Denkanstöße – Bahro

Frage: Ich dachte an die Linke im engeren Sinne. Die hat doch den denunziatorischen Begriff des „vaterlandslosen Gesellen“ durchaus angenommen – bis heute, auch wenn man es vielleicht bestreiten würde. Man ist, natürlich, Europäer. „Deutschland halt´s Maul“ hieß eine Demo am 3. Oktober. Die nationale Frage war nie ein Thema für Linke.

Bahro: Da haben Sie recht. Ich habe das bei der 2. Sozialistischen Konferenz 1980/81 in Kassel erlebt, als jemand das Wort „nationale Frage“ in die Debatte einwarf. Da gab es einen Aufschrei. Ich saß im Präsidium und sagte zur Beruhigung, daß mich diese Erregung verwundere, wir seien doch wirklich alles Deutsche. Da war das Geschrei noch größer.

Das hängt vielleicht alles mit zwei Dingen zusammen. Zum einen damit, daß die deutsche Nationalgeschichte aus Gründen einer bestimmten, eher psychologischen Rückständigkeit stärker rechts verlaufen ist als etwa die französische oder englische. Deshalb sind hierzulande linke Positionen schwächer als anderswo. In dieser Schwäche neigt man dazu, aus einer Gegenidentifikation zu leben. Gewinnen kann man damit nie. Die Kritik Blochs an der Art und Weise, wie die deutsche Linke in den 20er Jahren die nationale Frage verfaßt hat, müßte häufiger gelesen werden.

Zum anderen ist im Marxismus zumindest tendenziell ein Fehler enthalten. Der historische Materialismus ist auf die Produktivkraftentwicklung in der Perspektive theoretisch fixiert und ignoriert den wirklichen Aufbau des menschlichen Bewußtseins im Hegelschen Sinne.

Es ist nun mal so, daß das Stammesbewußtsein tiefer als das Klassenbewußtsein in dieser historischen Tektonik liegt, wenn man das gesellschaftliche Bewußtsein einmal geologisch nimmt. Das ist der Irrtum bei Marx, wenn er sagt, daß die modernste Ebene des ganzen Widerspruchspieles – also Proletariat und Bourgeoisie alias kapitalistische Formation – das Vergangene derart in sich aufgehoben hat, daß man bei der Lösung dieses Widerspruchs alles einfach vergessen kann. Und das ist nicht wahr. Selbst wenn man materialistisch in dem Sinne denkt: Was ist die objektive Realität? – dann ist die nationale Frage eine objektive Realität von tieferen Gründen als die Klassenfrage.

Rudolf Bahro: Gespräch in der „Jungen Welt“ 1990. in: Rudolf Bahro: Denker, Reformator, Homo politicus. Berlin 2011

5 Gedanken zu “Denkanstöße – Bahro

  1. Peter Töpfer schreibt:

    Geile Sätze…
    Ich war damals manchmal da in seinen Vorlesungen an der Humboldt (Sozialökologie?, Tiefenökologie?, Studium Generale? – auch bei seinem Nachfolger Jochen Kirchhoff, dessen Vorträge ich mir heute noch auf Youtube anschaue). Einmal kam er ganz schwarz gekleidet und erzählte was von den schwarzen Uniformen der SS und so – er hat seinem Geist freien Lauf gelassen…

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    • @ Peter Töpfer

      Vor zehn Jahren hatte ich Kirchhoffs „Was die Erde will“ gelesen und besprochen und ihn für mich eher als Scharlatan abgetan. Jedenfalls hatte mich die Lektüre nicht ermuntert, diesen Mann weiter zu verfolgen.

      Ich hänge die Rezension hier an, vielleicht haben Sei ja eine andere Meinung und andere Einsichten:

      Wildern bei Wilber oder: Was den Willen erdet

      Kirchhoff zeigt sich mit diesem Buch – ganz offen und direkt gesagt – im Grunde seines Wesens als nicht-genuiner Denker; er ist stattdessen ein Repetierer und Kritiker, also einer, der liest, darüber nachdenkt und dann wiederholt, kritisiert und mit ein paar eigenen Gedanklein würzt. Namentlich sind es vor allem – die üblichen Verdächtigen wie Bateson, Grof, Sheldrake, Duhm … nicht mitgerechnet – Wilber, Bahro und Heinrichs, bei denen er sich bedient.

      Während Ken Wilber im Stile eines perfektionistischen Transzendentalphänomenologen – man könnte ihn den Husserl des New Age nennen – bis in den Exzeß hinein differenziert und ziseliert, während Bahro, streng marxistisch geschult, in seinem Jahrhundertbuch „Die Logik der Rettung“ mit der fast beängstigenden Energie des „Umwerters aller Werte“ die sechsstufige „Tektonik des Verderbens“ immer tiefer auslotet und über das Industriesystem, die Kapitaldynamik, die Europäische Kosmologie, das Patriarchat und schließlich die Conditio Humana den exterministischen Reaktor auseinander nimmt, um daraus ein theoretisch umsetzbares politisches Programm zu basteln, und während der eigensinnige und wenig bekannte Johannes Heinrichs mit seiner „Öko-Logik“ und dem „Sprung aus dem Teufelskreis“ immerhin selbstdenkend seine realpolitisch realisierbare „Viergliederung des sozialen Systems“ entwirft, nimmt Kirchhoff Versatzstücke dieser Impulse lediglich auf, kritisiert sie (dort wo Wilber „nicht tief genug“ ist etc.), übersetzt sie ins eigene Verständnis, verflacht sie sprachlich oder kreiert eigene „kritische“ Vokabeln (Erde/ERDE, „Integrale Tiefenökologie“, Gaia und Demeter, Eleusis etc.). Das klingt nach was, bringt aber nicht viel und steht zwei, drei Abstraktions- und Konzentrationsstufen unter seinen Vordenkern und der notwendigen Diskussionshöhe.

      So erfährt man eine Menge darüber, was man alles müßte, aber wenig, wie! Permanent wird nach mehr Tiefe oder Höhe oder Weitblick usw. gerufen, ohne sie selbst, eigenständig entsprechend auszuloten. Als relativer Eigenbeitrag und Erweiterung des Bahroschen Ansatzes dürfte die Beschreibung der ökologischen Krise als „psycho-kosmologische Krise“ noch durchgehen, aus der sich dann ein neues Kosmos- und Erdverständnis ergeben müßte. Hier offenbart sich allerdings auch die Hegelianische Grundfigur dieses wenig strukturierten, eklektischen Buches, nämlich im sich selbst bewußt werdenden Geist = Erde oder – von mir aus – ERDE. Das sich selbst reflektierende Subjekt/Objekt (ERDE oder eben Hegelscher Geist) manifestiert sich selbstredend aber stillschweigend in der Person des Autors höchstselbst.

      Außerdem verwechselt Kirchhoff immer wieder die eigentliche Seinsebene mit der Sprachebene, weshalb er insbesondere Wilbers und mythologisches Vokabular wie einen Fetisch benutzt und abstrakte Begriffe zu real existierenden Wesen erklärt, um mit ihnen nach seinem Bilde hantieren zu können. So wird der Wille zur Veränderung leider verschlissen, von seinen hochfliegenden Bahnen hart auf die Erde zurückgeholt. Gut als Gegenteil von gut gemeint – zu viele wollen, aber nur wenige können. Freilich, das schließt nicht aus, daß man jede Menge nachdenkenswerter Einzelideen findet, dafür garantieren ja die Quellen schon. Auch scheut sich Kirchhoff nicht, wissenschaftsproblematische Themen ohne Scheu anzugehen – die Geomantie etwa -; leider ausgerechnet dort nicht immer kritisch genug.

      Das alles ändert nichts daran, daß man besser gleich die Originale und Klassiker liest!

      Apropos: Wie man Gustav Fechners „Zend Avesta“ nicht kennen kann, wenn man sich mit dem Willen der Erde auseinandersetzt und noch dazu seitenlang Jünger zitiert, der Fechner mehrfach bespricht, bleibt ein Rätsel – oder sollte das ein Fehler mit Methode sein?

      PS: Kurze Anmerkung zu meinem elogischen Vorredner „Matthias Fersterer“. MF ist Redakteur für Kultur und Gesellschaft bei der Zeitschrift „OYA. Anders denken. Anders leben“. Die wiederum wird vom „Zukunftswerk Klein Jasedow“ gemacht, welches wiederum sich auch für den „DrachenVerlag“ verantwortlich zeichnet. Und dort, hier schließt sich der Kreis, erscheinen auch Jochen Kirchhoffs Werke.

      PSS: Falls jemanden interessiert, wer die Eloge des „Lesers“ zu verantworten hat, der sollte diesen Link einfach verfolgen. Daß Kirchhoff seine eigenen Rezensionen schreibt oder schreiben läßt – das ist der Verdacht – scheint meine Einschätzung kongenial zu bestätigen. Wie übrigens auch verschiedene Beiträge, die mittlerweile auf YouTube aufgetaucht sind.

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  2. Skeptiker schreibt:

    Danke SEIDWAlK – Ein weiterer Hinweis auf einen mittlerweile zu Unrecht aus der Diskussion verschwundenen politischen Denker mit historischem und philosophischen Tiefgang. Die Situation ist seit den Tagen des Interviews noch absurder geworden. Bahros Kritik an der Fixierung auf die Produktivkraftentfaltung im orthodoxen Marxismus traf sich seinerzeit mit der ökologischen Kritik von – ja wo her? – links und oder rechts. Dass er möglichen Missverständnissen nicht ausgewichen ist, macht seine Schriften nach wie vor lesenswert und wirkt in unserer Un-Kultur von Denktabus und Meinungsfraktionierung angenehm unmodern. Wer traut sich heute noch auf der Linken das Wort „Nation“ überhaupt nur in den Mund zu nehmen? Seine Korrektur der Reichweite des Klassenbegriffs bei Marx hat ihn allerdings auch nicht die Stärken von Marx ignorieren lassen. Die Frage nach der Entfaltung der Produktivkräfte wird bei der heutigen Linken und den Grünen gar nicht mehr gestellt – Naturwissenschaft und Technik werden aus einer regressiven Haltung heraus verworfen. Hier kommt auch ein Stück entgleister deutscher Romantik zum Ausdruck, die mehr Klages und Heidegger nahesteht, als den diversen Marxismen, die zur Gänze nicht mit einer platten Technokratie deckungsgleich sind. Das Zitat dokumentiert erneut, wie weit sich das öffentliche politische Denken der Gegenwart von Sachbezug und Substanz entfernt hat.

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    • Peter Töpfer schreibt:

      Schöner Kommentar!
      Der ganze Jammer geht nun schon seit Jahrzehnten so, immer gleich. Inzwischen ist mir alles scheißegal, soll dieses verfluchte Drecksvolk doch untergehen. Einzige Hoffnung: solche Gestalten wie Tom Radtke. Einst schob Wiglaf Droste den grünen Gutmenschen in den Mund: „Der Führer war schon ok – nur die Autobahnen hätte er nicht bauen sollen!“ – Tom variiert das nun: „“Der Führer war schon ok – nur das ganze CO2 bei der Judenverbrennung hätte er vermeiden sollen!“

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    • Michael B. schreibt:

      @Skeptiker

      > angenehm unmodern.

      Soweit, so gut.

      > Wer traut sich heute noch auf der Linken das Wort „Nation“ überhaupt nur in den Mund zu nehmen?

      Sie schrieben es nicht explizit und es war insofern wahrscheinlich auch nicht so gemeint – das spricht weder fuer noch gegen Bahro, sondern beleuchtet nur die Regressionen heutigen Zeitgeistes. Die kann man aber an vielen anderen alten Beispielen finden, ob von ‚kleinen Leuten‘ oder ‚tiefen Denkern‘. Diese Selbstverstaendlichkeit in der Breite ist das, was fehlt…, die Akzeptanz von Begriffen ohne staendige Vulgaerdekonstruktionen aus den widerwaertigsten Zwecken hin zu Bedeutungen ebensolcher Zweifelhaftigkeit, die keinen Aufbau von weitergehenden Gedanken und ueberhaupt sinnvolle Diskussion mehr zulassen weil die Fundamente staendig neu zersaegt werden und Worte nur noch als Brei zuruecklassen.

      > Die Frage nach der Entfaltung der Produktivkräfte wird bei der heutigen Linken und den Grünen gar nicht mehr gestellt – Naturwissenschaft und Technik werden aus einer regressiven Haltung heraus verworfen. Hier kommt auch ein Stück entgleister deutscher Romantik zum Ausdruck, die mehr Klages und Heidegger nahesteht.

      Sie sehen aber den Widerspruch in ihren Aussagen, oder? Wenn Sie Heidegger sagen, dann muessen Sie auch rechts sagen. Und lesen Sie einmal die Kopfgymnastiken aus dieser Ecke (Stichwort ‚Sezession‘ – Autoren wie Kommentariat (bei letzterem ein paar sehr wenige Ausnahmen)). Da ist ‚Naturwissenschaft und Technik‘ und ihre Rolle und Bedeutung bestimmt kein Schwerpunkt um es zurueckhaltend auszudruecken. Wobei ich auch noch anmerken moechte, dass fuer mich persoenlich speziell die Rolle von Naturwissenschaft (zusammen mit ‚meiner‘ Geisteswissenschaft (Mathematik) schon immer ueber eine Rolle als Produktivkraft hinausgeht. Sie ermoeglicht halt auch geistige Entwicklungen. Leider beinhaltet der Begriff Ermoeglichen zwingend offenen Ausgang.

      Es ist sogar so, dass eine bestimmte Sorte – mal lax als Richtung Googleingenieur benannt – mit stark linkslastiger Haltung versehen, auch die Diskussion technischer Gebiete dominiert. Wenn Sie z.B. ‚Hacker News‘ lesen oder dort schreiben, dann werden Sie ganz schnell merken, dass bei aller technischen Klugkeit und Urteilskraft die dort tatsaechlich gefunden werden kann, bestimmte Themen sofort zur Abwertung fuehren (wesentlich fuer Sichtbarkeit des Beitrages). Deutschlands gruene Politik z.B. wird dort fast durchgehend postiv gesehen und diskutiert. Das geht weiter bis ins Akademische (was diese Leute ja auch produziert hat). Da gehts hoechstens ums technische Wie – das Ob und Wie der politischen Umsetzung ist dann schon Giftschrank. Das Personal amerikanischer High-Tech-Firmen ist dahingehend gut abgerichtet worden.

      Einen durchsetzungsfaehigen Standpunkt modelliert nach dem Begriff des Ordoliberalismus findet man nicht. Alles endet in Dichotomien, die einfach genau deswegen nicht genuegen weil sie solche sind.

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