zurücktherapiert werden kann. Optimistisch bin ich da nicht – sollte sich etwa die Selbstbeschreibung der Bundesrepublik als das „freieste Land auf deutschem Boden“ als weiterer historischer Flop erweisen? Auch wenn ich psychiatrische Begriffe in politischen Auseinandersetzungen mit Misstrauen begegne, so habe ich in den letzten Tagen den Eindruck bekommen, dass hier Psychotiker unter sich sind und wir einem Dialog von Gestörten in Tat und Sprache beiwohnen. Da Psychosen schwer bis vergeblich zu heilen sind dürfte das weitere Ausagieren noch – um mit Frau Merkel zu sprechen – „unschöne Bilder produzieren.“ Was die AfD betrifft: sie wird Protestpartei bleiben und – sofern sie nicht durch Verfassungstricks eliminiert wird – nicht an Länderregierungen – geschweige denn an der Bundesregierung beteiligt werden. Meine Prognose geht in einen vollständigen Zerfall des gegenwärtigen Parteiensystems, einschließlich der AfD und einer Neukonstitution der Parteien, wobei ich einen zuvor stattfindenden dramatischen Verfall der politischen und vielleicht auch staatlichen Ordnung für nicht mehr unausdenkbar halte.

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  2. Tommy schreibt:

    „denn es war, soweit man erfährt, das Ziel des Täters, Schrecken als Botschaft zu verbreiten. Er machte sich sogar die Mühe, diese aufzuschreiben.“

    Wenn man das Manifest des Täters liest, wird m.E. deutlich, dasss die rassistische Motivation nur ein Teilaspekt ist. Sein anderes Ziel war, durch seine Tat Aufmerksamkeit zu generieren und den Gedanken lesenden „Geheimdienst“, den er als einziger erkannt zu haben glaubte, der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Sofern das nicht eine vom Täter gelegte falsche Fährte ist (wie es bei Breiviks Kreuzritter-Inszenierung war), kann man das m.E. nur als eindeutigen Ausdruck einer schweren psychischen Erkrankung deuten.
    Kann ansonsten ihrer Analyse bzgl. der AfD weitgehend nicht zustimmen. Sicherlich gibt es eine erhebliche Anzahl an Personen in der AfD, die schädlich sind, ich kann z.B. nur den Kopf schütteln über Gestalten wie Proschka mit seinem Denkmal für Selbstschutz-Leute in einem heute polnischen Ort. Nur ist es ein Irrtum zu glauben, alles würde gut und man würde vom Establishment akzeptiert, können vielleicht gar eine Koalition mit der CDU eingehen, wenn man nur die bösen Extremisten entsorgt. Kleinster gemeinsamer Nenner eines Großteils der AfD-Wähler ist m.E., dass sie die gegenwärtige Politik der offenen Grenzen und Masseneinwanderung ablehnen, die ethnische Deutsche in Deutschland innerhalb weniger Jahrzehnte flächendeckend zur Minderheit machen wird. Allein diese Haltung ist nach Ansicht des gesamten politisch-medialen Establishments bereits außerhalb jeder Diskussion und im Grunde verfassungsfeindlich, da ethnische Differenzen und Identitäten nach heutigen westlichen Standards nur thematisiert werden dürfen, wenn es um die Belange von „Minderheiten“ geht (z.B. um Quoten im öffentlichen Dienst etc. für „people of color“ zu fordern, wie das bereits von migrantischen Lobby-Organisationen getan wird). Wenn die AfD aber in der Frage der Masseneinwanderung und der nationalen Identität einknickt, kann die Partei sich auch gleich selbst auflösen, da sie dann völlig unnötig ist. Es ist m.E. auch ein Fehler Hoffnungen auf eine Koalition mit CDU/CSU zu setzen, das einzige Ziel der Unionsparteien bei so einem Projekt wäre die Schwächung bzw. sogar Zerstörung wie es Kurz in Österreich mit der FPÖ vorexerziert hat. Auf absehbare Zeit kann der Zweck der AfD nur darin liegen, das Regieren für die herrschenden Parteien immer schwieriger zu machen, sie in immer abstrusere Einheitsbündnisse wie in Thüringen zu zwingen und dazu zu bringen, sich durch zunehmende Repression selbst zu entlarven. Das mag nihilistisch und destruktiv erscheinen, es ist aber angesichts eines politisch-medialen Kartells, das zur Selbstkorrektur unfähig ist und sich seit 2015 beständig weiter hysterisiert, die einzig realistische Perspektive.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Die politische und mediale Klasse reagiert doch in Sachen AfD wilhelminisch: „Mir passt die janze Richtung nicht“. Irgendwelche Abgrenzungen von medial Angeschmierten wie etwa Höcke nützen in dieser Situation gar nichts, weil doch gleich der nächste Sündenbock aufgebaut würde. Und umgekehrt, wenn heute etwa Lucke in den Medien zuweilen als weniger verrucht dargestellt wird, dann doch nur, um einen Vergleich zur Herabsetzung des aktuellen AfD-Personals zu haben; zu seiner Zeit war auch er der Ober-Bösewicht.

    Man kann diese mediale Decke nicht abwerfen, man kann sie allenfalls nach und nach mürbe und löchrig machen, was ein herbes Geschäft ist und scheitern kann, vielleicht auch wird. Aber man sollte trotzdem unbeirrbar weitermachen, aus Anstand. Victrix causa diis placuit sed victa Catoni. Mit einer weiteren Partei, die die wirkliche Problem Deutschlands und Europas nur vor sich herkickt, weil sie vor allem an die Fresströge will, wäre nichts gewonnen.

    Im Jahre 2015 hat Merkel nicht nur die Grenzen geöffnet, sondern auch (wahrscheinlich wegen einer Kurzfristtaktik zur Sympathiegewinnung, aber wer weiß das schon genau) die Pforten zur Hölle der politischen Radikalisierung. Davon Verstörte am politischen oder am seelischen Rand werden deshalb immer wieder und wahrscheinlich sogar mehr und mehr durchdrehen, das ist nur natürlich und unvermeidlich. Bei der Störung einer Galaxie durch eine sich nähernde andere fliegen auch immer Sonnen aus ihren alten Bahnen ums galaktische Zentrum wild in den Raum. Die Oberlehrer-Moralisten glauben stets an die Willensfreiheit derjenigen, an deren Tun sie Anstoß nehmen (an die der anderen weniger, da wird dann gerne alles durch Verrücktheit, oersönliche Traumata usw. entschuldigt oder zumindest für unbeachtlich erklärt), aber weder die Kritisierten noch die Kritiker sind wirklich frei in ihren Entschlüssen; bei letzteren möge man dazu nur das reflexhaft aufjaulende Geschrei beachten, das statt einer sachlich-nüchternen Einrede erfolgt.

    Wir sind die Versuchskaninchen eines sozialen Großexperiments, das von den hier Kommentierenden, außer vermutlich von unsrer fortschrittsgewissen Feline und vielleicht einem nur sporadisch auftretenden Gatten, keiner haben wollte. Sagen wir das beständig, damit die Verführten nach und nach doch vielleicht eine Ahnung bekommen, auf welches Konto die kommenden „Verwerfungen“ zu buchen sind, vielleicht höhlt der stete Tropfen nach und nach den Stein der Ignoranz. Die eine Narretei jagt die nächste, weil die Utopisten Oberwasser zu haben glauben; solange das Fleisch des Leviathans und der wissenschaftlich-technischen Gesellschaft noch nicht verzehrt ist, kann man ja offenbar ruhig noch einen weiteren Schmarotzer ansetzen. (Es hat wohl keiner erkannt – ich rede vor allem von den Grünen Khmer.) Ein bisschen habe ich allerdings den Eindruck, dass einem breiteren Publikum angesichts der drohenden Verschrottung der Industriegesellschaft jetzt doch etwas schwummerig zumute wird. Ich trage jedenfalls in solchem politikstummem Kreise gerne absurd-utopische Projekte vor und schließe dann regelmäßig mit einem „Wir schaffen das!“ Obwohl die Zuhörer sonst nichts sagen, danach klingen in letzter Zeit die Lacher doch sehr bitter. Wer weiß, vielleicht wird der oder die andere sogar ermuntert, das nächsten Mal in der Wahlkabine gegen sein oder ihr fremdes Gewissen zu stimmen?

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  4. Verwirrte „Denker“ zeugen verwirrte Täter, gerade seitenlange Rechtfertigungsversuche sprechen Bände. Wir haben fertig.

    Pérégrinateur:

    Was wäre denn Ihre Antwort? Denken nur mit staatlicher Lizenz?

    Der Täter im aktuellen Fall scheint doch seit langer Zeit nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt zu haben. Gehen Sie etwa von einer zeitlichen Rückwirkung von Lucke zu Rathjen aus? In religiösen Theorien zumindest gibt es die; Origenes zum Beispiel hat klar erkannt, dass der ältere Deukalion-Mythos vom Teufel gestohlen wurde, um später Zweifel an der biblischen Offenbarung zu säen.

    Lynx:
    Eben das meinte ich mit verwirrt. Nicht einmal Kategorien werden erkannt und man verliert sich in sektiererischen Gedanken. Futter für verwirrte Leute, egal, seit wann die schon verwirrt sind. Eine in sich geschlossene Welt, die Heimat bietet für verlorene Seelen. Nicht die meine.

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