Denkanstöße – Baudrillard

Natürlich ist weder dieser großen demokratischen Rallye noch der Orchestrierung des ganzen Szenarios auch nur einen Augenblick lang zu trauen.

Nicht, daß es dahinter eine diabolische Strategie des Kapitals (oder des Kommunismus) gäbe, aber es ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Dieser plötzliche Konsens ist suspekt. Das wundersame Verschwinden jeglichen Widerspruchs ist mehr als suspekt. Etwas sagt uns, daß es sich dabei nicht um eine historische Evolution handelt, sondern um eine Konsens-Epidemie der demokratischen Werte, das heißt um einen virusbedingten Effekt, um einen Effekt von freilich gewaltigem Ausmaß. Daß sich die demokratischen Werte so gut ausbreiten, durch Kapillarwirkung oder nach dem System kommunizierender Röhren, liegt daran, daß sie liquide geworden, daß sie nichts mehr wert sind. Die ganze Zeit der Moderne über waren sie teuer und man mußte teuer für sie zahlen. Heute (in der Postmoderne?) werden sie verramscht, wir wohnen einer gewaltigen Verschleuderung der demokratischen Werte bei, die in vielem einer überhitzten Spekulation gleicht. Von daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß es, ganz wie bei einer Börsenspekulation, zu einem Einbruch dieser Werte kommt.

Jean Baudrillard: Die Hysterese des Millenniums. 1989

2 Gedanken zu “Denkanstöße – Baudrillard

  1. Skeptiker schreibt:

    Ich gestehe, dass mich bei der Lektüre von Autoren aus dem Umfeld der französischen „Postmoderen“ stets ein gewisses Unbehagen überfällt. Da geht es mir vergleichbar wie Pérégrinateur mit dem Baudrillard-Zitat. Meine Erfahrungen mit der Rezeption in der deutschen akademischen Landschaft haben ein Übriges dazu beigetragen. Um fair zu bleiben: liegt hier nicht eine grundlegende Differenz in dem akademischen Sprachgebrauch der einzelnen Länder vor? Es gibt eine ganze Fülle von schon recht alten Witzen, die darauf abzielen, in Frankreich eine elegante, für uns oft ausschweifende Lust an der Sprache zu vermuten, während der Deutsche zu einer vorschnellen Systematisierung neigt. Fatal wird das Ganze, wenn ein luftiger Denk – und Sprachduktus in Kategorien gepresst und als Folie für akademischen Standard definiert wird. Sollte bereits die Übersetzung einer vorschnellen Schwerfälligkeit Vorschub leisten? Traduttore – traditore? Sicher ein diskussionswerter Gesichtspunkt im Hinblick auf unterschiedliche intellektuelle Identitäten. Pérégrinateur hat zu Recht auf die „Sokal“-Affäre hingewiesen, in der im Blick auf die „Dekonstruktion“ der Physik viele falsche Federn gerupft wurden. (Wenngleich ich vermute, dass die laufenden Missverständnisse und Fehlinterpretationen über die Naturwissenschaften und ihre Methoden – mit ihren fatalen praktisch-politischen Folgen – nach wie vor aus einem naiven Weitersagen derartiger Theoreme entstammen.) Auch wenn die Metaphernflut des Textes zu üppig erscheint, im Falle der „Konsens-Epidemie“ hat Braudillard schon ein Dilemma unseres gegenwärtigen gesellschaftlichen Daseins angesprochen.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    • „Natürlich ist weder dieser großen demokratischen Rallye noch der Orchestrierung des ganzen Szenarios auch nur einen Augenblick lang zu trauen. “ – Metaphernhopping Rallye → Szenario; Bildbruch (ein Stück / ein Szenario wird aufgeführt, orchestriert wird dagegen ein Musikstück / eine Partitur)

    • „sondern um eine Konsens-Epidemie der demokratischen Werte, das heißt um einen virusbedingten Effekt,““ – Nicht nur Viren, sondern auch Bakterien und sogar Pilze können Epidemien auslösen. Man wüsste auch gerne genau, was denn der Keim in der Metapher ist. Der Konsens? Oder die demokratischen Werte? Wenn letztere und wenn er drnen anhangt, wieso beklagt er sich dann eigentlich?

    • „um einen Effekt von freilich gewaltigem Ausmaß““ – Das haben alle Epidemien so an sich, ein gewaltiger makroskipischer Effekt eines mikroskopischen Wirkungsmechanismusses zu sein.

    • „Daß sich die demokratischen Werte so gut ausbreiten, durch Kapillarwirkung““ – Das Blut fließt in den Kapillargefäßen nicht besonders schnell, sondern im Gegenteil besonders langsam gegenüber den Arterien und Venen. Von weiter Verbreitung der Flüssigkeit über weite Strecken durch Kapillarität kann also nicht die Rede sein, allenfalls von langeamem, gründlichem Eindringen in einen Körper. (Wasser in Zuckerwürfel usw.) Da ist wohl der Dromologe wieder mal in sein eigenes metaphorisches Fußeisen getreten.

    • „ so gut ausbreiten, durch Kapillarwirkung oder nach dem System kommunizierender Röhren,““ – Aha, noch eine andere, ältere, gern als Phrase eingesetzte Metapher. Die Ausbreitung einer Flüssigkeit in einem System kommunizierender Röhren beschränkt sich übrigens auf deren Inneres, ohne die Wände dagegen würde sie sich noch weiter ausbreiten. Die Ausbreitung in einem Röhrensystem geht übrigens nur, bis isostatischer Ausgleich eingetreten ist. (Gleicher hydrostatischer Druck in allen Gefäßteilen.) Sie findet gerade an der Kapillatität eine Grenze, denn je nach mehr Adhäsion oder mehr Kohäsion steigt die Flpssigkeit in dünnen Röhren weniger oder mehr als in breiteren. Das muss einen aber nicht interessieren, wenn man nur andere durch die eigene breite Wissenbasis beeindrucken will. Hilfreich dabei ist, wenn die auch nicht so genau Bescheid wissen.

    • „Daß sich die demokratischen Werte so gut ausbreiten … liegt daran, daß sie liquide geworden,““ – Was er mit liquide im hydrostatischem Bild anspricht, verstehe ich, was er damit vergleicht, ist mir völlig unverständlich. Aber ich bin dennoch gehörig beeindruckt. Geht also an.

    • „daß sie liquide geworden, daß sie nichts mehr wert sind““ – Ehe damit andere vielleicht noch die Landschaft vermüllen, nehme ich gerne hundert Liter geschmolzenen und damit wertlos gewordenen Goldes in Verwahrung.

    • „Heute (in der Postmoderne?) werden sie verramscht, wir wohnen einer gewaltigen Verschleuderung der demokratischen Werte bei, die in vielem einer überhitzten Spekulation gleicht.““ – Man verramscht wertlos Gewordenes oder womit man keinen ordentlichen Preis mehr erzielen kann. Bei einer überhitzten Spekulation tritt im Gegensatz dazu eine plötzliche gewaltige Wert- oder Preissteigerung ein.

    • „Von daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß es, ganz wie bei einer Börsenspekulation, zu einem Einbruch dieser Werte kommt.““ – Ich dachte doch, es wird schon verramscht?!

    Wieso bloß hat dem armen Mann nie jemand einen Schüler-Larousse spendiert, damit er die Bedeutung der Worte nachschlagen kann, die er benutzen will? Aber vielleicht wäre der Bildungseffekt auch hinderlich …

    Meiner Erinnerung nach haben Bricmont/Sokal auch ihn in ihrem Buch Fashionable Nonsense miterwähnt. Er hat es wohl redlich verdient.

    IS: Was meint er denn mit der Hysterese in „Die Hysterese des Millenniums“? In der Physik (z.B. beim Ferromagnetismus) bezeichnet man mit dem Wort eine Wirkung, die fortdauert, obwohl die auslösende Ursache schon weggefallen ist. Das erinnert so oder so an den bekannten Satz „Si tacuisses, philosophus mansisses.“

    Jochen Thurm: Grosse Klasse,wieder was gelernt!Danke.

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