Identitätspolitik und Interessenspolitik

von Johannes Leitner

Identitätspolitik

Während identitäre Politik, wie jede gute Politik, darauf abzielt, die Gesellschaft als ganze zu erhalten und zu fördern, strebt Identitätspolitik danach, die eigene identitäre Sondergruppe auf Kosten der Gesellschaft zu begünstigen und zu bevorrechten. Man will nicht das Ganze mehren, sondern den eigenen Anteil am Ganzen, und sei es, indem man das dem feindlichen Widersacher Gebliebene schädigt. Identitätspolitik bedeutet ein Null- oder ein Negativsummenspiel des win-lose und win-lose-lose, nicht, wie die gesunde gemeinschaftliche Gesellschaft, ein Positivsummenspiel des win-win-win mit positiven Externalitäten.

Eine solche gesunde Gesellschaft kann und darf kein Kampfplatz ganz verschiedener kleiner Identitäten mit verschiedenen Sonderinteressen sein, weil in der gesunden Gesellschaft die gesellschaftlichen Gruppen einander nicht feindlich gegenüberstehen, sondern sie sich miteinander gesellschaftlich und gemeinschaftlich austauschen, genossenschaftlich und freundschaftlich. Das Gesunde ist das als stärker und angepasster wahrscheinlich Überlebende, und jene Gesellschaft überlebt eher, die in ihrem Innern keinen win-lose-lose-Kampf führt, sondern ein win-win-win-Verhältnis herstellt, beidseitiger und vielseitiger Nutzen aus allen gesellschaftlichen Handlungen.

Demzufolge kann es keinen natürlichen innergesellschaftlichen Klassen-, Schichten-, Geschlechter- oder Rassenkampf geben: Die gesellschaftlichen Einheiten bestimmen sich ihrer Natur nach aus dem Eigenen und nicht daraus, dass sie sich gegen das Fremde abgrenzten und es bekämpften. Klassen-, Geschlechter- und Rassentheorien, die fälschlich eine solche Natürlichkeit und daher Notwendigkeit gesellschaftsinnerer identitärer Feindschaft behaupten, haben in der menschlichen Geschichte schwerst­en Schaden angerichtet und werden dies weiterhin tun.

Der Vorbehalt lautet: in der gesunden Gesellschaft. Eine große Gesellschaft, die starke Parallel- und Gegengesellschaften zulässt, ist keine gesunde Gesellschaft mehr, weil ihr der wesentliche innere Zusammenhalt und die wesentliche innere Gleichheit fehlen, die beide eine solche gesunde Gesellschaft benötigt. Innerer Zusammenhalt oder vertrauender Altruismus bedeutet: Wir sitzen alle im selben Boot, uns ist allen daran gelegen, dieses Boot, die gesellschaftlichen dinglichen und sittlichen Einrichtungen, flott zu halten und Lecks darin zu vermeiden. – Innere Gleichheit oder Homogenität heißt: Einerlei, welchem Stand, welcher Klasse, welchem  Beruf, welcher Bildungsschicht, welcher Ethnie oder welchem Geschlecht wir in dieser Gesellschaft angehören; in der Tatsache, dass wir dieser einen Gesellschaft und diesem einen Gemeinwesen zugehören, und keiner und keinem anderen, sind wir alle gleich.

Identitätspolitik aber bedeutet, die Politik blickt auf den Einzelnen allein oder vorrangig als Teil seiner kleineren identitären Gruppe, nicht vorrangig als Teil der Gesamtgesellschaft. Und zwar blickt sie auf ihn nicht in einer angemessenen Weise, die aus Gruppenzugehörigkeit gewisse sachliche Dinge zu schließen vermag, sondern lediglich in der einen und einzigen Eigenschaft der Gruppenzugehörigkeit: Dir vertraue ich, dich wähle ich aus, dir gebe ich dieses Amt, dich befördere ich, allein weil du zu unserer Gruppe gehörst. Und weil du zu uns gehörst, gehörst du uns ganz, mit Haut und Haar und mit Geist und Seele, und wir fordern von dir die totale identitäre Unterwerfung, bei Strafe des sittlichen Ausschlusses und des Femegerichts.

Identitärer Tribalismus

Umgekehrt schaut auch der Einzelne identitätspolitisch auf Gesellschaft und Staat: Er hält das für richtig, befürwortet und unterstützt es, was er aus seiner grupplichen Identität glaubt für richtig halten und unterstützen zu müssen. Es wäre identitär unpassend für mich, sagt er, diese Anschauung zu glauben, jenen Politiker zu wählen, diese Zeitung zu halten, jenem Verein beizutreten, diesen Aussagen beizupflichten, jenen Ketzer nicht zu hassen oder diese politische Meinung abzulehnen. Denn ich würde dadurch eine identitäre Fremdgruppe stärken und meiner eigenen Gruppe untreu werden.

Wenigstens in einem bestimmten Maße fühlen, denken und verhalten sich so die meisten Leute; und ihnen kaum vorzuwerfen, dass sie es tun. Identitärer Tribalismus ist eine von vielen menschlichen Konstanten; wie oft entscheidet die aristotelische Mitte. Ein Mensch, der sich willentlich seiner Identität vollkommen entfremdet hätte, um die Welt allein aus der objektiven, universalen Vernunft verstehen zu können, ohne jegliche gruppenidentitäre Voreingenommenheit, erschiene uns als unheimlich, beinah als unmenschlich. Mit einigem Recht steht ihm die Gruppe misstrauisch gegenüber.

Das gruppenidentitäre Fühlen, Denken und Verhalten entstammt im Kern einem alten Familialismus und Tribalismus und einem Regionalismus, die alle noch identitätsrichtig gewesen sein mögen, solange sie sich bloß und ausschließlich auf die Identität der eigenen kleinen Gruppe bezogen hatten: Um in der Gruppe der Verwandten und in der Gruppe der Nichtverwandten zu überleben, versuche ich, mich in allem an sie anzupassen, auch geistig und seelisch. Spätestens dann aber wird der identitäre Tribalismus falsch und schädlich, wenn er im Großpolitischen, ohne noch auf das Wohl der Allgemeinheit zu blicken, die eigene gruppliche Identität der Allgemeinwirklichkeit und der Gesamtgesellschaft feindselig und kämpferisch gegenüberstellt.

Im ideologisch-identitären Tribalismus finden wir nichts, was in irgendeiner Weise sonderlich anstrebenswert wäre; aber er ist auch nichts überraschendes, und darum nicht unbedingt etwas schlechtes. Gewiss erscheint uns solcher identitätspolitischer Tribalismus in manchen Fällen dumm und widrig, gewiss kann er unter Umständen zum Schlechten führen. Doch ist er zu sehr Teil der menschlichen Verfasstheit, als dass man ihn pauschal, und aus sich selbst, verurteilen dürfte; er ist zu sehr menschlich, als dass man alle Leute verspotten dürfte, die sich identitär tribalistisch äußern und verhalten, umso weniger, je ethnokulturell verharrender und gesellschaftlich schwächer sie von vornherein sind. Man braucht sie ja nicht zu loben. Damit soll die ideologische Identitätspolitik nicht gerechtfertigt, aber erklärt sein; und wie so oft liegt dem Verstehen nahe das Verzeihen, ohne sich mit ihm ganz zu decken.

Solchem Tribalismus gegenübergestellt sticht umso mehr aber das Ungewöhnliche heraus, das sittlich Erhabene und das Gewagte des europäischen Universalismus. Der Universalismus Europas versteht die Welt ganz neu, nämlich erstmals als die ganze Welt der ganzen Menschheit, wenigstens als die Welt des großen Raumes und aller seiner Leute, nicht mehr hingegen als die kleine Welt der sonderidentitären Gruppe: Die Anderen könnten so sein wie wir, fortschrittlich, aufgeklärt, tolerant, wenn sie sich uns nur angleichen wollten; und sie seien so wie wir, wie sie sich uns angeglichen hätten. Dem europäischen Universalismus eröffnen sich daraus Möglichkeiten gewaltigen Erfolges, großer Integrations- und Assimilationskraft: Die Welt ist heute und seit einem halben Jahrtausend europäisch, und sie wäre es in mancher Weise noch, wenn es Europa alsbald nicht mehr gäbe. Sohin aber erwachsen zugleich dem Universalismus, wenn und weil er das Wesen der kleinen Welt missversteht und übersieht, tödliche Gefahren; letztlich die Gefahr, dass die kleine Welt die große überwuchert und zerstört.

Tribalistische Identitätstotalität

Identitärer und identitätspolitischer Tribalismus herrscht, wenn der Einzelne nicht sagt: „Ich bin wenigstens in erheblichem Maße Teil der universalen Großgruppe, auch wenn ich mich in meinem alltäglichen Verhalten vor allem auf die Kleingruppe beziehe. Ich versuche mich stets zu vergewissern, dass mein kleingruppliches Verhalten der Großgruppe nicht schadet.“ – Sondern wenn er, der Einzelne, sagt: „Ich bin vorrangig Teil der Kleingruppe, und die Großgruppe berührt mich vor allem insoweit, als ich und meine Gruppe aus ihr schmarotzend und trittbrettfahrend gewinnen könnten, als meine Gruppe gar versucht, die Großgruppe herrschaftlich zu übernehmen und sie auszubeuten.“ Im besten Falle einigen sich die identitären Gruppen innerhalb der Gesellschaft – im Sinne eines zeitweiligen Waffenstillstands, der bei Gelegenheit wieder aufgehoben werden kann – auf einen Proporz: Das letzte Staatsoberhaupt war einer aus der Gruppe der Gelben, nun muss es ein Violetter werden, nun ist er mit seinen Violetten an der Reihe, auf eine bestimmte Zeit alle Anderen auszubeuten.

Jemand, der aus einer bestimmten Gegend kommt, einer bestimmten Gesellschaftsschicht, einer Kirche und einem Berufsstand angehört, der eine bestimmte Erziehung und Bildung genossen hat, der ein Elternhaus und einen Freundeskreis besitzt, wird nicht ohne weiteres die entsprechenden Zeichen aufgeben wollen, die er sich im Laufe seines Lebens angewöhnt hat: seine Sprachfärbung und seine Mundart, seinen Soziolekt, seinen Bildungsschatz, seine Kindheitserinnerungen, die Mittel seiner Unterhaltung, seine Bräuche und Feste, seine Speisegewohnheiten und so weiter. Diese Identität kann er nicht und soll er nicht ohne weiteres tilgen.

Wenn er durch solches aber sein gesamtes gesellschaftliches Sein und Handeln über die Maßen beeinflussen lässt, wenn er sagt, ich kann gar nicht anders denken, fühlen, handeln, als es mir meine Gruppenidentität vorgibt, dann erklärt er sich zur Geisel dieser seiner Identität, zu ihrem bloßen Mittel und Werkzeug. Er gibt seine Vernünftigkeit und seine sittlich-politische Willensfreiheit vollständig auf. Nicht zuletzt verliert er damit den Anspruch, mitzubestimmen in Demokratie und Republik: Denn warum sollte die Gesellschaft zulassen, dass in ihr Kräfte wirken, allein als fremdbestimmtes Mittel ihrer Sondergruppe, diese zu stärken, die aber nicht selbstbestimmt und nicht eigenverantwortlich das Beste der gesamten Gesellschaft wollen? Warum sollte die Demokratie zulassen, dass es in ihr Menschen gibt, die von der Demokratie nichts wissen und nichts wissen wollen; die bloß die Demokratie als Herrschaftsmittel von identitätspolitischen Sondergruppen über Andere verstehen, und nicht als Herrschaftsmittel der ganzen Gruppe, des ganzen Volkes über sich selbst?

Gesellschaft als Kampfplatz

Wer die Anschauung von der wesentlichen Gleichheit innerhalb der Gesellschaft verneint und die Gesellschaft als einen solchen Kampfplatz sieht, in dem sich die eine Sondergruppe auf Kosten der anderen durchsetzen müsse, in der jede Gruppe versuchte, die anderen Gruppen gesellschaftlich, politisch, kulturell und wirtschaftlich zu überwältigen, zu unterjochen, auszubeuten und zu vermindern – wer dies tut, der wird nach jedem Vorteil verlangen und alle Gelegenheiten ausnutzen, die ihm und seiner Gruppe gegenüber anderen eine Sonderstellung verschaffen könnten. Betätigt er sich politisch, dann blickt er nicht mehr auf das gesellschaftliche Gemeinwohl, sondern auf das Sonderwohl seiner Gruppe. Er versucht, andere Gruppen zu schwächen und zu schädigen, damit sie seiner Gruppe nicht selbst zu schaden vermöchten, damit sie auch seinem Streben, sie auszubeuten, nicht weiter zu widerstehen imstande seien.

All dies wird, wie schon mehrmals angesprochen, durch das Gefangenendilemma und die Tragik der ungeordneten Allmende beschrieben. Wer danach strebt, den Anderen zu übervorteilen, kann lediglich kurzfristig gewinnen. Und er mindert bloß seinen Schaden, wenn der Andere solches ebenso bezweckt; auf lange Dauer schaden damit beide nicht nur einander, sondern auch sich selbst. Arbeitsteiliges Zusammenwirken, das die jeweiligen absoluten und komparativen Vorteile ausnutzt, ist für beide unter fast allen Umständen langfristig besser als der Interessenskampf von Widersachern, welche um ein und dieselbe Sache streiten. Symbiontisches Verhalten win-win, umso mehr mit seinen positiven Externalitäten, stiftet in der einen Gesellschaft mehr Nutzen als parasitäres Verhalten win-lose, nicht nur für die Gesamtheit aller, sondern, auf lange Sicht, auch für die meisten Einzelnen. Der Mensch, der Europäer, das zoon politikon, der Bürger, ist nicht darauf ausgelesen und hingeordnet, Andere auszubeuten, sondern mit anderen zu gemeinsamen Zwecken zusammenzuwirken.

Daher die ideale Demokratie als für die Allgemeinheit bestmögliche Lösung des Gefangenendilemmas und des Allmendeproblems: Die Einzelnen gehen zugunsten des Gemeinwohls Kosten ein, können sich aber hinreichend sicher sein, dass ihr Opfer nicht von Betrügern unbillig ausgenützt würde; schließlich scheint jeder bereit, das gleiche zu tun, um dem Gemeinwohl zu dienen.

Jeglicher Politik wohnt dennoch die Gefahr inne, dass sondergruppliche Identitäts- und Interessenspolitik betrieben würde, dass die Sondergruppenidentität des Einzelnen mit politischen Mitteln bestimmend gemacht würde, wie er im politischen Gemeinwesen zu stehen und politisch zu handeln habe. Im besonderen gilt dies eben für demokratische Politik: Man betrachtet dann die Demokratie nicht als Mittel, gute Politik für das Gemeinwesen zu schaffen, sondern als innergesellschaftlichen Interessens- und Identitätskampf mit win-lose-lose-Ergebnis. Aus dem einen könnte im besten Fall ein Ausgleich einander widersprüchlicher Interessen erwachsen, bei dem beide hinreichend unzufrieden sind. Der andere, der Identitätskampf, sei bis zum Ende zu führen, bis einer der Kriegsgegner die Macht errungen habe; alle Bündnisse, die zu diesem Zwecke geschlossen würden, seien bloß zeitweilige Zweckbündnisse.

Interessensgegensätze und Interessensgleichheit

Nicht, dass es politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessensgegen­sätze nicht tatsächlich gäbe und in der gesunden Gesellschaft geben könnte: Gegensätze, die gesellschaftlich, marktlich-katallaktisch oder, dies vielleicht am wenigsten, politisch ausgeglichen werden müssen. Doch liegt solchen Gegensätzen nicht die natürliche Identität der Menschen und Menschengruppen zugrunde, sondern ihre besondere Stellung in der Welt, die sie in natürlichen Wettbewerb um knappe Güter treten lässt. Der einzige naturgegebene und unabdingbare identitäre Interessensgegensatz ist wohl der zwischen Mann und Frau; und auch dieser scheint zur Gänze lösbar, da langfristig ihre Interessen, koevolutionär selbstverständlich, zueinander passen und in eins fallen.

Innerhalb der Gesellschaft gleicht der Markt und gleichen die marktähnlichen gesellschaftlichen Ordnungen viele jener nicht-nat­ur­id­ent­itären Interessensgegensätze auf friedliche und allseitig nutzenstiftende Weise aus: über das Gesetz von Angebot und Nachfrage, über absolute und komparative Vorteile, über positive und negative Skaleneffekte, über die hayekischen Wissensvorteile, über das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens und so weiter. Andere Gegensätze regelt das Gemeinwesen, ebenso durch Interessensausgleich oder auch durch Unterdrückung anderer Bestrebungen. Dazu dienen staatliche Gewaltmittel, dazu dient die Autorität und Führung der obrigkeitlichen, geistigen und geistlichen Machthaber, der Führer, Lehrer und Priester.

Verschiedene und gegensätzliche Bestrebungen und Interessen sind in der Gesellschaft nur dann zu ertragen oder zu begrüßen, wenn sie den Interessen erlauben, zu einer gemeinsamen Lösung zusammenzutreffen: Interessenskoinzidenz in wesentlicher Interessensgleichheit. Das wesentliche legitime Interesse aller Leute immer, mit den andern in derselben Gesellschaft und im selben Gemeinwesen zu leben, zu arbeiten, zu bezwecken und zu wirken, ohne die andern auszubeuten und ohne von den andern ausgebeutet zu werden. Nicht legitim ist ein Bestreben Einzelner, die Andern oder die Allmende auszubeuten, sie zu bestehlen, zu betrügen, an ihnen zu schmarotzen; es hat in der gemeinsamen Gesellschaft und ihrem gewöhnlichen Interessensausgleich nichts zu suchen und muss mit allen Mitteln unterdrückt werden.

Wesentliche Interessensgleichheit bedeutet, dass sämtliche Interessen der Leute, wenn sie unterschiedlich und Gegenstücke sind, dennoch in eins fallen müssen. Sie dürfen auch als Gegenstücke nicht vollkommen ungleichartig, einander feindlich sein. Das ist klar für den Markt und für die marktähnlichen Ordnungen, wo zu subjektivem ex ante win-win-Erfolg unmittelbar getauscht wird: A muss a anbieten und b nachfragen, B muss b anbieten und a nachfragen, wenigstens aber müssen beide, auf friedlichem Wege, m (Geld) nachfragen und anbieten. – Ist jemand dazu aber nicht willens oder in der Lage, und wirtschaftet er nicht selbstgenügsam für sich selbst, dann muss er die Andern berauben oder versklaven oder auf sonstige Weise ausbeuten. Ihre Interessen, vollständig unvereinbar, widerstreiten; sie stehen einander gegenüber nicht nur als Herren und gezwungene Knechte, sondern auch und manchmal vor allem als schadenwollende Widersacher und gar als schadenfroh hassende Feinde.

(1) Abseits der unmittelbar marktlichen Tauschbeziehung kann Gegensätzlichkeit der gesellschaftlichen Interessen heißen, dass wir uns darüber uneinig sind, (a) wie wir die Mittel unter uns verteilen, die wir in gesellschaftlicher Arbeitsteilung erwirtschaften, und die zu meinen und unseren Zielen nötig sind; und (b), uneinig darüber, worin überhaupt die Zwischenziele bestehen sollten. Wir könnten ungleicher Meinung sein, wie die gemeinschaftliche Gesellschaft, in der wir beide leben, zu gestalten sei: Ich will mehr haben und durchsetzen als du; ich will für mich selbst, aber auch für dich und andere Leute, für die gesamte Gesellschaft, andere und bessere Ziele verwirklichen. Ich verfüge über die besseren Ideen und strebe nach den besseren Zwischenzielen.

Nachdem ich aber dich und deinesgleichen kenne, mich in euch einfühlen und eindenken kann, will ich dir so viele materielle und identitäre Dinge lassen und zugestehen, dass du nicht materiell und identitär zugrundegehst; um deiner Daseinsinteressen willen, in die ich mich einfühle, und um meiner selbst willen, weil ich an dir mittelhaft gewinne. Leben und leben lassen; leben lassen, um selbst zu leben; leben, um leben zu lassen. – Über die Zwischenziele können wir uns streiten, die Endziele aber müssen feststehn. Die Mittel zu den Zielen sind offen, den Rahmen der zulässigen Mittel erkennen wir alle an. Wiederum gilt, multum non multa, Vielfalt in Einheit statt Einfalt in Vielheit.

(2) Wäre es mir jedoch ganz gleichgültig, dich missachtet, unterdrückt oder vernichtet zu sehen, es sei denn, dass ich dich als mein Werkzeug und auszubeutendes Mittel verlöre –  dann wäre es mir ebenso gleichgültig, dich selbst zu unterdrücken oder zu vernichten, vorausgesetzt, ich hätte deswegen selbst keine schlechten Folgen zu befürchten. Marktlicher Wettbewerb und politische Gegnerschaft wandeln sich in echtes Widersachertum, echte hassende Feindschaft. Wesentlicher Interessenskampf bedeutet, dass ich am Andern, und an der Allmende aller, mehr durch Betrug, Ausbeutung, Raub und Sklaverei zu gewinnen habe als durch Arbeitsteilung und gutgläubige Wirkgemeinschaft in der gemeinsamen Gesellschaft.

Mit solch echter Gleichgültigkeit und Feindschaft aber ist keine gemeinschaftliche Gesellschaft in unserem Sinne möglich, nur die reine, kalte Gesellschaft der Piraterie und des Gelegenheitsbasars aller gegen alle, des ungelösten Gefangenendilemmas und der ungeordneten Allmende: Es herrscht starker Pluralismus und Multikulturalismus, der Kampf der Bürger gegen die Bürger, und der Kampf um die Bürgerschaft und das Gemeinwesen selbst.

3 Gedanken zu “Identitätspolitik und Interessenspolitik

  1. Hallo!

    Wie es sich in einzelnen Volksgruppen ausgestaltet und wie diese es rationalistisch vor sich selbst begründen, kann durchaus unterschiedlich sein.

    Gemein ist dem stets, was Spengler die „metaphysische Wendung zum Tode“ nannte:

    „Und nun geht aus der Tatsache, daß das Dasein immer wurzelloser, das Wachsein immer angespannter wird, endlich jene Erscheinung hervor, die im stillen längst vorbereitet war und jetzt plötzlich in das helle Licht der Geschichte rückt, um dem ganzen Schauspiel ein Ende zu bereiten: die Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen. Es handelt sich hier nicht um etwas, das sich mit alltäglicher Kausalität, etwa physiologisch, begreifen ließe, wie es die moderne Wissenschaft selbstverständlich versucht hat. Hier liegt eine durchaus metaphysische Wendung zum Tode vor. Der letzte Mensch der Weltstädte will nicht mehr leben, wohl als einzelner, aber nicht als Typus, als Menge; in diesem Gesamtwesen erlischt die Furcht vor dem Tode. Das, was den echten Bauern mit einer tiefen und unerklärlichen Angst befällt, der Gedanke an das Aussterben der Familie und des Namens, hat seinen Sinn verloren. Die Fortdauer des verwandten Blutes innerhalb der sichtbaren Welt wird nicht mehr als Pflicht dieses Blutes, das Los, der Letzte zu sein, nicht mehr als Verhängnis empfunden. Nicht nur weil Kinder unmöglich geworden sind, sondern vor allem weil die bis zum äußersten gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet, bleiben sie aus.“

    Das Nichtvorhandensein der Gründe für Kinder (schon sich die Frage überhaupt zu stellen, ist ein Zeichen der Unfruchtbarkeit) entspricht durchaus dem Unwillen, die Grenzen zu sichern und das Staatswesen nur dem Staatsvolke zugute kommen zu lassen.

    Unfruchtbarkeit ⇒ Wehrlosigkeit

    Dem liegt ein instinktiver Unwille zugrunde, das eigene Leben in der Welt an der Existenz zu sehen. Dem voraus ging der Tod der Kultur. Im Grunde ist das deutsche Volk, sind alle europäischen Völker bereits tot, wenngleich sich Individuen noch gegen ihre Auslöschung wehren. Als Organismus mit einer aufbauenden inneren Hierarchie und einem Instinkt zur Selbstbehauptung des Eigenen existieren sie nicht mehr.

    Was wir jedoch beobachten, ist nicht nur ein bloßes Geschehenlassen der Masse, sondern von einem Teil die bewußte Unterstützung der eigenen Vernichtung.

    Den Grund vermute ich in der germanischen/abendländischen Seele, die wohl grundsätzlich von einem starken Gefühl der Unzulänglichkeit und Unzufriedenheit getrieben ist. Das ist der innere Stachel, der Ursache des faustischen Drangs ins Unendliche ist, der zur Eroberung und Erforschung angetrieben hat.

    Nachdem sich dieser durchaus selbstbewußte, aber unzufriedene Seelenzustand zuendegelebt und in einem allgemeinen, zusammenhanglosen Wohlstandssumpf gemündet hat, wenden wir diese Energie gegen uns selbst.

    Der Religion oder besser religiösen Denkweise als Ausdruck des Seelenlebens kommt eine wichtige Bedeutung zu. In der Zeit starker faustischer Nationen war das Christentum – und zwar nicht der Fanatismus Einzelner, sondern die volkstümlich-vernünftige Ausprägung – wohl in der Lage, die transzendente Begründung des Sinns des eigenen Lebens, für die Richtigkeit des Daseins und wie es geführt wird zu liefern. Gott will es!
    Nunmehr ist das abendländische Christentum oberflächlich, also im Sinne der Kirchenbesuche, Bibellektüre und nachgeahmter Riten etc. weitgehend aus dem Alltagsleben verschwunden. Die Seelenverfassung mit den ihr eigentümlichen Denk-, Fühl- und Handlungsweisen, deren Ausdruck das abendländische Christentum war, ist aber noch vorhanden. In den linken Ideologien (von Antirassismus mit Umweltschutz) lebt sich diese Struktur unverändert aus, ist aber nun nicht mehr auf die Stärkung des Lebens, sondern seine Zersetzung ausgerichtet. Der faustische Drang arbeitet mit derselben Vehemenz, mit der er zuvor lebte, am eigenen Tode.
    Daß gar nicht das Christentum, bzw. die Ermangelung desselbigen die Ursache unserer Probleme ist, zeigt sich schon darin, wie die Kirchen sich dem linksversifften Zeitgeist der Zerstörung andienen und dies, ohne sich des Widerspruchs zu früheren Zeiten gewahr zu werden, mit ihrer eigenen Theologie begründen. Der Mensch will es!

    Auch eine (wohl eher zwangsweise) Remissionierung der Masse zum Christentum würde daran nichts ändern, weil das viel tiefer liegende Problem der metaphysischen Hinwendung zum Tode dadurch nicht gelöst werden würde.

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  2. Die Pointe in Verbindung mit Huntington

    Leitners Auszug ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass die Bruchlinen tatsächlich nicht entlang von Kulturkreisen sich befinden, sondern innerhalb der jeweiligen Kulturkreise selbst – und die Gefahr einer inneren Zersplitterung ist enorm. Wie John Gray in seinem Werk „Von Menschen und anderen Tieren anmerkt:

    „Die Gleichheitsideen, auf denen Rawls‘ Theorie fußt, ähneln den Sitten des Geschlechtslebens, die man einst für den Kern der Moral hielt: Sie sind in höchstem Maße kulturabhängig und wandelbar, doch man huldigt ihnen als der vermeintlichen Quintessensz moralischen Handelns. Sobald das Meinungsklima sich ändert, wird der heutige egalitäre Konsens einem neuen Dogma weichen, und man wird wieder genauso überzeugt sein, dass es die unwandelbare moralische Wahrheit verkörpert.“

    Die Wissenschaft, die sich den „Geist“ zunutze machte, zog einst Hitler hoch; und etwas Ähnliches hat den Islam heimgesucht. Solidarität, mythologisch formuliert und technologisch durchgesetzt, soll in der islamistischen Version das Heilmittel für die verzweifelte Entfremdung der Muslime sein.

    Man denke dabei an die Worte der Furien in Aischylos Eumeniden:

    „Einträchtig auch im Hass,
    Denn vieles Übel heilt den Menschen dies.“

    Die Gefahr besteht also darin, dass sich der Liberalismus als zu schwach erweist, um zu verhindern, dass eine Erscheinungsform des Aufklärungschauvinismus – der krebsartig wuchernde Islamismus – eine plötzliche Wiederbelebung einer anderen Erscheinungsform auslöst: Der Aufschwung der Rechtsextremen im liberalen Westen zeigt, wie weit dieser Vormarsch bereits fortgeschritten ist. Die Postmoderne ist methodisch nicht in der Lage, dem standzuhalten. Der Bürgerkrieg innerhalb der aufklärerischen Moderne, den Gray als die Quintessenz des „Kriegs gegen den Terror“ ausmacht, ist demzufolge zerstörerisch.

    Übrigens: das Fallbeispiel der bosnischen Muslime zeigt, dass sie sehr wohl sich als Teil einer nichtmuslimischen Gesellschaft verstehen können, als loyale Bürger. Trotz einer Auswanderungswelle im Zuge der österreichischen Besatzung (1878) und der später erfolgten Annektion (1908), arrangierten sich die Muslime insoweit, dass es für sie kein Problem darstellte, für die kaiserlichen Armeen am Isonzo oder Galizien zu kämpfen. Im Gegenteil, ihren Einheiten wurden Imame zur Verfügung gestellt.

    Die österreichische Politik mag interessengesteuert sein – die Institutionalisierung der „Islamischen Gemeinschaft“ (um sie vom Osmanischen Reich zu trennen) und in Hinblick darauf, dass man sie neben den Katholiken im Lande als Gegengewicht zu den sezessionistischen Ansprüchen der Serben benötigte. Doch im kollektiven bosnisch-muslimischen Gedächtnis ist die K.u.K.-Zeit recht positiv in Erinnerung geblieben. Und die einstigen Befürchtungen, dass die muslimischen Einwohner das gleiche Schicksal teilen würden, wie in den Gebieten, die nach dem Großen Türkenkrieg wieder verloren gingen, wichen der Realität einer pragmatischen Besatzungspolitik Wiens. Bosnische Muslime erhielten kostenlose Stipendien, um in der Kaiserstadt zu studieren (eine entsprechende 99 Jahre gültige Regelung lief vor nicht allzu langer Zeit aus). Das religiöse Leben blieb nicht nur unbehelligt, das Land wurde instrastrukturell entwickelt.

    Gleichwohl stand die Frage der Identität im Raum und beschäftigte die slawischen Muslime des ehemaligen Jugoslawiens für eine ganze Weile – erzwungenermaßen, da die Nachbarvölker im Zuge des Nationalismus ihnen nicht nur voraus waren, sondern dies mit Gebietsansprüchen verknüpften.

    Leider hat der Westen in den 1990ern aufgrund des bereits erwähnten abendländischen Ressentiments gegen den Islam eine Chance verpasst. Tatsächlich standen am Vorabend des Bosniekrieges just jene bosnischen Muslime politisch für einen bürgerliches Staatskonzept, das der EU im Grunde entsprach. Aber, wie Bill Clinton dies in seinen später veröffentlichten Memoiren bemerkte, rief ihm Mitterand zu Beginn seiner Amtszeit in Erinnerung, dass man „in Europa keinen muslimischen Staat erlauben könne“. Daher akzeptierte man („Friedenspläne“) eine Ethnitisierung eines Staates, der einem Flickenteppich glich. Die serbische Führung sorgte alsbald für eine Beseitigung jener Flecke.

    Dass Bosnien heute mit wahabitischen Strömungen zu kämpfen hat – so sehr sie auch eine kleine Minderheit darstellen -, ist auch eine Folge des Lavierens des Westens vor und während des Konflikts.

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  3. Da ich den Blog seit einigen Monaten immer wieder mal (gerne) lese, kenne ich diesen Auszug aus Johannes Leitners Buch. Und diesem kann ich durchaus zustimmen. Es mag den einen oder anderen überraschen, dass es zwischen dem Islam und liberalkonservativ-abendländischen Werten und Positionen weitaus mehr Übereinstimmungen gibt, als zwischen der vielfach betonten „Linken und dem Islam“, denn diese sind bei näherer Betrachtung keine natürlichen Bettgefährten.

    Vielleicht ist es hilfreich, auf eine klassische islamische Rechtsposition hinsichtlich Loyalität von muslimischen Gemeinden in Ländern mit einer nichtmuslimischen Mehrheit aufmerksam zu machen: Sie haben sich an die dort geltenden Gesetze zu halten und die dortige Ordnung zu akzeptieren. Sofern sie ihre Religion nicht mehr frei ausüben können, sollen sie auswandern. Die muslimische Exil-Gemeinde in Abessinien und ihr Vertrag mit dem dortigen Negus gilt dabei als Musterbeispiel.

    Das ist die knappste Formulierung, darüber hinaus sollen sie (generell), darüber gibt es zahlreiche ethische Abhandlungen mit vorbildlichem Verhalten ein gutes Beispiel an Tugend abgeben. – hiebei gilt die Ausbreitung des Islams an der Ostküste Afrikas oder Indonesiens als exemplarisches Muster, wo muslimische Chronisten die Überzeugung vertreten, dass sich arabischen Kaufleute offenbar in jenen Regionen an das Vorbild eines „ehrlichen Kaufmanns“ hielten. Aber auch eher von Muslimen unvermutete Gegenden wurden auf diese Art bevölkert- in Buda/Pest gab es bis zum 13. Jahrhunderts eine ansehnliche muslimische Gemeinde (die man gemeinhin als „Ismaeliten“ bezeichnete). Obgleich keine Probleme mit der Mehrheitsgesellschaft dokumentiert sind, mussten sie schließlich das Land verlassen, zu der Zeit waren Kreuzzüge allgemein nämlich en vogue – auch gegen christliche Häretiker (Südfrankreich, die ungarischen Kreuzzüge gegen die „Bogumilen“ in Bosnien).

    In meinem Kommentar zu Huntington verwies ich bereits auf „den modernen Hang zur Vereinfachung, der die komplexe Vielfalt des Islam auf relativ junge und irrige Tendenzen wie den Wahhabismus verkürzt (was zu ebenso irrigen Schlussfolgerungen führt)“.
    Es ist genauso verführerisch wie irreführend, eine IS-Agenda oder ein Pamphlet eines Sayyid Qutb zur Rate zu ziehen und auf Gründungstexte – die ihrer exegetischen Armatur (immerhin eine tausendjährige Gelehrsamkeit) beraubt sind – zu verweisen. Noch dazu nur ein Teil der Hadithe, Kommentare, Biographien und Meinungen von Prophetengefährten auf englisch zugänglich sind. Auf Deutsch ist die Terra Incognita diesbezüglich noch größer. Da der Islamist maßgebliche Denker als totes Holz ablehnt und glaubt, zu den Quellen zurückzukehren, und aus dem Brunnen zu schöpfen, indem er das Seil durchschneidet.

    Die Amnesie (bei Islamisten) oder Unkenntnis/gefährliches Halbwissen (bei vielen – nicht allen – Islamkritikern) lässt sich ja nicht nur im Islam beobachten. Für viele heute steht der Katholizismus eher für Missbrauchskandale, für Bischöfe, die schamvoll zurücktreten müssen – und nicht für einen Augustinus, dessen Moral als Kultivierung von Tugenden gilt, die auf jahrhundertelanger Erfahrung und Beispielhaftigkeit beruht. Wir erinnern uns an Galileo, nicht an Eckhardt. Wir erinnern uns heute an die faszinierenden Schrecken der Inquisition und nicht an den heiligen Franziskus.

    Es kann hilfreich sein, auch wenn dies für den einen oder anderen Liberal-Konservativen Abendländer schmerzlich sein kann, das zu betonen, was Roger Garaudy einst als das „dritte Erbe“ (neben Antike und Bibel) nannte, wenn er von den Einflüssen aus der islamischen Welt sprach, sowohl für die Entwicklung der neuzeitlichen Philosophie, inklusive des Humanismus, der – wie der Arabist und Historiker George Makdisi dies genauso nüchtern wie eindrucksvoll aufzeigte, bei arabischen Vorläufern zu finden ist.

    Wieso kann das hilfreich sein?

    Um den wuchernden und um sich greifenden Islamismus (sowohl den ideologischen als auch in seinen terroristischen Ausprägungen) entgegenzuwirken, bedarf es einer mehrgleisigen Anstrengung. Der größte Teil der Verantwortung liegt hierbei zweifellos bei den Muslimen selbst. Und die Lösung liegt nicht in einer Reformation – die der Salafismus ja darstellt -, sondern in einer Restauration und Gegenreformation. Mit anderen Worten: Der Islam braucht einen Erasmus, keinen Luther. (seinen Calvin hatte er ja bereits in Gestalt von Abdel Wahhab, dem Gründer des Wahhabismus). Das Muslim College in Cambridge ist ein gelungendes Beispiel, wie dies auf geistiger Ebene funktionieren kann.

    Das Problem tatsächlich auf muslimischer Seite ist, dass man Jugendliche aus sozialen Brennpunkten bzw. mit einer bestimmten Lebensgeschichte voller Gewalt, mit dem traditionellen, sunnitischen Pragmatismus schwer erreichen kann. Radikale youtube-Prediger sprechen nicht nur dieselbe moderne Sprache, sie teilen oftmals auch dieselbe probematische, oftmals kleinkriminelle Jugend. Und in solch einem Ambiente sucht man eher nach revolutionären Ideen.
    Platonischer jugendlicher Elan vs aristotelische, jedoch langweilige Vernünftigkeit.

    Der andere Aspekt, der in der Verantwortung (und hier müssen sicher einige Leute über ihren Schatten springen) der europäisch-konservativen ist, ist das Ablegen von jahrundertealter ideologischer Scheuklappen, die ja ursprünglich in der christlichen Theologie zu finden ist.

    Wie der evangelische Theologe Thomas Naumann festhält:

    „Die christlichen Chronisten begriffen diese muslimische Bewegung mit biblischen und theologischen Kategorien. Nach der Bibel gilt Ismael, der erstgeborene Sohn des Patriarchen Abraham mit der ägyptischen Sklavin Hagar, als Stammvater der nordarabischen Völker, die wie Wildesel in der Wüste leben (Gen 16,12), während Isaak, der Sohn Saras zum Stammvater der Juden avanciert. Und im neutestamentlichen Galaterbrief findet sich eine Interpretation dieser Geschichte durch den Apostel Paulus, in dem er feststellt, dass Gott mit seinem Segen und mit seinem Heil Erwählung allein bei den Kindern Saras bleibt, hingegen Ismael, den Sohn der Sklavin, verworfen und von Gottes Heil ausgeschlossen habe (Gal 4,21-31). Im Lichte dieser Deutungen verstand das Christentum die islamische Expansion als Sturm der Söhne Ismaels aus der Wüsteauf das Bollwerk der Christenheit. In der biblischen Gestalt Ismaels und der Ismaeliten verband sich die Abscheu vor dem von Gott verworfenen Abrahamsohn mit der Angst vor dem politisch übermächtigen Gegner.

    Die Muslime werden Ismaeliten oder Söhne Ismaels genannt oder Hagarenen – Nachkommen der Hagar. Die gängigste mittelalterlicher Bezeichnung ist „Sarazenen“. Der Begriff ist ursprünglich eine antike arabische Stammesbezeichnung ungewisser Herkunft. Da er aber lautlich auch an Abrahams Frau Sara erinnert, entwickelt der Kirchenvater Isidor von Sevilla gerade noch in vorislamischer Zeit den Gedanken, die Araber hätten sich diese Bezeichnung mit der Absicht zugelegt, um ihre Abstammung von Sara vorzutäuschen, wo sie doch richtiger von der Sklavin Hagar abstammen und daher Hagarenen (Agarenen) zu nennen seien“ (Thomas Naumann: „Feindbild Islam. Historische und theologische Gründe einer europäischen Angst“ (2010)

    Auf sich allein gestellt versucht Europa, damals wie heute, sich als Fortführung der Überreste der Antike zu definieren, den die Sarazenen übersehen hatten. Der Historiker Fernand Braudel betonte einst, dass es der Elektroschock der Schlacht von Poitiers im Jahre 732 gewesen war, als der arabische und berberische Vormarsch nach Frankreich schließlich gestoppt wurde, der den Franken und somit den Europäern ihr angekratztes Selbstbewusstsein zurückgab. Die Aachener Hauptstadt Karls des Großen schien symbolisch auf beiden Seiten des Rheins zu liegen und machte die alten römischen Grenzen überflüssig. Die germanischen Barbaren, die einst Rom zu Fall brachten und jetzt in Frankreich und Deutschland regierten, wie sie zuvor in Italien und Spanien geherrscht hatten, beanspruchten nun, Erben des Imperiums zu sein.

    Der geradezu obsessive Kult der lateinischen Sprache und der klassischen Mythologie, welcher die europäische Bildung bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein prägte, zeigt, wie sehr die Germanen und andere „europäische“ Völker darin bestrebt waren, sich selbst und nicht die Sarazenen – die einen Großteil des Mittelmeers beherrschten – als Erben des Römischen Reiches zu sehen. Als die Osmanen 1453 Konstantinopel eroberten und plünderten, beanspruchte Sultan Mehmet II. den Titel des römischen Kaisers, was Europa natürlich strikt ablehnte. So wie die Bibel Ismael zugunsten Isaaks verwirft, so ist Europa in nichts so sehr geeint wie in seiner Ablehnung gegenüber dem Anspruch des Islam auf eine legitime Teilhabe an den Gaben der Antike, inklusive jener Patriarchen, Platon und Aristoteles.

    Jedoch – und das wird von liberalen Vertretern der europäischen Einzigartigkeit nicht allgemein wahrgenommen – war der Islam für einen Großteil seiner Geschichte der Haupterbe des Hellenismus, geografisch wie intellektuell. Dennoch betrachtet Europa den Islam genauso wenig als rechtmäßigen Erben Athens, wie es Ismael die legitime Kontrolle über Jerusalem erlauben wird. Christliche Mönche sahen sich als die wahren Interpreten des Hellenismus, trotz all ihrer Anleihen bei Ibn Ruschd (Averroes) oder Ghazali (Algazel). Rom, als einzig verbliebene christliche Metropole der klassischen Welt, galt als Erbe ihres Reichtums, der nach Westen gezogen war, anstatt an ihrem Ursprungsort in Antiochia, Ephesus, Kyrene oder Alexandria zu verbleiben.

    Mit demselben „Furor Teutonicus“, der Rom erschüttert und zu Fall gebracht hatte, hielten die Franken die arabischen Erbschleicher in Schach und schlossen sich während der Kreuzzüge als Europäer vereint zu einem Gegenangriff, durch den Jerusalem wieder in christliche Hände fiel. Die Kreuzzüge stellten, wie Leopold Weiss (aka Muhammad Asad) in der Einleitung seines Bestsellers „Der Weg nach Mekka“ beschreibt,

    „Europas ersten und erfolgreichen Versuch dar, sich selbst als eine Kultureinheit anzusehen. Gab es zuvor Deutsche, Angelsachsen, Burgunder oder Langobarden, die gemein hatten, dass sie auf den Trümmern des Römischen Reichs erbaut wurden und den christlichen Glauben teilten, wuchs durch die Kreuzzüge diese Glaubenseinheit zu etwas Höherem […], zum politisch-religiösen Begriff der Christenheit und darüber hinaus fast gleichzeitig zum kulturellen Begriff des Abendlands.“

    Für Asad ist es

    „eine geschichtliche Ironie, dass die Feindschaft des Abendlandes gegen den Islam – eine Feindschaft, die ja in ihren Anfängen religiös begründet war – immer noch fortlebt zu einer Zeit, in welcher der religiöse Glaube einen so geringen Platz im Denken und Fühlen des Abendländers einnimmt. Aber das ist nicht allzu erstaunlich. Es kommt gar nicht selten vor, dass in einem Menschen, der im Verlaufe der Jahre seinen Kindheitsglauben verloren hat, eine bestimmte Gemütserregung, die ursprünglich mit jenem Kindheitsglauben verknüpft war, unbewusst und irrational das ganze spätere Leben hindurch wirksam bleibt.“

    Seit jener Zeit bis heute ist sich Europa, gefolgt von seinen Nachfahren im ethnisch gesäuberten Amerika, seines alleinigen Besitzes nicht nur der alten semitischen Prophezeiung sicher, sondern auch des Erbes von Athen, mit dem es in einer äußerst komplexen und oftmals instabilen Ehe koexistierte (Zumindest bis zum Jahr 529, als Platons Akademie in Athen geschlossen wurde, quasi als finaler von zahlreichen christlichen Schlägen gegen das antike Heidentum).

    Eine Revision – die in der akademischen Landschaft jenseits von ideologischen und traditionellen Ansichten bereits erfolgt ist oder erfolgt – der klassisch liberal-konservativen Ansicht ist hilfreich. Warum? Weil die (überfällige) Akzeptanz des Anteils aus der islamischen Welt am europäischen Erbe das gemeinsame Wir-Gefühl stärken kann.

    Außerdem ist diese Einsicht keine Kapitulation. Muslimische Philosophen heute lesen und rezipieren Hegel und vor allem Heidegger mit Begeisterung, was seine Gründe hat (denn Heideggers Untersuchungen zum „Sein“ bsp. liegen sehr viel näher am Islam, als es der Abendländer vermuten mag. (vgl. dazu „Ahmad Milad Karimi“ – Hingabe, einem der wenigen ansprechenden muslimischen Philosophen im deutschsprachigen Raum und bekennenden Heidegger-Fan). Muhammad Iqbal ist ein Musterbeispiel für solch eine kulturelle Aufgeschlossenheit gegenüber Gaben aus dem Westen.

    Die oben angesprochene Revision und das „über den eigenen Schatten springen“ ist natürlich keine Einbahnstraße. Die in der muslimischen Apologetik mittlerweile traditionelle Darstellung, nach dem sich das erste islamische Reich scheinbar nur selbstverteidigend ausgebreitet hat zählt genauso dazu wie die Verdrängung des Themas „Sklaverei“ an den Rand des historischen Gedächtnisses. Die Korsen wissen sehr wohl, was der Mohrenkopf auf ihrer Flagge bedeutet. Weder die Araber, noch die Europäer haben sich diesbezüglich mit Ruhm bekleckert. Aber es war Europa und nicht der Orient, der die Sklaverei brandmarkte und ächtete. Auch wenn die Briten das Wort „Sklave“ durch „Zwangsarbeiter“ ersetzten, aber die Schienen für die Kairo-Kapstadt-Bahn verlegten sich ja schließlich nicht von selbst.

    Solange, um auf das Thema zurückzukehren, von Salafisten quasi als „gelebter, authentischer Islam“ gedacht wird, woraus folgt, dass ein Muslim nur dann friedlich sein kann, wenn er mit dem Islam nichts zu tun hat, dreht man sich letztlich im Kreis.

    Mehr noch, man sollte sich etwas ins Gedächtnis zurückrufen. Im abendländischen Antisemitismus stand der „fremde, Andere“ für den Buchstaben statt für den Geist, für blinden Gehorsam statt für Freiheit, für eine verdeckte, aber intensive internationale Solidarität (Unterwanderung) anstelle von Vaterland und Kirche. Das Andere ist sexuell anormal (daher die Nazi-Polemik gegen Freud). Es versteckt seine Frauen (die sich stattdessen der „Kraft durch Freude“ anschließen oder Freikörperkultur betreiben sollten). Es erlegt archaische und unwissenschaftliche Tabus auf: Ernährung, Reinheit, Beschneidung. Unsere Amnesiekultur vergisst anscheinend die Zahnräder unter der Oberfläche der Geschichte, die sie bewegen, während heute „der Fremde, Andere“ nicht mehr Isaak, sondern Ismael ist.

    Ich kann mich, da ich Jugoslawien meinen Migrationshintergrund verdanke, noch sehr gut an die antimuslimische Agitation von Anhängern des serbischen Irredentismus erinnern: Die höhere Geburtenrate bei Muslimen könnte dafür sorgen, dass sie in Bosnien-Herzegowina, Gott bewahre, über 50 % der Bevölkerung stellen könnten. Die Betonung von muslimischer Natalität, der versteckten Loyalität, die nicht dem Staat gilt, in dem sie leben, das Mittel der Täuschung und der Unterwanderung – all dies kenne ich bereits aus den 1990ern. Und nicht vergessen: dies alles begann in den 1980er Jahren in den Kreisen der serbischen Akademie für Kunst und Wissenschaft. Es waren die Intellektuellen, die das Feuer entfachten. Das Ergebnis lässt sich Bosnienweit begutachten – 98% der in Massengräber verscharrten Leichen waren dem Namen nach Muslime. Immerhin dort konnte man eine überwältige Bevölkerungsmehrheit akzeptieren.

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