Gombrowicz und Gummischutz

PDF-Version: Gombrowicz und Gummischutz
Never before has pornography been this rampant. And those films are lit so badly! Woody Allen

„Gummischutz“ war eines der ersten Wörter, die ich zu lesen vermochte. Die väterliche Zeitung, nach der Lektüre achtlos liegen gelassen, enthielt zahlreiche Hieroglyphen, an denen sich der Jüngling üben konnte. Aber „Gummischutz“ blieb hängen und beschäftigte die kindliche Phantasie. Was sollte man sich darunter vorstellen? Die Eltern dreier kurz nacheinander geborener Kinder reagierten ausweichend, man ahnte also, daß es was mit „unten“ zu tun haben mußte. Und einen vagen Sinn ergab das Wort ja. Nicht umsonst hatte man sich jahrelang mit Reinlichkeitsübungen abgegeben. Eins und eins macht zwei: ein Gummischutz konnte nur jene große rote und penetrant riechende Gummiunterlage im Bett sein, die, wie etwa im Krankenhaus gesehen, die Matratze vorm Einnässen schützen sollte. So erklärt man sich die Welt – und es funktioniert … für eine Weile, bis eine neue Realität andere Erklärungsmuster verlangt.

Dies ist ein Artikel für Leute mit Freude an und Gespür für Differenzen. In ihm werden vier verschiedene Übersetzungen von Gombrowiczs „Pornografia“ miteinander verglichen: die deutsche, die zweite englische, die dänische und die italienische.

Wie liest ein Engländer oder Italiener Gombrowicz, was bekommt er heraus, wie und warum verändern sich Bücher durch Übersetzungen und aufgrund unterschiedlicher Sprachen? Das Polnische spielt dabei keine Rolle, aus purer Unkenntnis, aber auch weil es nicht darum geht, was Gombrowicz „wirklich“ sagen wollte, sondern einzig und allein, was beim Leser von Übersetzungen ankommt. Das kann nur an wenigen Beispielen durchexerziert werden – man sollte sich gegenwärtig halten, daß nahezu jeder Satz, jeder Abschnitt, daß viele einzelne Wörter Differenzen eröffnen. Erschwerend kommt hinzu, daß Muttersprachler natürlich Begriffe anders füllen als Fremdsprachenlerner. Viele Wörter sind von einem Halo des Mitbedeutens umhüllt, von leichten Färbungen, Klängen, Gefühlen, Ideen etc. begleitet, die auch der sprachsensibelste Mensch nicht immer zu benennen wüßte, aber doch empfindet …

Schon die Titelgebung weist signifikante Unterschiede auf. „Pornografia“, als Internationalismus griechischen Ursprungs, ist in allen Sprachen gleich, trotzdem lautete der Titel der ersten deutschen Übersetzung „Verführung“. Ausgerechnet in Dänemark, dem Land, das Pornographie zuerst legalisierte, wählte man den Titel „Svinestreger“, „Schweinereien“, wörtlich „Schweinestreiche“. Das sollen keine verschämten Ersatzvokabeln sein, sondern man bezieht sich auf Zentralkategorien des Buches, die, ebenso wie das Wort „Pornographie“ zwar nur wenige Male darin auftauchen, aber doch wesentliche Situationen charakterisieren, damit jedoch andere Schwerpunkte setzen als das Original. Auch die ganz basale Namensgebung führt bereits zu Abweichungen. Friedrich, Karol, Henia, Wacław heißen einige der Protagonisten im deutschen Buch, wohl stark am Ursprung orientiert; mit Fryderyk, Karol, Henia und Vaclav (Wacław) hat es der englische und dänische Leser zu tun; die Italiener aber lesen von Federico, Carlo, Enrichetta und Venceslao und werden damit schon aus dem polnischen Kosmos heraus in einen italienischeren katapultiert.

Um den Gesamtkomplex anzudeuten, kann man eine vergleichende Satzanalyse nutzen. Der erste Satz des Buches lautet:

Lassen wir das dänische „Erlebnis“ gegen drei „Abenteuer“ ebenso wie das anfängliche „Nun“ oder „Und jetzt“ gegen zwei Verlaufsankündigungen etc. beiseite, erheblicher noch ist die anfängliche Gesamtkategorisierung des zu Erzählenden durch den Erzähler, die ja den großen Bedeutungsschirm über das Werk aufspannt. Was im Deutschen „fatal“ ist, also wohl „verhängnisvoll“, das ist im Englischen „verheerend“, „desastrous“, im Dänischen „katastrophal“, im Italienischen aber „schlecht“. Wer das für Wortglauberei hält, braucht nicht weiter zu lesen, wer aber sieht, daß der eine eine aufs Subjekt bezogene Geschichte entwirft, die beiden anderen ihr einen objektiven Rahmen geben, während die vierte eine moralische Kategorie bemüht, der wird hier weiterhin fündig werden. Ein etwas komplexerer Satz macht das noch deutlicher:

Die Deutsch-Englische Differenz des Anfangssatzes ist offensichtlich. Dann wird es kunterbunt. Der Prozeß „der vor sich ging“ und „ein Vordringen“ war, ist andernorts ein Prozeß, der „stattgefunden hatte“ und „ankam“ oder einer, der sich „ausspielte“ und „annäherte“, jeweils an die „Wirklichkeit in crudo“ oder eben –in italiano – an die „nackte Realität“, dort freilich „fest gemacht“ oder sogar wie eine Bombe „scharf gemacht“. Das setzt sich zweimal über die „ranzigen Bauernfressen“, die „rüpelhaften, vergammelt stinkenden Visagen“ und die „rohen, stinkenden Rüssel“ (ohne Bauern) fort bis zum „Fetzen“ oder „Brocken Fleisch“, den „Innereien“ oder dem „Fleischereiabfall“. Das alles spielt sich im Deutschen, wie immer, am langsamsten ab, benötigt den meisten Platz.

Besonders aber muß man auf den „Klang“ aufmerksam machen. Bis auf die dänische Variante sind alle – am meisten der italienische Text – bestrebt, ausgefallenes Vokabular ausfindig zu machen, wodurch eine gewisse Gekünsteltheit entsteht. Das klingt, so will es scheinen, im Englischen „akademischer“ als im Deutschen, sezierender, während im Deutschen eine gewisse Emotion, eine Geringschätzung starker zum Vorschein kommt. Vergleicht man hingegen die recht einfache Prosa des dänischen Übersetzers mit der italienischen Variante, dann wird überdeutlich, wie ausgesucht und forciert das Vokabular letzerer ist.

Man kann es vorweg nehmen: die italienische Übersetzung verhält sich zu den anderen wie das Johannesevangelium zu den synoptischen Evangelien – D = M, DK = Mt, E = L, I = J –; wie diese sich zur Quelle verhalten, ist so unbekannt wie die historische Relevanz der Frohen Botschaft.

Ein wenig systematische Ordnung ist ein deutscher Kritiker seinen Lesern schuldig. Man konnte etwa zwischen Sprach- und Übersetzeridiosynkrasien unterscheiden.

Ein ganz offensichtliches Problem, welches die englische Sprache z.B. hat, ist ihre Unfähigkeit die Höflichkeitsform pronominal auszudrucken. Sie muß sich expliziterer Formen bedienen und so wird aus „Welcher Wind hat Sie denn hierhergeweht, Friedrich?“ ein „Fryderyk, sir, what winds have blown you here?“ … und so viele Male im Text: „Sir“, „Mr.“ und „Madame“, inklusive eines verfestlichenden Effekts. Umgekehrt dürften Übersetzereingriffe vorliegen, wenn der eine schreibt: „Ah, Witold …“ (39) und der andere stattdessen „Ah, min kære Gombrowicz“ (Oh, mein lieber G) oder „Mio caro Witold“ oder, gepaart mit objektiven Sprachproblemen: „Ah, Mr. Witold“. Daß jeweils ein etwas anders gefärbtes Verhältnis zwischen G und Fryderyk abgebildet wird, muß nicht extra betont werden. Aber Sprachen rufen auch verschiedene deskriptive Evokationen hervor. Was es zum Beispiel bedeutet, einen Menschen zu töten, wird Friedrich bewußt, als man das ausführende Organ für den Mord an Siemian zu bestimmen versucht: „Ihn t-ö-t-en?“ (162). Man hört das Qualvolle leicht heraus, noch besser aber im dänischen „d-r-a-b-e?“, mit sehr langem Mittelvokal. Es klingt wie ein langsamer Erstickungstod. Anders das englische „k-i-l-l“, dessen in die Länge ziehen akustisch fast nicht zu realisieren ist, ein Wort mit onomatopoetischer Macht, ein Wort wie ein Schuß, ein Schlag, ein Stich, wie das Herunterrauschen einer Guillotine. Im Italienischen ist keines von beiden wiederzugeben, es stehen nur „uccidere“ und „ammazzare“ zur Verfügung und da die lateinischen Sprachen vokallastig und phonetisch orientiert sind, muß der Kompromiß her, die Lauttrennung, die allerdings, wenn man sie tatsächlich nachspricht, zum Stottern gerinnt: „Uc-ci-de-re“.

Widmen wir uns also zuerst den sprachlich vorgegebenen Unstimmigkeiten.

Wörter haben verschiedene Sinnfärbungen. Diese exakt aus der Originalsprache wiederzugeben, scheint offenbar Probleme zu bereiten. „Dieses besondere Benehmen“ liest der deutsche Leser einen typischen und inhaltsschweren Gombrowicz-Satz mit unfreiwilliger Knigge-Assoziation, „Dieses besondere Benehmen (denn er ‚benahm sich‘ eigentlich nur, er ‚benahm sich‘ ununterbrochen) …“, wo der Englischsprachige „behavior“ und „behave“ liest. „Behavior“ ist allerdings näher an „Verhalten“ dran, stellt einen umfassenderen Begriff dar und erweckt andere Assoziationen. Das italienische „comportamento“ und „comportarsi“ deckt beide Bedeutungsfelder ab. Der dänische Text dagegen verzichtet gänzlich auf die substantivische Form und wählt zudem „at opføre sig“, also „sich aufzuführen“.

Sofern die Sprache es zuläßt, ist der Übersetzer demnach oftmals angehalten, einen adäquaten Begriff aus einer Begriffsmenge zu finden und für welchen er sich entscheidet, liegt wohl, bedingt vom vorhandenen Wortschatz, in seinem eigenen Textverständnis und/oder Vokabular begründet. Ein drastisches Beispiel dafür ist der Begriff der „Wurstigkeit“. Viele Leser werden damit vielleicht gar nichts anfangen können: Wie ist jemand, wenn er „wurstig“ ist? „Aber das wurstige Schlendern Karols …“, der „… mit vollkommen ruhiger Wurstigkeit“ ging. „Umgangssprachlich für ‚gleichgültig‘“, erläutert der Duden – aber warum ausgerechnet dieses Wort wählen? Vermutlich, weil auch Gombrowicz hier ein ungewöhnliches Wort präsentiert. Darauf deutet das ebenso seltene „dawdling about“ („herumbummeln“) bzw. „gadding about“ („herumtreiben“) hin. „Fjasethed“ nutzt der dänische Text, also eine Substantivierung von „at fjase“ („tändeln, scherzen, flirten“), aber auch „fjantet“ („albern“). „Sfaccendatezza“ dürfte man mit „Unbeschäftigtsein“ übertragen können, doch die italienische Variante wechselt auch das Vokabular, wo es beim Deutschen noch immer um die Wurst geht: „bighellona“ („bummeln, umherschlendern“). Als Karol und Henia bei Tisch beide zugleich ihre Gabel berühren, da konnte es „reiner Zufall“ sein oder aber eine geheime Verbindung darstellen (159).

Drei von vier Texten bestätigen das („tilfælde“, „coincidenza casuale“), aber wo man im Englischen das Pendant „coincidence“ oder „chance“ erwarten würde, wartet der Text mit dem recht abseitigen Wort „happenstance“ auf, einem veralteten und sehr selten genutzten Kompositum aus „happening“ und „circumstance“, das zwar auch „Zufall“ bedeutet, aber dem Leser doch dominant ins Auge sticht, ihn über das Wort stolpern läßt.

Dieser Art Vorfälle gibt es Legion! Das mit Angel-Assoziationen behaftete „Gehst du auf Frauen“ (62) ist andernorts als „Gehst du zu Frauen“ oder ganz anders „whoring“ („herumhuren“) beschrieben; „Nüchternheit“ („Ich entsinne mich (und das ist nicht ohne Bedeutung für die Ereignisse, von denen im Weiteren berichtet wird) – das vorherrschende Gefühl war Nüchternheit“, 19) wird bei den anderen als „futility“ („Zwecklosigkeit, Sinnlosigkeit“) oder „tomhed“/„il vuoto“ („Leere“) wiedergegeben; das aufgeblähte deutsche Wort „Milchbärte“ (146 u.a.) für einen bestimmten Typ Jugendlicher findet im Dänischen und Italienischen eine kongeniale Entsprechung mit „snothvalpe“ („Rotzbengel“) und „marmocchi“ („Knirpse“), wird im Englischen aber ganz lapidar und prosaisch als „kids“ oder „youngster“ bezeichnet; „Licht und Schatten“ wird im Dänischen – inklusive Tippfehler (chiaro) zum italienischen „ciaroscuro“; „Ein Morgen“ (16) wird zu „der Morgen“; das im Deutschen lateinische „Sapienti sat“ (Dem Wissenden genügt es) ist an anderer Stelle sprichwörtlich anglisiert: „A wise brain needs no twain!“, danisiert „For den kloge er en gang nok“ (Für den Klugen ist einmal genug) oder italianisiert „A buon intenditor poche parole“ (Der Kenner braucht wenige Worte) usw. Und natürlich gibt es auch schier unübersetzbare Spracheigenheiten.

So ist die polnische Sprache, wie die slawischen Sprachen ohnehin, überreich an Verkleinerungen und Verniedlichungen – in „Ferdydurke“ spielt das bekanntlich eine wichtige, auch inhaltliche Rolle –, die englische und die dänische Sprache sind aber arm an dieser Ausdrucksform. Schon im Deutschen klingt „Henia, mein Henialein, mein Heniachen“ (15) nicht ganz reibungsfrei, die englische Übertragung flüchtet sich in ein recht hilflos aussehendes „Henia, Hennie, Hennie-girl“ und das Dänische geht den anderen möglichen Weg: „Henia, min lille Henia, min lille-bitte Henia“ (klein und winzig). Umso verwunderlicher, daß das an Verkleinerungsformen reiche Italienisch, eine umschreibende Form nutzt: „Enrichetta, la mia Chicca, la mia Chiccina!“ (chicca auch: Zuckerstück, Schmuckstück, im weiteren Sinne „Süße“)

Der Übersetzer steht permanent vor der Entscheidung, das rechte Wort zu wählen, besonders schwierig wird es, wenn feste idiomatische Wendungen, Sprachbilder oder Sprichwörter zur Debatte stehen. Wohl dem, der ein adäquates Bild in der eigenen Sprache findet. Geschieht dies nicht, dann muß in der Regel gewählt werden zwischen einem Bild/Wort, das eine vergleichbare Botschaft transportiert, sie aber mit anderen Worten ausdruckt oder einer wortwörtlichen Übersetzung, die dann freilich Gefahr läuft, vom Rezipienten nicht verstanden zu werden.

„In der Not frißt der Teufel Fliegen“ (119) ist ein gut eingebürgertes Sprichwort, konnte aber anhand der Fliege, die in Gombrowiczs Werk bekanntlich eine gewisse Rolle spielt, schon wieder übersignifikant sein. Der englische Text geht in eine ganz andere Richtung: „Where there’s no fish, a crawfish is as good as fish“ (crawfish = Krebs), ebenso wie das dänische – “Det smager ogsa af fugl” („Das schmeckt auch nach Vogel/Geflügel“, im Sinne von: „Besser als nichts“) – oder italienische Pendant: „In tempo di carestia, pan di crusca“ („In Zeiten des Hungers, Kleiebrot“). Fremder klingt dagegen das vermutlich wörtlich übertragene Sprichwort „den Wolf aus dem Walde rufen“ (86, ebenso engl. und it.) und wird wohl mit „schlafende Löwen wecken“ (dän.) freier, aber auch für deutsche Ohren besser erschließbar ausgedrückt. Das einfache „Wenn nicht so, dann eben anders“ (148) ist im Englischen zum martialischen Sprichwort mutiert: „Club it or cudgel it“ („Prügle oder knüpple es“).

Aber es gibt auch zahlreiche Übereinstimmungen.

Das schöne Bild vom „Schal der Gastlichkeit“ (47), den Maria um ihre Gäste legte, wird von allen Übertragungen übernommen (im Dänischen freilich als Mantel), ebenso wie „die Nähte seines Spiels“ (110), Friedrichs Schau-Spiel oder „die Soße des Schlafs“ (16) – im Italienischen freilich „Nebel“; es soll also durchaus nicht der Eindruck erweckt werden, immer und überall gäbe es fundamentale Differenzen.

Ähnliche Entscheidungen muß der Übersetzer bei Regionalia, Eigennamen und dialektalen Passagen treffen, wohl wissend, daß er damit den Gang der Geschichte, wenn meist auch nur im Mikrobereich, beeinflußt. So ist man etwa im englisch erzählten Geschehen in der „britzka“ unterwegs und weiß nicht so recht, weshalb auf diesem Wort bestanden wird, scheint es doch nichts anderes als „Wagen“ („vogn“) oder etwas vornehmer „calesse“ zu bedeuten. Jemand muß hier, aus welchen Überlegungen auch immer, autonom entschieden haben … Die „Swiętokrzyskie Mountains“ („Swientokrzyski-bjergene“), die „Heiligenkreuzberge“ – im Italienischen zu einer Bergkette befördert: „la catena del Santa Croce“ –, sind ein weiteres Exempel. Übersetzt sagen sie etwas, nicht übersetzt sagt die Nichtübersetzung etwas. So oder so, der Übersetzer greift ein.

Gewichtiger wird der Eingriff, wenn eigene Lösungen dunkler Stellen vorgeschlagen werden, insbesondere dann, wenn der Urverfasser sie in der Schwebe zu halten gedachte. Das dürfte bei zwei Fällen von Abkürzungen, von Unausgesprochenem, der Fall gewesen sein. „Man muß die alte Hu.. kennen“ (134), schreibt der deutsche Friedrich und der Leser wird unschwer das Wort zur „Hure“ ergänzen, zumal die beiden Auslassungspunkte die Buchstabenzahl vorzugeben scheinen. Immerhin, es handelt sich bei der alten Hu.. um die Natur und mithin kennzeichnet Friedrich hier sein Weltbild „The old wh…“ („whore“) sowie „la vecchia pu…“ („puttana“ – die Idee der Buchstabenvorgabe funktioniert hier nicht!) verlassen sich auf den gleichen Lösungsgedanken, wohingegen „den gamle ludder“ keinen Raum mehr für Imagination läßt. Im finalen Gespräch zwischen Witold und Siemian mag der deutsche Leser etwas ratlos vor des letzteren Ausruf „Verr…“ sitzen und sich fragen, was dieses „Verr…“ (179) bedeuten konnte: „Verrückt?“, „Verrucht?“, „Verrat?“ Keines will so recht passen, suggeriert der Kontext doch einen derben Schimpfausdruck. Die Vagheit wird andernorts mit „Faaann…“, einer abgekürzten, dialektal verfremdeten Form von „for fanden“ („zum Teufel“) oder „putt…“ („Nutte“, weit verbreitetes allgemeines Schimpfwort) zumindest noch in der Schwebe gehalten, der englische Leser, zumindest der albionische, dürfte über ein unzeitgemäßes und allen Schillerns befreiten „fuck it“ stolpern – man vergleiche die Wirkung von „fuck it“, mit „Verr…“.

Wenn der Übersetzer zur Überzeugung gelangt, erläuternd eingreifen zu müssen, dann kann das bedeutende Sinnverschiebungen zur Folge haben. Nach der mehrfachen Bluttat zum Ende des Buches tritt Friedrich mit beflecktem Messer hinzu – denn er hatte gerade den jungen Józek erdolcht: „,Józek‘, sagte er. ‚Józek. Hier ist er.‘ Er war unschuldig! Unschuldig war er! Unschuldige Naivität schlug aus ihm hervor!“ Bis hierher ist gar nicht klar, wer von beiden – Józek oder Friedrich – unschuldig gewesen sein soll und man darf annehmen, daß der Verfasser diese Ambivalenz bewußt erzeugen wollte. Stimmt das, dann muß es verwundern, in der englischen Version das Rätsel sofort aufgelöst zu finden: „Fryderyk was innocent!“

Noch schwerwiegender sind Übersetzerentscheidungen, wenn es sich um programmatische Aussagen des Textes handelt. Manchmal kann ein ganz banaler Druckfehler den Sinn einer Passage oder eines Buches ändern. Ein solcher Satz dürfte sein: „Die Situationen in der Welt sind Chiffren. Unbegreiflich bleibt die Konstellation der Menschen und überhaupt der Erscheinungen.“ (53) und er verändert seinen Sinn, wenn, wie im Dänischen aus „Chiffre“ „Cifre“ (Ziffer) wird: „Her i verden er situationer cifre“ – Derrida hätte seine Freude an diesem casus gehabt.

Gregory Bateson machte auf folgenden Sachverhalt aufmerksam: „Weil wir transitiv denken, bekommen wir das ganze System nicht in den Blick. Wir sagen, etwas wirkt auf etwas anderes: ‚Der Hund jagt den Hasen.‘ Aber wenn man sagt: ‚Hund-jagt-Hasen‘, dann ist man auf dem Weg zu einer ganz anderen Vorstellung.“ Dies im Hinterkopf läßt folgende Übersetzerentscheidung ausgesprochen bedeutsam werden: „… ich wußte, daß der Aufenthalt Józeks, des jungen Mörders, in der Speisekammer bedrängend zu werden begann …“ (116), liest der deutsche Leser und denkt sich nichts weiter dabei. Erst die englische Variante macht ihn stutzig: „I knew that Józek-killer-young-fellow’s sojourn …“, denn es scheint sich genau um eine solche Hintergehung des Kausalprinzips zu handeln. „Jeg vidste at Joziek-morderen-den-unge-mands tilstadevarelse …“ bestätigt den Verdacht, daß der Autor des Buches eine bestimmte Aussage treffen wollte, die nicht überall gleichermaßen präsentiert wird. Daß die italienische Variation dem durch eine rätselhafte Namensänderung – „Beppe-assassino-giovane“ – eins drauf setzt, kann kaum noch überraschen (Beppe hier wie „Sepp“, „Hans“ u. a.).

Der Übersetzer trifft aber nicht nur inhaltliche, sondern auch formale und sogar ästhetische Entscheidungen. Sätze und Wortgruppen wie „I ordered the horses harnessed“ oder „…whose litheness fluttered lightly …“ lassen den Leser innehalten und mitunter sogar denken: „Gombrowicz schreibt aber auch schön!“ Hier aber eben nur auf Englisch. Ein wahres Crescendo-Gedicht hat der dänische Übersetzer geschrieben und zugleich eine verkappte Phänomenologie der Präpositionen verfaßt, wenn er schreibt (man beachte die liturgische Komponente des „X os“):

Daß selbst einfache und scheinbar belanglose Wortwahlen ein Eigenleben aufnehmen können – und damit treten wir endgültig in den metaphysischen, oft von der ureigenen Sprachdifferenz verursachten Bereich, zeigt das Wort „screen“, „skarm“, „schermo“, das im Deutschen eben nicht als „Schirm“, sondern „Wandschirm“ wiedergegeben wird und eine Sichtblende, eine Spanische Wand meint. Peter Hamm griff diesen Begriff in seinem Nachwort zu Gombrowiczs Tagebüchern – „Gombrowicz und der Wandschirm“ – heraus, um mit dieser leitmotivisch genutzten Vokabel die „Diskrepanz“, das „Dazwischen“ zu versinnbildlichen, verlieh ihm damit neue programmatische Relevanz und verschaffte ihm ein Eigenleben … und alles konnte auf einer Übersetzerentscheidung beruhen. Oder auf einem Fehler: denn wie sonst sollte man etwa die Diskrepanz zwischen „Eifersucht“ und „Wahnsinn“ auflösen? Der deutsche Witold wand sich, wie auch der Italienische, „geradezu in den Qualen der Eifersucht“ (121), wo der dänische Witold sagt, daß er sich „vendte og drejede mig i sindssygens lidelser“ – sindssyge = Wahnsinn, „Geisteskrankheit“ – ein Begriff, der den Sinn des gesamten Abschnitts von da an lenkt und auf den folgenden Seiten viele Mal genutzt wird. Der englische Witold wird hingegen in die „throes of envy“ (Neid) geworfen.

Höchste Vorsicht scheint bei potentiell philosophischem Vokabular geboten. Gombrowiczs Affinität zum Existentialismus und Strukturalismus und respektive zum Poststrukturalismus und zur Dekonstruktion sind bekannt, man hat dicke Bücher darüber geschrieben. Seinsfragen z. B. sind vermintes Gebiet. Wer sich dem Werk von deutscher Seite aus annähert, liest etwa „In einem bestimmten Augenblick begann die Dämmerung, diese Substanz, die die Gestalt auffrißt, ihn allmählich zu verwischen, und er wurde undeutlich in dem dahinjagenden und gerüttelten Waggon, der in die Nacht hineinfuhr, der zum Nichtsein neigte.“ (13) Ob der Augenblick oder der Waggon zum Nichtsein neigte, sei dahin gestellt, in zwei von vier Übersetzungen geht die Neigung nicht zum Nichtsein, sondern zur Nichtexistenz. Heidegger oder Sartre, das ist die Frage. Auch ist das anschließende „er aber ist und ist“ in einem Fall ein „war, war“. Diese ontische oder existentiale Differenz zieht sich in vielen Kombinationen durch die Übersetzungen. Ein postmodern geschulter Leser wird bei Reizvokabeln wie „Begehren“ oder „Ereignis“ oder „der andere“ aufschrecken oder sogar, wie bereits geschehen, Bücher darüber schreiben, der Art: G + Deleuze, G + Lyotard, Baudrillard, G + Lacan, G + Levinas … überall, wo vom Begehren, Wunsch, der Wunschökonomie, dem Ereignis, der Differenz, von Simulation, einem Simulacrum usw. die Rede war. Wie aber, wenn das poststrukturalistische Zauberwort „Ereignis“ (54) zum „adventure“, zum „avventura“ oder gar zum „aventyr“ (Abenteuer und Marchen) wird?

An prominenter Stelle wurde darauf aufmerksam gemacht, daß eine Lacansche Interpretation Gombrowiczs an einem solchen Mißverständnis gescheitert sein soll, da in einer früheren Übersetzung der Begriff „desire“ verwandt wurde, wo „excitements“ korrekt gewesen wäre. 350 Seiten entlang der „lines of desire“, „a major philosophical misinterpretaion of Pornografia … and subsequently to that by Jacques-Marie-Emile Lacan.”[1] Dabei scheint tatsächlich alles wie für eine Lacansche Interpretation gemacht: Begehren, Spiegel, das Imaginäre, das Symbolische … alles ist da, in abundance! Und wo nicht, dort täte es eine andere Übersetzung.

„Der Umgang eines Mannes mit einem Jungen“ (58) erhält im Dänischen sofort einen erotischen Unterton durch das Wort „samkvem“, dem „Verkehr“ vergleichbar, und „die geschlechtliche Wahl“ (42) wird ganz explizit im „accordo sessuale“ oder „their sexual matching“. Die beiden letzterwähnten Sprachen haben hier, wie so oft, gar keine andere Wahl. Das eingeklammerte „(ein Junge)“ erlangt in einem Buch, das sich der Jugend und dem Jung-sein widmet, automatisch einen Signifikanzmehrwert, wenn man es mit „(a boy)“ oder „(un ragazzo)“ vergleicht. Allerdings hatten „(a youngster)“ oder „(un giovane)“ zur Verfügung gestanden.

Aber verschiedene Sprachen tendieren auch zu verschiedenen Evokationen. Die deutsche Sprache steht unter dem Verdacht, eine gewisse Schwere, man könnte auch „Tiefe“ sagen, von ihrem Grunde herauf zu rufen. Wenn dem so wäre, bestünde dann nicht die „Gefahr“ oder die Möglichkeit, einen Text allein durch die Übertragung ins Deutsche metaphysisch aufzuladen? Ein einfacher Satz wie „Ich fühlte, daß dieses Wesen mich durch seine Jugend erobern wollte …“ (58) bekommt durch den Präpositionswechsel einen anderen Klang: „I sensed that this human being wanted to conquer me with his youth …“, „med hjalp af “ und “con” scheinen das zu bestätigen. Hätte die Übersetzung „mit“ genutzt, so wären alle wesentlichen Differenzen beseitigt, aber „durch” kann Kausalität und Lokalität ausdrücken, im zweiten Falle im Sinne der Durchdringung von etwas. Auch „dieses Einbrechen in uns im Laufen, dies hieße, war von Enthusiasmus gekennzeichnet …“ (44) klingt in unserer Muttersprache „schwerer“ als das klare „Denne hede indtrængen i os, i løb …“ und noch mehr versimpelte „Un’irruzione al galoppo calorosa …“ Der Gedanke des „Eindringens“ wird an verschiedenen Stellen ganz explizit ausgesprochen, wie z. B. hier: „Also war es möglich, daß jeder von uns seinen Gedanken züchtete und ihn im anderen unterbrachte.“ (69). Und da gibt es eben Bedeutungsverschiebungen, wenn die dänische Version stattdessen das Verb „anbragte“ also „an-“ und nicht „unterbrachte“ nutzt. Oder wenn ein solcher Satz – „Weil sie zwischen einander durch uns wollen“ (127) – durch Trennung vereinfacht, „entschärft“ wird: „For gennem os vil de være – mellem hinanden.“ („Denn durch uns wollen/werden sie sein – untereinander/ zwischeinander“). Ähnlich vereinfacht, aber mit ganz anderer Botschaft im Englischen: „Because what they want between themselves is through us. Us.“ Wieder in-hinein geht die Bewegung bei folgendem Satz: „Friedrich saugte das in sich hinein“ (159); gemeint ist, was der dänische Text in ein einzelnes, wenn auch seltsames Wort, faßt: „delikatere“ („sich an etwas genüßlich tun“). Usw. Wenn es einmal nicht „funktioniert“, dann scheint ein Übersetzungsfehler vorzuliegen: „ … and finally Fryderyk exploded within me in this empty house“ wird entschärft im Deutschen: „…und schließlich kam Friedrich zum Ausbruch in diesem leeren Haus“ (51). Das ist ein sehr spannender Punkt, den näher zu verfolgen sich lohnen könnte. Als Leseeindruck bleibt jedenfalls, daß insbesondere der deutsche Text sehr stark das Durch- und Eindringende der zwischenmenschlichen Prozesse betont, wohingegen die anderen, in verschiedenen Schattierungen, das Mit- und Nebeneinander erhellen. Da könnte es eine unausgesprochene Nähe zur Fundamentalontologie geben.[2]

Nehmen wir einen polyglotten Menschen an, der sich Gombrowicz nähern wollte und eine Empfehlung erbittet. Wäre es ein konventioneller Leser mit Bestsellerkonditionierung, bei dem man befürchten müßte, daß er durch „schwierige“ Passagen des Nichtverstehens abgeschreckt werden könnte, dann sollte man ihm die italienische Version empfehlen, die nicht wie die synoptischen Übertragungen versucht, die originale Syntax und Sprachmelodie wiederzugeben, stattdessen schönes Italienisch schreiben möchte. Der Konflikt Gefälligkeit versus Genauigkeit wird hier eindeutig zugunsten des Gefallens entschieden. Die drei anderen bestechen durch den mutmaßlich akribischen Versuch, die intrinsischen Schwierigkeiten der originalen Prosa zu bewahren, auszuhalten und über den Sprachfluß zu retten. Die weitgehenden Übereinstimmungen sind beeindruckend! Sie sind nur zu erklären durch sorgfältige Arbeit am Text oder durch „Vererbung“ – es ist das legitime Recht des Übersetzers, die eigene Arbeit an der schon geleisteten abzugleichen. Sprachliche Eigengesetze und individuelle Herangehensweisen führen trotzdem zu Affektions-, Evokations- und Emanationsdifferenzen. Am „klarsten“ dürfte die dänische Arbeit erscheinen, auch am „lockersten“ und „leichtesten“; sie bringt die Konflikte zwischen und in den Protagonisten am direktesten hervor, versucht das Vokabular einfach zu halten, wirkt gelassen-humorvoll. Aber war Klarheit Gombrowiczs Ansinnen? Der englische Text spielt die Macht des überreichen Vokabulars voll aus und wirkt daher sehr „präzise“, nahezu vivisezierend, ins innere Detail verliebt, mitunter angestrengt und sehr durchdacht. Der deutsche Text hingegen könnte der „vollste“ oder „tiefste“ sein, da die Betonung des In-Seins, Durchdringens und Werdens, ein hoher transitiver und mutativer Anteil, den wohl weitesten Interpretationsraum eröffnet – inklusive der Gefahr, ja der Wahrscheinlichkeit der Fehlinterpretation.

Für einen aber dürfte all das nicht überraschend gewesen sein (sofern man der Übersetzung trauen darf) – Gombrowicz höchstselbst diktierte sich ins Tagebuch:

„Aber mit den Jahren weichen meine Worte, die geschriebenen Worte, immer weiter von mir ab, sind schon so fern, in fremden Sprachen, verschiedenen Ausgaben, die ich häufig nie gesehen habe, in den Händen von Kommentatoren, von denen ich nichts weiß … ich habe keine Kontrolle mehr darüber, also was geschieht mit mir, in welcher Sprache, in welchem Land? Ich bin Literatur geworden, und all meine Auflehnung ist auch Literatur. Und das Gesetz je klüger, desto dümmer passt ausgezeichnet auf mich.“ (955)

Quellen:
Borchardt, Danuta: Witold Gombrowicz. Pornografia. Grove Press. New York 2009
Hultbeerg, Peer: Witold Gombrowicz. Svinestreger. Arena, Forfaternes Forlag. Viborg
1977
Tiel, Walter/Schmidgall, Renate: Witold Gombrowicz. Pornographie. Carl Hanser Verlag.
München/Wien 1984 (Gesammelte Werke Band 3)
Verdiani, Vera: Witold Gombrowicz. Pornografia. Feltrinelli. Milano 2005
Bateson, Gregory: Denken und Wissen. In: Der innere Kosmos. Gespräche mit Psychologen.
Weinheim/Basel 1991
Borchardt, Danuta: Translating Witold Gombrowicz’s Ferdydurke. web source
Borchardt, Danuta: Translator’s Note. In: Witold Gombrowicz. Pornografia. Grove Press.
New York 2009
Gombrowicz, Witold: Tagebuch 1953–1969. Fischer. Franfurt/M. 2004
Hamm, Peter: Gombrowicz und der Wandschirm. In: Witold Gombrowicz: Tagebuch
1953–1969. Frankfurt/M. 2004. S.1017–1042
Sloterdijk, Peter: Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger. Frankfurt/M. 2001
[1] Borchardt, Danuta: Translator’s Note
[2] Vgl: Peter Sloterdijks Frage der Bedeutung des In-Seins bei Heidegger

siehe auch: Gombrowicz: Pornographie

Über-Setzen nach Hamsun

Artikel erschien zuerst in Gombrowicz-Blätter Heft 1 (mit freundlicher Genehmigung)

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