Die Drachentöter

Ein Märchen

Es war einmal eine schöne Prinzessin, die war schon als Kind so lieblich anzuschauen, daß man im ganzen Reich die größten Hoffnungen hegte. Und da man aus ihr eine richtige Prinzessin zu machen gedachte, wie sie im Buche stand, las man ihr tagaus, tagein und wann immer sie wollte, die alten Märchen vor, jene besonders, die von ebensolchen wunderhübschen Prinzessinnen berichteten.

Mit vierzehn Jahren überragte sie an Schönheit alles, was man bislang gesehen hatte und keine der vielen Märchenprinzessinnen konnte sich mit ihr messen.

Am liebsten aber hörte das Mädchen die alten Sagen von den Drachentötern und jungen Recken, welche Wundertaten vollbrachten um das Herz der angebeteten Schönen zu erobern. Und als nun die ersten Freier kamen – Prinzen aus aller Herren Länder – da sprach sie würdevoll und ein bißchen keck: „Töte einen Drachen und bringe mir seinen Kopf, so will ich deine Gemahlin sein.“

Seit vielen hundert Jahren jedoch hatte man keinen Drachen mehr gesehen und auch von keinem Kunde erhalten; doch bestand das schöne Kind darauf und entließ die verwunderten Freier: Am Ende der Welt mußte es noch Drachen geben und bis ans Ende der Welt zu reisen schien kein zu hoher Preis, die schönste aller Prinzessinnen zu gewinnen.

In den anliegenden Königreichen aber gab es dreizehn stattliche Prinzen, die einer nach dem anderen in ihrem achtzehnten Lebensjahr um die Prinzessin freiten. Der eine war klug, der andere stark, der dritte hübsch und der nächste reich und so zeichnete sich ein jeder aus, doch die schöne Prinzessin wiederholte Jahr für Jahr dieselbe Forderung: „Töte einen Drachen und bringe mir seinen Kopf, so will ich deine Gemahlin sein.“

So vergingen die Jahre, das hübsche Mädchen wuchs zur jungen Frau heran und wurde stattlich, schon war sie einige Jahre älter als die Bittsteller und noch immer wartete sie auf die Rückkehr eines ihrer Drachentöter. Nun stand sie in der Blüte ihrer Jahre; sie wurde unruhig und begann zu fürchten eine alte Jungfer zu werden, als der letzte der dreizehn Prinzen vor ihrem Throne erschien. Er war klug und stark und hübsch und reich und noch vieles mehr und lange überlegte die Prinzessin. Aber sie konnte nicht über ihren Schatten springen und befahl auch ihm: „Töte einen Drachen und bringe mir seinen Kopf, so will ich deine Gemahlin sein.“ Betrübt ritt der Prinz von dannen. Er war zu klug, um sich auf die lange Reise zu begeben, zu stark, um der Prinzessin lange nachzutrauern, zu hübsch, um keine andere zu finden und zu reich, um sie nötig zu haben – er freite ein anderes Mädchen, sie bekamen viele Kinder und waren glücklich ihr Leben lang.

Die Prinzessin aber wartete noch immer und wurde älter. Alle klugen, starken, hübschen und reichen Männer ihres Reiches hatte sie auf die Reise geschickt, von der keiner heimkehrte. Einsam wandelte sie durch ihr großes verödetes Schloß in dem es nur noch welke Frauenzimmer und Matronen gab.

Einmal verlief sie sich in den dunklen Keller. Ganz weit hinten glühte eine gelbe Flamme vor der eine dunkle Gestalt sich bewegte und fröhlich ein Lied sang. Wie ein Zauber klang die tiefe Stimme in ihren Ohren und gebannt, ohne es zu bemerken, schritt die Prinzessin auf die Erscheinung zu.

Vor ihr stand ein junger Bursche, der war nicht hübsch und auch nicht reich und wohl auch nicht klug aber stark und mit riesigen Händen. Mit einer großen schweren Schaufel schippte er schwarze Kohle in den glühenden Ofen. In seinem rußigen Gesicht leuchteten lustig zwei weiße Augen und zwei Reihen perlweißer Zähne als er lächelte.

Erschrocken schrie die schöne Prinzessin auf, besann sich jedoch und ehe sie wußte, wie ihr geschah, da hatte sie schon gefragt: „Willst du mein Gemahl sein?“

siehe auch: alle Märchen

6 Gedanken zu “Die Drachentöter

  1. Michael B. schreibt:

    > Der gute Mann sollte bei seinen schwarzen Kohlen bleiben

    Der wesentliche Perspektivwechsel! Ich vermute allerdings, seidwalk hatte andere Interpretationen des Maerchens im Auge. Ich verstehe allerdings auch bei laengerem Nachdenken nicht, welche…
    Jegliche Hilfestellung ist willkommen (ernsthaft).

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    • Grübeln Sie nicht allzu lange – diese Texte sind schon alt und suchen keine zeitgenössische Interpretation. Man darf sie ganz lebensweltlich lesen, wenn man möchte. Wenn sie zu „längerem Nachdenken“ angeregt haben sollten, dann haben sie mehr erreicht, als erwartet. Wenn die Antwort dann noch offen bleibt, wenn Verunsicherungen eintreten sollten oder gar personale Reinigungsprozesse einsetzen, wenn man also dadurch die richtigen Leser verliert, dann ist es perfekt.

      Und im Übrigen gilt auch für diese Petitessen, was Enzensberger einst zum Gedicht schrieb:

      „Der Verfasser, der sein Produkt selber kommentiert, spricht sich sein eigenes Urteil, wenn er das Gedicht aus der poetischen in eine andere Sprache rückübersetzt. Er gibt damit nämlich zu, daß er das, was er mit den Worten des Gedichts sagte, auch anders, nämlich mit den Worten seiner Erläuterung hätte sagen können, also, wie das Wort Erläuterung zu verstehen gibt, lauterer, durchsichtiger, klarer. Der Satz, mit dem er seinen Kommentar begänne, wäre bereits ein Geständnis: ‚ich wollte mit meinem Gedicht sagen …‘ – ‚Warum haben Sie es dann nicht gesagt?‘ Die Gegenfrage ist nur allzu berechtigt.“

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      • Michael B. schreibt:

        > Die Gegenfrage ist nur allzu berechtigt.

        Genau. Und deswegen habe ich sie gestellt. Ausser man nimmt andersherum an, dass die kristallklare Darstellung auf einen nicht adaequaten Verstand gefallen ist und einfach vor diesem Simpel ihre Perlen verschleudert hat 😀

        Im Allgemeinen denkt sich der Frager aber etwas.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Vielleicht regte diese:

      https://quillette.com/2020/01/16/all-the-single-ladies/

      oder diese:

      https://www.achgut.com/artikel/warum_wir_keinen_partner_finden

      oder ähnliche aktuelle Lektüre Seidwalks mythopoetische Produktion an. Auch Turandot dürfte von fern her mit hineingespielt haben.

      Hyperandrische Präferenz, hypogamische Konsequenz, mal undrakonisch nur aus der Perspektive der Prinzessinnen gesehen. Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss nehmen, was übrigbleibt. Gretel im Unglück. Usw.. usf.

      Eine eindeutige Moral aus der Geschicht braucht so ein Märchen ja gar nicht zu bieten, es genügt völlig, dass es einen Assoziationsraum öffnet.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Der gute Mann sollte bei seinen schwarzen Kohlen bleiben und sich von ihren glänzenden fernhalten. Anderenfalls wird auch er sie nicht zufreidenstellen können, und so
    wird er dann ziemlichen Ärger am Hals haben.

    Les difficlies sont à craindre. Personne ne saurait les satisfaire.

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