Sorokins Eis-Trilogie

Der erste Band, „Bro“, lebt über die Geschichte, nicht über Stil und Konstruktion. Artistisch stellt er überraschend geringe Ansprüche; die geradlinige, einsträngige, in der ersten Person erzählte Handlung ist es, worauf es Sorokin ankam. (Kein Wunder, daß sein Held sich von Dostojewski lossagt). Von einem fast schon als modernen Klassiker betitelten Autoren, einem „Postmodernen“ zudem, erwartet man das nicht zwangsläufig.

Es mangelt diesem Buch an sprachlichem und konstruktivem Volumen … und doch verdient es höchstes Lob. Denn was Sorokin zu sagen hat, ist eminent wichtig und phasenweise atemberaubend spannend, und das obwohl die ersten 100 Seiten wenig zur Gesamtaussage beitragen und auch obwohl die letzten 50 Seiten oft zu repetitiv und historisch allzu verkürzt sind. Hätte Sorokin sich etwas mehr Zeit gelassen, so mag man glauben, ihm hätte ein Jahrhundertroman gelingen können.

Der Eiskern der Erzählung jedenfalls hat Bestand. In ihm gelingt Sorokin eine tiefgreifende psychomotorische Beschreibung des Religiositätsphänomens, insbesondere in Form der „frühen Gemeinde“, der sogenannten „Häretiker“ oder „Sekten“. Durch den angenommenen Blick von außen, das gesellschaftliche Außerhalb-Stehen des Helden, werden die Absurditäten des modernen Lebens, seine existentielle Leere knallhart dargestellt, durch die schier phantastische Situation und lebensweltliche Distanz des Erzählers indessen soweit reflexiv und ironisch abgefedert, daß eine faszinierende, nahezu unauflösbare Spannung, zwischen Realität und Fiktion entsteht.

Da gibt es rauschhafte Lesezustände!

Und nicht zuletzt gelingt ihm eine erwägenswerte Charakteristik des stalinistischen Rußland, die sowohl den sozialistischen als auch den solshenyzinschen Realismus persifliert. Vor allem aber – das kann man nicht stark genug betonen – schafft er erschreckend eindrückliche Bilder, die lange bleiben, die „etwas ahnen lassen“, die beunruhigen.

Band 2 der Trilogie LJOD – „Das Eis“ wird fast zur Pflicht.

Vladimir Sorokin: Bro. Berlin-Verlag 2006. 252 Seiten

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Nach Bro war ich mir noch unsicher, nach LJOD kann es keinen Zweifel mehr geben: Sorokin ist ein Meister!


War Teil eins noch einlinig als Biographie des Sektengründers Bro vorgetragen worden und lebte dieser ganz ausschließlich von einer berückenden Geschichte, so zieht Sorokin in Teil 2 (der werkchronologisch früher entstand) alle Register.
Vier Abschnitte hat das Buch. Im ersten wird der Leser Zeuge neuer Erweckungen, diesmal im zeitgenössischen Rußland. Ungeschminkt und gnadenlos wird in die häßliche Welt der Drogen, Nutten und Mafiosi hineingeleuchtet, wird ein ganzes Segment der russischen Gesellschaft sichtbar gemacht. Da geht es hart zu!

Aber in der russischen Geschichte ging es schon immer hart zu. So auch im zweiten Teil, einer erneuten Ich-Erzählung, diesmal der zweiten Generation der „Sekte“. Deren Geschichte reicht von KZ- und SS-Erfahrungen über GULAGs, stalinistische Säuberungen etc. bis hin zur Perestroika.

Erbarmungslos, wie überall, legt Sorokin den Zynismus der Macht frei, beschreibt die Mechanismen des Totalitarismus, die Logik der Auserwählten. Bei alldem fühlt man sich irrwitzigerweise den Ideen der Verkünder des Lichts nahe, denn wer spürt nicht das heimliche Bedürfnis, endlich „aufgeklopft“ zu werden, den eingefrorenen Gefühlen freien Lauf zu lassen, endlich weinen zu dürfen, endlich alle Herzenspanzer aufzubrechen?

Das große Verlangen nach der ultimativen Einheit mit dem Sein.

Macht Sorokin sich darüber lustig? Nimmt er es ernst? Die größte Stärke der beiden ersten Romane ist die absolute Beteiligungslosigkeit des Autors; nur so kann das Werk auf vielen verschiedenen Ebenen funktionieren und nur so bleibt es interpretationsoffen und virulent. Und als wäre das nicht genug setzt Sorokin auch noch eine unverschämt ironische Schlußnote – das Heiligtum Ljod wird zum Werbe- und Marketingereignis.

Zu viel für einen Roman? Esoterik und Philosophie, New Age und Totalitarismus, Realismus und Science Fiction, Ernsthaftigkeit und Farce … ? Mag sein. Zu viel für einen Kopf allemal!

Vladimir Sorokin: LJOD. Das Eis. Berlin-Verlag 2003. 352 Seiten

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Was Buch drei ist, weiß ich nicht zu sagen. Würde man jeden einzelnen Leser befragen, man bekäme wohl immer wieder eine andere Antwort.

Sorokin schafft die Gratwanderung, nicht nur auf einem, sondern auf vielen Graten. Philosophie, Lächerlichkeit, Gesellschaftsroman, Science Fiction, Psychogramm, Kritik, Programm, Esoterik, Parodie und Manifest – all das und viel mehr ist es.

Er scheint das Unverträgliche einen zu wollen. Und er schafft es!

Nie kippt das Opus in ein Extrem um, selbst dann nicht, wenn wie hier, im dritten Teil, nahezu kitschverdächtige, Dan-Brownische Verfolgungsjagden stattfinden. Es ist, als ob Sorokin mit Absicht alles tut, was „man nicht darf“; er verblendet die unterschiedlichsten Stile, Sprachen, Genre und Abstraktionsebenen, verbindet Hoch- mit Trashliteratur ohne im eigentlichen Sinne experimentell oder avantgardistisch zu sein.

Letztlich ist es Mainstreamliteratur auf allerhöchstem Niveau, könnte auch für einen Blockbuster herhalten. Immer, wenn er einen Teil seiner Leser durch Über- oder Unterforderung zu verlieren droht, wechselt der Ton, werden neue Spannungen aufgebaut.

Alles läuft nun auf den verheißenen großen Kreis hinaus, die Erlösung oder das Ende der Welt, je nachdem, auf wessen Seite man ist. Aber auch hier bleibt der Leser unentschieden. Die Bruderschaft des Lichts weiß zu begeistern, man kann nicht anders als ihr Recht geben, sich wünschen, ihr zuzugehören, und doch erschauert man vor ihrer gnadenlosen, tyrannischen Konsequenz.

Nur ein Autor von Rang kann überhaupt nur in der Lage sein derart Widersprüchliches zu einen. Sorokin gelingt zu alledem sogar ein page turner – den man nicht nur lesen, den man diskutieren muß!

Vladimir Sorokin: 23000. Berlin-Verlag 2010. 256 Seiten

 

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