Meine Verschwörungstheorie

Seit einigen Wochen hänge ich wie ein Junkie nachts am Laptop und schaue mir Magnus Carlsens 3-Minuten-Blitzpartien auf Chess24 an. Die letzte Minute dieser Partie z.B. ist der beste Witz seit Jahren!

Beeindruckend auch sein Match in zehn Spielen gegen den chilenischen Großmeister Pepe Cuenca. Was der halbe Punkt – wegen Zeitüberschreitung – für Pepe bedeutete, kann man hier sehen – auch ein großartiger Witz.

Auch wenn alles tatsächlich blitzschnell geht, lernt man viel, denn Carlsen gibt Einblick in sein Denken. Wenn ich dann vollgesogen bin mit seinem Blick für starke Felder, Raumbesetzung, wilden taktischen Wendungen oder überlegenen strategischen Gedanken, verspüre ich manchmal selbst Lust und Selbstvertrauen, um auf der Plattform zu spielen, nur um schnell zurückgestutzt zu werden und zu begreifen, daß sein Radarblick viele Jahre Übung, hartes Training und zehntausende Spiele zur Voraussetzung hat. Noch nie habe ich ihn eine Figur einstellen sehen – was mir, oder meinen Gegnern, im Streß ständig passiert.

Mir kommt es so vor, als würde ich dort fast nur verlieren, aber die Statistik sagt etwas anderes: selbst nach hunderten Partien steht meine Bilanz glatt auf 50 zu 50 bei zwei Remis. Auch habe ich das Gefühl, viel öfter Schwarz zu bekommen als Weiß. Das wird durch die Tatsache verstärkt, daß ich eigentlich kein schwarzes Repertoire habe, gegen e4 eine Art improvisierten Sizilianer der Najdorf-Variante und gegen d4 fast nur aus dem Bauch spiele. Mit Weiß habe ich nichts anderes als das brachiale Blackmar-Diemer-Gambit, in das leider auch nicht viele einwilligen. Jedenfalls täuscht auch hier die Wahrnehmung: die Maschine teilt die Partien gerecht auf. Man lernt, besser nicht seinem Gefühl zu vertrauen.

Übrigens beklagt sich auch Magnus immer wieder über zu viele Spiele mit einer Farbe. Für diejenigen, die nicht wissen, wer er ist, sei gesagt: er ist nicht nur der amtierende Schachweltmeister, sondern mutmaßlich auch der beste Spieler aller Zeiten. Der Mann ist ein Phänomen.

Bei besagten Blitzpartien – oft gegen hochkarätige Großmeister – fläzt er lässig im Stuhl, plaudert, macht Witzchen und nebenbei geniale Züge in unvorstellbarer Geschwindigkeit. Mitunter fällt seine Videokamera herunter oder es ist ihm zu dunkel im Zimmer und in aller Seelenruhe steht er auf, richtet alles, und wirft von seinen 180 wertvollen Sekunden schnell mal 30 einfach weg – um dennoch zu gewinnen. Es ist eine Lust, ihm zuzusehen!

Aber nun muß ich folgendes lesen!

Magnus Carlsen führt nicht nur die Schachweltrangliste an, sondern auch die des „Premier League“ Manager-Spiels, an dem sieben Millionen Menschen teilnehmen. Gespenstisch! Wie ist das möglich? Carlsen erklärt es mit „Zufall“ und opportunistischen Tipps, aber bei dieser Menge Konkurrenz kann von Zufall keine Rede sein. Wer dort oben steht, muß vom Fußball sehr sehr viel verstehen. Demnach führt der Norweger mit einem Punkt vor Nick Tanner, einem Ex-Profi des FC Liverpool, also einem Fachmann. Ich selbst habe mehrmals an privaten Tipprunden teilgenommen und ein Mal hatten wir einen Aktiven des VFC Plauen (damals Regionalliga), der uns alle mit seinen Prognosen weit abgehängt hatte. Ich kenne auch Leute, die alles, was Fußball ist aufsaugen und dennoch nie unter die ersten hunderttausend beim Managerspiel kamen.

Selbst wenn man eine überragende Intelligenz annehmen muß – es ist „nur“ eine Schachintelligenz. Zwar gab es einige hochkomplexe Schachriesen, die auch auf anderen Gebieten brillierten, aber die Regel sieht anders aus. Schachintelligenz ist eine Inselbegabung.

Carlsens Brillanz beim Managerspiel zu erklären, geht nur über eine Verschwörungstheorie. Jemand muß das steuern, eine geheime Macht. Die Juden, die Kommunisten, die Russen, der CIA, die Bilderberger, die Illuminaten, Politiets sikkerhetstjeneste, am ehesten noch Außerirdische, zu denen Magnus vermutlich zählt … ich weiß es nicht, nur so viel: das kann nicht mit rechten Dingen zugehen.

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