Das Antisemitismus-Dilemma

So stecken die Kritiker des Antisemitismus in einer Falle. Sagen sie nichts, so lassen sie zu, daß bestimmte antisemitische Denk- und Sprachmuster salonfähig werden; sagen sie etwas, so stärken sie die Immunisierungsmuster … (Alan Posener)

In einem kleinen, im Wesentlichen unproduktiven Schlagabtausch mit Alan Posener – im Kommentarstrang seines Blogs „Starke Meinungen“ – kam es dennoch zu einem kurzen Moment des Austausches, und zwar als Posener ein tatsächlich existierendes Paradox seiner eigenen Position aufzeigte. Es ging um den – Antisemitismus.

Wir waren mal wieder beim Thema Baños. Alan Posener meinte, daß nicht er, sondern der Heyne-Verlag zu der Feststellung gekommen sei, es handele sich bei Baños‘ Buch um eine antisemitische Schrift, die man deswegen nicht wieder neu auflegen wolle.

Das entsprach natürlich nicht gänzlich der Sachlage, denn wie wir wissen, wurde das Buch vom Verlag mehrfach lektoral geprüft, ohne daß einem der Lektoren Antisemitismus aufgefallen wäre – erst nach Poseners Kritik schien plötzlich alles klar zu sein. Zudem war der Skandal auch nicht das Ablehnen einer zweiten Auflage, sondern das abrupte Verschwinden der Reste der ersten, und zwar bei allen Anbietern.

Davon abgesehen mußte der Rezensent eingestehen, daß er dem Buch dadurch eine Aufmerksamkeit verliehen hatte, die es ohne seine Intervention wohl nicht bekommen hätte und daß es nun – wie es dazu kam, bleibt rätselhaft – bei einem Verlag „Der Schelm“ erscheint, dessen übriges Programm mehr als programmatisch antisemitisch ist.

Ich schrieb ihm: „Diese Aporien ergeben sich zwangsläufig aus der Absolutheit des Antisemitismus-Arguments. Und da sind Sie nicht ganz unschuldig. Ich nehme an, Sie wissen, welche Macht ein solcher Vorwurf aus Ihrer Feder im heutigen Deutschland haben kann – damit sollte man sehr sehr vorsichtig umgehen, sonst helfen alle Bekenntnisse zur Meinungsfreiheit nicht.“

Seine ausführliche Antwort darauf enthält einige valide Argumente, die man diskutieren muß. Denn es stehen sich zwei Werte konträr gegenüber: Der Kampf gegen den Antisemitismus und der Kampf für die Verteidigung der Meinungsfreiheit. Wir reden hier – zur Einordnung – natürlich nur vom „intellektuellen Antisemitismus“ und nicht über den habituellen oder den Kneipenantisemitismus; es geht um Argumente, nicht um reflexionslose Sentiments und Ressentiments.

Alan Posener ist klug genug, den Konflikt zu sehen. Er antwortete: „Damit ist nicht der Antisemitismus der Skandal, sondern der angebliche Angriff auf die Meinungsfreiheit. Dann wird nicht diskutiert, ob der Vorwurf stimmt, sondern es wird die Gemeinheit des- oder derjenigen thematisiert, die nicht zulassen wollen, daß XY seine Meinung äußert. Da diejenigen, die den Vorwurf des Antisemitismus erheben, leider meistens Juden sind (ich bin in dieser Hinsicht eher eine Ausnahme), weil Juden eben aus Erfahrung ein ziemlich feines Sensorium für so etwas haben, läuft die Kritik dann darauf hinaus, daß die Juden den anderen verbieten wollen, bestimmte Wahrheiten auszusprechen. Und daß es ihnen auch noch – kraft ihrer ‚Macht‘, wie Sie ja auch in Bezug auf meine ,Feder‘ schreiben – gelingt.“

… und kommt schließlich zu der hellsichtigen Erkenntnis: „So stecken die Kritiker des Antisemitismus in einer Falle. Sagen sie nichts, so lassen sie zu, daß bestimmte antisemitische Denk- und Sprachmuster salonfähig werden; sagen sie etwas, so stärken sie die oben beschriebenen Immunisierungsmuster …“ Den von ihm immer wieder gebrachten Vorwurf des Antisemitismus an seine Kritiker – hier wird die „Macht seiner Feder“ etwa selbst als antisemitische Trope behandelt und nicht als Sachbeschreibung – überhören wir geflissentlich.

Dieses Dilemma läßt sich – wie ich meine – auflösen. Zumindest von einer Seite, der der Ankläger. Nur um diese Seite geht es nachfolgend.

Zum einen müßte der Kritiker des Antisemitismus – ob nun zu Recht oder Unrecht zugeschrieben – sich auf die Kritik beschränken und seine Jäger-und-Sammler-Natur besiegen. Diese stand Posener auch in der Begutachtung von Baños im Weg: seine Argumentation verlief wie folgt: Es wird im Text – quasi apriorisch und meist auch emotional begründet[1] – die Tatsache des Antisemitismus gesetzt und danach werden „Beweise“ gesammelt. Mit dieser Vulgärdeduktion läßt sich sehr vieles „beweisen“. Tatsächlich gelingt es Posener fünf Stellen aus einem 460-Seiten Buch zu finden, die „antisemitisch“ seien – in ihnen werden u.a. die Namen Rothschild und Soros erwähnt und diese gälten als typische antisemitische Meme. Das sind sie durchaus, aber natürlich ist nicht jede Nennung der Namen ein antisemitisches Mem – wäre dem so, müßte man die Nennung dieser Namen gänzlich vermeiden; niemand könnte mehr ungestraft über Soros und Rothschild sprechen.

Zum zweiten müßte der Absolutismus des Arguments abgebaut werden. Wer „Antisemitismus“ sagt, geht in die Vollen. Dieses Etikett ist so komplett toxisch, daß es ganz konsequenterweise bei vielen zu Panikreaktionen führen muß. Das weiß der Antisemitismusjäger natürlich sehr wohl – was ihm einerseits Macht verschafft, die er umso wirksamer ausspielen kann, wenn er einen öffentlich bekannten Namen hat und in einflußreichen Presseorganen veröffentlichen kann. Es ist ein Totschlagargument, wo es fällt, wächst kein Gras mehr. Daher sollte es äußerst bedacht, vorsichtig und so selten wie möglich zur Anwendung kommen – auf deutlich sichtbaren Antisemitismus beschränkt.

Mit ihm geht zudem jegliche Differenzierungsmöglichkeit baden, denn auch der Antisemitismus ist ein schillerndes Phänomen in unzählig vielen Varianten und Facetten, mit einer langen und komplexen Geschichte … Kurz: er läßt sich erklären. Und was sich erklären läßt, hat auch immer einen sonstwie gearteten realen Kern. Und er läßt sich differenzieren. Die Annahme einer „jüdischen Weltverschwörung“ etwa steht auf ganz anderer ontologischer Grundlage als etwa die konkrete historische Aufarbeitung konkreter und aufarbeitungsmöglicher historischer Ereignisse.

Ohne mich auf diese Überlegungen einlassen zu wollen, weil sie mich nicht interessieren und weil sie in den meisten Fällen leider von einem fraglichen „Erkenntnisinteresse“ geleitet und also meist wertlos sind, wird man doch festhalten können, daß die tiefste Wurzel des  historischen Phänomens Antisemitismus wohl eine religiöse ist, die einerseits im alttestamentarisch begründeten Selbstbewußtsein des „auserwählten Volkes“ und der starken Bindungskraft der Religion in der Diaspora und anderseits im Neuen Testament, dem sogenannten „Verrat an Christus“ durch „die Juden“ zu suchen sein dürfte. Wir haben es hier mit dialektischen Prozessen zu tun, auch wenn diese Dialektik weit davon entfernt ist, gleichgewichtig zu sein.

Zudem läßt sich der Antisemitismus auch sehr oft sozio-ökonomisch erklären: man braucht dazu nicht die Annahme von verkommenen, ungebildeten, boshaften etc. Menschen.

Und schließlich – drittens – können die Aporien vermieden werden, indem man den Antisemitismus seines Vorwurfscharakters entbindet, wo dies möglich ist. Wenn man ihn thematisiert, dann sollte man ihn nicht als Vorwurf und als Angriff thematisieren, sondern als Thema, als Inhalt und Argument von Vorwürfen und Angriffen: die Trennung zwischen Vorwurf und Inhalt des Vorwurfes. Zwar kann der Vorwurf durchaus korrekt sein, aber es dient dem Dialog nicht, ihn als solchen vorzutragen. Besser wäre, besser ist immer das Sachargument.

Posener hatte im Falle Baños die Aussage, daß die „Familie Rothschild“ die „reichste Familie der Welt“ sei, deren Vermögen „von manchen Finanzanalysten auf bis zu zwei Billionen Dollar geschätzt wird“, als „antisemitisch“ dechiffriert und damit die Diskussion von der Sachebene auf die Vorwurfsebene gehoben. Im Laufe unseres Disputs kamen wir einvernehmlich zu der Einsicht, daß die Zahl höchstwahrscheinlich weit übertrieben ist – was nichts daran ändert, daß „die Rothschilds“ ein immenses Vermögen besitzen –, daß  Baños sich dabei auf eine fragwürdige Quelle beruft – deren Fragwürdigkeit er zum Zeitpunkt seiner Recherche möglicherweise nicht durchschauen konnte – und daß der Begriff der „Familie“ im Falle der Rothschilds irreführend ist, weil die Verzweigungen derart komplex sind, daß von einer einheitlichen familiären Form mit einem gemeinsamen Interesse wohl nicht die Rede sein kann. Dies aufzuzeigen wäre eine sachliche Kritik gewesen, die sich der Falsifikation öffnet. Antisemitismus als Vorwurf läßt sich hingegen kaum falsifizieren, er ist in die Verifikation vernarrt.

Antisemitismus, dort wo er auftritt, sollte widerlegt werden. Die sachliche Widerlegung leistet als Stigmatisierung genug. Es sollte zudem der Fehler vermieden werden, Antisemitismus mit der prinzipiellen Ablehnung aller Positionen des Antisemiten zu verwechseln. Auch des plumpeste Antisemit kann die klügsten oder relevantesten Dinge sagen – man sollte seine Stimme nicht per se zum Schweigen bringen wollen. Ja, er kann sogar in der Frage der Antisemitismus recht haben – wir können diese Möglichkeit nicht von vornherein ausschließen, ohne seine Argumente gehört zu haben.

Sicher es ist mühsam und lästig, einen Holocaustleugner widerlegen zu wollen, wie es auch mühsam ist, einen flat-earther widerlegen zu wollen. Aber es muß geleistet werden und es kann auch gewinnbringend sein, wenn man sich der inneren Logik des Arguments widmet. Es gibt hier namhafte Vorbilder auch auf der linken Seite der Vernunft – Jean-François Lyotard etwa war sich nicht zu schade, den inneren Aporien der “Judenfrage im NS” nachzugehen. Daraus sind instruktive Texte entstanden.[2]

Am Ende kam ich zu dem Schluß: Letztlich ist es in der Tat eine Abwägungsfrage, welcher Wert der höhere ist: die Meinungsfreiheit oder die Diffamierung einer Gruppe. Allein die kategoriale Differenz, die Abstraktionshöhe, sollte die Antwort vorgeben.“

Alan Posener wollte leider nicht auf meine Unterscheidung eingehen und schrieb: „Nein, Sie irren. Ich habe keine Bringschuld antisemitischen Gedankengängen gegenüber dergestalt, daß ich mich damit sachlich auseinandersetze. Soll ich mich ernsthaft mit der Verschwörungstheorie beschäftigen, der zufolge die Welt von den Juden beherrschst wird? Das mache ich nicht, allein schon aus dem Grund, den mir ein hochrangiger israelischer Diplomat einmal augenzwinkernd sagte: Überschätzt zu werden hat auch seine Vorteile.“

Das war erneut ein Kategorienfehler, auf den ich ihn aufmerksam machte, nur, um folgende kategorische Antwort zu bekommen: „Der Antisemitismus ist keine Theorie. Er ist, wie schon Jean-Paul Sartre gezeigt hat, eine psychische Deformation des Antisemiten.“

Mit der Pathologisierung wird das rationale Argument kompromißlos beiseitegeschoben, der Rest der Unterhaltung blieb dann auch weniger ertragreich, schnell kamen erneute Unterstellungen aus seiner Festung. Aber Poseners Aufzeigen des eigenen Dilemmas und der Versuch, ihm bei der Auflösung (ungebeten – ich verstehe den Affekt) zu helfen, schien mir dennoch ein ermutigendes Zeichen der Möglichkeit und Notwendigkeit des Dialogs über die weltanschaulichen Grenzen hinaus.

[1]Man fühlt sich beschmutzt
[2] „Heidegger und die Juden“ oder „Sprechen nach Auschwitz‘“; auch bei Derrida, Jean-Luc-Nancy oder Giorgio Agamben gibt es vergleichbare Texte.

siehe auch:

Ich gebe zu Protokoll

Offener Brief an Alan Posener

So beherrscht man die Welt

2 Gedanken zu “Das Antisemitismus-Dilemma

  1. Leonore schreibt:

    Wie immer ein sehr lesenswerter Artikel.

    Eine kleine Anmerkung: Das Beispiel, das sie für „deutlich sichtbaren Antisemitismus“ bringen, ist valide. Allerdings ist der Betreffende wohl schon seit Anfang Dezember nicht mehr in der AfD (in die er laut Aufnahmeregeln bei seinen Einstellungen niemals hätte eintreten dürfen), während der Artikel Poseners (der darüber mutmaßlicherweise nicht unglücklich sein wird) ihn weiterhin mit der AfD in Verbindung bringt.

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