Gegneranalyse – Politik der Gabe

Gegneranalyse I

Frank Adloff: Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben.

Nur von wenigen wahrgenommen, hatte Peter Sloterdijk sein dreibändiges „Sphären“-Werk mit der Selbstunterstellung, „eine Universalgeschichte der Großzügigkeit“ geschrieben zu haben und sich dabei auf Marcel Mauss‘ Klassiker zur Gabe zu berufen, beendet. Wenig später verschaffte sich der Großdenker mit der These Gehör, es wäre besser, die Steuerpflicht zugunsten einer Steuergabe zu ersetzen und damit die thymotische Energie der Gebenden zu stärken. Sie erfuhr wenig ernsthafte Aufmerksamkeit und wurde schnell ins Kuriositätenkabinett des Denkens delegiert.

Sloterdijk rekurrierte dabei auf eine virulente Diskussion, die unter dem Namen Konvivialismus floriert. Einer ihrer Hauptakteure im deutschsprachigen Bereich ist Frank Adloff, seines Zeichens „im Zuge einer Clusterberufung zum Thema Nachhaltigkeit als Professor für Soziologie, insbesondere Dynamiken und Regulierung von Wirtschaft und Gesellschaft, im Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg tätig“. Sein Versuch, den Konvivialismus nicht nur zusammenzufassen, sondern auch richtungsweisend anzupreisen, erschien im erzlinken „Nautilus“-Verlag. Im Inhaltsverzeichnis fehlt der Name Sloterdijks komplett.

Bekanntlich hatte Marcel Mauss in seinen ethnographischen Überlegungen die Gabe als wesentliche Form der Ökonomie beschrieben und damit die allseits angenommene Tauschökonomie relativiert. Menschen, als soziale Wesen, haben einen intrinsischen Hang zur Gabe. Geben aber enthält ein starkes Freiheitsmoment und es entbindet vom Äquivalenzprinzip. Damit schafft es die Voraussetzung geglückter sozialer Beziehungen, denn in der Gabe liegt die Öffnung zum anderen hin, aber auch die Erwartung einer Gegengabe. Diese wiederum ist mit einem Risiko behaftet, denn die Gegengabe ist nur eine Möglichkeit und keine Pflicht und sie kann nicht-adäquat zur Erstgabe – in beide Richtungen – erfolgen. Sie spinnt also ein ganz anderes kommunikatives und soziales Netz, als der Tausch oder die verbale Kommunikation.

Wer von der Gabe her argumentiert, lehnt den Ökonomismus und die Unterstellung des Utilitarismus ab. Tatsächlich haben zahlreiche soziologische Studien und Experimente erwiesen, „daß Prosozialität und Kooperation genauso zum Repertoire menschlichen Verhaltens gehören wie eigennützige Interessenverfolgung.“

Sachkundig und umfänglich und leider nervig repetitiv stellt Adloff den Stand der Diskussion dar – diesbezüglich kann man das Buch empfehlen. Es steht auch keineswegs in Frage, daß unser derzeitiges Wirtschaftssystem dringend neue, gewagte Impulse benötigt, um sich und uns nicht langfristig auszulöschen. Die Ökonomie der Gabe kann hier eine wichtige und bedenkenswerte Facette sein.

An der Oberfläche lesen sich Adloffs Zeilen wie ein nicht auszuschlagendes freundliches Angebot, schürft man etwas tiefer, findet man freilich die geballte potentielle Gewalt aller sozialistischen Utopien – die ihren Vertretern nicht mal sichtbar sein muß – wieder. Denn natürlich endet alles in der großen Utopie der Auflösung von Staat und Nation und Volk zugunsten eines geeinten multikulturellen und multiethnischen Europa, ja der gesamten Welt, und wenn man das nicht hinbekommt, so kommt das dem Untergang gleich.

Adloff sieht vor lauter Begeisterung die zahllosen Widersprüche seiner Argumentation nicht. Wie viele Identitätsleugner schreibt er den Menschen feste Identitäten zu: so sei der Mensch eben ein Homo oecomomicus und habe ein Homo donator zu werden und diese Zuschreibungen verstehen sich nicht als Facetten, sondern sind Komplettfüllungen. So gibt er Putnam recht, wenn dieser dem italienischen Norden mehr „Sozialkapital“ („Vertrauen, Normen und soziale Netzwerke“) als Erfolgsgarant nachweist, preist später aber „die Besinnung auf den mediterranen Wert des Maßes“. So will er nicht wahrhaben, daß die „interkulturelle Gabe“ eben jenes Vertrauen und Verständnis bereits voraussetzt, das sie erschaffen will. Da wird der Kredit als Vertrauensvorschuß behandelt, so als gäbe es keine Sicherheiten. Da wird die Abwesenheit von Konflikten in durch Gaben befriedeten multikulturellen Gegenden schon als Erfolg bezeichnet und das tatsächliche normativ organisierte Zusammenleben als Ziel einfach aufgegeben. Da wird geflissentlich übersehen, daß Gaben in der Regel Näheereignisse sind, also Menschen gelten, die eine gemeinsame Lebenswelt teilen und daß sie weit weniger „funktionieren“, wenn der Sinn der Gabe vom Empfänger gar nicht verstanden werden kann oder letztlich gar als Tribut, als Berechtigung erscheint und konsequenterweise als Forderung vorgetragen wird. Menschen werden als „emotional auf Solidarität gepolt“ vorgestellt, aber die Frage, bis wohin eine solche Solidarität anthropologisch sinnvollerweise empfunden werden kann und ab wann sie nur noch Ideologie ist, wird nicht gestellt. Da wird aus der Mutter-Kind-Gabe-Situation krude verallgemeinert, daß das Kind von klein auf das Geben erfährt und erlernt, ohne einzugestehen, daß diese intime Szene nur in der Zweisamkeit, also der geringsten Entfernung sich vollzieht: das Kind lernt dort nicht die Gabe an sich, sondern daß Geben an ein konkretes eng verbundenes Individuum – und zwar das denkbar nächste – gebunden ist. Usw.

Seine Schrift ist natürlich ganz ausdrücklich vor dem Hintergrund der Migrationskrise zu lesen und er begreift nicht, daß obige Paradoxa sein Plädoyer für gebendes Empfangen fremder Menschen geradezu widerlegt. Der Westen – also wir – hätten demnach eine Bringschuld, die sich sowohl historisch („Kolonialismus“) als auch aus unserer Position des Reichtums heraus ergibt. Seine Gabe verkommt dann schnell zur Reparationspflicht und diese wird durchaus im Tone der Forderung vorgetragen. Eine „Soziologie der Absenzen“ müsse sich dafür stark machen, alle Formen des Wissens gleichberechtigt einzubeziehen, denn „die Lösung globaler Probleme kann sich nicht auf die Wissensbestände des globalen Nordens verlassen, sondern muß alternative, nichtwissenschaftliche Formen des Wissens anerkennen“. Das ist sicherlich korrekt, aber doch nur, wenn die weit verschiedenen Grenzen des Wissens anerkannt werden und „indigenes Wissen“ – so bedeutsam es ist – nicht dem wissenschaftlichen Wissensschatz gleichgestellt wird.

Es ist diese Maßlosigkeit, die das Buch auch gefährlich macht, diese „Ausweitung der Kampfzone“. „Nichtmenschliche Wesen“ und Dinge als Geber anzuerkennen tut Not – man sollte ihnen eine Stimme – die sie selbst nicht haben – verleihen, aber gleich von einer konvivialen Ontologie zu träumen, überspannt den Bogen maßlos und ordnet die Erkenntnis, die Wahrheit dem Interesse unter.

Und wo müßte die Schraube angezogen werden? Adloff wird hier deutlich genug: „Konviviale Technik und Wissenschaft können erst unter den Bedingungen eines radikalen Mentalitätswechsels und veränderter sozioökonomischer Rahmenbedingungen entstehen. Erst in der Postwachstumsgesellschaft wird technische Konvivialität möglich sein.“ Wie dieser Mentalitätswechsel zu erreichen sein soll, bleibt im Dunkeln und dort ist es wohl am besten aufgehoben.

Nur manchmal scheint das Mittel der Wahl durch, etwa wenn man Privateigentum „irrigiert oder gar gebrochen“ sehen will, falls sich eine „Anthropologie des Gebens“ oder der „Kommunismus der Gabe“ durchgesetzt haben wird. „Es geht um eine Archäologie der Gabe, die die Gabe immer schon in den modernen normativen Rahmen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stellt“, die also keine „Archäologie“ ist, die neugierig ihre Funde betrachtet, sondern diese nur in den apriorischen Deutungsrahmen pressen will.

Immer dort, wo Adloff konkret wird, was alles zu tun sei, zeichnen sich seine Sätze durch lange Folgen eines einzigen Verbes aus: müssen: „Das menschliche Zusammenleben muß aus einer ökologischen Perspektive betrachtet werden“, „es muß vor allem die Ökonomie neu verstanden werden“, „Ökonomie und Ökologie müssen neu verzahnt werden“, „es müssen ganz neue Einstellungen und Werte geprägt werden“ usw usf. Dieses „müssen“ impliziert bereits das Rechthaben: man muß das  nicht mehr diskutieren, man muß es durchsetzen. Wie? Da schweigt des Sängers Höflichkeit.

So bleibt dieser Versuch ein seltsamer Hybrid aus vielen nachdenkenswerten Ideen – die meist nicht von Adloff stammen – mit einem argumentativen Absolutismus gepaart, der alle Alarmglocken – wenn man sie denn besitzt – schrillen läßt. Es ist richtig, daß es vieler kleiner sozialer Experimente bedarf, um alternative Wirtschaftsformen auszutesten und im kleinen Rahmen wirken zu lassen.

Hätte Adloff Sloterdijk gelesen, dann wäre ihm vielleicht aufgegangen, daß das Tragbare des Konvivialismus nur im Spezifischen wirken kann und von jeglicher „epistemischen“ oder ontologischen  Lesart im Keim erstickt werden muß.

Frank Adloff: Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben.Hamburg 2018. 320 Seiten

Ein Gedanke zu “Gegneranalyse – Politik der Gabe

  1. Heinz schreibt:

    Ich habe ein anderes Buch von Herrn Adloff auf meiner Leseliste: Vom Geben und Nehmen. Ihre Rezession hat mich doch ein wenig erschreckt. Man könnte fast meinen Herr Adloff hätte Mauss nie gelesen, bzw. er und ich hätten zwei komplett verschiedene Bücher gelesen. Ihre Rezession war mich Anlass, nach nun mehr 30 Jahren „Die Gabe“ wieder in die Hand zu nehmen. Mauss lässt sein Buch mit folgender Kapitelüberschrift beginnen: „Über die Gabe und insbesondere die Verpflichtung, Geschenke zu erwidern“ Um dann mit einem Zitat aus der Havamal (Edda) fortzusetzen.
    So gastfrei ist keiner und zum Geben geneigt,
    dass er Geschenke verschmäht,
    oder so wenig auf Erwerb bedacht,
    dass er die Gegengabe hasst….
    Um danach wie folgt fortzusetzen:
    Man sieht, worum es geht. In der skandinavischen und in vielen anderen Kulturen finden Austausch und Verträge in Form von Geschenken statt, die theoretisch freiwillig sind, in Wirklichkeit jedoch immer gegeben und erwidert werden müssen (Kursiv im Orginal).
    Ihren Ausführung zufolge scheint Herr Adloff diesen Satz gerade zu ins Gegenteil verkehren zu wollen. Nun bin ich nicht gerade ein Kenner der Diskussion über die Gabe, bzw. die über Mauss hinausführende Entwicklung. Ich bezeichne mich aber durchaus aus Eingeweihter was Gruppen- und Familientherapie anlangt, da meine Frau in diesem Bereich seit nun mehr 30 Jahren arbeitet.
    Ein unausgewogenes Verhältnis von Nehmen und Geben, zumindest im familiären Kontext, ist immer problematisch. Anfangs sind Kinder immer vollkommen abhängig von dem Wohlwollen der Eltern. Wenn aber Kinder keine Loyalität zu ihrer Familie entwickeln und versuchen die Gaben ihrer Eltern zu erwidern, werden sie letztendlich infantile Menschen werden, die unfähig sind für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. Nun kann man das Beziehungsgeflecht in einer Familie nie auf eine Ökonomie reduzieren. Im Gegenteil!. Ich würde aber behaupten, das kapitalistische, rationale, ökonomische Modell funktioniert in der Regel besser als die meisten Familien. Zumindest hängt es seinen Teilnehmern keine wie immer geartete existenzielle Schuld um, es sei denn man lässt sich von einer Grünsekte einfangen.
    Ich werde mir Herrn Adloffs Buch doch zulegen, da es sich um eine Aufsatzsammlung handelt. Vielleicht verstehe ich ihn dann besser. Und ende mit dem Schlussvers des erwähnten Zitates aus der Edda:
    Im Unmaß opfern ist ärger als gar nicht beten,
    Gabe schielt steht nach Entgelt,
    verschwendet ist schlimmer als nicht geschlachtet,
    Eitel manch Opfer bleibt

    Seidwalk: Bei dem von Ihnen erwähnten Buch ist Adloff nur Herausgeber und Beiträger zweier Artikel. Es versammelt darüber hinaus einige Klassiker zum Thema.

    Sollten Sie einen anderen Leseeindruck haben, dann lassen Sie uns das bitte wissen. Die Rezensionen sind nicht als Abschreckung gedacht, sondern als Anregungen – ich kann nicht ausschließen, den Autor mißverstanden zu haben. Allerdings bestätigen auch die Beiträge auf YT die Vermutung, daß der Mann kein wirklich eigenständiger Kopf ist, sondern zu jener Sorte Akademiker gehört, die sich auf ein singuläres Thema eingeschossen haben und ihr Lied dann ein Leben lang in verschiedenen Tonlagen singen. Wenn man dann etwas Konformes gefunden hat, das zudem Stellen und Projektgelder garantiert, dann läßt sich damit eine schöne Professorenkarriere machen. So zumindest mein unmaßgeblicher Eindruck.

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