Droht ein neuer Faschismus?

Noch ist die Lage nach der Thüringer Skandalwahl unübersichtlich und in ihren Langzeitfolgen kaum abzusehen. Eines aber scheint bereits festzustehen: es herrscht auf Seiten der politischen Linken offenbar eine reale Angst vor dem Faschismus, den man in der AfD verkörpert sieht, und man darf diese Partei und ihre Vertreter nun offen als „Faschisten„, „Nazis„, „Rechtsextremisten“ oder „Nationalsozialisten“ beschimpfen, ohne daß es noch ernsthafte Widerrede gäbe. Auch wird man in der Presse nicht müde, fragwürdige historische Vergleiche zur späten Weimarer Republik oder zum Aufstieg der NSDAP zu bemühen. Aus diesem Grund möchte ich noch einmal einen Artikel vorlegen – auch für die neue Leserschaft -, der sich der Frage, ob ein neuer Faschismus in Deutschland überhaupt möglich ist, widmet.

Man kann die Frage im großen Stile aufziehen, die dutzenden Faschismus-Definitionen gegeneinander ausspielen, über die Entwertung der Parole sprechen etc. Hier dagegen soll ein früher Artikel Friedrich Engels‘ als Aufhänger dienen, das Argument marxistisch zu durchleuchten. Denn es ist doch eine seltsame Eigenart, daß ausgerechnet linke, also mutmaßlich marxistisch geschulte Meinungsmacher die Faschismuskeule gern hervorziehen.

Der Anfang des Endes in Österreich“ (MEW 4, 505ff.) lautet ein sechsseitiger Zeitungsartikel, den Engels Anfang 1848 in der „Deutschen-Brüsseler-Zeitung“ veröffentlichte. Ein geschichtsträchtiges Datum, nicht nur, weil Europa gerade im Revolutionsmodus war, sondern auch für Marxisten: es sind die Tage des Erscheinens des „Manifest der Kommunistischen Partei“ (MEW 4, 459-493), besagter Text stammt aus dem unmittelbaren Umfeld der paradigmatischen Schrift. Sie ist mithin eine am historischen Objekt durchgeführte Operation mit den manifestierten Mitteln und Messern.

Es ist kein Geheimnis mehr, daß das „Manifest“ wesentlich Engels zu verdanken ist1. Er hatte mit seinen „Grundsätzen des Kommunismus“ einen katechismusartigen Blueprint verfaßt, der dann in gemeinsamer Arbeit zum Manifest umgeschrieben wurde. Schon stilistisch deutet der Vergleich des „Manifestes“ mit „Der Anfang des Endes in Österreich“ auf seinen prägenden Einfluß hin.

Engels analysiert den kommenden Untergang der Habsburgermonarchie. „Die buntscheckige, zusammengeerbte und zusammengestohlene österreichische Monarchie, dieser organisierte Wirrwarr von zehn Sprachen und Nationen, dies planlose Kompositum der widersprechendsten Sitten und Gesetze, fängt endlich an, auseinanderzufallen.“ Man beachte das Wort „endlich“ – und die Selbstverständlichkeit, mit der Engels dem Melting Pot Österreich-Ungarn die innere Überlebensfähigkeit abspricht: Selbstbestimmung der Völker, das war einst ein urmarxistisches Anliegen!

Aber warum? Warum muß, laut Engels, die Monarchie zusammenbrechen? Man könnte meinen, es liege am verbrauchten Personal. „Talleyrand, Louis-Philippe und Metternich, drei höchst mittelmäßige Köpfe, und darum höchst passend für unsere mittelmäßige Zeit, gelten dem deutschen Bürger für die drei Götter, die seit dreißig Jahren die Weltgeschichte wie eine Puppenkomödie am Drähtchen haben tanzen lassen.“ „Aber kann Metternich dafür?“, fügt er an. Den scheinbaren Ursachen – dem politischen Versagen – folgen nun die tatsächlichen.

Und da beginnt Engels historisch anzusetzen, erzählt er die Geschichte. Zuerst die Geschichte der Rückständigkeit Österreichs, das sich aufgrund seiner geographischen Lage lange der „sich entwickelnden Industrie“, dem sich „ausdehnenden Handel“, den „sich erhebenden Städten“, dem Aufstieg des Bürgertums widersetzen konnte. „Die bürgerliche Zivilisation konnte eine Zeitlang abgesperrt, sie konnte eine Zeitlang der östreichischen Barbarei angepaßt und untergeordnet werden. Früher oder später aber mußte sie die feudale Barbarei überwinden, und damit war das einzige Band zersprengt, das die verschiedensten Provinzen zusammengehalten hatte.“

So lange war das Land vor der Revolution sicher: „Wer aber sicherte die Ursachen der Revolution?“ Es ist Engels, der das Wort „Ursachen“ kursiv setzt. Er will sich noch immer nicht mit dem Scheinbaren abfinden, will zum Eigentlichen. Das sind die „Maschinen“. „Östreich verschanzte sich gegen die Maschinen hinter ein konsequentes Prohibitivsystem. Aber vergebens. Gerade das Prohibitivsystem brachte die Maschinen nach Östreich hinein.“

Ganz exemplarisch scheint hier die Denkfigur der Dialektik in einer noch etwas ungehobelten Form hervor. Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich nicht aufheben, im Gegenteil, seine Verhinderung wird zur Bedingung seines Einzugs, historisch gesetzmäßige Entwicklungen lassen sich nie verhindern, sondern immer nur modifizieren. Die Folgen waren umstürzend: „die Manufakturarbeiter wurden brotlos“, sie wurden „aus ihrer angestammten Lebensweise herausgerissen“, die Bourgoisie entstand und die Arbeiter, die Fronbauern verloren einerseits ihre Einkommen, entwickelten andererseits neue Bedürfnisse und lösten das feudale Verhältnis zum Gutsherrn auf, die Städte erhoben sich … kurz: „Die Stellung aller Klassen veränderte sich total.“ Mit den Eisenbahnen erreichen plötzlich „die Produkte der großen Industrie“ auch noch „die entferntesten Winkel der Monarchie.“

Selbst die Nationalitäten definieren sich neu, „aus dem wüsten Agglomerat einander fremder Provinzen sondern sich bestimmte, größere Gruppen mit gemeinsamen Tendenzen und Interessen heraus.“

Und jetzt kommt der entscheidende Satz: Alles hat das Reich der Habsburger ausgehalten: „Die französische Revolution, Napoleon und die Julistürme hat’s ausgehalten. Aber den Dampf hält’s nicht aus. Der Dampf hat sich durch die Alpen und den Böhmerwald Bahn gebrochen, der Dampf hat der Donau ihre Rolle eskamotiert, der Dampf hat die östreichische Barbarei zu Fetzen gerissen und damit dem Hause Habsburg den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Der Dampf war’s! Schon im Manifest steht: „Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion“ und führt zu den berühmten kraft- und wundervollen Zeilen: „Alles Ständische und Stehende verdampft (sic!), alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Mit nüchternen Augen – das heißt bei Marx und Engels, mit Blick auf die sozioökonomischen Zusammenhänge. Und damit zurück zur Ausgangsfrage, denn was für den Kommunismus gilt, gilt aus marxistischer Sicht auch für den Faschismus, gilt für jede gesellschaftliche Formation.

So wie ein Metternich – der tatsächlich mächtigste Mann seiner Zeit – den Lauf der Geschichte nicht aufhalten konnte, sowenig wird es, aus streng marxistischer Sicht, auch ein Trump oder die AfD nicht können. Die Frage, die sich marxistisch geschulte Geister stellen müssen, geht weit über die historische Persönlichkeit hinaus. Sie müßte statt: Kann Trump/Le Pen/Wilders/Sarrazin/die AfD … zum Faschismus führen, lauten: Sind die historischen Bedingungen, die ökonomisch und sozial determiniert sind, sind die „Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse“, die materiellen Voraussetzungen reif für einen neuen Faschismus?

Weiter: Bedarf der Faschismus nicht einer aufgewühlten Menge? „Bedarf es tiefer Einsicht“, fragen die beiden Klassiker fast höhnisch im Manifest, „um zu begreifen, daß mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewußtsein sich ändert?“

Nicht ein „Führer“ macht den Faschismus, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse. Das nennt man „materialistische Geschichtsauffassung“, „Historischen Materialismus“ und der scheint den heutigen Pseudomarxisten und Möchtegernlinken fremd zu sein.

Zur Erinnerung – Friedrich Engels klipp und klar im Anti-Dühring: „Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ (MEW 20, 248f.)

Will man das Gespenst eines neuen Faschismus aufbauen, dann bitte nur von diesen Prämissen aus. Aber bietet die globalisierte Produktion, der globalisierte Austausch von Produkten, Informationen und Menschen – von der „Lehre aus der Geschichte“ ganz zu schweigen – wirklich einen Nährboden für einen Faschismus?

Glaubt tatsächlich jemand ernsthaft, daß eine übersatte, adipöse, krankenversicherte, universalversicherte, vorm Bildschirm krummrückig gewordene, politisch desinteressierte, durchgegenderte, egozentrische, narzißtische, politisch korrekt, konsumnomadisch erzogene Generation auf eine Frage wie „Wollt ihr den totalen Krieg?“ euphorisch mit „Ja“ antworten könnte? Viel mehr muß man sich fragen, wem die Angstmacherei unmittelbar politisch nützen soll.

Realer Faschismus braucht Elend, Massenarbeitslosigkeit, braucht eine verzweifelte Menge, eine allumfassende Propaganda, Gleichschaltung, Militarisierung, eine große funktionierende Armee, enorm zugespitzte „Klassengegensätze“ usw. und nicht zuletzt einen großen Jungmännerüberschuß.

Denn auch Gunnar Heinsohns Entdeckung des Kriegsindex ist reiner Materialismus, auch wenn er die ökonomische Auslegung nicht teilt. Sofern wir uns den Jungmännerüberschuß nicht importieren, ist in Deutschland und in Europa auf lange Sicht aus ganz objektiven Gründen eine streng diktatorische, kriegsbegeisterte Gesellschaft im faschistischen Sinne nahezu undenkbar.

Die tatsächliche totalitäre Drohung ergibt sich aus der Einengung des Meinungshorizontes einerseits und – ganz marxistisch – aus den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen, die im Silicon Valley geplant und durch technische Zwänge mit neuen Glücksversprechen verbunden durchgesetzt werden.

Daß unsere Gesellschaft zerfällt, ist nicht zu übersehen. Wozu sie es bringen wird im Zeitalter der Virtualität, Gleichzeitigkeit, des gnadenlosen Konsums, der unerfüllbaren Sinnsehnsucht etc. ist kaum zu prognostizieren, aber faschistisch – wenn dieser Begriff irgendeinen Sinn haben soll – wird sie definitiv nicht. (Eher könnte es in die Richtung SamjatinOrwellHuxley gehen.)

Das zumindest lehren uns Marx, Engels und der Dampf.

1 Vgl. etwa: J.D.Hunley: The Life and Thought of Friedrich Engels. Yale University 1991, S. 65-79

6 Gedanken zu “Droht ein neuer Faschismus?

  1. Michael B. schreibt:

    Ich denke man sollte immer im Kopf haben, dass die aktuelle Art von westlicher Geschichtsschuld schon einige Zeit nicht mehr auf den deutschen Klassiker beschraenkt ist. Hier einmal als Beispiel ein aktueller Artikel des Spectator fuer eine britische Spielart:

    https://www.spectator.co.uk/2020/02/labour-wont-win-voters-back-by-denigrating-britains-past/

    Aehnliches gibt es in den USA und sicher auch anderswo. Die Frage ist, wie das konzertiert wird und wo es herkommt – und dass man sich auch ohne die Antworten darauf darueber hinwegsetzt. Das ist prinzipiell gemeint und hat nichts damit zu tun, dass z.B. politische Akteure die so angegriffen werden, sich damit gezwungenermassen auseinandersetzen muessen. Es bleibt aber eine nicht zu gewinnende Schlacht an einer Scheinfront, man sollte immer den prinzipiellen Strohmanncharakter im Kopf haben, der rein durch die Tatsache der Besetzbarkeit eines Grundgedankens durch einen jeweils passenden nationenspezifischen kognitiven Taschenspielertrick m.E. klar ersichtlich ist – it’s all the same. Das zu sehen, dazu braucht es nicht Marx und Engels. Wie entscheidend das Silicon Valley ist, das muss sich uebrigens erst noch zeigen. Sie saeen kein Getreide und sie machen meine Wohnung nicht warm. Und wesentliche innovative Anteile werden schon lange auf nichtamerikanischem Boden adaptiert.

    Der wesentliche reale Punkt ist die erwaehnte totalitaere Verengung. Ich bin ueberhaupt nicht sicher, in welcher Form sie sich umsetzen wird und ob die adipoesen einheimischen Bioformen dabei zwingend mildernd wirken. Zumal ja der neu eingemischte Teil durchaus die Heinsohn-Kategorie mit Leben fuellt. Und mir ist ehrlich gesagt voellig egal, welches label das Ganze einmal erhalten wird.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Als Antwort auf Michael B..

      Ähnliche Fragen habe ich mir auch schon in Bezug auf die antinukleare Religion der Deutschen gestellt. Woher kommt die? Wer hat die – vielleicht – angefacht? Es müsste doch jedem irgend Einsichtigen klar sein, dass man das eigene Territorium durch Vergeltungsdrohung sanktuarisieren kann, also dann selbst sicherer ist als ohne eigene Atomwaffen. Wollte man da durch geeignete Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeldbereich subaltern halten? Oder war dafür die Demoralisierung eines Volkes ausreichend, dessen Staat einen Krieg völlig verloren hatte? DIe ersten Hanseln, die ich noch an der Universität ihre Traktätchen im Stile von „Das Atom ist gefährlich!“ verteilen sah, waren jedenfalls intellektuell allzu unbedarft, um an den naturwissenschaftlich-technischen Fakultäten viel bewirken zu können. (In denen der Altstadt, wo empirisch unbeleckte Geisteswissenschaftler wohl habituell rigorose qualitative Urteile treffen, waren sie vielleicht erfolgreicher, und dort haben ja wohl die meisten Öffentlichkeitsarbeiter studiert.)

      Ich hatte damals interessehalber so ein Bändchen einer Umweltschutz-Koryphäe gekauft. Darin wurde behauptet, im Niedrigdosisbereich (also weit unterhalb der oberen Sättigung) würde die Strahlungswirkung gegen 0 zu schwächer als linear abfallen. (Trotz der bekannten biologischen Reparaturmechanismen.) Außerdem präsentierte er besorgt zwei oder drei Fälle einer exotischen Krebsart im Umkreis von Kernkraftwerken, wo nach dem Mittelwert (gerundet)) nur 0 Vorkommnisse hätten auftreten können. Wer die Statistiken nach hinreichend vielen verschiedenen Krebsarten scannt, der findet eben immer ein Signal auf jedem Signifikanzniveau.

      Vielleicht wäre viel gewonnen, wenn man die Studienplätze in den „Laberfächern“ stark kontingentierte, also mit Numerus clausus usw. In meiner Schulzeit war es jedenfalls so, dass auf der ReformiertenOberstufe die Mitschüler, die zu nichts ein rechtes Talent zeigten, weithin die Leistungskurskombination Biologie und Geschichte belegten. Man hat mir das damals so erklärt: Für Biologie müsse man zwar leider viel büffeln, könne das alles aber später wieder vergessen, und fürs Fach Geschichte sei noch weniger zu lernen und viel schon durch meinungsstarkes Diskutieren zu erreichen. Von ähnlichen Bildungsgeschichten rühren dann wohl auch Kommentare in den öffentlich-rechtlichen Medien, die etwa entscheiden eine völlig C0₂-freie Welt fordern.

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      • Michael B. schreibt:

        @Pérégrinateur

        Zu Ihrer Frage gibt ein Gedanke eine m.E. ganz passable Antwort, den ich vor einiger Zeit einmal irgendwo in entwickelter Form ausgefuehrt sah (mir faellt die Quelle leider nicht ein). Das Schoene an diesem ist, dass er empirisches Pruefen ermoeglicht. Man muss ihn nur einmal ’sacken lassen‘ und auf die verschiedenen aktuellen Verwerfungen anwenden.

        Der Kern ist einfach: Die Deutschen wollte man nach dem zweiten Weltkrieg nie wieder in der Lage sehen, einen Fuss in dieser Art vom Boden zu bekommen. Vorweg sei noch gesagt, dass ich diese Art Ueberlegungen lange Zeit als Verschwoerungstheorien angesehen habe und dieses ‚man‘ nicht mit der Kneifzange angefasst haette. Man muss sie aber gar nicht im Kopf haben, um erst einmal die Fakten zu sehen.

        Denn unabhaengig davon ist ein solcher Fakt (hier beginnt die Empirie), dass beide deutsche Staaten (und uebrigens auch der jetzige Nachfolger) ueber Jahrzehnte aus ihrer natuerlichen Rolle als politischer Akteur herausgenommen wurden. Das ist unstrittig (uebrigens bei links und rechts). Alle diesbezueglichen Funktionen uebernahmen die Siegermaechte und man durfte sich maximal in Innenpolitik ueben und genereller gesehen mit Surrogaten innerhalb von Simulationen beschaeftigen die sich in Ost und West unterschieden, aber genau solche waren. Reale Verantwortung entsteht so natuerlich nicht und damit z.B. auch keine adaequate Denkweise die eine ungeschminkte Analyse der realen Umgebung als Wert schaetzt, schaetzen muss und folglich zugrunde legt. Und entsprechende Leute spuelt es in einem solchen System nach oben. Deswegen sind m.E. so viele politische Entscheidungen speziell in/durch Deutschland – bei mittlerweile wiederauferlegtem Zwang zu wenigstens europaeischer Politik ja auch in diesem Bereich – derart trampelhaft und ideologiegebunden.

        Hier beginnen jetzt aber auch die Unterschiede zwischen Russland und den anderen Siegermaechten. Denn man koennte ja mindestens fuer die Osteuropaeer sagen, dass diese ebenso lange nicht durften. Das ist richtig, der Russe hat das aber anders angefasst. Nicht umsonst sind m.E. gerade Laender die direkte Konflikterfahrung haben (Ungarn 1956, Polen 1980) heute auf der politischen Landkarte und andere eher nicht. Und auch die Ostdeutschen haben ihr Scherflein gesehen (17. Juni), alle haben sie Erfahrungen mit Ideologie von totalitaeren Zwangssystemen.

        Lange Rede, kurzer Sinn. Die Deutschen gehoeren wieder in die Realitaet auch internationaler Beziehungen geworfen, die ganz weit vorn und auf Dauer zwingend ein unverhandelbares Interesse an Selbstbehauptung erfordern. Ihr Hang zum Ideologischen ist damit nicht aus der Tuer, aber i.M. sind wohl die heilsamen Effekte auf den inneren Zustand das Wichtigere. Mal sehen, ob sie es noch schaffen.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Trotz aller bekannten Versponnenheiten des Nationalcharakters

          ―――――――

          Man schläft sehr gut und träumt auch gut
          In unseren Federbetten.
          Hier fühlt die deutsche Seele sich frey
          Von allen Erdenketten.

          Sie fühlt sich frey und schwingt sich empor
          Zu den höchsten Himmelsräumen.
          O deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug
          In deinen nächtlichen Träumen!

          Die Götter erbleichen wenn du nah’st!
          Du hast auf deinen Wegen
          Gar manches Sternlein ausgeputzt
          Mit deinen Flügelschlägen!

          Franzosen und Russen gehört das Land,
          Das Meer gehört den Britten,
          Wir aber besitzen im Luftreich’ des Traums
          Die Herrschaft unbestritten.

          ―――――――

          braucht’s aber immer noch eine sehr ausgeprägte Mikrozephalie, um zu wähnen, wenn man nur den Kopf tief genug in den Sand steckt, könne einem nichts passieren. (Siehe die deklamatorischen „atomwaffenfreien Zpnen“ in allen Kuhdörfern während der Friedensbewegung u.ä.) Und zumindest die politische Klasse sollte doch wissen, dass man nicht ungestraft gegen jeden Wind reihum pissen kann (böser Putin, böser Orban, böser Trump, böser Johnson usw.), ohne davon nasse Hosen zu bekommen. Ich meine dabei natürlich nicht die Hosen des Landes, die tun ja nichts zur Sache, sondern die eigenen des jeweiligen deutschen „Weltpolitikers“.

          Die über 70-jährigen Verantwortungsentwöhnung trägt wohl ihren Teil bei, aber erklärt das schon den offenen Willen zur Selbstschädigung, individuell wie politisch?

          Aber vielleicht verstehe ich einfach dieses Volk nicht, in dem man sich über eine zynisch gesagte, aber wahre Bemerkung mehr aufregt als über de offensichtlichen, sie stützenden üblen Fakten. Vermutlich tragen die sogenannten „weiblichen Werte“ hier stark bei. Für dieses Geschlecht sind ja die verbalen Bekenntnisse, wie fadenscheinig auch immer, regelmäßig wichtiger als die Realität des Verhaltens gegen sie.

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          • Michael B. schreibt:

            > Die über 70-jährigen Verantwortungsentwöhnung trägt wohl ihren Teil bei, aber erklärt das schon den offenen Willen zur Selbstschädigung, individuell wie politisch? […] dieses Volk

            Vorweg, ich wollte ja nicht die Welt erklaeren mit einem einzelnen Gedanken. Aber: Es gibt schon Unterschiede, gerade in Bezug auf ‚dieses Volk‘. Sicher hat es ein paar zeitlose uebergreifende Eigenheiten, da gehe ich mit dem Heinebezug durchaus mit. Aber es gibt auch Unterschiede, die zeitgebunden sind. Der Wille zur Selbstschaedigung und ein paar andere wesentliche Auffassungen sind eben in D deutlich sichtbar nicht homogen verteilt. Nicht raeumlich, nicht altersmaessig z.B.. Und das hat Ursachen.

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  2. Skeptiker schreibt:

    Man kommt um eine Differenzierung des Begriffs „Faschismus“ nicht herum. Der Kampfbegriff der heutigen Antifa ist eine Vokabel, die geradezu fetischhaft für das Böse an sich verwendet wird und im analytischen Sinne wertlos geworden ist. Trotzdem kann man damit Politik machen – zu mindestens solange, bis die von Ihnen in Bezug auf Engels und Marx aufgewiesenen objektiven Bedingungen nicht mehr verleugnet werden können. Wenn man einen Blick auf die soziale Herkunft der jungen Aktivisten wirft, ist es genau das wohlstandsverwöhnte akademische Mittelschichtmilieu, das sich Moralpolitik als Freizeitvergnügen und sinnstiftenden Lebensersatz leisten kann und den „kalten Blick“ auf die Realität scheut wie der Teufel das Weihwasser. Diese Kreise präferieren einen „reaktionären Sozialismus“, über den Marx und Engels Hohn und Spott ausgeschüttet haben. Stichwort: Verzicht auf die Entfaltung der Produktivkräfte zugunsten der Rückkehr in eine agrarische Idylle – von Marx als „Idiotie des Landlebens“ verworfen. Wenn man 50 Jahre zurückgeht und sich die Kontroverse um das Habermassche Diktum des „Linksfaschismus“ gegen Dutschke et.al. vor Augen führt, wird auch deutlich, wem die derzeitige antifaschistische Bewegung ihre Inspiration mitverdankt: den kaum noch bewussten und wohl auch verleugneten Traditionen des Anarchosyndikalismus eines Georges Sorel, der theorieabstinente Aktion als Ausdruck von existentieller Entfaltung der Person eine Stimme gab. Die heutige Bewegung ist „dogmengeschichtlich“ allenfalls linkshegelianisch. Der nur mehr als „rechter Vordenker“ katalogisierte bedeutende Hegel-Kenner Günter Rohrmoser hatte seinerzeit schon auf den vom Blickwinkel eines originären Marxismus korrekt diagnostizierten Rückfall in linkshegelianische Illusionen bei Adorno und vor allem Marcuse hingewiesen und die Flucht in Ästhetik, blinden Aktivismus und Resignation vorausgesagt. Der derzeitigen Renaissance des gesellschaftlichen Schwärmertums wird es ähnlich ergehen. Wer über den Konnex von Gesellschaft und Wirtschaft nachdenkt, kommt um Marx/Engels nicht vorbei – leider ist es bei Konservativen und Liberalen nach wie vor Usus die Stärken der „materialistischen“ Diagnose zu unterschätzen. (Über die Schwächen der Diagnose wäre auch zu reden!) Nein – einen Faschismus wird es dann nicht geben, wenn sich in der demokratischen Rechten die Einsicht Bahn bricht, dass eine Bewahrung und Neukonstruktion des Sozialen und seiner Institutionen rechts von der Mitte geschehen muss. Angesichts des intellektuellen und moralischen Desasters der deutschen Linken ist mit einer rationalen Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu Gunsten der stummen Mehrheit produzierender Menschen nicht mehr zu rechnen.

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