Das Der und das Die

Es gibt „im Realen“, was immer das heißen mag, so etwas wie nicht synthesefähige Gegensätze, die koexistieren, obwohl sie sich gegenseitig ausschließen. (Peter Sloterdijk)

Wir kommen gerade aus einem Heilbad zurück. In der großen Halle mit 36 Grad warmem Wasser herrscht gewöhnlich Ruhe. Heute Abend leider nicht. Die drei Dutzend Ungarn stehen, bis zum Hals im Wasser, wie immer in kleinen Grüppchen oder Paaren zusammen und unterhalten sich schläfrig und zurückhaltend. So ist es immer! In der Ecke aber stehen fünf Männer, alle im frühen Rentenalter und reden animiert, gestikulieren, lachen und schreien sich förmlich an, obwohl sie nur wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. Sie übertönen alle Ungarn um ein Vielfaches, ihr Gespräch – wenn man das so nennen kann – durchschallt die gesamte Halle. Erst wenn man etwas näher tritt, hört man, daß sie nicht Ungarisch, sondern wohl Serbisch sprechen. Und auch das war schon immer so:

Wo Serben im Heilbad sind, ist mit Heilung nicht zu rechnen. Zumindest nicht mit Ruhe. Nach Mórahalom fahren wir schon gar nicht mehr, weil das dortige Bad durch die unmittelbare Grenznähe hoffnungslos serbisch dominiert ist – mit allen Konsequenzen. Sie reden nicht nur unendlich laut, sie sind auch ständig unterwegs, sie essen im Bad – was eigentlich untersagt ist –, so daß es überall nach serbischer Küche riecht, sie beschlagnahmen unverschämt Liegen, Stühle und Tische, sie erscheinen oft im Familienverband, beanspruchen also Raum und in der Sauna quasseln sie ungestört weiter oder lassen ihre Hoden – wie heute in der Dampfsauna – lustig schwingen, während die Ungarn alle züchtig ihr Tuch um Lenden und Brust tragen.

Da mußte ich an eine Diskussion denken, die ich dieser Tage mit Alan Posener auf dessen Blog führte. Wir kamen dort – über ein paar Ecken – zum Thema „Juden“. Im Großen und Ganzen war die Debatte wenig ergiebig, weil keiner der beiden Gesprächspartner von seiner Position zu verdrängen war, aber immerhin konnte ich – wie ich meine – Posener einige selbstentlarvende Äußerungen entlocken, erneut seine Denkfehler und die fragwürdige Methodik aufdecken und außerdem sprach er zwei sehr wesentliche Probleme und Dilemmata an, von denen ich hier eines am Beispiel der Serben, besprechen möchte. Es versteht sich von selbst, daß Alan Posener sich ebenfalls als Sieger empfindet und der Überzeugung sein dürfte, es diesem „Rechten“ oder „Identitären“, für den er mich hält, ordentlich gegeben zu haben.

Jedenfalls kamen wir – wie auch nicht? – auf „die Juden“ und den Antisemitismus zu sprechen. Posener deklarierte letzteren als „psychische Deformation des Antisemiten”, was ich ablehnte, weil ich Psychologisierungen prinzipiell ablehne, es sei denn, ein Irrer spricht, aber auch dessen Gedanken können luzide sein. Posener hatte mir ein „Bedürfnis, darüber zu diskutieren, ob die Juden vielleicht doch die Welt beherrschen“ unterstellt – er unterstellt permanent seinen Kritikern etwas –, wo es mir doch nur um die Meinungsfreiheit ging, also die Freiheit, auch von der „jüdischen Weltverschwörung“ zu faseln. Ich bekannte nachfolgend, vielmehr ein Bedürfnis zu verspüren, „darüber zu diskutieren, was wer wie wann sagen kann, darf, soll, muß. Gern auch am Beispiel des Antisemitismus“ und erklärte nachfolgend, daß man diesen nur auflösen könne, „wenn man den Begriff des ,Juden‘ oder des ,Jüdischen‘ dekonstruieren würde und seine Nichtexistenz nachweisen könnte, ganz im Sinne des feministischen oder linksideologischen Vulgärdekonstruktivismus, der das Denken des Juden Derrida vollkommen entstellt. Solange es Juden gibt, als identitäre Größe, mit zuschreibbaren Idiosynkrasien, müssen diese auch beschreibbar oder kritisierbar sein, wie jede andere identitäre Kategorie.“

Zur Untermauerung hängte ich ihm noch ein Zitat einer gänzlich unverfänglichen Quelle, nämlich Arnold Zweig, Zionist, aus seiner lesenswerten Schrift „Das ostjüdische Antlitz“ von 1919 an: „Ununterbrochen gehen die Gedanken in diesem Kopfe; ununterbrochen hört das innere Ohr sich selber zu, als wäre das Herz des Menschen in sein Gehirn und sein Gehör verlegt. Er nimmt auf, indem er etwas Dargebotenes in Worte faßt. (Daher gleitet der Jude so leicht in die Journalistik, Literatur und Advokatur: das Wort, das gesprochene Wort dominiert.) Er verarbeitet, er produziert sprechend. Die Methode des Talmud-Lernens, alle ankommenden, einfallenden Worte zu verlauten, stammt aus diesem Zwang; er schafft Redner und Lehrer. Die ewige Wachheit dieses Typs setzt ihn in hoffnungslosen Gegensatz zur Ebene, zum Gebirge. Er kann damit nichts anfangen; sie sind ihm nur Hintergrund zum Gespräch. Aber der große Strom und das Meer, das rauschende, ruhelose ist ihm vertraut: es fängt ihn ein …”

Ich habe dieses Zitat gewählt, weil hier ein jüdischer Autor, der sich intensiv mit dem Jüdischsein auseinandergesetzt hatte, den jüdischen Typus, „den Juden“ beschreibt und ihm gewisse Charakteristika zuschreibt. Es sollte jedem mitdenkenden Leser bewußt sein, daß Zweig hier stark verallgemeinert und daß es selbstverständlich viele Juden gibt oder gab, die nicht unter diese Beschreibung fallen. Man wird Zweig schwerlich einen Antisemiten nennen können.

Nun will ausgerechnet Alan Posener in seiner Antwort die Besonderheit der Juden leugnen und stellt sie den Holländern an die Seite, ein Volk von vergleichbarer Größe: „Keiner dieser ,Größen‘ aber wird – als ,Größe‘ – das unterstellt, was die Antisemiten den Juden unterstellen. Und das liegt nicht daran, daß die Juden wesensmäßig anders wären. Sondern es liegt daran, daß der Antisemitismus wesensmäßig anders ist als die – denkbare, aber dumme – Abneigung gegen Holländer, Chinesen, Schwarze usw.“ Er kommt zu dem Schluß: „Diese Größen sind aber Wahnvorstellungen, und die größte Wahnvorstellung ist die ,der Juden‘ als ,identitäre Größe‘, die ,kritisierbar sein muß‘. Ihnen kommt das logisch vor. Aber es ist weder logisch noch für irgendjemanden, der außerhalb Ihrer Wahnkategorien denkt, auch nur nachvollziehbar.“

Nun kam es also so weit, daß ich ausgerechnet Alan Posener darüber aufklären mußte, daß die Juden nun tatsächlich etwas Besonderes sind. Sie haben eine eigene Religion, die ausgesprochen hermetisch ist, sie sehen sich als „ausgewähltes Volk“ zu dem Gott ausschließlich gesprochen hat, sie pflegen eine jahrtausendealte Apartheit, sie sehen sich einer sehr spezifischen Form von Gegnerschaft – dem Antisemitismus – gegenüber, sie haben aufgrund verschiedener historischer Bedingungen bestimmte gesellschaftliche Bereiche in überproportionaler Zahl erobert, sie lebten als Volk viele Jahrhunderte in der Diaspora usw. usf. Übrigens sind auch „die Holländer“ was Besonderes; im linken Sprachduktus insbesondere dann, wenn man ihnen so etwas wie „Rassismus“, „Kolonialismus“, „Ausbeutung“ o.ä. vorwerfen kann.

Ich selbst begrüßte diese Andersheit, allein schon um der Vielfalt wegen, aber vor allem, weil sie ein „unermüdlicher Motor kultureller Hochleistungen und eine Quelle der westlichen Kultur, in der wir alle leben, weben und sind“ ist.

Alan Posener wäre nicht Alan Posener, wenn er nicht einen erneuten Ausweg finden würde – meistens, wie hier auch, verbindet er das mit persönlichen Angriffen: „Es war, in den 20er und 30er Jahren auch unter Juden üblich, von ,dem Juden‘, ,dem Deutschen‘, ,dem Amerikaner‘ zu reden. Aber auch von ,dem Weib‘ (dessen vorgebliche Eigenschaften man oft ,dem Juden‘ andichtete), ,dem Neger‘, ,dem Perversen‘ usw. usf.
In der Regel lagen solchen Verallgemeinerungen schlicht und einfach Vorurteile zugrunde. Daß ,Identitäre‘ nun diese Vorurteile als irgendwie wesenhaft ansehen, spricht eher für deren Halbbildung als für die Existenz von ,Identitätsgrößen‘ und dergleichen.“

Da ist natürlich was dran. Historisch ist das korrekt beschrieben: die Redeweise vom „der X“ ist heute nicht mehr wohl gelitten – sie kam auch von Arnold Zweig und nicht von mir. Aber ist sie deswegen falsch oder gar „rassistisch“, „antisemitisch“ etc.?

Hier sind wir wieder bei den Serben. „Der Serbe“ ist laut. Kann man so etwas sagen? Mir scheint, es handelt sich dabei um eine grammatische Sonderform der Aussage: „Die Serben sind laut“. Letzteren Satz würde ich mir zutrauen, wenn ich dem Gesprächspartner zugleich so viel Intelligenz und guten Willen unterstellen könnte, den Satz nicht derart zu verstehen: „Alle Serben sind laut.“ So eine Aussage ist natürlich vollkommen haltlos. Auch Serben sind – jeder für sich – Individuen. Es gibt laute unter ihnen und leise, gesprächige und schweigsame … Der Satz ist nur dann sinnvoll, wenn er das Mittel beschreibt und auch dieses nur im Vergleich zu anderen Gruppen. Wenn ich sage: „Die Serben sind laut“, dann heißt das implizit: „im Vergleich zu den Ungarn.“ Im Vergleich zu Spaniern sind Serben vielleicht leise, aber auch unter Spaniern gibt es leise und schweigsame Menschen.

Nur: wenn sie unter sich sind, also Serben mit Serben, dann sind sie in der Regel lauter als Ungarn. Und das ist nur historisch, also kulturell zu erklären. Jede Kultur hat ihre kommunikativen Regeln: Lautstärke, Gesprächsform, räumliche Distanz, Mimik, Gestik, Körpersprache, Hierarchien usw. Diese saugen die Kinder – auch in ihren Geschlechterrollen oder sozialen Rollen – förmlich mit der Muttermilch auf. In Norwegen, berichtete mir ein Freund, wird auf der zweistündigen Autofahrt unter Männern zum Sportwettkampf nur „Guten Morgen“ und „Danke“ gesagt und den Rest geschwiegen. In Serbien wäre das kaum denkbar. Der Norweger ist also schweigsam – kann man sagen, auch wenn es sicher sehr gesprächige Norweger gibt. Unter Norwegern hätte er vielleicht die größten Probleme.

Sind solche Verallgemeinerungen also statthaft? Oder sind sie rassistisch? Aufschlußreicherweise sind Poseners Artikel überreich an derartigen Allgemeinbegriffen. „Identität“ wird in Anführungsstrichen gesetzt, so als wolle er sich nicht mit diesem Vokabular anstecken. Aber es gibt „die AfD“, „die Antisemiten“, „die Nazis“, „die Identitären“. Das sind natürlich meist keine ethnischen Zuschreibungen, insofern unterscheiden sie sich von obigen, dennoch dürfte sie jemand, der auf der Individualität eines jeden einzelnen Menschen besteht, nicht verwenden. Verallgemeinerungen und Abstraktionen sind nach dieser Logik gar nicht mehr möglich – wie dann überhaupt noch ein Gespräch funktionieren kann, ist mir rätselhaft.

Wie aber können es dann „die Deutschen“ gewesen sein, die den Krieg und den Holocaust zu verantworten haben? Mein Großvater war Kommunist und saß unter den Nazis im Gefängnis, diente später an einer FlaK, die nie zum Einsatz kam – mit den Verbrechen der Nazis hatte er wahrlich nichts zu tun. Inwieweit kann man mich „als Deutschen“ für die Verbrechen bestimmter Deutscher verantwortlich machen?

Es mag tatsächlich meiner „Halbbildung“ – wie Posener meint – zu schulden sein, aber ich komme über diese Paradoxa nicht hinaus. Wo liegt der Fehler? Vielleicht kann es mir jemand erklären?

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10 Gedanken zu “Das Der und das Die

  1. Es wäre zu hoch gegriffen, in der Leugnung von Allgemeinheiten und Ganzheiten eine konsistente Heuristik zu vermuten, die sich durch das Aufzeigen von Paradoxa beeindrucken ließe. Die Genauigkeit von Stereotypen ist empirisch überaus gut belegt (anscheinend mit durchgängigen Korrelationen von 0,7 bis 0,8) und auch nicht von der Replikationskrise in den Sozialwissenschaften betroffen.

    Hinter jenem Anti-Universalismus vielmehr steht bestimmend eine stärkere Philosophie, nämlich der identitätspolitische Opfer-Täter-Manichäismus. Radikal individualistisch und anti-universalistisch ist er nur gegenüber anscheinend negativen Beschreibungen der Opferidentität und gegenüber anscheinend positiven der Täteridentität. Die werden dann dekonstruiert, die einen moralistisch (als Rassismus, daher böse), die anderen intellektualistisch (als Konstruktion und Mythos, daher dumm).

    Warum ist es aber erlaubt, positive Opfer- und negative Täterkollektive zu beschreiben? Weil Täter – weiße, männliche, christliche, deutsche Täter – Diskriminierungs-, Ausbeutungs- und Aggressionsstrukturen geschaffen haben, in die sich, qua Struktur, jeder einfügt und einfügen muss, ob er dies bewusst will oder nicht: Jeder Weiße gewinnt am Kolonialismus, jeder Nicht-Weiße leidet darunter, jeder Mann gewinnt am Patriarchat usw.

    Alle aus der Tätergruppe sind daher erbsündlich schuldig und als solche festzustellen, und alle aus der Opfergruppe erblich im Stand der Gnade. Gleichermaßen ein Sakrileg, eine Sünde gegen den Heiligen Geist, mich und meine Täteridentität von der Erbsünde loszusprechen, wie die Unschuld und Heiligkeit der Opfer anzugreifen oder zu leugnen. Natürlich mangelt es nicht an Versuchen der Täter, sich selbst zu heiligen und dadurch, vor sich selbst und vor der Gesellschaft, an Status zuzunehmen: durch Identitifikation oder Assoziation mit den Opfern, die positive one-drop-rule in Amerika, die Israelflagge im Twitterprofil, „einige meiner besten Freunde sind …“ usw.

    Folgerichtig würde der Satz „Die Serben sind laut und ungesittet“ im westlichen juste milieu wohl keinen Anstoß erregen, weil die Serben seit den Neunzigern Tätervolk geworden sind. Die Frage, ob sie lauter und ungesitteter als die Ungarn seien, und ob man das sagen dürfe, ließe sich durch die moralische Gegenüberstellung mit den Ungarn beantworten, immerhin notorische Orban-Wähler.

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  2. lynx schreibt:

    Ich bin nicht dazu berufen, Ihnen das zu erklären, weil viel zu blöd und ungebildet. Also lasse ich nicht meinen Verstand reden sondern mein Bauchgefühl: Man kann alle diese Zuschreibungen und Kategorisierungen gelten lassen, wenn man sie rein deskriptiv verwendet und einfach nebeneinander stehen lässt. Das Problem fängt dort an, wo man darin Begründungen zu finden versucht, warum es besser sei, Gruppen auch deshalb dauerhaft zu separieren.
    Das Missverständnis besteht m.E. darin, dass man quasi Art-Beschreibungen vornimmt und dann als Zoodirektor agiert, der die Arten fein säuberlich in separate Käfige sperrt, dass sie sich nicht gegenseitig auffressen. Der Denkfehler besteht dann darin, dass es sich eben nicht um Arten handelt, sondern nur um Spiel-Arten einer Art. Und deren Sich-gegenseitig-fremd-sein sich nur verstärkt, wenn man sie separiert. (Käme noch eine Kontinentaldrift dazu, hätte man irgendwann tatsächlich verschiedene Arten, in Jahrmillionen und nach Abschaffung des Verkehrs). Ganz nebenbei liegt dort womöglich auch der Kern des Antisemitismus: als Abwehrreaktion auf einen dem Judentum seit jeher innewohnenden Aspekt von Apartheid? Oder anders herum: das ist die Herausforderung an alle: Menschen zwischen uns leben und gelten zu lassen, die sich für „auserwählt“ halten und das einfach so hinzunehmen? Das Jüdische also als ständiger Stachel im Fleisch, einfach einmal Großmut walten zu lassen und das alles nicht so ernst zu nehmen (ist halt jüdische Kultur und Tradition…)? Ob P.S. in diese Richtung gedacht hat?

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Isoliert kategorisch wirkende Aussagen werden in einem Kontext geäußert, der sie relativiert. Wenn man sie absolut verstehen will, versteht man sie durch Nichtbeachtung des Kontextes eben unschwer absolut, nach der Regel der eristischen Dialektik, die Aussagen des Disputationsgegners möglichst weit zu verallgemeinern, um sie so leichter widerlegen zu können. Hilft auch das nichts, muss man eben auf die Haupt- und Grundregel solchen Streitens verfallen, nämlich zu invektivieren.

    Manche Leute sind Schnüffler nach dem einen falschen Wort, das per bloßer Gedankenassoziation die Assoziation des Opponenten mit den Bösen im Rahmen ihres eigenen binären Weltbildes erlaubt. Man weise einem solchen Menschen gegenüber auf die unvermeidlichen Kosten irgend eines Tätigwerdens mit dem Sprichwort „Wo gehobelt wird, fallen Späne“ hin – prompt wird man von ihm belehrt, dass Göring das Wort in Bezug auf irgend eine von diesem gebilligte Umnenschlichkeit geäußert habe und dass man selbst also nationalsozialistischem Gedankengut anhinge. Alle Wege führen nach Rom und alle Autobahnen zu Hitler.

    Die Einrede, dass ein solcher Erhitzungsbereiter ja doch selber sich kategorieller Aussagen bediene, zieht nicht, weil der Betreffende natürlich von der eigenen Arglosigkeit völllig überzeugt ist. Seine Aussagen machen ihn nicht heiß, sie können also nicht übel sein. Wenn von einer Seite nicht mit logischen Begründungen, sondern nur aufgrund eigener Motive wie auch immer gestritten wird, ist eine Diskussion in der Sache unnütz und kann allenfalls dazu dienen, den Zuschauern die Füllung einer solchen intellektuellen Granate vorzuführen.

    Manche dieser anscheinend Adrenalinsüchtigen besorgen ihre Dekuvrierung schon selber. Schauen Sie sich etwa das Gehabe Hofreiters im Bundestag an – ein HB-Männchen mit dauerglühendem Sprengkopf, welcher aus nicht erfindlichen Gründen bisher noch nicht explodiert ist. Nun, irgendwann wird er es schaffen, Friede seinen Schmauchgasen.

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  4. Michael B. schreibt:

    Das Lehrreichste und Fruchtbarste an Ihrem Artikel war mir die interessante Facette an Charakterisierung der Juden durch Zweig. Das ist keine Kritik am Rest. Es ist einfach die Ebene, auf der man sich erfreulich auseinandersetzen und nachdenken kann. Das ist die Vielfalt, die ich noch kenne und die heute so komplett von braesigem PC-Zeitgeist abgeloest wurde, der staendig nicht nur den Intellekt beleidigende Erklaerungen, sondern zunehmend weitergehende Kotaus einfordert und die Freude am Unterschied erstickt. Dass man sich ueberhaupt damit beschaeftigen muss, ist extrem anstrengend.

    Mein Grossvater war im Krieg in Finnland. Der hatte es auch mit ‚dem Finnen‘ (meist seiner Trunksucht), ‚der finnischen Frau‘ (die er bedeutend hoeher einschaetzte) u.a.m.. Jeder wusste – selbst ich als Kind – dass das keine Verallgemeinerungen waren, die man am Nasenring gezogen staendig zum Erbrechen schwerfaellig korrekt erlaeutern musste.

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  5. Ich kann es Ihnen auch nicht erklären, tut mir leid. Ich hätte spätestens bei „der außerhalb Ihrer Wahnkategorien denkt“ den Kontakt abgebrochen. Posner hält sich wohl für auserwählt (nicht „ausgewählt“), andere beschimpfen zu dürfen.

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    • Dank den Kommentatoren. Bin erst gestern wieder aus der Versenkung aufgetaucht.

      @ Peter Töpfer

      „Ich hätte spätestens bei „der außerhalb Ihrer Wahnkategorien denkt“ den Kontakt abgebrochen. Posner hält sich wohl für auserwählt andere beschimpfen zu dürfen.“

      Dieses colloquium interruptus hielte ich für premature. Denn es geht doch um die Sache und da steht das Interesse an erster Stelle. Posener ist ja ein intelligenter Mensch, der auch gelegentlich gegen den Strich denkt, zumindest auch seine peer group vor den Kopf stößt – vermutlich sogar mit einer gewissen Freude, was auf seinen spezifischen Charakter hinweist. Andererseits ist er auch wieder typisch für das Metier und als solches als Gesprächspartner interessant. Man sollte seinen eigenen Stolz in derartigen Diskussionen schlucken, erst recht, wenn man weiß, daß der Gegenüber zu Invektiven neigt. Ihm diese Unart immer wieder vorzuführen und gegen die üppige Rede von Toleranz zu kontrastieren, ist auch schon ein Gewinn, der mir die paar Schläge unter die Gürtellinie zu rechtfertigen scheint. Und schließlich: Es geht mir immer wieder darum, „den anderen“ zu verstehen, denn nur aus diesem Verstehen heraus kann es einen Dialog oder auch nur eine Beziehung geben.

      @ Michael B

      „Der Finne“ ist ein festes Sujet in der skandinavischen – dänischen, norwegischen und schwedischen – Literatur. Neben seiner „Trunksucht“ ist er ohne Messer nicht zu denken. Faul ist er auch oft. Letzteres halte ich für ein Gerücht – da wird das „der“ zur Abneigung gegenüber dem Fremden. Das Messer aber taucht so oft auf, daß man dieses Vorurteil sicher als erfahrungsbasiertes Nachurteil wird sehen müssen – zeitbedingt und sicher auch sozial abgefedert, denn die Literatur kennt ihn vor allem als Vagabunden, Tagelöhner etc. Kürzlich soll Klonovsky diese Sentenz von sich gegeben haben: „Ich habe noch nie einen intelligenten Menschen geringschätzig über Vorurteile sprechen hören. Aber schon viele Trottel.“ Was gibt es Höheres, als von ihm nicht zu den Trotteln gezählt zu werden.

      @ Pérégrinateur

      „Wenn von einer Seite nicht mit logischen Begründungen, sondern nur aufgrund eigener Motive wie auch immer gestritten wird, ist eine Diskussion in der Sache unnütz“

      Es gibt sicher eine Grenze der Diskussionsbereitschaft und die ist wesentlich individuell definiert. Manchmal muß man sie ausdehnen, weil man ja gemeinsam etwas erreichen will oder von der Zustimmung des anderen abhängt. Logik als oberstes Kriterium zu nehmen, wäre eine feine Sache, wenn wir alle Spocks wären. Ich traue meinen eigenen logischen Fakultäten nicht genug, um das fordern zu können. Man müßte im Grunde genommen diese ganze Liste durchgearbeitet und verinnerlicht haben: https://rationalwiki.org/wiki/Logical_fallacy#See_also
      Und dann auch noch vermeiden.

      @ Lynx

      Sie laufen Gefahr – läse Alan Posener das – des Antisemitismus bezichtigt zu werden. Schon weil Sie „Apartheid“ sagen.
      Die Frage der „Auserwähltheit“ ist wohl eine der Menge. Wird diese zu groß, tendieren „Auserwählte“ dazu, Nichtauserwählte zu belehren und zu bekehren und – je nach Mengenlage – mit unterschiedlichen Mitteln. Daß das heutzutage kein jüdisches Problem ist, sollte offensichtlich sein. Die Frage der „Großmut“ stellt sich dann neu.

      @ Robert X. Stadler

      Das klingt – logisch! Nur mit der Schlußfolgerung komme ich nicht ganz klar. Daß die Serben lauter sind als die Ungarn ließe sich mentalitätsgeschichtlich recht gut erklären, daß sie „Täter“ wurden scheint mir schwieriger zu sein, vor allem im Vergleich zu nachbarlichen Völkern.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Nichts gegen Spocks bitte!

        Es ist wohl weniger so, dass die Menschen keine Logik verstünden oder doch zumindest verstehen und anwenden könnten, wenn sie sich denn nur etwas darum bemühten. Die häufigeren Fehler sind wohl eher die kognitiven, wenn man also der langsamen, formal-„rechnerischen“ Denkweise entsagt, um bequemer und schneller zu einem Schluss zu kommen. Dann walten Heuristik und die Emotion führt das neuronale Orchester. Der fundamentale menschliche Fehler beim Schließen und Argumentieren ist demnach die Faulheit.

        Ein Beispiel. Eine Freundin von mir, Sprachwissenschaftlerin, glaubt (zurecht), sie verstünde zu wenig von Mathematik und Naturwissenschaften. Sie legt sich deshalb (lobenswerterweise) entsprechende Aufgabensammlungen zu.

        Eine der frühen Aufgaben: Ein Flugzeug fliegt von sagen wir Belgrad nach Budapest, einfache Strecke S, mit einer Geschwindigkeit V, und dann gleich wieder zurück. Am nächsten Tag fliegt es dieselbe Strecke, nur in der einen Richtung mit Rückenwind ΔV, in der anderen Richtung entsprechend mit gleichem Gegenwind ΔV. SInd die Gesamt-Flugzeiten am einen und am anderen Tag gleich oder aber ungleich und dann wie herum?

        Wo ich Symbole gesetzt habe, stehen in der Originalaufgabe numerische Angaben, die Vergleichsrechnung ist also selbst für Menschen mit einem Horror vor jedweder Algebra unschwer zu erledigen. Was macht meine Freundin? Sie erwägt hin und her und sucht in ihrem Urin nach der rechten Antwort, die evident sein müsse, wie sie mir dann vorträgt, denkt aber keine Sekunde daran, nach einem Stift und Papier zu greifen und die Antwort schlichtweg auszurechnen. Das Verfahren ist ihr nämlich nicht genial genug. Also ruft sie bei mir an und klagt ihr Leid. Unglücklicherwiese kannte ich den Aufgabentyp und konnte ihr die rechte Antwort deshalb gleich sagen, was ich nicht hätte tun sollen, denn so blieb ihr der Anspruch, man müsse die Antwort gleich aus dem hohlen Bauch wissen, völlig bestehen. Ich selbst weiß die richtige Anwort aber nur, weil ich früher mal gerechnet hatte, mit Variablen gerechnet, und dabei sozusagen den mathematischen „Kern“ des Problems erkannt hatte, welcher die Ungleichung zwischen arithmetischem und harmonischem Mittel ist. Soweit aber muss man der Sache ja gar nicht auf den Grund gehen.

        Diesen Anspruch, immer gleich zu wissen aufgrund einer sogenannten „Anschauung“, gibt es auch bei WIssenschaftlern. Ein Freund von mir, theoretischer Physiker, machte eine Arbeit bei einem eher experimentell orientiereten Physiker und ging das gestellte Problem fundamental auf Basis hydrodynamischer Gleichungen usw. an. Das Ergebnis war unerwartet, woraufhin sein Chef meinte, das müsse falsch sein, ohne selbst auch nur zu versuchen, die Sache nachzurechnen. Er argumentierte selbstredend mit seiner Anschauung. Auf lange SIcht konnte er sich der Richtigkeit der Arbeit aber nicht verschließen, und danach ging er in der Arbeitsgruppe umher und erklärte jedem, wieso man sich rein aus anschaulichen Gründen das Ergebnis auch vor jeder Rechnung schon hätte denken können. Kein Ahnung, wie er das mit seiner anfänglichen Anschauung zusammenbrachte. Vermutlich trug er nun beide und späterhin noch weitere in seinem Rüstsack, Katze, Schlange und Hund.

        Die Menschen wollten gerne schwimmen, aber sich dabei die Füße nicht nassmachen.

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        • Michael B. schreibt:

          Als Antwort auf Pérégrinateur.
          > ohne selbst auch nur zu versuchen, die Sache nachzurechnen. Er argumentierte selbstredend mit seiner Anschauung.

          Mit Erfahrung kann man das machen, das ist halt ein ‚educated guess‘ und der hat durchaus seine eigenstaendige Berechtigung. Feynman hat einmal beschrieben wie er als ganz junger Mensch ein Seminar in einem Raum voller ‚grosser Nummern‘ halten musste. Dirac, Einstein, Bohr gehoerten nach meiner Erinnerung dazu. Ein Aspekt des Umgangs mit einem solchen Auditorium war das Ableiten von Formeln an der Tafel. Feynman hoerte in seinem Vortrag damit nach kurzer Zeit auf, weil seines Erachtens die Leute das ’sahen‘.

          Ich verkneife mir die Formulierung ‚einfach sahen‘, weil dieser Faehigkeit natuerlich Jahre und Jahre an Rechnung aber auch anderweitiger Beschaeftigung mit der Sache vorangingen, eine die mit Rechnung interagiert aber selbst keine ist. Das ist u.a. ein gewisses Gefuehl fuer – mathematische – Harmonie, die ein schnelles Beurteilen ohne Rechnung erlauben. Das ist Bauchgefuehl – das Niveau und die hineingesteckte Arbeit, dieses zu entwickeln machen es hier.
          Es gibt uebrigens heute Leute wie Sabine Hossenfelder, die diese Harmonie als Illusion betrachten wollen, sie liegen aber meiner Meinung nach falsch. Ihre Kritik hat einen rationalen Kern, schuettet aber das Kind mit dem Bad aus. Denn das sind shortcuts zur Beurteilung wie oben im Beispiel mit Feynman, Sicherheitsnetze, aber eben auch Ausgangspunkte fuer wahre Kreativitaet (die mit Rechnung allein nie erreichbar ist). Nur bewegt sich das halt auf einem Niveau, welches man sich staendig weiter und neu erarbeiten muss. Diese Harmonie bildet m.E. auch – um Hossenfelders Grundkritik zu erwaehnen – Realitaet ab.

          Hier kommen wir wahrscheinlich auch wieder zusammen, jede Definition von Kreativitaet ohne transpiration ist bedeutungslos, das geht mit Talent Hand in Hand. Echtes Talent hat auch keine Angst vor handwerklicher Arbeit. Es wird alles benutzen und erlernen, was es zur Verfolgung seiner Ziele benoetigt.

          Was Ihr Beispiel betrifft, ein additives Delta ist natuerlich schon der Beginn der falschen Faehrte, ein Faktor macht die Sache deutlicher. Man kann auch ueberschlagen, dass man bei halber Geschwindigkeit fuer eine Strecke schon die volle Zeit fuer den normalen Hin-und Rueckflug verbraet und ja noch irgendwie in die andere Richtung muss.
          Zur Ehrenrettung der Laien will ich allerdings auch sagen, dass ich das endgueltige Verhaeltnis zwischen Addition und Multiplikation fuer eines der ganz grundlegenden unverstandenen Probleme der Mathematik halte (mit Addition von Bruechen faengt das durchaus schon an). Von der Wichtigkeit der einzigen Funktionen log bzw. exp, die die genannten Operationen nichttrivial ineinander umwandeln koennen, wird das nur ganz schwach beleuchtet, aber man bekommt eine Ahnung.

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          • Pérégrinateur schreibt:

            „Gute Ahnung“ hat man auf einem Feld, auf dem man lange gearbeitet und viel Erfahrung erworben hat. So ganz genau wissen wir nicht, wie wir Probleme lösen. Oft findet man doe Lösung ja, indem man das Thema zur Seite legt und eine Nacht drüber schläft. In uns wirkt eben mehr als der bewusste Teil.

            Auf unvertrautem Feld führt die auf einem anderen gewonnene Erfahrung dagegen oft in die Irre. Wenn man in der Schule vor der Arithmetik in Boolescher Algebra zu rechnen lernte, würde viele, wenn man dann doch auf die Arithmetik käme, recht forsch aber falsch „ausaddieren:“:

            1 + 2*3 = (1+2)*(1+3) = 3 * 4 = 12

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      • lynx schreibt:

        Interessanter und so gänzlich falscher Gedanke, fußt doch die jüdische Idee gerade nicht auf der Vorstellung, jemals eine Mehrheit zu sein, ist viel mehr eine Idee der qualitativen Exklusivität als Reaktion auf die offensichtliche Minderheitenposition von Anfang an. Das wiederum sollte für Sie doch nachvollziehbar sein? (Bitte Judentum nicht mit Israel bzw. Israelischer Politik verwechseln).

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