Özils Uiguren

Mezut Özils aufwühlender Tweet über die Uiguren sollte uns alle angehen.

Nicht, weil er – wenn die Informationen aus China stimmen – auf einen schlimmen Mißstand hinweist und besonders die islamischen Länder auffordert, dagegen die Stimme zu erheben, sondern wie er appelliert, wie er spricht, ist von Interesse.

Özil ist nicht als eloquenter Redner oder tiefschürfender Denker bekannt – sein Wortschatz in der Landessprache ist bescheiden, ob er seine Muttersprache besser spricht, bleibt offen. Aber einen typischen Sprachduktus – sofern man der Übersetzung trauen darf –, den hat er schon perfekt drauf. Das ist die – in Mitgefühl getunkte – Sprache des radikalen Islam.

Ob er sie bewußt nutzt? Auch das bleibt Spekulation – die Verwendung der Ansprache „Oh Ostturkestan“ spricht freilich dafür. Es ist nicht auszuschließen, daß andere ihm diese elaborierten Texte in Tastatur diktieren.

Wenn aber ein deutscher Staatsbürger und ehemaliger Nationalspieler die sprachlichen Mittel des islamistischen Exklusivismus nutzt, dann sollte man hellhörig werden. Im Westen wird der „kulturelle Völkermord“ an den muslimischen Chinesen menschen- und völkerrechtlich motiviert angeprangert – verräterisch ist Özils „sogar der Westen“ –, er aber bezieht sich auf die „Ummah“. Für ihn sind die Opfer nicht Menschen, sondern „Brüder und Schwestern“ im Glauben. Handelte es sich um Buddhisten, so wären sie ihm vollkommen egal, zumindest keinen Pieps wert – nur weil die Uiguren seinen Glauben teilen, sind sie seiner Aufmerksamkeit würdig. Dahinter steckt das uralte Narrativ des Muslims als Unterdrücktem.

Sprachbilder wie „die blutende Wunde der Ummah“ oder „die Gemeinschaft der Kämpfer, die der Verfolgung widerstehen“, „die glorreichen Gläubigen“ sind mehr als lyrische Orientalismen, sie sind bewußt gewählte Anklänge an die Sprache des Extremismus, der die Welt zwischen Gläubigen und Ungläubigen trennt.

Özil signalisiert damit seine Loyalität, die nicht Deutschland, nicht Europa, nicht den allgemeinen Menschenrechten oder den westlichen Freiheitswerten, nicht der Demokratie, dem Rechtsstaat gilt, sondern – wie der Islam in seinen Grundtexten es verlangt – zuerst dem Islam und der Gemeinde der Gläubigen. Diese sind etwas anderes: sie stehen auf dem Fuß des Gesetzes – Allahs. Und nur sie.

Vielleicht wäre Özils Tweet mutig gewesen, wenn er Erdogan direkt angesprochen hätte, so aber versteckt er sich hinter religiösen Phrasen, die uns vor allem eines lehren: Viele Muslime unter uns – so bleibt zu befürchten – dürften ähnlich denken und empfinden, sie mögen integriert und sogar privilegiert sein, sie mögen die materiellen Vorteile des Westens ausschöpfen und die geistige Freiheit genießen. Sie werden sich aber nicht zu „unseren Werten“ bekennen und das wird dann unweigerlich deutlich werden, wenn es eines Tages zu einer Entscheidungssituation kommen sollte. Dann werden wir viele Widersacher – die heute noch Freunde sein können – unter uns haben, dann werden wir die kuffar sein. Der butterweiche Özil hat uns das soeben verraten.

2 Gedanken zu “Özils Uiguren

  1. JJA schreibt:

    Derlei Einlassungen, von denen es ja viele gibt, weisen m.E. v.a. jenes Dilemma zw. westlich-universalen (contradictio) Werten und identitärem Gruppendenken hin. Vielleicht liegt das Dilemma eben darin, dass es de facto Werte einer Gruppe sind, sie aber universale Gültigkeit behaupten. Und wir können diese Universalität nicht leicht aufgeben ohne einen Gutteil unserer Denktradition über Bord zu werfen.

    Woran es mich erinnert, ist also das Diktum von der wohltemperierten Grausamkeit von Sloterdijk, Höcke wurde es um die Ohren gehauen, Raspails Heerlager behandelt es in Romanform: es könnte eine Situation eintreten, in der man wählen muss zw dem phys. Untergang oder dem Verrat an den eigenen Überzeugungen. Ich bin darauf gestoßen durch das Schicksal der Christen im Nahen Osten. Sie gelten dort teils als Alliierte des Westens. Der Westen hingegen will niemanden aufgrund seiner Religion bevorzugen und überlässt diese Menschen ihrem Schicksal. Es sind die ersten Opfer dieses Gegensatzes: identitäres Denken auf muslimischer Seite, aber nicht auf westlicher.

    Die Ironie der Geschichte scheint also zu sein, dass sich die westlichen Werte in ihrer formalen Abstraktion auflösen. Es gilt, die materiale Seite westlicher Ethik wiederzuentdecken. Da komme ich wieder auf das Thema der Postmoderne als christlicher Häresie (hairesis – Auswahl), aber verkneife mir diesmal die kath Apologetik.

    Liken

  2. Tommy schreibt:

    Das ist in der Tat aufschlussreich. Dass Özils Loyalität primär (oder wahrscheinlich sogar ausschließlich) dem Türkentum und dem Islam gilt, war ja schon lange deutlich, aber diese stark islamistisch anmutenden Töne sind doch noch einmal eine neue Qualität.
    Meines Erachtens ist die deutsche Gesellschaft in ihrem Bild von Türken in Deutschland und von der Türkei ohnehin reichlich naiv. Es wird ja auch immer so getan, als ob Erdogan irgendwie ein Diktator ohne echte Unterstützung wäre, nur damit man sich nicht eingestehen muss, dass seine anti-westlichen (und auch anti-deutschen) Ausfälle perfekt in das Weltbild von sicherlich der Hälfte der Türken passen.
    Allerdings ist auch schwer zu erkennen, wie mit diesen Provokationen umzugehen ist, die Angst vor einer Eskalation oder auch Überreaktionen (wenn wieder der innere Nazi in uns hervorkommt) ist wohl zu groß. Deshalb wird es wohl weiterhin beim Verharmlosen und Beschwichtigen bleiben.

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