Die anderen verstehen

Heute morgen las ich in der „Welt“ folgenden Artikel.

Darin wird anhand einer Studie die vollkommen erwartbare Vermutung bestätigt, daß in Deutschland Frauen mit Migrationshintergrund mehr Kinder bekommen als Frauen ohne diese Segnung und unter diesen wiederum jene mit schlechter oder ohne Ausbildung deutlich mehr. Statistisch gesehen: je geringer das Bildungsniveau, desto mehr Kinder. Daß aus dieser doppelten Verquickung demographische und soziale Probleme entstehen müssen, ist so evident, daß eine Diskussion fast nicht lohnt.

Meine Reaktion war also gelangweilte Resignation ob der Tatsache, daß man Jahre und die „Wissenschaft“ benötigt, das Offensichtliche nun endlich anzusprechen. Der Artikel hat mich auch deshalb genervt, weil er die neue Kanzlerrichtlinie der gezielten „Fachkräftezuwanderung“ mittels eines „Fachkräfteeinwanderungsgesetzes“ von vor wenigen Tagen nun linientreu mit folgendem Mantra übernimmt: „Deutschland ist angesichts der Alterung der Bevölkerung dringend auf Nachwuchs und Zuwanderung angewiesen, um auch in Zukunft den Wohlstand erwirtschaften zu können.“

Abends stieß ich dann auf einen Twitter-Faden, der mich vollkommen überraschte. Auch dort hat man den Artikel gelesen, kommt aber zu gänzlich anderen Schlußfolgerungen.

Dort kotzen – das ist deren Vokabular – jede Menge Leute sich über diesen Artikel aus, den ich für vollkommen unverfänglich, ja sogar langweilig halte. Ein paar Beispiele:

„bitch where? ich seh nur die yuppie almans kinder raushauen wie kamelle an karneval“

„insha’Allah einzige Hoffnung für dieses Land ist Babyboom bildungsfernen Migrantinnen.“

„Rassismusboom bei bildungsfernen ‚Journalisten‘”

“Seltsamerweise ist bei 90% der Scheißartikel die Springerpresse der Verursacher…“

„Nach so nem Artikel will ich mich wieder ins Bett verkriechen und nichts mehr hören“

„wow. Ich kriege bei den Artikeln der @welt regelmässig einen Herzkranzgefässkatarrh, aber das macht mich allein ob der Überschrift grad echt sprachlos.“

„Der Stürmer“, tafka „Die Welt“.

„Mir macht noch mehr Angst, dass die Frau „Chefökonomin“ Mutter von VIER Kindern ist….“

„Wie es eigentlich heißen müsste: Nachweislich anstandsferne Kapitalfaschistin schreibt über angeblich bildungsferne Migrantinnen“

„Leute! Es geht hier um einen Artikel in der @welt , mediales Sprachrohr der #NSAfD und der menschenrechtsverachtenden #FDP! Wen wunderts jetzt wirklich? Hand hoch!”

Usw. Man kann auf anderen Seiten sicher Ähnliches finden.

Was mich nun erschüttert, ist die Tatsache, daß diese Wortmeldungen eine ganz reale Bestürzung signalisieren. Die Leute meinen tatsächlich, was sie schreiben. Sie empfinden die Nennung einer Tatsache wirklich für rassistisch, sie halten diese Journalistin für eine „Kapitalfaschistin“ und dergleichen, sie sehen in der „Welt“ eine Art „Stürmer“ …

Man greift sich an den Kopf: Gibt es mit diesen Menschen noch ein gemeinsames Band?

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7 Gedanken zu “Die anderen verstehen

  1. Kopfrechner schreibt:

    Zuerst: Ihre Blogartikel, werter Seidwalk, (und auch die Kommentare) werden von mir hoch geschätzt, und ich bewundere Ihre Schaffenskraft.

    Zum Thema: Wir wissen von ELIZA (älter als 50 Jahre), von synthetischen Bildern, echt wirkenden sprachlichen Äußerungen, Filmen usw.
    Die heutige Frage, ob „es mit diesen Menschen noch ein gemeinsames Band“ gebe, setzt voraus, dass die von Ihnen gezeigten Zitate menschlichen Ursprungs sind. Vielleicht ist das so, aber man braucht im Virtuellen keine (bezahlten) real existierenden Pöbler mehr.

    Halbwegs klar scheint mir nur, dass wohl mindestens ein Mensch veranlasst hat, dass Code erzeugt wurde, um Werkzeuge bereitzustellen, die Generatoren produzieren, die wiederum Programme hervorbringen, die automatisiert bei Elementen einer Schlüsselwörterliste solchen sprachlichen Auswurf streuen.

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  2. lynx schreibt:

    Dazu fallen mir nur zwei eigene Beobachtungen ein.
    1. hatten schon in meiner Kindheit die sozial schwachen Familien (den Begriff „bildungsfern“ gab es damals noch nicht) die meisten Kinder – oder religiös geprägte Familien. Richtig lustig finde ich es auch heute nicht, dass es für arme Familien inzwischen ein Einkommensmodell geworden ist, Kinder zu produzieren. Der Gießkanne Kindergeld sei Dank.
    2. Was die Qualität der Wortmeldungen angeht, das amüsiert mich echt. Ist es doch wie ein Blick in den Spiegel für alle rechten Hetzer und Dumpfbacken (nicht auf diesem Blog, zugegeben, aber beim Fußvolk). Wer sich als junger Nachwuchswissenschaftler echt langweilen will, könnte da mal eine Synopse erstellen. Aber auch das gab es schon immer, nur gab es kein nationales, ja globales Forum dafür. Erst gestern ist mir ein Artikel von Paul Virilio von 1989 in die Finger gekommen, da hat er das alles schon genau so kommen sehen. Er sprach noch von „Telekommunikationsmedien“, den Begriff „Social Media“ gab es ebenfalls noch nicht.

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  3. Skeptikern schreibt:

    Wer die legendären „roten Jahre 1968-1978“ als junger Mensch in der Schule und der Universität miterlebt hat, wundert sich nicht über Un-Stil und Genickschussrhetorik im gegenwärtigen Internet. In jenen Jahren wurden die Aggressionen zumeist am Abend in alkoholisiertem Zustand in rothhändle und gauloise geschwängerten Szenekneipen ausgelebt. Allerdings scheint mir das Aggressionspotential, das sich heute austobt um einiges größer zu sein, als die Verbalexzesse meiner Jugendjahre. Verwunderlich angesichts eines in der Tat langweiligen, unpolemischen Artikels. Frau Siems ist dem „Welt“-Leser als eine eher dröge-referierende Wirtschaftsjournalistin bekannt, die selbst den schlimmsten Fehlleistungen der Kanzlerin noch einen positiven Sinn abzugewinnen vermag. Nun meldet sich hier allerdings eine Generation zu Wort, der in Schulen und Universitäten die Doktrin vermittelt wurde, dass es zwischen Sachverhaltsbeschreibung und Meinung keinen Unterschied mehr gäbe. Nicht nur in den „weichen Fächern“ der Sozialwissenschaften sondern auch in den von geneigten Soziologen und Politologen zur Deformation freigegebenen Naturwissenschaften wird jedes mögliche falsifizierende Datum als Provokation von Rechts aufgefasst. Sollte ich morgen lesen, dass Thermometer nicht mehr freiverkäuflich sein werden, würde mich das auch nicht mehr wundern, da die Celsiusskala ja von Rechten missbraucht werden kann. Es bleibt für mich allerdings die Frage offen: durch welche Sozialisationen sind die Verfasser derartiger, jeglichen sachlichen Restbezug und elementaren Anstand negierende Beiträge gegangen? Flüchten sich hier Ich-schwache Personen in einen polemischen Dauerzustand, weil Ihnen durch bereits narzisstisch gestörte Eltern kein positives Selbstbild vermittelt werden konnte? Ich neige nicht zu einer Psychologisierung historischer Prozesse, aber ich vermute, dass in einigen Jahren oder erst Jahrzehnten eine kritische Darstellung unserer Gegenwart ohne Mithilfe von Psychohistorikern nicht möglich sein wird.

    Gefällt 3 Personen

    • Pérégrinateur schreibt:

      Als Antwort auf Skeptikern.
      Hinzu kommt, dass die Menschen, die zumindest in den Genuss einer Halbbildung gekommen sind, anscheinend am anfälligsten dafür sind, die Wirklichkeit mit eigener Ideologie übertünchen zu wollen. Der erste Effekt der Massenalphabetisierung war die weite Verbreitung von säkularen Ideologien.

      Vielleicht liegt es auch am Wuchern der Beschäftigung im tertiären Sektor. Ein Gärtner, dem zuweilen eine Pflanzung verdorrt, ein Küfer, dem der Fassring manchmal abfällt, ein Käser, dessen Bruch zuweilen umkippt, haben alle die konkrete tägliche Anschauung, dass die Pläne und Vorhaben misslingen, dass also ihre Annahmen verkehrt sein können. Das lehrt Demut und erzieht zur Aufmerksamkeit, denn die misslungene Ware nimmt einem schließlich keiner ab.

      Wogegen ein sachenferner Mensch sich besser herausreden kann, vor den anderen wie vor sich selbst. Wo man die Wirksamkeit der Arbeit nicht so recht erfassen kann, hält die Bewertung sich mehr an Äußerlichkeiten: Trägt der Angestellte in der Firmenleitung immer einen konvenablen Anzug? Benutzt der Redakteur den Gruppenjargon und zeigt so, dass er einer von uns ist? Die opportunistische Anpassung ist ohnehin schon sehr menschlich, doch wo man bösen Schlägen aus der Sachenwelt nicht ausweichen muss, wohl aber solchen aus der Menschenwelt, geht man noch viel geordneter in Formation.

      Ein positives Selbstbild kann man dabei durchaus haben, es ist dann eher ein Störungssymptom. Es fällt übrigens auf, wie sehr heute von allen und jedem Respekt von allen und jedem gefordert wird.Die anderen sollen einem offenbar noch bei der Immunisierung gegen Kritik assistieren.

      Lynx: „Der erste Effekt der Massenalphabetisierung war die weite Verbreitung von säkularen Ideologien“? – Zu welcher Priesterkaste gehören Sie denn?

      Gefällt 1 Person

      • Skeptiker schreibt:

        Werter Pérégrinateur !
        Sie weisen zu Recht auf zwei Tatbestände hin: der wuchernde „tertiäre Sektor“, der auf die Frage nach der „sozioökonomischen Basis“ des dort reichlich vertretenen Personals führt. Vor Jahrzehnten verteufelt, heute wie eine präzise Beschreibung auch der möglichen und vor allem eingetretenen Folgen zu lesen: Schelskys „Die Arbeit tun die Anderen“. In den geschlossenen Kreisen sozialer Betreuung und publizistischer Sinnstiftung geht es eben zu, wie im legendären „Kir Royal“: wer ist drin und wer nicht? Da blüht der Konformismus bis in die Kommasetzung.
        Sicher spielt auch die Halbbildung eine große Rolle – doch sind Sie mit dem Begriff Halbbildung nicht zu optimistisch? Sind wir nicht von Adornos „Theorie der Halbbildung“ längst in der von Liessmann konstatierten „Unbildung“ angekommen ? Wenn ich mir Karriereverläufe aus meiner schulischen und universitären Bekanntschaft ansehe, denke ich unwillkürlich an das Diktum Gottfried Benns „Dumm sein und Arbeit haben – das ist das Glück“. Vielleicht resultiert daraus auch ein Stück Resistenz gegen eine Einsicht in die eigene Unvollkommenheit, die man an der Schwelle zur Weisheit erlangen sollte.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Man muss natürlich für viele Berufe ein formale Qualifikation nachweisen, sonst kommt man nicht hinein; insofern eher Halbbildung denn Unbildung. Ich hatte auch einen Mitschüler, der sich über das obligatorische Fach Mathematik am Gymnasium ärgerte und dazu meinte, wozu brauche er denn Mathematik, er werde doch schließlich gleich nach der Schule in einer Bank zu arbeiten beginnen.

          Man erlebt jedenfalls heute oft den Dunning-Kruger-Effekt, den schon weniger hochgestochen meine völlig ungebildete Mutter mir einst recht genau mit dem warnenden Wort beschrieb: Die Dummdreisten sind die schlimmsten!

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  4. Tommy schreibt:

    „Gibt es mit diesen Menschen noch ein gemeinsames Band?“

    Meines Erachtens nein, die Spaltung über die Migrationsthematik ist seit 2015 (mit Ankündigung in den Jahren davor, z.B. bei der Sarrazin-Kontroverse) dermaßen tief, dass eine „Versöhnung“ irgendeiner Art ausgeschlossen ist, die Weltbilder und Wahrnehmungen der Realität in Deutschland sind unvereinbar. Wohin das in den nächsten Jahren führen wird, bleibt abzuwarten (ich vermute mal: weitere Eskalation der Repression und Nazi-Hysterie unter einer Grün-Schwarzen Koalition, bei gleichzeitig weit geöffneten Grenzen).
    Bzgl. Twitter habe ich oft dasselbe Gefühl wie Sie, das macht in der Tat teils sprachlos, was man da so liest. Allerdings versuche ich mir auch immer zu sagen, dass diese Plattform wohl kaum repräsentativ sein kann, denn meines Erachtens muss ein Großteil der Leute, die dort ihre Zeit vergeuden, schwer narzisstisch gestört sein, allein schon die Selbstdarstellung in den Profilen ist oft sehr befremdlich.
    Einen großen Vorteil hat Twitter allerdings: Die Plattform ist hervorragend geeignet, Politiker zur Selbstentlarvung zu verleiten. Sehr verstörend allerdings, was man da über die geistige Verfassung des politischen Spitzenpersonals erfahren kann.

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