Die Magie des Krieges

Alexander Lernet-Holenia: Mars im Widder (Rezension)

Krieg kann so vieles sein!

Er wurde in all seiner Grausamkeit realistisch beschrieben (Barbusse), gesamtgesellschaftlich analysiert (Arnold Zweig), dem Feuilleton gefügig gemacht (Remarque), ästhetisch betrachtet (Jünger), psycho-organisatorisch offengelegt (Littell), in seinem Zynismus demaskiert (Celine), symbolisch verstanden (Crane), als pures Ereignis beschrieben (Zola), als Fatum erlebt (Carossa), als Dummheit verlacht (Hašek), vielfach autobiographisch dokumentiert … aber Lernet-Holenia, fand einen originellen anderen, einen überraschenden Weg, er beschreibt ihn als magisches, als phantastisches Ereignis.

Wallmoden, sein Held, der 1939 für vier Wochen zur Reserve muß und letztlich in den Polenfeldzug hinein geschleudert wird, erlebt das gigantische Ereignis wie in Trance, im Traum, durch einen Wahrnehmungsnebel, so als stünde er neben sich und immer mit einer offenen Tür hin zum Übersinnlichen, Unheimlichen, ins Reich der Toten und der Geister. Er erlebt den Krieg im eigentlichen Sinne nicht, er nimmt ihn nur aus einer seltsamen Distanz wahr, die an ein Drogenerlebnis erinnern mag.

So entstehen skurrile Bilder, unwirkliche Situationen, ein ganz und gar „unmännliches“ Bild des Krieges.

Das dürfte der Grund gewesen sein, weshalb das Buch im Deutschland des Jahres 41 die Zensurhürde nicht nahm und erst nach dessen Fall in die Läden kam. Außerdem entlarvt Lernet-Holenia durch den autobiographischen Anteil ganz nebenbei die Gleiwitz-Lüge, indem er die Mobilisierung der Truppen lange vor dem „Anschlag“ beschreibt.

In all dies ist eine seltsame und verwirrende Liebesgeschichte mit einem ephemeren weiblichen Wesen verwunden, von dem man nicht weiß, wer oder was sie ist. Das läßt den Leser oft etwas ratlos zurück, er liest seitenlange flotte Dialoge, ohne recht zu wissen, worum es geht. Wäre nicht diese wie aus einer längst vergangenen Zeit entsprungene eloquente und elaborierte Sprache, mit vielen überraschenden Satzstellungen, dann könnte man an solchen Passagen den Mut verlieren. Doch treibt allein schon jene Sprache voran, sie trägt dieses kleine filigrane Wunderwerk mit den doch so schicksalsschweren Fragen.

Ein Gedanke zu “Die Magie des Krieges

  1. Skeptiker schreibt:

    Ein verdienstvoller Rezensionshinweis! Lernet-Holenia ist in den letzten Jahrzehnten allenfalls als eine Art feinerer Schreiber von Fantasy-Literatur angesehen worden. In der Tat ziehen sich durch seine Werke wie den „Baron Bagge“ oder „Ein Traum in Rot“ Traumszenen und eine dramaturgisch geschickt positionierte subjektive Erfahrungsschicht neben der real feststellbaren geschichtlichen Zeit. Diese Form des Erzählens erinnert oft an einen anderen Autor aus der österreichischen Linie deutschsprachiger Autoren, an Leo Perutz. Wobei ein Aspekt nicht vergessen werden darf: hier schreibt ein Autor in der weiten Tradition des „Habsburger Mythos“ – der Roman „Beider Sizilien“ ist mir in dieser Hinsicht immer besonders bemerkenswert erschienen.. Im Kontext der nachwirkenden k.–und k. Kultur ist noch manches ins Bewusstsein zu rücken (ich denke z.B. an den Kroaten Miroslav Krleza).

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