Grenzen der Freiheit

Georges Perec hatte bekanntlich einen Roman geschrieben, in dem er auf den Buchstaben „E“ komplett verzichtete – das hätte er mal auf Ungarisch probieren sollen – aber dazu später.

Im vollkommen aussichtslosen Ringen um das Verständnis normalen flüssigen Ungarischs, schaue ich mir Abend für Abend eine halbe Stunde Originalfilme an. Gerade ist die legendäre „Mézga Család“, die „Mézga Familie“ an der Reihe, die Ostdeutsche reiferer Jahrgänge sicher noch als die Hauptpersonen der Kultserien „Heißer Draht ins Jenseits“ und „Adolars phantastische Abenteuer“ in Erinnerung haben. Es genügt jedenfalls, den meisten den Tune vorzupfeifen und sofort setzen die tief verinnerlichten Zeilen „Spiel doch mal verrückt, wenn eine Laus dich zwickt“[1] oder „Spiel doch mal verrückt, das ist gesund, und wenn es nicht gleich glückt, na und, das ist ein Grund …“ reflexartig ein.

Die ungarischen Trickfilme, die es in drei Staffeln zu je 13 Filmen gab, waren der wöchentliche Höhepunkt und durften in Haushalten mit Kindern, also in fast allen, nicht verpaßt werden.

In der ersten Serie – als kleine Erinnerungshilfe – nehmen Vater und Sohn Kontakt mit einem Urururur…Enkel im 30. Jahrhundert auf, der ihnen für jedes kleine Problem ein hypermodernes Gadget schickt – wobei die Fensterscheibe jedes Mal zu Bruch geht – welches dann Chaos anrichtet, weil es entweder nicht in die Zeit paßt oder aber die beschränkten Menschen des 20. Jahrhunderts der Technik nicht gewachsen sind. Heute überkommt einen große Lust, die Serie heideggerianisch zu interpretieren …

Serie zwei beschreibt hingegen die Weltraumabenteuer des genialen Teenagers Adolar. Er hatte sich ein Raumschiff gebaut und erkundet damit, von den anderen unbemerkt, nächtlich ferne Planeten. Der erste Film der zweiten Staffel ist ein Geniestreich in sich selbst, seine Geschichte gehört erinnert und interpretiert und hätte ich im Bildungsministerium etwas zu sagen, ich würde ihn auf den Lehrplan setzen.

Adolar landet darin auf einem zweidimensionalen Planeten, einer Scheibe, einer Oblate. Aber sie ist belebt und zwar von einer Art Mensch. Diese Wesen sind flach wie die Platte selbst und können sich folglich nur seitwärts bewegen. Auch ihre Sprache ist limitiert: sie nutzen nur den Vokal „e“.

Zumindest tun sie das im ungarischen Original, wo die Idee – ähm die Edee – besser funktioniert als in der Synchronisation. Dort werden immerhin sinnigerweise das „A“ und das „O“ unterlassen. Ein alter Magister (Mugister) aber probt den Aufstand und spricht die gesamte Vokalpalette, lehrt sie auch einigen Schülern. Dieser Akt der Selbstermächtigung kann vom „Putentut“, der das kleine Völkchen wie Sklaven unterdrückt, nicht erlaubt werden.

Der Mugister wird gefangen genommen – Adolar beleuchtet die Szene mit seiner Taschenlampe von oben.

Der Rebell – großartig gesprochen von Dieter Mann – wird gesucht, gefangen gesetzt, gefoltert und wäre wohl dem Tude geweiht gewesen, wenn Adolar ihn nicht befreit hätte. In seinem Raumschiff erfüllt er dem Rebellen seinen geheimsten Wunsch, wenn nicht die Offenbarung: er verschafft ihm seine dritte Dimension, also seine Körperlichkeit.

Im Ungarischen finden diese originellen philosophischen Mono- und Dialoge auf dem Scheibenplaneten nur mithilfe des Vokals „E“ statt und das ist auch vollkommen erklärlich, denn diese Sprache ist schwer E-lastig; man könnte sie phonematisch als „E mit Soße“ bezeichnen, dem fremden Ohr klingt es wie das Meckern einer Ziege, die sinnigerweise „kecske“ heißt.  Ja es gibt sogar eine reine E-Poesie[2]. Ein Wort wie „egészségedre“, das die meisten kennen, steht dafür symptomatisch[3].  Was die meisten nicht wissen: man kann es sezieren[4] und konjugieren[5]. Aber es ist noch längst nicht der Gipfel der magyarischen Sprachkunst – Wörter wie „engedelmeskedjetek“ (Imp. von „gehorchen“), „engedelmeskedhetnék“ („ich könnte jemandem gehorchen) oder, etwas abgefahren, „bejelentkeztethettelek”[6]  machen schnell eine der zahlreichen Schwierigkeiten für den Sprachlerner sichtbar, vor allem wenn man noch die diverse Akzentuierung beachtet. Das „E“ als Anfangsbuchstabe nimmt im Wörterbuch den zweitdicksten Raum ein, nur vom „K“ überboten, aber auch dort beginnen die meisten Vokabeln mit „Ke“, Ungetüme wie „kétségtelenségek“ (Unanfechtbarkeiten) sind keine Seltenheit.

Kurz und gut: hätte Perec sein E-loses Buch auf Ungarisch versucht, er wäre vermutlich gescheitert. Leistungen kennen also feste Kontexte.

Zurück zu Adolar. Dort kämpfte der Magister auf seiner Scheibe einen quasi kopernikanischen Kampf und war sogar bereit, dafür sein Leben zu geben. Ein weltanschaulicher Fanatiker, der davon ausging, daß mit der Einführung seiner Idee das gesamte Unterdrückungssystem zusammenbrechen müßte. Würden alle Flachmenschen das „A“ und das „O“ sprechen, dann wäre die Tyrannei beendet, die Menschen bekämen ganz neue Horizonte. In seinem Kampf lag ein unausgesprochenes Verheißungsverprechen, das der Mehrdimensionalität.

Und diese verschafft ihm nun Adolar. Nicht nur kann der Aufrührer zum ersten Mal ohne Angst und Sorge das volle Vokabular nutzen, nein, ihm wird die Offenbarung zuteil, die dritte Dimension, die Körperlichkeit, das Volumen. Man müßte nun meinen, dies sei das Paradies für ihn, ein postapokalyptischer Zustand und Adolar ein „lieber Gott“, ein Erlöser.

Tatsächlich aber – das zeigt die große Weisheit des Filmes und stellt die erste Lehre dar – reagiert er ganz anders: mit Angst und Sehnsucht. Sie ist ihm plötzlich unheimlich, die Welt seiner Verheißung, der Erlösergott ist ein „entsetzlicher Geist“, und er fühlt sich allein, er sehnt sich nach Seinesgleichen und seien es auch Unerleuchtete oder sogar seine Häscher. Besser qualvoll im Bekannten zugrunde gehen, als vollständig im Unbekannten leben. Adolar steckt ihn also erneut in das „Gyroscop“ und schickt ihn bedenkenlos in sein flaches Schicksal zurück.

Der kleine Ausflug in die unverstandenen Sphären, sein Erlöser- und Befreiungswille hätte wenige Augenblicke zuvor – als zweites Lehrstück – auch für Adolar verderblich enden können.

[1] Dieser fast dreiminütige Vorspann wurde in jedem Film komplett gezeigt – ein Signum der damaligen Geduld und der Freude an der Repetition. Heutige Kommentatoren auf Youtube können das nicht mehr ertragen und verlinken den eigentlichen Beginn der Handlung.
[2] Egyetlenem
Szeretlek Kedves,
ne felejtsd el,
kedvem ne szegjed,
nevettess meg!
Egekbe reptess,
nevem legyen
becsesen zengett:
Egyetlenem!
[3] Wieso kennen die meisten Menschen just die Trinksprüche fremder Sprachen – „Egészségedre“, „Skål“, „На здоровье! „, „Na zdrowie”,  „Prost“, „¡Salud”,  “Cin Cin” etc., ohne die Sprache sonst zu beherrschen – darüber könnte man auch mal nachdenken.
[4] Es besteht aus „egész“ – ganz, „ség“ – „heit“, „e“ – Bindevokal, „d“ – für „dich“, re“ – auf ergo: auf deine Gesundheit/Ganzheit.
[5] “Egészségedre” ist die Du-Form. Das formale Äquivalent ist „egészségére”. Mehrere Menschen spricht man mit „egészségetekre” oder in der Höflichkeitsform mit „egészségükre” an. Man kann mit “egészségünkre” auch auf uns alle anstoßen.
[6] Um es zu entziffern braucht es ein feines Besteck: „bejelentkeztethettelek“ besteht aus: „jelent“=bedeuten + „bejelent“=anmelden + „bejelentkezni“=sich anmelden + „bejelentkeztetni”=   sich anmelden lassen + „bejelentkeztetlek“= ich lasse dich anmelden + „bejelentkeztethetlek“=ich kann dich anmelden lassen + bejelentkeztethettelek – ich konnte dich anmelden lassen …
Ein anderes Beispiel ist das Wort „lefényképezni“ = „abphotographieren“ (le = ab, fény = Licht, kép = Bild, fényképezni = photographieren). Mithilfe von eingefügten Suffixen werden verschiedene Bedeutungen erlangt: „lefényképeztetlek“ = ich lasse dich abphotographieren; lefényképeztetnélek = ich würde dich abphotographieren lassen; léfényképeztethetnélek = ich könnte dich abphotographieren lassen; lefényképeztethettelek volna = ich hätte dich abphotographieren lassen usw.

11 Gedanken zu “Grenzen der Freiheit

  1. Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren und zum Titel des Beitrags: Zeit-Online hat einen Text von Judith Butler anlässlich 250 Jahre Hegel veröffentlicht. Er endet so: „Nur durch den Kontakt mit dem, was unerwartet, furchteinflößend und verheißungsvoll ist, erkennen wir – hoffentlich nicht zu spät – die Bindungen, die uns, ohne dass wir es wüssten, fordern und wahrhaft lebendig sein lassen“ – Aber das Maß von Lebendigkeit bemisst sich halt für jeden anders und für den einen liegen die Grenzen der Freiheit bereits dort, wo für den anderen die Freiheit erst beginnt. Und schon sind wir wieder bei Heraklit. https://www.zeit.de/2020/08/phaenomenologie-des-geistes-friedrich-hegel-judith-butler

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Grottenschlecht übersetzt üder grottenschlecht verfasst oder am ehesten beides.

      • „Das Jetzt ist genau der Augenblick, in dem „das Jetzt“ vergeht und zu einem Gewesenen wird.“ ― Eine tiefstürzende Erkenntnis, endlich zureichend tiefsinnig und hegelisierend ausgedrückt. Ich meine mich zu erinnern, dass in Tiecks Abraham Tonelli auf das ebenso tiefe Problem des Gehens eingegangen wird, und zwar ungefähr mit den Worten: „Es erwies sich nun, dass ich immer einen Fuß vor den anderen setzen musste, worauf dieser nun nicht zurückbleiben wollte, und aus diesem Widerstreite war das Gehen zusammengesetzt.“

      • „in Sorge oder Angst oder gar schon in Trauer, weil wir glauben, die Bedingungen der Demokratie würden zu sehr von innen heraus unter Druck gesetzt, ja zersetzt.“ ― Man könnte doch Ross und Reiter nennen. Auch kann ich mir unter unter Druck gesetzten Bedingungen nichts vorstellen. Bedingungen sind rein logischer Natur .Sind vielleicht stattdessen Institutionen gemeint? Egak, alles dasselbe.

      • „Ist die Zeit der Demokratie vorbei, und kann Demokratie erst im Moment ihres Vergehens zu einem wahren Gedanken werden?“ ― Also für mich ist Demokratie ein Ordnungsprinzip zur Bestallung, Begrenzung und Ablösung von Herrschaft. In welchem Sinne sie ein wahrer Gedanke sein sollte, und dann auch nur kurzzeitig sozusagen als sterbender Schwan, das verstehe ich nicht.

      • „Es stimmt, das Gefühl der zeitlichen Desorientierung, mit dem wir leben, ist sehr wirklich, und man kann wohl versucht sein, diese Angst, die uns permanent begleitet, durch eine bestimmte Überzeugung zu formen: Die Erde ist verloren, die Demokratie ist am Ende, die Zukunft ist verbaut.“ ― Zeitlich desorientiert ist man, wenn man Tag und Stunde nicht weiß. Das dürfte bei unseren zwanghaften Handybenutzern seltener als je der Fall sein. Etwas ganz anderes ist es, wenn man die Zeiten und ihre Gebräuche nicht mehr versteht oder sich etwa den Zeitgenossen nicht mehr zugehörig fühlt und ihre Obsessionen nicht versteht. Man könnte dann metaphorisch sagen, von der laufenden Epoche verstört zu sein. Aber natürlich sind solche Epochen immer nur historistische Konstruktionen, nicht wahr? Bleiben wir doch lieber Nominalisten und versuchen wir, die Abläufe aus den Phänomenen zu verstehen statt sie mit dem platonischen Setzkasten der vorgefertigten Ideale zu modellieren. Ich habe übrigens keine Angst und zudem bezweifle ich, dass nun gerade die Ängstlichen ihre Angst „durch eine bestimmte Überzeugung […] formen“ wollen, genausowenig wie ich panisch Flüchtenden zutrauen würde, ihren Weg nun gerade durch welche Überzeugung auch immer bestimmen zu wollen. Die drei katastrophischen Bilder am Ende sind in der falschen Ordnung; da muss man doch eine Steigerung einbauen, denke ich, allein schon um des Effektws willen.

      • „Diese Form von Fatalismus aber krankt an einem übertriebenen Gewissheitsgefühl.“ ― Wenn einem die schlichte Aussage „Die Menschen sehen die Dinge zu schwarz“ zu pofel ist, muss man wohl solches Geschwurbel benutzen; es geht schließlich um Hegel, also ist Tiefenschwiindel obligatorisch. Vorschläge für andere Gelegenheiten: „Diese Form von Voluntarismus aber krankt an einem untertriebenen Ungewissheitsgefühl.“ „Diese Form von Aleatorismus aber krankt an einem übertriebenen Unbestimmtheitsgefühl.“ usw. usf.

      • „Wenn von irgendeiner Zeit gesagt wird, sie sei vorbei, wenn eine historische Zeit an ihr Ende gekommen zu sein scheint, so bedeutet das lediglich, dass wir ein sicheres Gefühl für die historische Zeit verloren haben, weshalb sich nun die Frage stellt, in welcher Zeit wir uns befinden. Hegels Überlegungen zur Französischen Revolution werfen diese Frage als eine wichtige, unter Bedingungen der Revolution aufkommende zeitliche Frage auf, nämlich: Welche Zeit haben wir?– What time is it?“ ― Vielleicht würde Klein Rrna stattdessen schreiben: „Wenn etwas vorbei ist, dann frage ich mich: Und nun?“ Aber Klein Erna will eben schnell verstanden werden und nicht etwa Zeilen schinden.

      • „Natürlich behaupte ich nicht, dass wir in revolutionären Zeiten leben – vielleicht tun wir es, ohne dass ich es gemerkt hätte.“ ― Übersetzung: Ich weiß zwar nicht, was lios ist, kann aber gut darüber schreiben.

      • „Offenbar haben wir zu Unrecht darauf vertraut, dass sich die Zeit gewissermaßen geradlinig vorwärtsbewegt, ohne jede Gefahr der Regression oder Umkehr.“ ― O sancta simplicitas! Die Avantgarde glaubt auf dem Zeitpfeil ins Schlaraffenland zu reiten und bemerkt plötzlich, dass unter dem Sattel nichts mehr ist.

      • „Vielleicht haben wir gedacht, die ökonomische Rationalität könne unmöglich zum Paradigma der Vernunft werden und eine Ethik der Gastfreundschaft sei in Europa unverhandelbar.“ ― Trost: Mit ordentlich Angstmache köntte die ökonomische Irrationalität zum Paradigma der Gesinnungsethik werden; man ist da schon schwer am Werkeln. Gäste zeichnen sich übrigens dadurch aus, dass sie wieder gehen. Dieses „unverhandelbar“ scheint sich zur Leitphrase der Kritkimmunisierung in progressiven Kreisen zu entwickeln. Übrigens ist das Wort durchaus ambivalent: etwas kann auch dadurch unverhandelbar werden, dass die anderen diesen Tinnef nicht mehr haben wollen.Also das Gegenteil von „Vogel friss oder stirbt“, das meistens damit intendiert ist.

      So, jetzt habe ich aber genug von dieser Judith. Ich beschließe den Kommentar gleichwohl versöhnlich mit einer anderen Judith, die ihr Instrument geschickter hält als diese Butlerin oder ihre Gehilfin Bettina die Feder:

      • „“ ―

      Lynx: Nichts für ungut: Wieder mal wortreich ums Zentrum getorkelt, wovon soll das ablenken?

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      • Jochen Thurm schreibt:

        Ablenken,gutes Stichwort.
        Wovon könnte Frau Butlers pseudointellektuelle Phraseologie wohl ablenken?

        Pérégrinateur hat es mit ein paar noch dazu unterhaltsamen Sätzen klar gemacht.

        Die KaiserIn ist nackt bis auf die Knochen.

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  2. Schuster bleib‘ bei deinem Leisten, hier in der Version realsozialistischer Indoktrination – und die funktioniert bis heute? Hm. Wie haben wir es nur geschafft, die Steinzeit hinter uns zu lassen (aber bei Manchen lebt sie ja noch fort und gegen Atavismus ist leider niemand gefeit, zugegeben). Liegt nicht die besondere Fähigkeit des Menschen darin, sich der Vergangenheit zu erinnern, auch daraus zu lernen, sich aber zugleich eine Zukunft aktiv imaginieren zu können? Ohne Risiko geht es nicht. Aber Risiko eingehen war eben nicht vorgesehen in gewissen Systemen, die Angst vor dem Kontrollverlust war zu groß. Ganze Generationen sind so geprägt. Nehmen wir noch die Epigenetik hinzu, wird uns diese Depression noch eine Weile beschäftigen – bis sie von der nächsten abgelöst wird. Panta rhei.


    Seidwalk: Ihr Fehler ist immer wieder der gleiche: sie schließen aus dem Sein auf das Sollen – weil es „Fortschritt“ gibt, meinen Sie, fortschreiten zu müssen, weil es Veränderung gibt, wollen sie manisch und habituell verändern, weil alles fließt, wollen Sie alles in den Fluß werfen. Aber der Fluß fließt auch ohne Ihr Zutun, er wird sich Ihr Haus irgendwann holen – ja -, aber kein vernünftiger Mensch verlangt von Ihnen, es selbst abzutragen und dem Fluß zu übergeben, sondern plädiert für den Erhalt und die Hege.

    Das Panta Rhei des Heraklit ist eine ontologische Beschreibung aus der er den Kampf mit all seinen Folgen als allbeherrschendes Prinzip generierte. Wir begreifen dadurch das Wesen des Leids aber niemand zwingt uns demnach, es bewußt herbeizuführen und zu forcieren.

    Der Film ist auch kein Bsp. „realsozialistischer Indoktrination“, sondern realsozialistischer Subversion.

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    • Das ist eben die besagte grundsätzliche Frage: sollen wir aus dem Sollen auf das Sein schließen (= Primat der Idee/Religion/Ideologie) – oder aus dem Sein auf das Sollen (= Humanismus, Kant etc)? Also ob Zweiteres ein Fehler ist kann man doch wohl so nicht deklamieren, es sei denn man hängt Ersterem an? Und weil ich Zweiterem anhänge bin ich auch ein erklärter Freund der Hege, denn dieses Prinzip folgt doch voll und ganz aus der Erkenntnis des Seins und nicht dem Befehl des Sollens (Stichwort Nachhaltigkeit als ursprüngliches forstwirtschaftliches Prinzip). Also wer da gewissen Verwechslungen, Fehlern, begrifflichen Unsauberkeiten aufsitzt?

      Ihre Heraklit-Sichtweise ist, wen wundert’s, eigenwillig: Heraklit sagt eben gerade, dass alles Kampf oder besser Streit ist, man kann ihm nicht entkommen, wir haben keine Wahl, wir sind ihm ausgesetzt. Der Versuch, sich ihm zu entziehen, hieße zugleich, die Welt verlassen: „Das Entgegengesetzte passt zusammen, aus dem Verschiedenen ergibt sich die schönste Harmonie, und alles entsteht auf dem Wege des Streits.“ Sie reden sich da etwas schön.

      Das mit der „realsozialistischen Subversion“ gefällt mir allerdings. Ob ich’s glauben soll? Ich glaube lieber an Robi, Tobi und das Fliewatüt.

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      • Michael B. schreibt:

        > Das mit der „realsozialistischen Subversion“ gefällt mir allerdings. Ob ich’s glauben soll? Ich glaube lieber an Robi, Tobi und das Fliewatüt.

        Wissen ist zu bevorzugen, das stimmt wohl.

        1) ansehen
        2) Kenntnisse real existierenden Sozialismus erwerben
        3) Reibungsflaeche des in 1) Gesehenen mit 2) fundiert charakterisieren.

        @seidwalk

        zu [1]: Das ist mir zehnmal lieber als die teilweise noch laengeren Wiederholungen vorangestellter Versatzstuecke der letzten Episode bei heutigen Serien, die die googlesche Vernichtung von elementarster Gedaechtnisfaehigkeit auch in diesem Medium zelebrieren.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Sie sind da begründungstechnisch auf fürchterliche Abwege geraten. Zum Sein-Sollens-Problem siehe etwa bei https://de.wikipedia.org/wiki/Humes_Gesetz

        Es geht darum, ob man ethische Aussagen rein logisch aus Feststellungen über die Realität ableiten kann. Das wurde früher teils ziemlich großzügig so getan, Hume behauptet aber, in solchen Begründungen finde sich immer ein logischer Sprung. Aus „X ist der Fall“ llasse sich eben logisch nicht die Aussage „X soll der Fall sein“ ableiten (noch umgekehrt „X soll nicht der Fall sein“).

        Das von Ihnen dagegengestellte Ableiten des Seins aus dem Sollen („X soll sein, also muss X sein“) ist noch verquerer; da sind wir (im entsprechend negierten Fall) bei Morgensterns Unmöglicher Tatsache und ähnlichen Absurditäten.

        Ihre Behauptung, man müsse (!) auf die eine oder andere Art schließen, lässt Ihren üblichen Alternativen-Reduktionismus erkennen. Man kann durchaus beide Schlussweisen ablehnen, weil beide nicht logisch operieren.

        Ethische Präferenzen sind eine Frage des persönlichen Geschmacks. Mit Atgumenten wie beschrieben auf andere wirken zu wollen, heißt ihnen ein X für ein U vormachen zu wollen. Zugegeben, viele sind so beeindruckbar, was für die per frommer Begründungserschleichung auf Herrschaft über fremde Köpfe ausgehenden moralischen Lehrmeister natürlich bequem ist. Zudem sind viele durch ihre seelische Konstitution so versessen auf den moralisch festen Punkt, dass sie ihn sich selbst zu verschaffen genötigt sind, welches intellektuelle Opfer es sie auch immer kostet.

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        • Da haben Sie vielleicht etwas zu schnell gegoogelt. „So einfach sind die Dinge nun auch wieder nicht“ (Keimzeit), das hat ja dann auch Kant beim Studium Humes erkannt. Dort werden Sie vielleicht eher fündig. Wenn ich Kant recht verstehe, gibt es keine Doktrin von außerhalb, warum etwas „gut“ oder zu befolgen sei, jedenfalls nicht als Instanz, die uns direkt etwas zu sagen hat, allenfalls über den Umweg der Erkenntnis und damit dem Einsehen dessen, was „in uns steckt“. Insofern folgt das Sollen aus dem Sein, als das Sein erkennt, was es sollen soll, im Sinne von Kants Moralethik. Kant meint ja, wir seien etwas mehr als Humes triebgesteuerte Wesen und man wünscht sich noch heute, er habe damit recht. Manche allerdings hängen wieder zu gerne der Theorie von der reinen Triebhaftigkeit an und versuchen damit die Durchsetzung von Autoritäten aller möglichen Art zu begründen.

          Übrigens wusste ich gar nicht, dass Kant das inoffizielle Motto für unseren Staat vorgegeben hat, wir sollten das dringend in den Fokus rücken: „Denn wenn das Glück es so fügt: daß ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik (die ihrer Natur nach zum ewigen Frieden geneigt sein muß) bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen und so den Freiheitszustand der Staaten gemäß der Idee des Völkerrecht zu sichern und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.“

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          • Ulrich Christoph schreibt:

            „… wir sollten das dringend in den Fokus rücken.“
            Etwa so?
            (…) ein weises Institut sorgt dafür, dass die „Integrationskraft“ der laufend erweiterten EU nie überdehnt wird: das „Center for the Optimization of Relations in Europe (CORE)“ – merkwürdigerweise in US-amerikanischer statt britischer Schreibweise.
            Beim CORE werkeln Zahlen- und Statistik-Experten – ähnlich wie bei der Bertelsmann-Stiftung – , die aus den entferntesten Winkeln des Imperiums unablässig Datenströme erhalten und daraus klar ablesen können, wann sich die EU wieder erweitern kann. Jetzt heißen die Kandidaten Israel, Libanon und Marokko . Deren inzwischen eingetroffene Gesuche „werden heute EU-weit eher gelassen registriert: Die Völker Europas wissen einfach besser Bescheid über die Belastbarkeit ihres Verbundes“.

            https://www.publicomag.com/2020/02/2020-die-bertelsmann-zukunft-ist-da/

            Gefällt 1 Person

          • Pérégrinateur schreibt:

            Sie brauchen also noch zusätzlich die s. v. v. äußere Instanz der Kantischen Moralethik. um das Sein für das Sollen logisch zwingend zu machen. Bravissimo!

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Perec hat nicht nur einen Roman ohne E geschrieben, « La Dispatition  », sondern auch einen mit E als einzigem Vokal(buchstaben), « Les Revenentes », was sich wohl durchaus mit einem Ungarisch ohne E vergleichen lässt:

    Telles des chèvres en détresse, sept Mercédès-Benz vertes, les fenêtres crêpées de reps grège, descendent lentement West End Street et prennent sénestrement Temple Street vers les vertes venelles semées de hêtres et de frênes près desqelles se dresse, svelte et empesé en même temps, l’Évêché d’Exeter. Près de l’entrée des thermes, des gens s’empressent. Qels secrets révèlent ces fenêtres scellées?
    […]

    Erst gegen Ende etwas gezwungen.

    Seidwalk: Danke. War mir entgangen. Perec liegt lange hinter mir. Neulich schenkte mir jemand ein Buch aus Dezső Tandoris (postmoderner Autor) Nachlaß – ich kann das heute nicht mehr lesen, hätte es früher vermutlich verschlungen.

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